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Full text of "Naturgesetze der Liebe eine gemeinverständliche Untersuchung über den LiebesEindruck, LiebesDrang und LiebesAusdruck"

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Naturgesetze 




Magnus Hirschfeld 



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Eine gemelnuerstfindllche Untersuchung 

über den 

Liebes-Hndruck, Liebes-Drons und Llebes-Ausdruck 

mit 2 erläuternden Abbildungen 



von 




1912. 

Verlag Alfred Pulvermacher & Co. 
Berlin W. 30. 



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V 




Naturgesetze der Liebe 



Alle Rechte, 
sowie Obersetzung in fremde Sprachen 
vorbehalten. 

Copyright 1912 
Alfred Pulvermacher & Co. 
Berlin. 



ERNST HAECKEL gewidmet 



Ew. Exzellenz 

haben mit Worten gütigen Interesses und freundlicher * 
Anerkennung die Widmung dieses Buches entgegen- 
genommen. 

Sie selbst haben in Ihrer .Anthropogenie", in der 
Sie den .Erotischen Chemotropismus als Urquell 
der Liebe" bezeichnen, zum Ausdruck gebracht, 
welchen hohen Wert Sie auf „eine vernunftgemäße 
wissenschaftliche Behandlung der fundamentalen Sexual- 
probleme" legen. 

Wenn Sie in Ihrem Briefe an mich die Hoffnung 
aussprechen, durch die Entgegennahme der Widmung 
dieses Buches „die weitere Verbreitung und Ver- 
wertung meiner sexuellen Aufklärungs-Bestrebungen 
zu fördern", so bin ich fest davon überzeugt, daß es 
für die aufstrebende Sexualwissenschaft von hoher Be- 
deutung sein wird, wenn Sie auf der Höhe eines an 
Arbeit und Errungenschaften überreichen Forscher- 
lebens ihr jenes Zeichen der Anteilnahme auf den Weg 
weiterer Entwicklung mitgeben. 

Daß dieser Entwicklungsgang im Sinne Ihrer und 
unserer Weltanschauung vorwärts und aufwärts 
führen möge, ist der tiefempfundene Wunsch, mit 
dem ich Ew. Exzellenz diese Arbeit überreiche. 

In dankbarer Verehrung 

Berlin, im März 1912. 

Dr. med. Magnus Hirschfeld. 



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„Alle biologischen Untersuchungen, alle Forschungen über die 
Gestaltung und Lebenstätigkeit der Organismen haben zunächst den 
sichtbaren Körper ins Auge zu fassen, an welchem uns die be- 
treffenden morphologischen und physiologischen Erscheinungen ent- 
gegentreten. Dieser Grundsatz gilt ebenso für den Menschen wie 
für alle anderen belebten Naturkörper. Dabei darf sich die Unter- 
suchung nicht mit der Betrachtung der äußeren Gestalt begnügen, 
sondern sie muß in das Innere derselben eindringen ..." 



Ernst Haeckel,Die Welträtsel, 

Kap. 2. 



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Naturgesetze der Liebe 

« 

Eine gemeinverständliche Untersuchung 

Qber den 

- 

Liebes-Eindruck, Liebes-Drang und Liebes-Ausdruck 

mit 2 erläuternden Tafeln in Farbendruck 

von 

Dr. Magnus Hirschfeld. 




1912. 

Verlag Alfred Pulvermacher & Co. 
Berlin W. 30. 



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Einleitung. 

Liebe und Wissenschaft. 

SJßjjgjH ie jede Anziehung in der Natur beruht auch die 
iWM^ : der Liebe auf Gesetzen. Nach welchen Regeln 
MiOl^j sich die Weltenkörper gegen einander bewegen 
ist uns wohlbekannt, wir kennen die Anziehungsgesetze 
der Erde, über der Atome Lieben und Hassen sind 
wir unterrichtet, wir wissen, wie stark es den Kohlen- 
stoff zu den anderen Elementen zieht, um mit ihnen 
Milliarden verschiedenartigster Körper zu erzeugen — 

die Gesetze jedoch, nach denen in uns selbst 

Liebe und Haß, Zuneigung und Abneigung ihre folgen- 
eiche Wirksamkeit entfalten, haben wir kaum studiert, 
geschweige denn erkannt. 

Fünfmal fünfhundert Jahre sind verflossen, seit von 
griechischen Weltweisen das Streben der Elemente zu 
inander mit menschlichen Leidenschaften verglichen 
vurde. Heute tun wir das Entgegengesetzte. Wir ver- 
gleichen, wie es Goethe in dem vierten Kapitel der 
Wahlverwandtschaften tat, die Liebe der 
Menschen mit chemikalischen Verwandtschaftspro- 




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Goethe und Empedokles. 



zessen. Aber nicht mehr als Gleichnisrede 1 ) ist es ge- 
meint, sondern als tatsachliche Gleichsetzung psycholo- 
gischer und physikalisch-chemischer Vorgänge. 

Der hervorragendste unter den griechischen Natur- 
philosophen war Empedokles, der als Arzt und Philo- 
soph um das Jahr 450 v. Chr. zu Agrigent tätig war. 
Er lehrte, daß in dem regellosen Durcheinander derUr- 
stoffe, dem ursprünglichen Chaos, sich eines Tages die 
Liebe als ein allgemeines Streben nach gegenseitiger Um- 
armung und Vereinigung geregt habe. Durch den Hauch 
der Liebe hätte sich der Weltenbrei geordnet, die Atome 
hätten sich mit anderen Atomen zu Molekülen verbun- 
den, und diese unter einander zu immer höheren Er- 
scheinungsformen, zu Kristallen und weiter empor zu 
pflanzlichen, tierischen und menschlichen Lebewesen. So 
hätte die Liebe in dem ihrem innersten Wesen nach 
einheitlichen unendlichen All der Welt vergäng- 
liche Einzelheiten und Gestalten als Äußerungen des 
Endlichen hervorgezaubert, und damit das Chaos 
in den Kosmos, das Disharmonische in Harmonieen 
verwandelt. Was neu geworden erschiene, sei in Wirklich- 
keit nicht neu, sondern nur eine andere Gestaltung, beru- 
hend auf der Trennung und Wiedervereinigung der alte» 
ewig vorhandenen Stoffe durch zwei ewig wirksame Kräfte: 
die Liebe und den Streit. 

i) Aus den Wahlverwandtschaften: „Diese Gleichnisreden", 
sagte Charlotte, „sind artig und unterhaltend, und wer spielt nicht gern 
mit Ähnlichkeiten? .... Mir sind leider Fälle genug bekannt, wo eine 
innige, unauflöslich scheinende Verbindung zweier Wesen durch ge- 
legentliche Zugesellung eines dritten aufgehoben und eins der erst so 
schön Verbundenen ins lose Weite hinausgetrieben ward." „Da sind 
die Chemiker viel galanter", sagte Eduard; „sie gesellen ein viertes 
dazu, damit keins leer ausgehe." 



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Vor- und Nach-Sokratiker. 



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Die tiefe Weisheit dieser Anschauungen verdient um so 
größere Bewunderung, als der hellenische Gelehrte 
weder die Grundsatze der Physik und Chemie, noch die 
der modernen Biologie kannte, jene „großen ehernen 
Gesetze, nach denen wir alle unseres Daseins Kreise 
vollenden." Aber fast noch erstaunlicher muß es erschei- 
nen, daß in den mehr als zwei Jahrtausenden, seit Em- 
pedokles lebte und litt, zwar in hohem Maße die An- 
ziehungsverhältnisse der Weltenkörper, in verschwindend 
geringem Grade jedoch die unserer eigenen Körper ein Feld 
der Forschung geworden sind. 

Ist dies ausschließlich auf die größere 
Schwierigkeit der Erkenntnis seelischer 
Vorgänge — denn um diese handelt es sich bei 
der menschlichen Anziehung — zurückzuführen, Schwie- 
rigkeiten, die erheblich, aber nicht unüberwindlich sind, 
da eine scharfe Beobachtung und Prüfung der Er- 
scheinungen ebenso sichere Grundlagen und Er- 
gebnisse zeitigen kann, wie das in seiner Zuverlässigkeit 
von der Wissenschaft der Gegenwart fast überschätzte 
Experiment? 

Diese Unterlassung muß noch andere Gründe haben. 
Einer der triftigsten war, daß nicht lange nach dem vorso- 
k ratischen Natur-Philosophen die Moralisten, in der 
Steigerung Sokrates — Plato — Aristoteles — ■ Paulus, 
die Oberhand gewannen und ihre spiritualistisch - a s-> 
ketischen Lehren, deren biologische Wurzeln wir 
in dieser Arbeit ebenfalls zu untersuchen Gelegenheit 
nehmen wollen, so tief und nachhaltig in den empfäng- 
lichen Boden ihrer Zeit eingruben, daß sie bis zum heu- 
tigen Tage wie ein Pflock im Gehirn der Menschheit 
haften geblieben sind. 



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Antihedonismus. 



Hie und da schien es wohl — so in der Periode der 
Renaissance und im Aufklärungszeitalter des 18. Jahr- 
hunderts — als sollten freiere, natürlichere Gedanken 
und Betrachtungen zum Durchbruch gelangen, aber es 
schien doch eben nur so, von einem wirklich wissen- 
schaftlichen Durchdringen des menschlichen Lie- 
beslebens konnte auch nicht im entferntesten die Rede 
sein. Und erwägt man, wie, wenn der lastende Druck 
ein wenig sich löste, der unfreie Geist sich schließlich 
immer noch als der stärkere erwies, so muß man fast 
annehmen, daß die vielfach geäußerte Oberzeugung, die 
moderne Naturerkenntnis werde hier nun endgültig 
Wandel schaffen, auch jetzt noch mehr Hoffnung 
als Zuversicht ist. 

Ist es doch für jemanden, der die Zeichen der Zeit 
betrachtet und prüft, unverkennbar, daß gerade neuer- 
dings wieder die antihedonistischen Bestrebungen für 
eine möglichst ausgedehnte Kontrolle des Geschlechts- 
lebens in starker Zunahme begriffen sind. Liest ein ge- 
wissenhafter Fachmann die Sittlichkeitsparagraphen, wie 
sie in den englischen, holländischen und in anderen Par- 
lamenten in den letzten Jahren eingebracht und vertreten 
wurden, so gewinnt er oft den Eindruck, als seien diese 
Gesetzesvorschläge und Gesetze nicht von lebensbejahen- 
den Menschenfreunden!, sondern von eifervollen Lebens- 
hassern verfaßt. Es hat beinahe den Anschein, als 
handele es sich dabei vielfach um eine bewußte und un- 
bewußte Reaktion gegenüber der Sexualforschung, die 
sich im Laufe der letzten drei Jahrzehnte zu einer Sexual- 
wissenschaft entwickelt hat. Findet sich doch der Name 
Sexual Wissenschaft zum ersten Mal erst im Jahre 
1906 im Vorworte zu B 1 o c h's „Sexualleben unserer Zeit". 



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Liebe als Kunstobjekt. 7 

Noch sind wir freilich trotz der mühevollen Arbeit 
vieler, namentlich deutscher Gelehrter, weit von dem 
Ziele entfernt, das Hermann Rohleder in seinem Werke 
„Die Zeugung" (pag. 98) in dem Satze ausdrückt: „für 
den zukünftigen Arzt wird die gründliche Kenntnis der 
Sexologie die erste Grundlage sein." Immerhin hat die 
methodische Sexualwissenschaft bereits einen solchen Um- 
fang erreicht, daß auch der asketischste Geist sie nicht 
mehr bannen kann; je mehr ihr Feld sich erweitert, 
um so mehr wird ihre Bedeutung gewürdigt werden, 
und wenn sie erst den ihr gebührenden Platz einnimmt, 
wird es späteren Generationen unbegreiflich sein, daß an 
einer so wichtigen Naturerscheinung, wie es die Liebe 
des Menschen ist, die Naturforschung Jahrtausendelang 
fast achtlos vorübergehen konnte. 

Wie war es nur möglich, wird man dann fragen, 
daß, während die Vertreter der redenden und bildenden 
Künste in fast ununterbrochener Reihenfolge aller Gene- 
rationen sich mit der Darstellung der Liebe in ihrer 
unendlichen Vielgestaltigkeit beschäftigten, ein schier un- 
erschöpflicher Quell tief eingreifender und ergreifender 
Probleme, die Männer der Wissenschaft ihr Augenmerk 
so wenig auf ein Studienobjekt richteten, dessen Er- 
kenntnis und Ergründung, wenn je eines, menschlichen 
Denkens und Sinnens wert und würdig ist? Liebe und 
Wissenschaft erschienen förmlich als Gegensätze. Noch 
als die großen deutschen Philosophen in der zweiten 
Hälfte des 19. Jahrhunderts, Schopenhauer und Nietzsche 
voran, das Liebes- und Geschlechtsleben in den Kreis 
ihrer Betrachtungen zogen, begegneten sie vielfach der 
Auffassung, daß sie sich eigentlich um etwas bekümmer- 
ten!, was mehr die Poeten als die Philosophen anginge. 



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Medico-Theologen. 



Das ist nun allerdings anders geworden. Die Wissen- 
schaft, die alles erfassen soll und umfassen muß, ist 
emsig bemüht, auch dieses weite Gebiet zu durchdrin- 
gen, und viele Kräfte sind am Werke, das weltbewe- 
gende, urgewaltige Mysterium der Liebe in seinem 
Wesen, Werden und Wirken aufzuhellen. 

Man hat den Einwand erhoben, daß die wissenschaft- 
liche Behandlung des Liebesproblems Illusionen zerstöre, 
es sei, als ob man eine schöne Blume, anstatt sich ihres 
Duftes und Anblicks zu erfreuen, in ihre einzelnen Bestand- 
teile zerlege. Schließt denn die wissenschaftliche Behand- 
lung der Liebe die künstlerische aus? Gewiß nicht; dazu 
ist das Sexualproblem denn doch ein zu weitschichtiges und 
zu bedeutsames, als daß es nicht die allerverschiedensten 
Betrachtungsweisen zuließe. 

Andere haben der Sexualwissenschaft den wissenschaft- 
lichen Charakter absprechen wollen, ein Geschick, das in 
ihren Anfängen vielen Fächern beschieden war, die heute 
in hohem Ansehen stehen. Ist es gegenwärtig noch nötig, 
den Beweis zu erbringen, daß es sich bei der Sexualwissen- 
schaft tatsächlichum eine Wissenschaft handelt? Für 
den Sachkenner sicherlich nicht; da aber in der einfluß- 
reichen Licentiaten- Literatur auf diesem Gebiet und ihr 
nahestehenden Arbeiten von Ärzten, die Nyström 
treffend als Medico-Theologen charakterisiert hat, immer 
noch unbequeme Forschungsergebnisse mit dem bequemen 
Wort pseudowissenschaftlich 2 ) abgetan werden, sei noch- 
mals kurz festgestellt, was das Wesen der Wissenschaft ist. 



2 ) Unter anderem geschieht dies in den recht oberflächlichen 
Vorträgen von Seved Ribbing über sexuelle Hygiene und Ethik, 
pag. 58, die in der Obersetzung von Dr. Oscar Reyher in Deutsch- 
land leider weiteste Verbreitung gefunden haben. 



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* 

Wesen der Wissenschaft. 



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Die Voraussetzung jeder Wissenschaft ist 
Wissen, das Kennen einer Summe von Tatsachen; die 
Wissenschaft unterscheidet sich von dem bloßen Wissen da- 
durch, daß sie als umfassendere Einheit eine Anzahl zu- 
sammengehöriger Einzelerscheinungen in sich begreift, zu- 
nächst rein äußerlich, dann aber, und dadurch erhebt sich 
die niedere zu der höheren Wissenschaft, indem sie die 
Einzdheiten auch innerlich, und zwar vor allem nach ur- 
sächlichen Zusammenhängen verknüpft, sie erklärt. 

Die Naturwissenschaft, und dieser gehört ja die Sexu- 
alwissenschaft an, sammelt die Naturerscheinungen, ist 
also vor allem beschreibend, dann verbindet sie aber auch 
die Tatsachen durch Gedanken und läßt sie uns so ver- 
stehen. Solange wir mit unserem Denken die Dinge 
umfassen, wird keine Wissenschaft, und namentlich keine 
höhere, gewisser Theorien entbehren können. Eine der 
letzten Definitionen des Begriffes Wissenschaft befindet 
sich in einer der jüngsten Abhandlungen Wilhelm Ost- 
wald s. 8 ) Der Leipziger Biologe schreibt: „Der Name 
Wissenschaft bezieht sich, seiner früheren Bedeutung ge- 
mäß, auf das, was man weiß, wobei unter Wissen eine 
Kenntnis des Gewesenen und des Gegenwärtigen verstan- 
den wird. In seiner neuen Bedeutung soll Wissenschaft da- 
gegen solches Wissen genannt werden, das aus der Kennt- 
nis der Vergangenheit und der Gegenwart die) Vorhersagung 
der Zukunft ermöglicht. Erst dieses letzte Kennzeichen 
macht ein Wissen zu einer Wissenschaft, und alles Wissen 
ist nicht wert, Wissenschaft genannt zu werden, wenn es 
diese Anwendbarkeit auf die Zukunft nicht hat." 

Ostwald fügt dann noch weiter ergänzend hinzu: „Ein 
solches Wissen um die Zukunft ist ein jedes, welches zu 

8 ) Monistische Sonntagspredigten Nr. 7, Seite 50 u. 51. 



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« 

Sexualwissenschaft. 



- der Erkenntnis von allgemeinen Naturgesetzen oder Ge- 
setzen des Geschehens führt. Denn nur das, was 
sich gesetzmäßig, d. h. in bestimmter, wiederholt beobach- 
teter und daher im Zusammenhange vorausbekannter Folge 
vollzieht, kann vorausgesehen werden." 

Fragen wir auf Grund dieser Auseinandersetzungen, 
ob die Sexualwissenschaft wahre Wissenschaft ist, so kann 
die Antwort nicht zweifelhaft sein. Die Sexualwissenschaft 
stützt sich, wie jede andere, auf das Wissen der Einzeler- 
scheinungen. Diese sammelt und beschreibt sie und sucht 
sie zu erklären, indem sie mit Hilfe des Denkens aus den 
Einzelbefunden das Gemeinsame ableitet, das Naturgesetz- 
liche, um uns neu entgegentretende Einzelerscheinungen 
dadurch verständlicher zu machen. Der wissenschaft- 
liche Fortschritt aber liegt, wie bei der Erklärung der 
meisten Lebensvorgänge, so auch bei denen der Liebe in 
einer immer weitergehenden Zurückführung der Lebens- 
erscheinungen auf physikalisch-chemisches Geschehen, in 
der Reduktion der als spontan bezeichneten Bewegun- 
gen auf das, was man Reflexe und Tropismen nennt; so 
tritt ein relatives Verstehen und Beherrschen der Vorgänge 
an die Stelle scheinbarer Willkürakte. 

Überblicken wir unter den eben geltend gemachten 
Gesichtspunkten die große fachwissenschaftliche Literatur, 
welche die Sexualwissenschaft der letzten Jahrzehnte zu 
Tage gefördert hat, so überwiegen freilich die beschreiben- 
den Arbeiten sorgsamer Sammler an Zahl und Wert bis- 
her bei weitem diejenigen Werke, in denen, um mit Ost- 
wald zu reden, ein wirkliches Wissen um Gesetze und ein 
Wissen um die Zukunft enthalten ist; das ist gut und 
begreiflich. Gut, weil je zahlreicher die einzelnen 
Tatsachen sind, aus denen Gesetze abgeleitet werden, um 



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Theoretisches und Tatsächliches. 1 1 

so mehr ihre Zuverlässigkeit und Gültigkeit verbürgt er- 
scheint. Begreiflich aber auch, weil jahrtausendelang dieses 
Gebiet brach lag, das oberflächlich und äußerlich be- 
trachtet' zwar ziemlich konform, in der Tiefe der Erschei- 
nungen aber höchst kompliziert und vielseitig ist. Jahr- 
tausendelang hielt man es für wertvoller und vor allem für 
würdevoller, alte Münzen oder Inschriften zu sammeln, als 
die so unendlich mannigfaltigen Anschauungen, Einrich- 
tungen, Sexualordnungen und Geschlechtsregulierungen, wie 
sie auf dem Gebiet des Liebeslebens bei verschiedenen Völ- 
kern und zu verschiedenen Zeiten in überreicher Fülle herr- 
schend waren. Viele dieser überlieferten Formen wurden 
in 







•WH 


■ 





so zur zweiten Natur, daß es schließlich kaum noch mög- 
lich war, das Gewohnheitsmäßige von dem 
Gesetzmäßigen, die erste Natur von der zweiten zu 
trennen. Erst eine vergleichende Tatsachenfor-» 
s c h u n g im großen Stile gestattet es, Schlüsse zu ziehen, 
die wirkliche Bedeutung in Anspruch nehmen können. 

Um so verwunderlicher muß es erscheinen, mit wel- 
cher Sicherheit manche Autoren ohne statistische Unterlagen 
in dieser Frage, Theoretisches als Tatsächliches 
ausgebend, Behauptungen aufstellen. Würden wir beispiels- 
weise diejenigen, die über die Vorteile geschlechtlicher Ent- 
haltung schreiben, fragen, wie groß die Zahl der von ihnen 
beobachteten Fälle ist, auf die sie ihre Aussagen stützen, 
wir würden erstaunt sein, wie leichtfertig im Rufe der Ex- 
aktheit stehende Gelehrte subjektive Anschauungen als ob- 
jektive Befunde ausgeben. 

Worin besteht nun der gegenwärtige positive Lite- 
raturbesitzder Sexualwissenschaft? 



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Literaturbesitz. 



Wir besitzen zurzeit neben den zusammenfassenden 
Compendien von Bloch, Forel, Rohleder, Ha- 
velockEllisu. a. zahlreiche historische und ethnogra- 
phische Arbeiten, die uns über die Geschichte der Ge- 
schlechtsbeziehungen, sowohl der Ehe als der freien Liebes- 
verhältnisse, des Konkubinats und der Prostitution Auf- 
schluß geben, Werke, die uns über die von sozialen und 
religiösen Faktoren in so mannigfacher Weise beeinflußten 
Sexualsitten der Natur- und Kulturvölker, sowie 
über die besonders eigenartigen Liebesgebräuche der Völ- 
ker der Halbkultur berichten. Wir besitzen höchst 
beachtenswerte Beobachtungen und Schriften über das 
Liebesleben der T i e r e und Pflanzen. Wir verfügen 
über eine sehr beträchtliche Kasuistik, die uns in das Sexu- 
alleben derer Einblick gewährt, die in bezug auf die Trieb- 
richtung, die Triebstärke und die Triebbetätigung von 
der Mehrzahl abweichen. Alle Extreme von der Frigidi- 
tät bis zu den erotomanischsten Zuständen sind an Einzel- 
beispielen geschildert worden: Frauen, wie Cornelia, die 
Schwester Goethes, von der ihr Bruder sagte „in ihrem 
Wesen lag keine Spur von Sinnlichkeit", auf der einen, — 
große „Amoureusen", deren ausschließlicher Lebensinhalt 
die Liebe schien, auf der anderen Seite. Viele Fälle sind 
auch beschrieben, in denen die Herrschsucht und ebenso 
viele, in denen die Dienstbereitschaft der Liebe, viele auch, 
in denen die Lust der Liebe am Leide sich weit 
über den Durchschnitt in ein krankhaftes Übermaß gestei- 
gert hatte. 

Eine besondere Erwähnung verdienen auch die sexu- 
alpsychologischen Wertungen hervorragender Geister, die 
von tiefschürfenden Gelehrten und Kennern seit dem Vor- 
gange von Möbius zahlreich verfaßt worden sind, nicht 



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Autobiographieen. 



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immer, aber doch oft, eine Quelle und Fundgrube wich- 
tiger Erkenntnisse. Neben diesen von Fachleuten beobach- 
teten, behandelten und analysierten Fällen sind die A u t o- 
biographieen von nicht zu unterschätzender Bedeu- 
tung, und zwar nicht minder die Selbstschilderungen ein- 
facher Menschen, denen es eine Befreiung gewährte, 
sich über sich selbst Rechenschaft abzulegen, als 
die hervorragender Persönlichkeiten: die Konfessionen 
Augustins und Rousseaus, die Aufzeichnungen 
Casanovas und Retifs, die Bekennmisse Grill- 
parze r s und Kierkegaards, die Tagebücher 
P 1 a t e n s und Ninon de L e n c 1 o s\ Allerdings müssen 
alle diese Aufzeichnungen mit kritischem Auge betrachtet 
werden. Manche der Autoren schmücken ihr Erleben und 
Empfinden phantastisch aus, doch enthalten, selbst unter 
Berücksichtigung dieses Umstandes, ihre Dokumente des 
Bemerkenswerten genug. 

In ungleich höherem Maße, wie in dieser, mischt 
Wahrheit und Dichtung sich in der rein schöngeistigen 
Literatur. Gleichwohl ist aber auch diese, richtig benutzt, 
für den Sexualforscher eine wichtige Erkenntnisquelle. Ge- 
rade das mit nichts sonst vergleichbare Rühmen der Liebe, 
solange es eine Sprache gibt, bei allen Völkern, die wir 
kennen, zeigt, was sie dem Menschen ist und bedeutet. 
Wohin wir uns wenden, ob nach Asien, der Mutter, ob 
nach Amerika, der Tochter Europas, überall ist sie, wie bei 
uns, der große Mittelpunkt in Kunst und Leben, ernst und 
gewaltig in stiller erhabener Größe, um den sich alles 
Übrige ordnet. Jedes Liebeslied spottet asketischer Priester- 
Jehren, ebenso wie die Natur selbst es tut, von der 
Mantegazza einmal mit Recht sagte, daß sie „nur ein 
einziger großer Liebeshymnus* ist 



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Goethe und Maupassant. 



Es gibt unter den Dramen und Epen, Romanen und 
Balladen der Weltliteratur — von der Lyrik ganz zu 
schweigen — viele, deren psychologischer Wert ihrem 
Kunstwert nicht nachsteht, viele auch, deren psychologische 
Bedeutung die künstlerische weit überragt. Für uns 
Deutsche ist hier in erster Linie Goethe zu nennen, der, 
wenn er nicht unser größter Dichter wäre, sicher als einer 
unserer bedeutendsten Naturforscher gerühmt werden würde. 
Treffend sind auch die Sätze, die Forel im Anhang seiner 
sexuellen Frage, Goethe im Vergleich mit Maupassant, widmet:, 
„Wenn G o e t h e die Liebespsychologie nicht nur poetisch 
durchschaut und darstellt, sondern noch mit philoso- 
phischem Geiste ergründet hat, so hat sie Maupassant 
zunächst einfach in ihrem Formenreichtum naturwissen- 
schaftlich beobachtet, dann aber künstlerisch erfaßt und 
dargestellt. Beide waren große Dichter, deren Liebesdich- 
tungen in alle Tiefen der menschlichen Seele hinabsteigen 
und uns ewige Wahrheiten in vollendetster er- 
greifendster Kunstform zum Bewußtsein bringen." 

Angesichts der enormen Ausdehnung des Materials, 
das der Sexualwissenschaft zugrunde gelegt werden kann, er- 
scheint es zunächst fast unbegreiflich, daß es in rein natur- 
wissenschaftlicher Hinsicht so wenig Verarbeitung gefunden 
hat. Aber gerade in dieser kaum zu überblickenden, schwer 
zu sichtenden und daher zuvörderst verwirrenden Fülle derf 
Erscheinungen liegt vielleicht einer der Hauptgründe dieser 
Unterlassung. Während Jurisprudenz, Philosophie (Ethik), 
und Theologie — man ist versucht, hier mit Goethe aus- 
zurufen „und leider auch Theologie" — sich unendlich viel 
mit dem Geschlechtsleben beschäftigten, die öffentliche 
Meinung formend und bildend, stand die reine Natur- 
wissenschaft abseits, vor allem die Seelenforschung, die 



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Freud und Hippokrates. 



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Psychologie, in deren Bereich das Liebesleben in erster und 
letzter Linie fällt. Denn Sitz und Organ der Liebe ist die 
Seele, Gehirn und Nervensystem des Menschen, nicht, wie 
eine im Volke noch heute weit verbreitete materialistische 
Richtung lehrt, „das Fleisch." Die Geschlechtsorgane selbst 
sind nur ein Instrument der Seele. 

In der psychologischen Erforschung des menschlichen 
Liebeslebens nimmt das geistvolle Lebenswerk Freud's 
eine besondere Stellung ein. Wir werden uns in diesem 
Buche mit einer Reihe der von ihm aufgerollten Probleme 
näher zu beschäftigen haben, manchem zustimmend; einiges 
wie vor allem die übergroße Ausdehnung des Begriffes Liebe 
werden wir freilich ablehnen müssen, ohne zu verkennen, 
daß, wenn die Freud'sche Tiefenpsychologie kein anderes Ver- 
dienst hätte, als in Seelengründen geschürft und gegraben 
zu haben, die vordem fast unzugänglich lagen, sie für den 
Sexualforscher höchster Beachtung wert wäre. Dabei tut 
es dem Verdienste des Wiener Psychiaters keinen Abbruch, 
daß im einzelnen viele vor ihm Ähnliches behaupteten. Schon 
in der Ableitung des Wortes Hysterie von hysteron (die Ge- 
bärmutter) ist die Lehre von der „Sexual-Verdrängung" in 
nuce enthalten. Die Äußerungen, die in dieser Richtung 
Hippokrates vor 2300 Jahren tat, wirken geradezu ver- 
blüffend durch die Ähnlichkeit mit Gedankengängen un- 
serer Zeit. Immerhin ermangelten verwandte Auffassungen, 
die in der Geschichte der Medizin bald hier, bald dort zu 
Tage traten, völlig jener methodischen Zusammenfassung, 
die erst aus Bausteinen ein Gebäude schafften. Wir geben 
daher Bleuler 4 ) vollkommen recht, wenn er Felzmann, der 

*) Jahrbuch für psycho-analytische und psycho-pathologische 
Forschungen. Herausgegeben von Professor Dr. E. Bleuler und 
Professor Dr. S. Freud. Redigiert von Dr. C. G. Jung, zweiter 
Band, II. Hälfte. Leipzig und Wien, Deuticke, Seite 691. 



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Schwierigkeiten der Sexualwissenschaft. 



äußert, Freud habe mit Ausnahme des Hinweises auf die 
Bedeutung der Sexualität in der Kindheit eigentlich nichts 
grundlegend Neues gezeigt, erwidert: „Auch Kopernikus 
habe nichts grundlegend Neues gtzdgt f Theorien wie die 
seine, seien schon 2000 Jahre früher geäußert worden, mit 
Recht knüpfe sich aber der Name einer neuen Lehre an 
diejenigen, die zwingende Beobachtungen und ordnende 
Ideen hineingebracht haben." In der Tat, nicht die, welche 
einen Gedanken hatten, sondern die, welche ihn in um- 
fassender Weise begründeten und zur Geltung brachten, 
verleihen ihm seine historische und kulturelle Bedeutung. 
Wäre es nicht so, dann müßte man den Darwinismus Wel- 
lismus und das kopernikanische System das aristarchische 
nennen (nach Aristarch von Samos). In der Geschichte 
gilt weniger der, der es zuerst sagte, als der, welcher sich 
als Erster Gehör zu verschaffen verstand. 

Es ist aber nicht allein die riesenhafte Ausdehnung 
des Stoffes, die endlose Fülle der Fälle bei fast gänzlichem 
Mangel statistischer Verarbeitung, welche das biologische 
Erfassen und Lösen sexueller Probleme so schwierig er- 
scheinen läßt, es ist auch nicht der widerstrebende Geist 
innerer Sexualvereinigung, eng verknüpft mit Hemmungsvor- 
stellungen mannigfachster Art, es kommen noch wichtige 
andere Ursachen hinzu, von denen wir die drei wesent- 
lichsten näher betrachten wollen. Es sind die sexuelle 
Mimikry, sodann die zu vielen Mißverständnissen An- 
laß gebende Auffassungsverschiedenheit 
grundlegender Begriffe und Ausdrücke, wie „Liebe" und 
„Geschlecht", endlich die durch die Unzugänglichkeit der 
menschlichen Seele bedingte Unzulänglichkeit der 
Forschungsmethoden. 

Was verstehen wir unter sexueller Mimikry? Der Aus- 



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Sexuelle Mimikry. 17 

druck Mimikry — das Wort hängt mit mimen, das ist nach- 
ahmen, zusammen — bezeichnet in der Lehre Darwins 
die bewußte oder unbewußte Verstellung, mit der im Na- 
turreich Lebewesen durch bestimmte Formen und Farben, 
die sie haben oder sich geben, ihrer Umgebung so zu 
gleichen wissen, daß es ungemein schwierig ist, sie zu er- 
kennen und zu finden. Bei vielen Heuschrecken ist die 
Ähnlichkeit mit den Blättern, zwischen denen sie sich auf- 
halten, so groß, daß man Insekt und Pflanze tatsächlich 
nicht voneinander unterscheiden kann. Manche Käferarten 
ziehen beim Herannahen eines Gegenstandes Fühler und 
Beine an und gleichen so vollkommen den kleinen Erd- 
klümpchen, zwischen die sie sich fallen lassen; gewisse 
Falter ahmen das gesprenkelte Aussehen der Granitblöcke, 
auf denen sie ruhen, so genau nach, daß selbst das 
geübte Auge des Sammlers sie nicht zu entdecken ver- 
mag. 

In ganz ähnlicher Weise sehen wir, daß sich auf sexu- 
ellem Gebiet fast alle Menschen ihrer Umgebung anpassen. 
Viele führen ein förmliches Doppelleben, ein sexuelles und 
soziales, eines für sich und eines nach außen. Ältere Mäd- 
chen, die sich vor innerer Liebessehnsucht verzehren, 
scheinen völlig ruhig wie ihre Umgebung. Personen, die 
namenlos unter abweichender Triebrichtung leiden, sind 
in der sie beherrschenden Eigenart ihren Eltern, Ge- 
schwistern, selbst Ehegatten oft völlig unbekannt. Bringt 
ein zufälliges Ereignis ihre Sonderart zu Tage, so sind 
die, welche ihnen am nächsten standen, oft die Erstauntesten. 
Polygame stellen sich als treue Liebhaber; oft genug ist 
die Zärtlichkeit des Ehemannes nur ein Ausdruck seines 
bösen Gewissens. Die Einheit der Eindrücke 
steht mit der Vielheit der Erscheinungen 

Hirschfeld, Naturgesetze der Liebe. 2 



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18 



Gründe sexueller Mimikry. 



auf keinem Gebiete so sehr im Wider- 
spruch wie auf sexuellem. 

Viele tun in diesem mimischen Bestreben zu viel, ver- 
fallen in ein entgegengesetztes Extrem und überkompen- 
sieren sich. Liebeshörige geben sich herrisch, Messalinen 
als frigide Naturen, Masturbanten als Don Juans; manche 
umgeben sich in ihren Räumen mit Bildwerken, die völlig 
ihrem wirklichen Geschmack zuwiderlaufen. Nicht selten 
geschieht dies im Unbewußten, häufiger aber handelt es 
sich um bewußte, wohlbedachte Verstellungen, sodaß der 
Satz von Ricord „omnis syphiliticus mendax" erweitert 
werden kann in „omnis in sexualibus mendax." Es bedarf 
einer großen Übung, Erfahrung und Geschicklichkeit, vor 
allem der Fähigkeit, sich unbedingtes Vertrauen zu erwer- 
ben, um zu richtigen Ergebnissen und Erkenntnissen zu ge- 
langen. Oft stellt es sich als nötig heraus, Kunstgriffe an- 
zuwenden, sowie auch der Sammler sich solcher bedient, 
wenn er, anstatt sich auf sein Auge zu verlassen, tüchtig 
die Zweige schüttelt, auf denen er die von ihm gesuchten 
Lebewesen vermutet. 

Die Gründe der sexuellen Mimikry, die oft zur sexu- 
ellen Hypokrisie und Heuchelei ausartet, beruht zum Teil auf 
Scham, zum Teil auf Furcht vor der „öffentlichen Meinung"^ 
zum Teil auf der suggestiven Kraft des Überlieferten. Die 
Suggestion der Tradition und der Umgebung reicht an 
das Innenleben zwar nur selten heran, um so mehr aber an 
die äußere Lebensgestaltung. 

Daß die sexuelle Mimikry, wenn sie einen großen Auf- 
wand von Energie erfordert, auf die Dauer für die Psyche 
nicht gleichgültig ist und auf das Nervensystem nachteilig 
wirken kann und wirkt, liegt auf der Hand. Sie hat recht 
häufig ein Gefühl der Befangenheit, der Unbehaglich- 



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Folgen sexueller Mimikry. 



19 



keit zur Folge, erzeugt innere Unruhe, Verstimmungen, 
deren eigentliche Ursachen dem Verstimmten oft selbst 
unklar bleiben, schlechten Schlaf, Kopfweh, Beklemmung&y 
zustande, kurz Erscheinungen, die je nach der Labili- 
tät des Nervensystems und der Stärke der „herunter- 
gewürgten Affekte", von den einfachen Formen der Neu- 
rasthenie bis zu den schwersten Zuständen der Hysterie 
reichen. „Jedermann weiß," sagt Bleuler, 8 ) „wie sehr 
heruntergewürgte Affekte aller Art geeignet sind, das 
ganze subjektive und objektive Befinden, das Gebahren 
eines Menschen zu beeinflussen, ihn direkt krank zu 
machen." Die Frage, ob und inwieweit verhaltene Sexual- 
spannungen ohne adäquate Entspannungen {vergeistigt („sub- 
limiert") werden können, soll uns erst später beschäftigen; 
an dieser Stelle handelt es sich nur um ein Streifen des 
Umstandes, daß die sexuelle Verstellung, sowohl die be- 
wußte als die unbewußte, durch Überspannung leicht Scha- 
den stiften kann. 

Erschwert der mangelhafte Ausdruck geschlechtlicher 
Empfindungen, welche wir als sexuelle Mimikry bezeichnen, 
ungemein die Erkenntnis der Einzelerscheinungen, woferrf 
man sich nicht etwa von vornherein auf den Standpunkt 
stellen will, daß alles, was der Gedanke im Sexualleben aus- 
zudenken vermag, auch ein tatsächliches Correlat besitzt, so 
ist ein auf anderem Gebiete liegender Mangel präziser Aus- 
drucksmöglichkeit ein weiterer Übelstand, der die Klärung 
scheinbar entgegenstehender Meinungen und Widersprüche 
oft verhindert. Dieser Ausdrucksmangel hängt mit der 
Schwäche der menschlichen Sprache zusammen. Worte 
sind Gedankenpetrefakte; wie Fossilien uns von den vor- 
dem existierenden Geschöpfen, so geben sie uns Kunde 

5 ) 1. c. p. 696. 

2* 



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20 



Liebe und Minne. 



von Empfindungen und Anschauungen früherer Zeiten, 
auch dann noch, wenn längst andere Ideen das Wort 
füllen. Den verschlungenen Pfaden des sich ändernden 
Sprachgebrauchs nachzugehen, ist oft ungemein schwierig. 
Die Tatsache, daß das eine Wort L i e b e so unterschieds- 
los für Empfindungskategorien angewandt wird, die so ver- 
schiedenartig sind, wie die Liebe der Mutter zum Kinde, 
die Vaterlandsliebe, die Heimatsliebe, die Liebe zu Gott, 
zur Natur und Kunst verglichen mit der Liebe der Ge- 
schlechter, legt die Vermutung nahe, daß das Wort Liebe 
anfänglich nichts weiter als Zuneigung bedeutete, wie etwa 
das gegenwärtige „lieb" haben = „gern" haben, möglicher- 
weise aber auch, daß alle diese Gefühle ursprüng- 
lich in der Seele unterschiedslos als. etwas so Gleich- 
artiges wahrgenommen wurden, daß kein Bedürfnis nach 
besonderer Bezeichnung vorhanden war. 

In Deutschland gebrauchte man übrigens bis gegen 
das Ende des Mittelalters statt der jetzigen Ausdrücke Liebe 
und lieben die Worte Minne und m i n n e n. Minnen be- 
deutete wiederum anfänglich „meinen", für etwas „Meinung 
haben". Erst nach dem 13. Jahrhundert finden wir dieses 
Wort seltener, bis es allmählich fast ganz verschwindet. 
Weinhold 6 ) sagt darüber: „Das Wort Minne ist ein Edel- 
stein unserer Sprache. Es bedeutet ursprünglich das Den- 
ken und Sinnen." „In der Folge kam das Wort Minne 
allerdings in Mißkredit, weil es vielfach auch in bezug auf 
den Geschlechtsverkehr gebraucht wurde. Das Wort Minne 
wich dem Worte Liebe, das zuerst Anmut, Wohlgefallen, 
Freude, Lust bezeichnete und dann allmählich den Begriff 
freundliche Gesinnung, Zuneigung, Liebe kräftiger ent- 
wickelte." Die Minnesänger des Mittelalters unterschieden 

6 ) Deutsche Frauen im Mittelalter, p. 207 ff. 



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Freuds Begriff „Liebe". 



21 



übrigens zwischen Liebe und Minne, indem sie unter 
Minne die durch die leibliche Schönheit der Geliebten ent- 
zündete Neigung, unter der Liebe aber die auf geistigen 
Eigenschaften, wie „guete" und „tugent" gegründete Sym- 
pathie verstanden. So heißt es in einem Minnegesang „liebe 
der minne Überguide", d. h. Liebe, die mehr gilt als 
Minne. 

Es gibt Autoren, die glauben, daß jedes Ge- 
fallen an Menschen und auch an Dingen, selbst wenn 
es keine Spur von geschlechtlichen Regungen auslöst, im 
letzten Grunde doch geschlechtlich sei. Sie sind der An- 
sicht, daß zum mindesten entwickelungsgeschichtlich jede 
Geselligkeit und Gesellschaftsbildung (Soziabilität) im Sexu- 
alismus wurzelt, daß bei jedem ästhetischen Genuß, jeder 
Art von Sympathie, womöglich bei jeder freudigen Empfin- 
dung ein erotischer Unterton in leichte unbewußte Mit- 
schwingung versetzt werde. So meint G. Santayana in 
seinem Werk „The sense of beauty", daß für den Menschen 
die ganze Natur ein Gegenstand geschlechtlichen Fühlens 
sei, und daß sich hieraus die Schönheit der Natur er- 
kläre. 

Unter denen, die neuerdings den Begriff Liebe, Libido 
und Sexualität viel weiter gefaßt haben, wie wir es bisher 
zu fassen gewohnt waren, steht obenan Professor Freud. 
Er sagt in seinen amerikanischen Vorträgen über Psycho- 
analyse: 7 ) „Ich gebrauchte das Wort in einem viel wei- 
teren Sinne, als Sie gewohnt sind, es zu verstehen. Das 
gebe ich Ihnen gern zu. Aber es fragt sich, ob nicht viel- 



7) Ober Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen, gehalten zur jäh- 
rigen Gründungsfeier der Clark University in Worcester Mass. Sep- 
tember 1909. Von Prof. Dr. Sigm. Freud LL. D. Leipzig und 
Wien, Franz Deuticke 1910, pag. 51. 



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22 



Begriffsbeschränkung. 



mehr Sie das Wort in viel zu engem Sinne gebrauchen, 
wenn Sie es auf das Gebiet der Fortpflanzung ein- 
schränken." 

Wir werden weiter unten ausführlich darlegen, aus 
welchem Grunde auch wir die Beschränkung des Be- 
griffes Sexualität auf das Gebiet der Fortpflanzung für 
verfehlt erachten, dann aber auch, weshalb wir uns nicht 
entschließen können, seinen Inhalt so weit zu fassen, wie 
Freud es tut. Hier sei nur bemerkt, daß zweifellos viele 
Angriffe gegen die Freud'sche Lehre darauf beruhen, daß 
die Gegner unter Sexualität etwas anderes verstehen wie 
der Angegriffene selbst. Mit Recht sagt Bleuler dar- 
über: 8 ) „Manche Einwände gegen die Sexualtheorie wären? 
unterblieben, wenn man den Freud'schen Begriff des Sexu- 
ellen verstanden hätte. Da man aber nur verurteilte und 
nicht studierte, hat man nicht gemerkt, daß die Freudsche 
„Libido" ein ungleich w e i t e r e r Begriff ist als dei< 
gewöhnliche des sexualen Verlangens. In gewissen Bei 
Ziehungen gehört all' unser Streben, soweit es positiv ist, 
dazu; trennt der Autor doch seinen Sexualtrieb (beim Säug- 
ling) nicht einmal vom Nahrungstrieb." 

Die sehr verschieden weite Begriffsausdehnung kommt 
noch für einen zweiten nicht minder wesentlichen Grund- 
begriff der Sexualwissenschaft als Schwierigkeit in Fragen 
für die Bezeichnungen „Geschlecht" und „geschlechtlich", 
deren vielseitige und vieldeutige Anwendung gleichfalls die 
Quelle vieler Mißverständüchkeiten ist. Unter dem Ge- 
schlecht eines Menschen werden häufig nur die Ge- 
nitalien verstanden, ebenso spricht man in verhältnismäßig 
engem Sinne von Geschlechtskrankheiten, als von solchen, 
die die Geschlechtsorgane betreffen oder von ihnen ihren 

•) loc. dt. pag. 645. 



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Das Wort „Geschlecht". 



23 



Ausgang nehmen, ähnlich auch oft vom Geschlechtsver- 
kehr. Dann aber hat sich der Ausdruck von dem Teil auf 
die Person übertragen (pars pro toto). Wir reden vom 
männlichen und weiblichen, vom starken und schwachen, 
vom schönen Geschlecht, ohne dabei an das eigentliche Ge- 
schlechtsleben, an den Geschlechtstrieb oder gar an den 
Geschlechtsakt zu denken. Noch mehr erweitert sich der 
Inhalt des Wortes, wenn er auf das Geschlecht im Sinne 
von Generation (das sich gleichfalls von gens, genus, 
Geschlecht, ableitet) übertragen wird. Wir sagen, es 
stammt jemand aus altem Geschlecht, wir sprechen von ver- 
gangenen und zukünftigen Geschlechtern und ähnlichem, 
ohne dabei das eine oder andere Geschlecht im Auge zu 
haben. Das Merkwürdigste aber dürfte sein, daß man, und 
offenbar geschah dies schon sehr früh, das Geschlecht auch 
auf Gegenstände ausdehnte. Auch die Dinge besitzen in 
den meisten Sprachen ein Geschlecht. Im deutschen unter- 
scheiden wir deren drei, so ist der Baum männlich, die 
einzelnen Bäume, wie: die Eiche, die Fichte, die Linde, die 
Palme und fast alle anderen weiblich; warum? Warum, so 
fragte eine deutsch lernende Engländerin ihren Lehrer, ist 
der Löffel ein Mann, die Gabel eine Frau und das Messer 
ein Kind? In diesem „Warum" steckt mehr als ein Scherz, 
auch der Ernsteste könnte die gleiche Frage aufwerfen. 
Deutet nun die Tatsache, daß man auch den Dingen einen 
Geschlechts-Charakter beilegte, auf ursprünglichen P a n - 
sexualismus oder besagt sie nur, daß Ausgang und 
Ziel des Lebens, sein Innerstes und Äußerstes im Ge- 
schlechte ruht, wie es etwa der Dichter Przybyszewski in 
den ersten Worten seiner Totenmesse in dem Satze aus- 
drückt: „Am Anfang war das Geschlecht, nichts außer 
ihm, alles in ihm"? 



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24 



Untersuchungsmethoden. 



Zu der Schwierigkeit der Erkenntnis, welche durch 
jdie sexuelle Mimikry bedingt ist, zu der Unklarheit der Be- 
griffe, welche von der Expansionsfähigkeit der in Betracht 
kommenden Worte heirührt, gesellt sich ein Drittes: die 
Feinheit seelischer Reaktionen, welche der Beobachtung: 
eines Dritten, oft sogar der Wahrnehmung derjenigen Per- 
sonen, in denen sie sich abspielen, nur zu leicht entgehen 
können. Handelt es sich freilich um eine heftige Liebes- 
leidenschaft, die gänzlich den Träger der Empfindung be- 
herrscht und erfüllt, sein Wesen und Handeln in durch- 
greifendster Weise verändert, so werden die Erscheinungen, 
welche ein Mensch in einem anderen hervorbringt, infolge 
ihrer Stärke meist unverkennbar sein. Aber diese heftig- 
sten Grade erotischer Anziehung sind, verglichen mit den 
schwächeren, verhältnismäßig nur selten, und so sehr sich 
gerade die extremen Fälle im Liebesleben als Einfallstore 
für das Verständnis der sexuellen Anziehung überhaupt 
erweisen, so bleibt doch die Schwierigkeit bestehen, welche 
dadurch bedingt ist, daß wir es hier mit einem Forschungs- 
objekt zu tun haben, dem man mit den üblichen Mitteln 
und Methoden wissenschaftlicher Untersuchung, mit In- 
strumenten und Experimenten, Mikroskopen und Stethos- 
kopen schwer beikommen kann. Hauptsache bleibt es, die- 
jenigen Experimente zu studieren,, welche die Natur von selbst 
in so unendlicher Menge anstellt; und wenn auch Ursprung 
und Ablauf der meisten dieser subtilen psychophysischen 
Vorgänge sich den bewaffneten und unbewaffneten Sinnes- 
organen nicht ohne weiteres enthüllt, so besitzen wir schon 
jetzt in einer rationell vertieften Befragung, in sorgfältig 
vergleichenden und statistischen Erhebungen geeignete 
Mittel, Fehlerquellen auszuschalten, und es ist kaum zweifel- 
haft, daß wir mit dem weiteren Ausbau der Sexualwissen- 



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Statistik. 



25 



schaft solche noch in höherem Maße erhalten werden. Eine 
meines Erachtens besonders gut geeignete Methode sta- 
tistischer Erhebungen für Einzelfragen differentieller Sexu- 
alpsychologie (auch für andere Ermittelungen diskreter 
Art) scheint mir die folgende zu sein: Den einzelnen Mit- 
gliedern einer bestimmten, nach Tausenden zählenden Be- 
völkerungsgruppe, die zu finden in unserer organisations- 
reichen Zeit keine Schwierigkeit bereitet, werden im Ein- 
verständnis mit der Organisation Zweck einer Erhebung in 
ernster, wissenschaftlicher, allgemein verständlicher Weise 
mitgeteilt. Die Befragten werden aufgefordert, auf einer 
beigefügten Antwortkarte, möglichst unter Fortlassung 
aller Zusätze, ohne Unterschrift ihres Namens, vorge- 
druckte Antworten, die möglichst nur ja und nein lauten, 
mit Unterstreichungen zu versehen. Es ist ratsam, nur 
einige oder einige wenige Fragen zu stellen. Für sehr viele 
Probleme, bei denen wir bisher noch sehr im Dunkeln tappen,, 
wie Vorkommen, Dauer und Folgen sexueller Enthaltung, 
Beginn des sexuellen Verkehrs, Häufigkeit der Geschlechts- 
krankheiten, Ursache und Verbreitung der Frigidität, der 
Impotenz, der Anwendung antikonzeptioneller Mittel, des 
künstlichen Abortus und vieler anderer, würde man durch 
diese Methode wertvolle Resultate erzielen können. 

Bisher fehlen uns noch vielfach die positiven Unter- 
lagen, die erforderlich sind, um über viele sexuelle Gegen- 
stände wirklich begründete abschließende Urteile abgeben 
zu können. Um so befremdlicher erscheint immer wieder 
die Überhebung vieler Männer und Frauen, die in diesen 
Dingen das große Wort führen, ohne sich der Mühe zu 
unterziehen, auch nur bisher Gefundenes nachzuprüfen, ge- 
schweige denn selbst exakte Untersuchungen anzustellen. 
Sie verhalten sich genau so wie die Gegner Galileis, die 



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26 



Natur und Technik. 



nicht zu bewegen waren, durch sein Fernrohr zu sehen. 
So kommt es, daß auch heute noch im weiten Umfange der 
Satz Gültigkeit hat, den Mantegazza einer seiner Arbeiten 
vorausschickt: „Gegenüber der Liebe sind wir Alle noch 
mehr oder weniger Wilde, — eine schreckliche Stupidität 
herrscht angesicht der größten aller menschlichen Leiden- 
schaften." 

Anstatt den Kundgebungen der schaffenden Natur zu; 
lauschen, anstatt sich in die erstaunliche Kompliziertheit 
und Feinheit der Lebens- und Liebeserscheinungen, wie sie 
sich in der gewaltigen Werkstatt des Universums voll- 
ziehen, zu vertiefen, sehen wir auf diesem Gebiet eine Nicht- 
achtung ohnegleichen vor dem Walten höherer Kräfte. 
Je mehr wir uns aber in das Naturphänomen der Liebe 
versenken, ein unbegrenztes Feld des Denkens und 
Forschens, je mehr sich unser Blick erweitert, um so mehr 
wächst unsere Bewunderung vor den hier obwaltenden 
Naturgesetzen, um so kleiner und geringfügiger erscheint 
das, was der Mensch hinzu getan hat. Mag er sich noch 
so sehr als Magister naturae gebärden, er bleibt doch 
immer nur ein Minister naturae. Wir glauben wunder 
was wir vermögen, wenn es uns wirklich einmal gelingt, 
technisch nachzuahmen, was die Natur in spielender Selbst- 
verständlichkeit vollbringt. Betrachten wir nur einmal eine 
Schwalbe, wie sie so sicher dahingleitet, und vergleichen 
wir damit die unendliche Mühe, die es den Menschen ver- 
ursachte, ein Luft-Fahrzeug zu schaffen, das auch nur 
einigermaßen dem Vogelfluge gleicht, dann werden wir ein 
wenig inne werden, wie sehr, und dies gilt f ür a 1 1 e Gebiete, 
die Kunst in der Natur, der Natur in der Kunst überlegen ist. 

Ich bin weit davon entfernt zu glauben, in den folgen- 
den Ausführungen die Rätsel lösen zu können, die in den 



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Wissensfundamente. 



27 



Naturgesetzen der Liebe so überreich enthalten sind. Nur 
einige Gesichtspunkte hoffe ich aufzudecken, die für die 
Erkenntnis und Klärung dieser theoretisch wie praktisch 
gleichbedeutenden Fragen von Wert sind; nur Bausteine 
will ich beibringen zu dem Bau, der bisher statt 
auf dem festen Fundamente objektiven 
Wissens auf dem schwankenden Boden 
subjektiver Empfindungen ruhte. 



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o 



Teil I. 

Der Liebeseindruck. 

(Die zentripetale Phase der Liebe.) 

Jede Anziehung in der Natur setzt zwei Körper vor- 
aus, einen der anzieht und einen der angezogen wird. Ge- 
hören diese Körper, wie in unserem Falle, Menschen an, 
so nennen wir vielfach die Person, die uns anzieht, deren 
Erscheinung und Wesen uns „fesselt", den Gegenstand oder 
das Objekt der Liebe, dem nach dem gewöhnlichen Sprach- 
gebrauch der Liebende dann als Subjekt gegenübersteht. 

Genau überlegt ist aber eigentlich das Individuum, wel- 
ches von der Neigung zu einem anderen ergriffen wird, 
der befallene und passive Teil und als solcher Objekt des 
ihn affizierenden Anderen. Es erscheint uns nur als Sub- 
jekt, weil die äußere Einwirkung, die in ihm als ruhende 
Kraft Platz greift, allsogleich bestrebt ist, sich in eine le- 
bendige Kraft umzusetzen. Indem uns so der objektive 
Teil zuerst als der tätigere, bewegtere entgegentritt, er- 
scheint er uns als der subjektivere. 

In Wirklichkeit ist die Liebe also' etwas, was sich in 
uns als leidendem Teil entwickelt. Die große Bedeutung, 
welche sie dann für eine zweite Person gewinnt und dar- 
über hinaus für weitere Werdende gewinnen kann, ist ein 
sekundäres Phänomen; das primäre — zeitlich und sach- 



30 



Subjekt und Objekt. 



lieh — ist der sich in uns abspielende Vorgang, die Ver- 
änderung der eigenen Wesenheit. Dessen 
müssen wir uns bewußt bleiben, wenn wir auch in den 
folgenden Ausführungen des leichteren Verständnisses 
halber nicht selten den aktiv Liebenden als Subjekt, den, 
der geliebt wird, das Sexualziel, als das Objekt der Liebe 
bezeichnen werden. 

Es tritt uns hier die Frage entgegen, welche Reak- 
tion die Liebe einer Person in der Seele des geliebten 
Gegenstandes hervorruft, ob es richtig ist, daß, wie man 
sich oft ausdrückt, Liebe Gegenliebe erzeugt. Sagt doch 
selbst ein so tiefer Dichter und Denker wie Dante: „Die 
Liebe zwang noch stets zur Gegenliebe." 

Es bestehen in dem Verhältnis zweier Personen zuein- 
ander drei Möglichkeiten. Es kann sein, daß die liebende 
Person ganz die gleiche oder fast die gleiche Anziehungs- 
kraft auf die geliebte Person ausübt, wie diese auf jene; 
es kann sein, daß das Geliebtwerden in dem Gegenstand 
andere Empfindungskomplexe auslöst und es ist denkbar, 
daß die Liebe in dem Objekt gänzlich ohne Widerhall 
bleibt, an ihm reaktionslos abgleitet. Ein verhältnismäßig 
nicht häufiges Zusammentreffen ist es, daß die Persönlich- 
keit, welche geliebt wird, den Liebenden auch ihrerseits als 
die ihrer sexuellen Eigenart völlig entsprechende Indivi- 
dualität empfindet. „So lange auf unserm Planeten", sagt 
Mantegazza einmal und nicht mit Unrecht in einer seiner 
Plaudereien über die Liebe, „ein Mann und eine Frau 
leben, werden sie stets die Klage wechseln: „Ach du liebst 
mich nicht so, wie ich dich liebe!" Weshalb es theoretisch 
unwahrscheinlich ist, daß sich das Objekt zu dem Sub- 
jekt genau so verhält, wie das Subjekt zum Objekt, werden 



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Liebe und Gegenliebe. 



31 



wir besser verstehen, wenn wir erkannt haben, wovon die 
Anziehung im Einzelfalle abhängig ist. In den meisten 
Fällen ist es so, daß die durch die Liebe auf der anderen 
Seite geweckten Empfindungen anders geartete sind, 
wobei sie an Intensität gleichwohl ein der Liebe fast gleich 
starkes Band bilden können. Die Empfindungskompo- 
nenten, die hier bei der geliebten Person in Betracht kom- 
men — oft isoliert, oft zusammengesetzt — sind im wesent- 
lichen folgende: das Gefühl der Freude, des Stolzes oder 
der Eitelkeit, von einem Menschen begehrt zu werden, der 
so viel ausgezeichnete Qualitäten hat; 9 ) dann Mitleid mit 
einem Menschen, der um unseretwegen leiden soll. 10 ) Ferner 
Empfindungen der Dankbarkeit für jemanden, der uns 
so viel geopfert oder zu opfern bereit ist, Befriedi- 
gung des Geselligkeitsbedürfnisses, Sympathie der Cha- 
raktere, Interessengemeinschaft und Neugierde, vielfach auch 
der Trieb für jemanden zu sorgen, sich eines alleinstehen- 
den, womöglich gar Schwachen oder Verkannten anzu- 
nehmen, ihn zu „bemuttern". In einer ihrer vortrefflichen 
Abhandlungen zitiert Dr. Helene Stöcker 10 *) den Satz: 

9 ) Schopenhauer meint einmal vom Manne: „Die Kunst, ein 
schönes Weib durch seine Persönlichkeit zu gewinnen, ist viel- 
leicht ein noch grösserer Qenuss für die Eitelkeit als für die Sinn- 
lichkeit." Und Kant noch schärfer vom Weibe: „Der Mann ist 
eifersüchtig, wenn er liebt, die Frau auch ohne dass sie liebt, 
weil so viele Liebhaber, als von anderen Frauen gewonnen werden, 
ihrem Kreise als Anbeter verloren sind." 

10 ) Von der Liebe, den Frauen und der Galanterie aus Ninon 
de Lenclos Briefen. Von A. Saager, Verlag Robert Lutz, Stuttgart, 
pag. 87. — Die große Liebeskennerin Ninon de Lenclos sagt dies- 
bezüglich „Die Frauen haben einen unerschöpflichen Vorrat an Güte 
für diejenigen, von denen sie sich geliebt sehen." 

10 a) in dem Sammelband „Ehe"? zur Reform der sexuellen Moral, 
Berlin, Internationale Verlagsanstalt, 1911. 



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32 



Scheinliebe 



„Alle Sorge für einander ist mütterlich und väterlich" und 
Nietzsche 11 ) sagt einmal: 

„In jeder Art der weiblichen Liebe kommt auch etwas 
von der mütterlichen Liebe zum Vorschein. Bei dem Weibe 
scheint dieser Mutterinstinkt sich nicht selten auch gegen- 
über der Liebe des Mannes als Sehnsucht nach dem Kinde 
zu regen, in extremen Ausnahmefällen so stark, daß der 
Mann selbst als nicht erwünschtes Mittel zum erwünschten 
Zweck betrachtet werden kann." In dem Briefe einer Frau 
an mich über ihr Empfindungsleben heißt es: „Ach, wenn 
man doch ohne Männer Kinder zur Welt bringen könnte." 
Endlich kommt als Reaktion auf das Geliebtwerden auch 
die periphere Sinnlichkeit — dieses Wort zunächst in seinem 
landläufigen Sinne gebraucht — die Erregung, welche je- 
mand, der die ars amandi gut beherrscht, auch dort, wo 
er nicht wiedergeliebt wird, zu erwecken imstande ist, als 
wesentlicher Faktor in Frage. 

Alles dieses oder auch nur einiges davon sieht wie 
Liebe aus, ist aber doch nur Scheinliebe (Pseudo- 
erotik), es ist nicht das unwillkürliche Angezogenwerden, 
das in den Untersuchungen dieses Buches unter Liebe ver- 
standen wird. 

Eine Person, die geliebt wird, kann den aus dem Zu- 
sammenwirken verschiedener der genannten Komponenten 
entstandenen Gefühlskomplex selbst für Liebe halten, na- 
mentlich dann, wenn sie eine echte, starke Liebesleiden- 
schaft zuvor nicht kennen gelernt hat. Die Beständig- 
keit dieser, von der Liebe ausgelösten Reaktionen ist da- 
bei oft größer als diese selbst, so daß man nicht selten 
von einer Person sagen könnte: ihre Treue wurzelte in 
mangelnder Liebe. 

n ) Menschliches allzu Menschliches, pag. 303. 



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Frauenliebe. 



33 



Finden sich in dem Verhältnis zweier Menschen zu- 
einander au! der einen Seite Liebe, auf der anderen Seite 
Zuneigungen, die in andere Gebiete fallen, so kann man 
von vornherein keineswegs sagen, daß in diesem Aus- 
tausch von Empfindungen eins von beiden zu kurz kommt. 
Denn erklingt auch nicht bei verschiedenartigen Gefühls- 
komplexen ein so vollharmonischer Akkord, wie im Zu- 
sammenklang echter gegenseitiger Liebe, so erfährt doch 
der Liebende eine Ergänzung, der Geliebte eine Bereiche- 
rung seiner Lebenskräfte, und beide damit ein Lebensgut 
von nicht selten nahezu gleichem Wert. 

Unentschieden lassen wir hier vorläufig noch die 
Frage, ob und inwieweit es richtig ist, daß, wie vielfach 
behauptet wird, zwischen der Liebe des Mannes und des 
Weibes überhaupt prinzipielle Empfindungsunterschiede be- 
stehen. Sehr übertrieben ist es jedenfalls, wenn neuerdings 
wieder eine Schriftstellerin H. v. Kahlenberg, 12 ) indem sie 
energisch dagegen Einspruch erhebt: „. . . daß die Ge- 
schlechtsem pf in düngen der Frau auf dieselbe Stufe 
wie das Begehren des Mannes herabgesetzt 
werden" meint, „daß in sexuellen Dingen Mann und Frau 
eine völlig verschiedene Sprache reden." In Wirklichkeit 
ist die wesentlichste Verschiedenheit wahrscheinlich nur 
die: bei dem Manne ist das Bedürfnis zu 
lieben, bei der Frau das Bedürfnis ge- 
liebt zu werden, größer. Ganz außer Be- 
tracht bleiben dabei zunächst die Fälle, in denen die 
Liebe überhaupt nicht mit gefühlsmäßigen Regungen, 
sondern mit verstandesmäßigen Überlegungen erwidert wird, 



») „Die Sinnlichkeit der Frauen", Aufsatz im „März" Heft 20, 
1911. 

Hirschfeld Naturgesetze der Liebe 3 



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34 



Subjektivität der Liebe. 



die zahlreichen Fälle also, in denen etwaige aus dem Ver- 
hältnis sich ergebende praktische Vorteile den Ausschlag 
geben. 

Es ist für die Subjektivität der Liebe bezeich- 
nend und beweisend, daß sie auch dort, wo sie kein Echo 
findet, durchaus nicht immer Einbuße erleidet, daß die 
Reaktionslosigkeit, daß selbst energische Abweisung, oft ge- 
nug die Aktivität und Intensität der Liebe vennehrt. In 
den Briefen der Liebeskünstlerin Ninon findet sich folgen- 
der Rat, der in dieser Hinsicht Beachtung verdient: „Es 
gibt keine bessere Angriffsweise," schreibt sie, „als Gleich- 
gültigkeit zu heucheln. Nicht geruhen, auf Briefe zu ant- 
worten; nicht zu dem bewilligten Stelldichein kommen; drei 
Tage lang keinen Besuch machen; hierauf das kälteste Billet 
schreiben, das man sich denken kann, das ist ein Meister- 
streich i u 

Es kommt aber auch vor, und dies ist für den 
egozentrischen Charakter der Liebe nicht minder be- 
zeichnend, daß vielen Liebenden an Gegenliebe nichts ge- 
legen ist, ja, es gibt Ausnahmefälle, in denen sie sogar 
eher abstoßend wirkt. Ein oft angeführtes lateinisches 
Wort des Persius lautet: „non ut amare peto sed ut amare 
sinas a , zu deutsch: „Ich will nicht, daß Du mich Hebst, 
nur daß Du Dir meine Liebe gefallen läßt." Etwas Ähn- 
liches spricht sich in dem deutschen Spruch: „Wenn ich 
Dich liebe, was geht es Dich an" und vielen ähnlichen Sen- 
tenzen aus. Dante bemerkt einmal: „Der Endzweck meiner 
Liebe war vormals der Gruß meiner Herrin, und in diesem 
Gruße lag meine Seligkeit und das Ziel meiner Wünsche. 
Seitdem es ihr jedoch gefallen, mir solche zu verweigern, 
hat Amor, mein Gebieter, alle meine Seligkeit in das ge- 
legt, was mir nimmer verloren gehen kann." — Auf die 



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Sexuelle Langeweile. 



35 



Frage, worin denn diese Seligkeit bestehe, antwortete der 
Dichter: „In den Worten, die meine Herrin preisen." (Vita 
nuova cap. 13.) 

Einen extremen Fall sah ich vor einiger Zeit. Ein 
Künstler suchte mich mit den Worten auf: „Ich kann keine 
Frau lieben, die mich liebt." Es beherrschte ihn ein fort- 
gesetzter Drang, Frauen zu erobern, Widerspenstige sich 
gefügig zu machen, Widerstrebende in seinen Besitz zu 
bringen. Sobald er sie aber so weit hatte, wie er wollte, 
sobald sie seine Neigung zu erwidern schienen oder gar 
sich zu ergeben bereit waren, wandelte sich seine Sieger- 
freude in eisige Kälte um, die zu gänzlicher Verkehrsun- 
möglichkeit führte. Bei vielen Personen tritt solche Indiffe- 
renz erst ein, wenn der andere Teil sich ergeben hat, nicht 
schon bei ihrer Bereitwilligkeit. Diese Schwächungen der 
Aktivität, wenn um der Liebe willen keine Hindernisse zu 
überwinden sind, führen in einem monogamen Verhältnis 
nicht selten zu sexueller Langeweile. Was man 
mit Leichtigkeit haben kann, verliert an Wert und Reiz, und 
dieser Umstand ist nicht eine der geringsten Ursachen der 
Polygamie. Umgekehrt steigert ein scheinbares Erlöschen der 
Liebe, kleine Reibereien, nach deren Beseitigung sich beide 
Teile wieder finden, erfahrungsgemäß oft die Empfindungs- 
stärke. Sie wirken wie Gewürze, die an sich bitter, doch in 
kleinen Mengen eine Speise schmackhafter zu machen ge- 
eignet sind. 

Auch viele ethnologische Gebräuche lehren, daß die 
Voraussetzung der Gegenliebe nicht unbedingt im Wesen 
der Liebe gelegen ist, wenn sie auch zweifelsohne in sehr 
vielen Fällen ein sehr erwünschtes Ziel ist. Denken wir 
an die früher weit verbreiteten und auch jetzt noch nicht vom 
Erdball verschwundenen Formen der Brautgewinnung 

3* 



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36 



Positive Gefühlstöne. 



durch Raub und Entführung der Frau; an das auch 
noch in der Gegenwart in vielen Gegenden übliche Ver- 
heiraten der Kinder durch die Eltern in der Weise, daß 
die füreinander bestimmten Personen sich vor der Hoch- 
zeit überhaupt nicht zu sehen bekommen; an die Vorkomm- 
nisse versuchter und vollzogener Schändung; an das Recht 
der ersten Nacht (jus primae noctis), von dem die Guts- 
herren im Mittelalter weitestgehenden Gebrauch gemacht 
haben sollen. Alle diese Beispiele, die sich noch ver- 
mehren lassen, zeigen, daß Liebesaktivität nicht notwendig 
Gegenliebe zur Voraussetzung hat. 

Die Betrachtungen, wie sich Subjekt und Objekt in 
der Liebe zueinander verhalten, sind von Wichtigkeit, um 
die eigentliche Bedeutung der Liebe zu begreifen. Wir 
sahen und werden es im weiteren noch deutlicher er- 
kennen, daß das, was wir Liebe nennen, eine Veränderung 
ist, die sich in unserer eigenen Seele vollzieht. Es sind 
bald schwächere, bald stärkere positive Gefühls- 
töne, die in uns Platz greifen. Spinoza bemerkt ein- 
mal: „Im Reiche der Affekte wird um Glück gekämpft. Es 
handelt sich bei Liebe und Haß um Lust und Leid des 
Daseins; Lust aber ist der Zustand, in dem der Geist zu 
einer größeren, Leid, in dem er zu einer geringeren Voll- 
kommenheit des Lebensprozesses übergeht. Lust und 
Schmerz sind begleitet von Liebe und Haß. Wo sich mit 
der Lust die Vorstellung eines äußeren Dinges als Ursache 
verbindet, da entsteht Liebe, wo dieses beim Schmerz ge- 
schieht, da Haß. Hier wie dort überträgt sich die Er- 
regung des eigenen Wesens auf ihre Ursache." 

Der Einfluß dieser psychischen Ver- 
änderungen auf das unseren Körper beherrschende 
Nervensystem ist ein ganz enormer. Alle Freudigkeits- und 



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Liebe und Lebenslust. 



37 



Glücksgefühle, und welche Affekte vermittelten solche zahl- 
reicher und 'stärker als die Liebe, beschleunigen den Stoff- 
wechsel der Lebewesen in vorteilhaftester Weise. Blutkreislauf 
und Herztätigkeit heben sich, Sauerstoffzufuhr und Ver- 
brennung vermehren sich, die Ausscheidung der Lebens- 
schlacken wird gesteigert und die Leistungsfähigkeit des Kör- 
pers und aller seiner Teile gefördert. Es ist experimentell nach- 
gewiesen, daß Freude das Gesichtsfeld erweitert und Leid e$ 
verengert, und es ist kaum zu bezweifeln, daß auch die Funk- 
tionen aller anderen Sinnesorgane ähnlich günstig beein- 
flußt werden. „Die Liebe," äußert sich einmal Michelet 
in seinem Buche „die Frau", „verleiht uns die Fähigkeit, 
Wunderdinge zu sehen, die wir sonst zu sehen außerstande 
sind." Goethe aber, als er 17 Jahre alt sich in die Tochter 
des Leipziger Weinwirts Schönkopf verliebte, schrieb an 
seinen um 11 Jahre älteren Vertrauten Behrisch: „O, Beh- 
risch, ich habe angefangen zu leben." 18 ) Und hundert Jahre 
früher rief Samuel Butler aus: „Mir verbieten zu lieben, 
heißt, meinem Puls das Schlagen verbieten." 

So ist die Liebe die kräftigste Steigerung unseres 
Selbst und damit die stärkste Bindung an das Leben; mit 
der Lebenslust fördert sie einen gesunden, lebensbejahen- 
den Optimismus wie keine andere Empfindung sonst. In- 
dem sie den stärksten Egoismus mit dem höchsten Grade 
des Altruismus verbindet, ist sie das wesentlichste Mo- 
ment, den Existenzkampf zu mildern. Schillers Wort: 

„Was ist das Leben ohne Liebesglanz? 

Ich werf es hin, da sein Gehalt entschwunden," 

entspricht der Psychologie vieler Menschen, für die das 
Leben ohne Liebe ein wertloses Dasein wäre. Es ist 

") Ooethe, pag. 165. 



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38 



Zweck der Liebe 



dasselbe Gefühl, das Ninon in die Worte kleidet: „Was 
wäre die schönste Zeit unseres Lebens ohne die Liebe? 
Man würde nicht leben, sondern nur vegetiere n a ; 
dieselbe Empfindung, die Goethe veranlaßt, den armen 
Werther sprechen zu lassen: „Ich habe verloren, was meines 
Lebens einzige Wonne war, die heilige, belebende Kraft, 
mit der ich Welten um mich schuf." 

Sicherlich würde die Zahl der Selbstmorde ohne das 
Lebensgut der Liebe beträchtlich zunehmen, auf der an- 
deren Seite ist allerdings auch zu berücksichtigen, daß un- 
glückliche Liebe in stärkstem Grade die Lebensfreudigkeit 
und Lebensfähigkeit herabsetzt. Deshalb lautete unter den 
Minneregeln (regulae amoris) des XII. Jahrhunderts schon 
eine der wichtigsten: „Niemant sol seiner lieb und myne on 
ursach (sine rationis e x c e s s u) beräubt werden." In der 
Tat: Wer dem Menschen seine Liebe nimmt, verstümmelt 
ihn. Würde man wohl ihretwegen so viel gelitten haben 
und leiden, wenn sie es nicht als höchstes der Glücksgüter 
verdiente? 

Diese Fesselung des einzelnen an das Dasein könnte 
zweifelsohne als ein sehr wesentlicher Zweck der Liebe an- 
gesehen werden, wenn wir uns auf den Standpunkt stellen, 
daß in der Natur, sei es planmäßig oder unbewußt, nach 
bestimmten Zwecken vorgegangen wird. Man ist ja sehr 
verschiedener Meinung, ob es das, was wir Natur-Zweck 
nennen, tatsächlich gibt. Was sollte man wohl antworten, 
wenn man den Zweck der Welt als ganzes klarlegen sollte. 
So naiv es klingt, so erscheint es doch noch am vernünf- 
tigsten, den Zweck jedes Dinges in sich selbst zu suchen. 
Der Zweck der Welt ist die Welt, der Zweck der Liebe ist 
die Liebe, sie hat zum Zweck sich selbst. Es gibt Natur- 
forscher, die meinen, das Suchen nach Zwecken solle man 



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Christliche Asketik. 



39 



Metaphysikern und Mystikern überlassen, dem Manne 
reiner Wissenschaft gezieme es, nur nach kausalen Ver- 
knüpfungen zu fahnden, nach dem Verhältnis von Ur- 
sachen und Wirkungen, nach Gesetzen. 

Hinsichtlich der Liebe glauben nun allerdings die 
meisten, ihren Zweck genau zu kennen: die Fortpflanzung. 
Die asketische Richtung, deren biologische Wurzel wir 
später untersuchen wollen, wenn wir uns mit den Hem- 
mt ngsmechanismen der Liebe befassen, zieht aus dieser 
Überzeugung den Schluß, daß nur der Sexualakt als zweck- 
entsprechend berechtigt und „natürlich" angesehen werden 
könne, der der Fortpflanzung dient; dies sei die aus- . 
schließliche Bedeutung der Liebe, die aber trotzdem ein 
Übel sei, denn „in Sünde" sei der Mensch empfangen. Gab 
es doch Kirchenväter, die schlechtweg erklärten: „Das Weib 
sei Sünde." 

Bis in unsere Zeit werden ähnliche Anschauungen ver- 
treten. So sucht in einem 1907 zu Paderborn erschienenen 
Werk, betitelt: „Christliche Asketik", der geistliche Ver- 
fasser, Regens des erzbischöflichen Priesterseminars St. 
Peter bei Freiburg i. B., eingehend zu begründen, wie 
recht der heilige Chrysostomus hatte, als er sagte: „Die 
Jungfräulichkeit ist so viel besser, als die Ehe, 
als der Himmel die Erde überragt, als die Engel höher 
stehen, denn die Menschen, ja, um die Wahrheit zu sagen, 
noch mehr." 

Die christlichen Verfechter der Idee, daß jeder Ver- 
kehr, der nicht der Fortpflanzung diene, sündige Fleisches-, 
lust sei, verfahren nicht immer folgerichtig. Sonst dürften 
sie nicht nur die Mittel zur Verhütung der Empfängnis 
verwerfen, sondern müßten konsequenterweise auch ver- 
bieten, daß der Verkehr mit einer Frau vom Beginn der 



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Fortpflanzung ohne Liebe. 



Empfängnis bis zum Ende der Stillungszeit sistiere; der 
Mann dürfte demnach die Frau, die bald nach der Hoch- 
zeit befruchtet würde, ein und ein halbes Jahr nicht mehr 
berühren. Und nach den Wechseljahren, wo die Empfäng- 
nismöglichkeit erloschen ist, dürfte ebenfalls ein Verkehr 
nicht mehr stattfinden, ebenso wie alle Menschen, deren 
Unfruchtbarkeit festgestellt ist, von der Liebe ausgeschlossen 
bleiben müßten. Denn alle diese Personen, und es sind 
nicht die Einzigen, können den Zweck, der nach theolo- 
gischer Auffassung allein zu sexuellen Handlungen berech- 
tigen soll, nicht erfüllen. 

Mit der Anschauung, daß der Zweck der Liebe die 
Fortpflanzung sei, stehen nun allerdings viele Erfahrungen 
des Lebens nicht im Einklang. Zunächst sehen wir, daß 
der Verkehr viel häufiger trotz der Fortpflanzung als um 
der Fortpflanzung willen ausgeübt wird. Ja, es findet sich 
ein starker Liebestrieb selbst bei Personen, die keine Fort- 
pflanzungskeime besitzen. 14 ) Sehr oft ist ein ausgesproche- 
ner Geschlechtstrieb auch bei impotenten Männern vor- 
handen, bei denen die Zeugung ein Ding der Unmöglich- 
keit ist. Eine der liebeglühendsten, erotomanischsten 
Frauen, die ich kannte, war eine Dame von vierzig Jahren, 
die seit zwölf Jahren nicht mehr menstruierte, mithin un- 
fruchtbar war. Ebensohäufig, wie Liebe ohne 
Fortpflanzungsmöglichkeit, ist Fort- 
pflanzung ohne Liebe. So sind die Fälle, in 
denen ein Mädchen guter Hoffnung wurde, die weder 
liebte noch geliebt wurde, Legion. H. von Kahlenberg 
sagt in ihrer extremen Weise: „. . . ich glaube, daß 
kaum ein Weib auf der ganzen Welt mir widersprechen 
würde, wenn ich sage, aus Unerfahrenheit, sogar aus Edel- 

M ) Vergl. die späteren Ausführungen über Kastraten. 



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Liebe ohne Fortpflanzung. 



41 



mut oder aus Berechnung sind mehr Mädchen gefallen als 1 
aus Üppigkeit, Begierde oder Leidenschaft." 

Wenn Friedrich Nietzsche in der „Morgenröte" 1 *) 
bemerkt: „Die Zeugung ist eine oft eintretende gelegent- 
liche Folge einer Art Befriedigung des geschlechtlichen 
Triebes: nicht dessen Absicht, nicht dessen notwen- 
dige Wirkung," und an anderer Stelle: „Fortpflanzungstrieb 
ist reine Mythologie", so gibt er das wieder, was vor und 
nach ihm Naturforscher und Philosophen oft ausge- 
sprochen haben, die klarlegten, daß der Mensch nur einen 
Geschlechtstrieb, aber keinen Fortpflanzungs- 
trieb besitzt. Oewiß, ein Wunsch nach Fortpflanzung Ist 
oft vorhanden,) aber Trieb und Wunsch 1 sind nicht das gleiche. 
Dies sollte man endlich erkennen in einer Angelegenheit, die 
so oft Gegenstand kühler Erwägungen ist, wie die Überle- 
gung, ob und wieviel Kinder man haben möchte. Einige 
Autoren seien hier noch zitiert: der alte erfahrene Frauenarzt 
Kisch sagt in seinem Werke „Die Sterilität des Weibes": „Der 
Geschlechtstrieb ist eine so wechselvolle, in gewissen Le- 
bensperioden den ganzen Organismus des Weibes so über- 
wältigend beherrschende, elementare Gewalt, daß ihre Ent- 
fesselung der Reflexion über Fortpflanzung keinen Raum 
läßt und daß im Gegenteil die Begattung begehrt wird, 
auch wenn vor der Fortpflanzung Furcht herrscht oder von) 
Fortpflanzung keine Rede mehr sein kann." Theodor von! 
Wächter setzt in seinem Problem der Ethik 16 ) eingehend 
auseinander, daß die Auffassung, welche die Liebe gleich- 
bedeutend mit dem Fortpflanzungstrieb ansieht, den Kern- 

16 ) Morgenröte, $ 503. 

16 ) Ein Problem der Ethik. — Die Liebe als körperlich-see- 
lische Kraftübertragung. Von Th. v. Wächter. Leipzig, Verlag 
von Max Spohr. 



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Dreifacher Liebeszweck. 



punkt aller falschen und beschränkten Konsequenzen in 
den Fragen menschlichen Liebesempfindens bilde. Und 
Rohleder 17 ) schreibt: „Man gibt mit dem Worte Fortpflan- 
zungstrieb dem Geschlechtstrieb einen Flicken, der ihm 
absolut nicht anhaftet und auch nicht anhaften kann." 

Nehmen wir aber in der Verknüpf ung von Liebe und 
Fortpflanzung einmal einen Zweck an, so ist es ebenso wahr- 
scheinlich, ja wahrscheinlicher, daß die Natur es für zweck- 
mäßig hielt, die Fortpflanzung an die Liebe zu binden, sie 
ihr als eine keineswegs immer erwünschte Folge beigab, 
um sie sicher zu stellen. Das Einzelwesen hätte kein so 
großes Interesse daran, die Art zu erhalten und Nach- 
kommen zu erzeugen, weder der Mann als Ernährer der 
Kinder, noch die Frau, die sie in Schmerzen gebärt, wenn 
die Natur nicht die stärksten Lustgefühle, die Empfindungen 
höchsten Erdenglücks als Prämie darauf gesetzt hätte. 

Und wäre die Fortpflanzung tatsächlich nicht nur eine 
der Wirkungen, sondern ein Zweck der Liebe, so ist damit 
noch nicht gesagt, daß die Liebe um der Fortpflanzung 
willen da ist, daß sie ihr einziger Zweck ist. Viele Organe 
und Instinkte dienen mehr als einem Zweck, oft sehr ver- 
schiedenen. Die Zunge ist für die Sprache ebenso wichtig, 
wie für den Geschmack und die Nahrungsaufnahme, der 
Bewegungstrieb dient der Erhöhung des Stoffwechsels, wie 
der Erweiterung unserer Kenntnisse. 

Die Liebe könnte so in dreierlei Weise der Erhaltung 
des Lebens dienen. Einmal, indem sie uns durch Lust- 
empfindungen an das Leben fesselt, es lohnend macht, 
zum zweiten, indem sie die Einzelwesen anein- 
ander bindet, den Zusammenhang zwischen dem „ich* 

,? ) Die Zeugung beim Menschen, pag. 32. 



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Verschwendung von Liebeskraft. 



43 



und „du a herstellt, aus dem sich die Menschheit als höherer 
Organismus entwickelt, zum dritten, indem sie Mann 
und Weib seelisch und körperlich über sich hinaus 
wachsen läßt. 

Zusammenfassend könnte man sagen, der Geschlechts- 
und Liebestrieb ist nicht Fortpflanzungstrieb, sondern 
Trieb nach Lust; derZweckder Liebe, wo- 
fern er vorhanden, ist Lust- und Lebenssteige- 
rung. Die Fortpflanzung aber selbst ist ein automa- 
tischer Vorgang, der sich unmerklich — oft tagelang nach 
dem Verkehr — durch die Begegnung zweier Keimzellen 
vollzieht. Diese beiden Zellen sind die einzig überleben- 
den von vielen Milliarden ihrer Kameraden, die nach 
kurzer Lebensfrist, ohne der Fortpflanzung dienen zu 
können, zugrunde gingen. Wäre der ausschließliche Zweck 
der Liebe die Fortpflanzung, was sollte dann, fragt man 
unwillkürlich, der Zweck dieser unermeßlichen Ver- 
schwendung von Lebenskeimen, Zeugungsstoffen und 
Liebeskraft sein, wie wir sie sowohl im Menschen, als im 
ganzen übrigen Naturreich finden. 

Ebenso wie, wenn man vom Fortpflanzungstrieb 
spricht, Folge und Zweck, Trieb und Wirkung, Resultat 
und Motiv miteinander verwechselt werden, so geschieht 
dies, wenn andere Begleiterscheinungen der Liebe als Teil- 
triebe für sich in Anspruch genommen werden. Moll hat 
einmal den Geschlechtstrieb in den Contrectations- und De- 
tumescenztrieb zerlegt, und viele Autoren haben diese Ein- 
teilung in derselben, oder wie Havelock Ellis, in etwas 
abgeänderter Weise übernommen. Es klingt sehr gelehrt, von 
Contrectations-, Tumescenz- und Detumescenz-Trieb, zu 
deutsch vom Annäherungs-, An- und Abschwellungsü ieb 
zu reden, es ist aber, genau betrachtet, um nichts wissen- 



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Phasen der Liebe. 



schaftlicher, als wollte man den Nahrungstrieb zerlegen in 
den Drang, sich den Speisen zu nähern und sie sich zu assi- 
milieren, oder den Defäkationstrieb in einen Annäherungs- 
trieb an die Toilette und einen Darmentleerungstrieb. Con- 
trectationstrieb ist eine Tautologie, denn es liegt im Wesen' 
eines jeden Triebes, daß er uns dorthin treibt, wo wir ihn 
befriedigen können, auch unterscheidet sich der Trieb, das 
geliebte Objekt dem Tastsinn fühlbar zu machen, in keiner 
Weise von dem Verlangen der übrigen Sinne nach Wahr- 
nehmung des anziehenden Gegenstandes. Tumescenz- und 
Detumescenz aber sind Begleiterscheinungen, wie Ejacula- 
tion und Orgasmus, so daß man mit demselben Recht auch 
vom Ejaculationstrieb sprechen könnte. Für die kausale 
Erkenntnis der Liebe ist mit solchen Einteilungen nicht das 1 
geringste gewonnen, und Professor Katte 18 ) trifft durch- 
aus das richtige, wenn er die Moll'sche Unterscheidung als! 
eine „wissenschaftlich nicht exakte" bezeichnet und in bezug 
auf diese Einteilung hinzufügt: „. . . Sein ganzes Vorgehen 
zeigt den oft zu beobachtenden Fehler ungründlicher For- 
schung, daß man gegenüber der Kompliziertheit eines Er- 
scheinungskomplexes durch Schaffung neuer Begriffe oder 
gar nur Worte die Schwierigkeit der wissenschaftlichen 
Erkenntnis behoben zu haben glaubt, während man es an 
einer Erklärung der Erscheinungen fehlenläßt" 
Um das Naturgesetzliche in der Liebe zu erfassen, 
müssen wir uns genau ihre drei Phasen: die zentripetale, 
zentrale und zentrifugale klarmachen, aus denen sich 
der Reflexmechanismus der Liebe zusammensetzt. Äußere 
Sexualreize treffen die Nervenendigungen der Körperober- 

18 ) Prof. Dr. Max Katte: Die Praeliminarien des Geschlechts- 
aktes; ihre physiologische und psychologische Erklärung in der Zeit- 
schrift f. Sexualwissenschaft 1908, pag. 601 sqq. 



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Reflexe und Reflexionen. 



45 



fläche und dringen durch die sich an diese Endorgane an- 
schließenden Nervenbahnen in das Gehirn. Hier erzeugen sie 
eine sexuelle Spannung, die sich periodisch zu entspannen 
sucht. An die Stelle direkter Außenreize können als ein, 
wenn auch oft nur sehr unvollkommener Ersatz Erinne- 
rungsbilder, Phantasie-Vorstellungen treten. Diesem re- 
flektierenden Ablauf stehen Hemmungsmechanismen regu- 
lierend gegenüber. Sie werden teils durch Kontrainstinkte, 
teils durch Gegenvorstellungen gegeben, die auf hygie- 
nischen, ethischen, religiösen, sozialen oder anderen Ge- 
bieten liegen. Es stellt sich so die Liebe des Menschen als 
ein Kampf zwischen Reflexen und Re- 
flexionen dar, als ein Zusammenwirken von Instinkt 
und Intellekt. 

Was den Reflexvorgang der Liebe aber nun um so 
vieles komplizierter macht als die meisten der uns sonst 
bekannten Reflexe, ist zweierlei. Während bei den anderen 
der Reiz nur von einem Sinnesorgan oder einigen wenigen 
Nervenendpunkten ausgeht, kann bei der Liebe der lust- 
betonte Reiz, der zur Sexualspannung führt, von jeder 
Stelle der Körperoberfläche, vermutlich von jeder einzigen 
Nervenendzelle, seinen Ausgang nehmen. Mantegazza 
bemerkt einmal: „. . . Kein Teilchen eines liebenden Mannes 
kann ungestraft ein Teilchen eines liebenden Weibes be- 
rühren; und wäre die Berührung auch flüchtiger als der 
Blitz gewesen, so hat doch jedes Molekül etwas von dem 
Wesen der fremden Natur angenommen, hat in dieser et- 
was von dem seinigen zurückgelassen." 

Ferner handelt es sich bei der Liebe nicht um einen 
einfachen, sondern um einen Treppenreflex mit un- 
endlich vielen Stufen, wobei zunächst außer Betracht 
bleiben kann, an welcher Stelle diese Reflexleiter hemmend 



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Treppenreflexe. 



durch jene Form des Denkens, die man als Bedenken zu 
bezeichnen pflegt, unterbrochen wird. 

Greifen wir zur näheren Veranschaulichung einige 
Reflexbögen heraus. Staffel eins: Blondes lockiges Haar 
erregt die periphere Ausbreitung eines Sehnerven. Dieser 
Anblick ruft im Gehirn ein Lustgefühl wach, das die Hand 
dazu führt, liebkosend das schöne Haar zu streicheln. 
Staffel zwei: Diese Handlung bewirkt durch den Reiz, den 
das weiche Haar an den Fingerspitzen hervorruft, ein ge- 
steigertes Lustgefühl, das dazu treibt, das Haar zu küssen. 
Staffel drei: Diese Tätigkeit erregt die zarten Tastkörper- 
chen der Lippenschleimhaut, veranlaßt so eine stärkere 
Luststeigerung, welche zu innigerer Umarmung drängt und 
in dieser Weise geht es hirnaufwärts und hirnabwärts 
weiter und weiter, bis entweder eine Unterbrechung oder 
eine Lösung und Erlösung von dem inneren Drang und 
Druck stattfindet. Wir sehen dabei, daß die so eng mitein- 
ander verbundenen Dreieinheiten — Reiz — Lust — Re- 
aktion — sich um so unmittelbarer folgen, je höher die 
Climax ansteigt, indem jede Liebeshandlung die frühere 
Reizung mehrt und der so summierte Reiz verstärkte 
Tätigkeit erheischt. Die im Präludium des Liebes- 
akts noch unregelmäßigen Aktionen werden dement- 
sprechend immer schneller und rhythmischer, die willkür- 
liche Beeinflussung infolgedessen immer schwieriger, bis 
schließlich der nach möglichster Lusthöhe drängende Me- 
chanismus, ganz ähnlich wie Goltz es bei enthirnten Tieren 
demonstrieren konnte, fast automatisch funktioniert. Dieser 
Automatismus drückt sich auch in dem fast unbelebten 
Ernst aus, der nach voraufgegangenen Liebesscherzen sich 
in den letzten Stadien der Liebe findet. Sterne sagt im 
„Tristam Shandy": „There is no passion so serious as 



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Ernst der Lust. 



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Lust." Und Schopenhauer fügt hinzu: „. . . In der Tat ist 
die Wollust sehr ernst. — Denke Dir das schönste, lieb- 
reizendste Paar, wie sie voll Grazie im schönen Liebesspiel 
sich anziehen und zurückstoßen, begehren und fliehen, ein 
süßes Spiel, ein lieblicher Scherz. Nun sieh* sie im 
Augenblicke des Genusses, der Wollust — all* jener Scherz, 
all' jene sanfte Grazie ist urplötzlich verschwunden und hat 
einem tiefen Ernst Platz gemacht." .... 

Wir haben dreierlei zu untersuchen. Erstens: die 
Sexualreizung, den zentripetalen Teil der Liebe, 
den Liebeseindruck, zweitens: die zentrale 
Aktion, die Spannung, den Abdruck, den Liebesdrang, 
drittens: die Entspannung, die zentrifugale Phase, 
den Liebesausdruck; mit noch anderen Worten die 
Liebesempfindung, die Liebesvorstellung 
und die Liebesbetätigung. 

Die Eintrittspforten der Liebe sind die Sinne. Jede 
Liebe ist sinnlich, mußsinnlichsein. Der üble Bei- 
klang, den das Wort Sinnlichkeit erhalten hat, ist unver- 
dient. Es ist eins der vielen, durch die Askese herabgewür- 
digten und in Verfall geratenen Worte, wie Lust, Wohllust 
(Wollust), lüstern usw. 

Diese Eingangstore sind über die ganze Körperober- 
fläche ausgebreitet, hier liegen Millionen Empfangsstationen 
von eigenartiger Empfindsamkeit, sensorische Reizstellen, 
an denen das liebende Objekt auf das liebende Subjekt ein- 
wirken kann. Allein in der Haut (ohne Kopf) enden nicht 
weniger als 1 032 730 Nervenfasern. Mit Recht bezeichnet 
man alle Einwirkungen auf die Nervenendigungen als 
Eindrücke, denn wir wissen heute, daß die von den 
Dingen der Außenwelt in Form von Wellenbewegungen 



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Eintrittstore der Liebe. 



ausgehenden Schwingungen in der Tat auf unserer Außen- 
decke einen meßbaren Druck ausüben. 

Damit wir etwas als Reiz wahrnehmen, ist zweierlei 
notwendig: einmal ein Ding, in unserem Falle ein Mensch, 
von dem die Strahlungen ausgehen, und zum zweiten: eine 
Stelle an unserer Außenfläche, die für diese Strahlen emp- 
fänglich ist. Wir haben nur für das Sinn, wofür wir ein( 
Sinnesorgan besitzen. Nehmen wir einmal an, wir hätten 
keinen Geruchssinn, gewiß würden uns auch dann die 
Blumen erfreuen, aber nur durch ihren Anblick; daß sie 
duften, bliebe uns unbekannt. So mögen viele Dinge Eigen- 
schaften haben, von denen wir nichts wissen, weil wir für 
sie kein Organ besitzen. Viele Lebewesen haben Sinnes- 
werkzeuge, durch die ihnen Reize und Reflexe vermittelt 
werden, die wir nicht kennen. 

Der Bgp und die Leitungen unserer Sinne haben sich 
ja unendlich viel komplizierter herausgestellt, als Johannes 
Müller es ahnte, als er 1826 andeutungsweise und 1840 aus-i 
führlich seine mit vollem Recht so berühmten Gesetze von 
den spezifischen Sinnesenergien veröffentlichte. Heute wird 
angenommen, daß nicht nur jeder Sinn, sondern jede ein- 
zelne der vielen nach Millionen zählenden Sinnesfasern ihre 
eigene spezifische Energie besitzt, durch die sie eine ganz 
bestimmte Empfindung im Zentralnervensystem zur Aus- 
lösung bringt, daß also den verschiedenen Tönen, Farben 
und Gerüchen, den einzelnen Geschmacks- und Gefühls- 
qualitäten verschieden konstruierte und abgestimmte End- 
apparate entsprechen. Auch hier müssen uns wieder viele 
Eigenschaften entgehen, wenn wir innerhalb unserer Sinnes-» 
organe für sie keine abgestimmten Zellen besitzen. 

Es genügt aber nicht, daß Strahlungen von Personen 
oder Dingen unsere Körperoberfläche treffen, damit sie als 



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Tropismen. 



49 



Eindruck von uns empfunden werden. Oft sind die Rei- 
zungen so leise und fein, daß sie die Reizschwelle der 
Wahrnehmbarkeit nicht erreichen, und dann sind wir an 
die weitaus meisten Außenreizungen so gewöhnt, daß wir 
nicht mehr auf sie achten. So geht das Meiste im Leben 
unbemerkt an uns vorüber, wir stehen ihm indifferent gegen- 
über, und nur eine Minderzahl von Eindrücken nimmt 
unser Organismus wahr, nämlich die, welche sich durch 
ihre Stärke unserem Gesichtskreis oder den anderen Sinnes- 
feldern aufdrängen, oder die, auf welche wir uns einstellen, 
die uns „interessieren". 

Wir wollen später genauer darzulegen versuchen, was 
es im sexuellen Leben mit diesem „Interesse" für eine Be- 
wandtnis hat. Hier zunächst nur so viel, daß sich die Auf- 
merksamkeit einem Dinge dann zuwendet, wenn nervöse 
Endstellen auf optischem, chemischem, elektrischem oder 
mechanischem Wege erregt werden. Die moderne Reiz- 
physiologie hat für diese unwillkürlichen Reaktionen den 
Ausdruck Tropismen eingeführt. Wir verstehen dar- 
unter seit Lobs wichtigen Arbeiten gesetzmäßige Be- 
wegungen, welche die Lebewesen auf be- 
stimmte äußere Reize hin ausführen. 

Für unser Thema ist vor allem die Tatsache von Be- 
lang, daß viele der wahrgenommenen Sinnesreizungen von 
einem bestimmten Gefühlston begleitet werden; ich sage 
viele, nicht alle, denn auch unter den uns bewußt werden- 
den Eindrücken verlaufen viele unbetont, sie lassen uns 
gleichgültig, wir stehen ihnen neutral gegenüber. Die nicht 
indifferenten Sinneseindrücke aber lösen Gefühlstöne in 
verschiedenen Stärkegraden aus, und zwar entweder posi- 
tive oder negative. Die positiven empfinden wir als wohl- 
tuend, lebenssteigernd, wir nennen sie lustbetont; die ne- 

Hirschfeld, Naturgesetze der Liebe. 4 



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50 



Mutterliebe. 



gativen oder unlustbetonten Eindrücke wirken auf uns 
störend, die Stimmung und Lebenslust herabsetzend ein. 
Von der Summe seiner positiven oder negativen Gefühls- 
töne hängt es ab, ob ein Mensch sich glücklich oder un- 
glücklich fühlt. 

In den Beziehungen der Menschen untereinander kom- 
men alle Gefühlstöne in verschiedenen Gradabstufungen 
vor; der eine ist uns gleichgültig, ein anderer angenehm, 
ein dritter unangenehm. Je nachdem ein Mensch in uns 
positive oder negative Gefühlstöne auslöst, zieht er uns an 
oder stößt er uns ab. 

Aber nicht alle Sinneseindrücke, die auf uns angenehm 
wirken, üben einen sexuellen Reiz aus. Wir können nur 
solche als Sexualreize bezeichnen, die im Zentralorgan 
Spannungen hervorrufen, die zu Sexuallösungen 
drängen. Das ist bei der Empfindung, die ein Mensch für 
einen andern hegt, durchaus nicht immer der Fall. Vor allem 
beruht vielfach das Angezogenwerden gar nicht auf Eigen- 
schaften, die körperliche oder geistige Vorzüge darstellen. 
Wie unendlich groß ist die Liebe der Mutter zum Kind. 
Gewiß freut sich auch die Mutter des blühenden, schönen 
Aussehens ihres Kindes, aber das elende, leidende, ver- 
krüppelte Kind ist in demselben Maße, oft sogar mehr, ein 
Gegenstand ihrer Mutterliebe. Mag diese im allerletzten 
Grunde auch im Sexuellen wurzeln — wir wissen nichts 
Sicheres darüber zu sagen — , so wäre es sicherlich doch 
ein Fehler, wollte man diese Anziehung der sexuellen gleich-» 
setzen. Gustav Jäger drückt einen ähnlichen Gedanken ein- 
mal in folgender Weise aus: ff . . . Die Liebe, welche Mutter 
und Kind verbindet, ist fleischlich, aber keineswegs sexu- 
elle Liebe, denn dem Kinde fehlen ja die Sexualdüfte völlig; 
aber die Mutter liebt das Fleisch des Kindes, deswegen 



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Körperliche Sensationen. 51 

küßt sie dasselbe oft am ganzen Leibe und schmiegt sich 
innig an dasselbe und umgekehrt: das Kind saugt am 
Fleisch der Mutter." 

Auch die Kindesliebe, die Anhänglichkeit an und Ver- 
ehrung des Kindes für die Eltern, nicht selten auch an 
die Großeltern, beruht, von verschwindenden Ausnahmen 
(wie uns eine solche etwa Sophokles im Oedipus schildert) 
abgesehen, auf anderen Vorgängen als Sexualreizen und 
Sexualspannungen, und zweifellos gibt es auch sonst viele 
andere Sympathien, die nicht erotischer Natur sind. Es 
ist theoretisch an sich möglich, und kommt auch tatsachlich 
vereinzelt vor, daß in alle diese Inklinationen gelegent- 
lich einmal ein erotischer Einschlag hineinspielt, namentlich 
scheint auch die Geschwisterliebe häufiger, als man dies 
anzunehmen geneigt ist, eine leichtere oder stärkere ero- 
tische Färbung zu besitzen, aber als Regel kann hier von 
sexuellen Erregungen und Reizungen nicht die Rede sein. 
Es fehlen bei allen diesen unerotischen Beziehungen vor 
allem die körperlichen Sensationen, wie sie — um 
aus unendlich vielen Literaturbeispielen nur ein markantes 
herauszugreifen — etwa Werther 19 ) in den Worten schil- 
dert: „. . . Ach wie mir das durch alle Adern läuft, wenn 
mein Finger unversehens den ihrigen berührt, wenn unsere 
Füße sich unter dem Tische begegnen! Ich ziehe zurück 
wie vom Feuer, und eine geheime Kraft zieht mich wieder 
vorwärts." 

Solche Empfindungen sind der nichterotischen „Ge- 
sinnung" nicht eigen. In der gewöhnlichen Freundschaft 
herrscht der Gedanke. Das Geistige tritt hinter dem Kör- 
perlichen zurück, während in der Liebe das Körperliche 

*•) Die Leiden des jungen Werther. Seite 28. 

4* 



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52 



Freundschaft und Liebe 



das Geistige beherrscht. Die Freundschaft beruht auf gegen- 
seitiger Achtung, ähnlichem Anschauungen, gleichen ideellen! 
und praktischen Bestrebungen. Sie gründet sich im wesenfc 
liehen auf Übereinstimmung, die Liebe auf Verschiedenheit 
der Individualitaten, obzwar auch in freundschaftlichen Be- 
ziehungen verschiedene, in der Liebe wesensgleiche Züge 
vorhanden zu sein pflegen. Weininger, der im übrigen die 
Begriffe von Freundschaft und Liebe wenig scharf trennt, 
macht an einer Stelle seines Werkes die feinsinnige Bemer- 
kung: 20 ) „. . . Die Liebe ist wie der Haß ein Projektions- 
phänomen, die Freundschaft ein Äquationsphänomen", und 
fügt dann hinzu: „Die Voraussetzung der Freundschaft ist 
gleiche Geltung beider Individuen, die Liebe aber ist stets 
ein Setzen der Ungleichheit und Ungleichwertigkeit." 

Zur Charakterisierung des Wesens beider Affekte sei 
einiges aus der Zuschrift eines Mannes hinzugefügt, wel- 
cher sowohl über die Freundschaft, als über die Liebe in 
einem reichen Leben viel Erfahrungen gesammelt hat: 
„Freundschaft, u führt er aus, „ist die innige, aber leiden- 
schaftslose Zuneigung zu einem Menschen, das Bedürfnis, 
mit ihm über alles, was mich bewegt, Gedanken auszu- 
tauschen, ihm nahe zu sein in Stunden der Trauer und 
Freude, ihn zu trösten und zu stärken, das Verlangen, mich 
selbst im Verzagtsein an ihm aufzurichten, mit ihm meine 
Freude zu teilen. Liebe? Das heiße Sehnen nach einem 
Menschen und seinem Wesen zu allen Stunden, allen Zeiten, 
das unendliche Schönheitsgefühl, mit dem seine Gegenwart, 
mit dem das Bewußtsein allein schon, daß ein solcher 
Mensch lebt, mein Dasein erfüllt, das Aufgehen meiner 

20 ) Geschlecht und Charakter, Eine prinzipielle Untersuchung 
von Dr. Otto Weininger. Zweite, mehrfach verbesserte Auflage. 
Wien und Leipzig, Wilhelm Braumüller 1904, pag. 326. 



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Pansexualismus. 



53 



Person in seine und die daraus sich ergebende Geburt von 
etwas Anderem, Höherem, Besserem in mir. Es gibt für 
mich viele Freunde, ohne daß ich für sie dieses Gefühl der 
Liebe empfände, es gibt aber keinen geliebten Menschen, 
der nicht meine treueste Freundschaft besäße." Mit Recht 
deutet hier der Schreiber an, daß sexuelle und nichtsexu- 
elle Anziehung sich in dem Verhältnis eines Menschen zu 
einem anderen nicht ausschließen, daß sie nebeneinander in 
verschiedenen Stärkegraden vorkommen können. So kann 
zu einer leichten erotischen Anziehung, die nicht zu sexu- 
ellen Akten zu führen braucht, eine sehr entwickelte Freund- 
schaft treten, und heftige Liebesleidenschaft kann mit kame- 
radschaftlicher Schätzung verbunden sein. Wenn das Feuer 
der Liebe erloschen ist, glimmt oft noch die Flamme der 
Freundschaft lange erwärmend weiter. 

Ist die Neigung der Menschen zueinander zweifellos 
sehr häufig keine sexuell betonte, so ist es die der Menschen 
zu den Dingen noch viel weniger. Manchem mag die 
Erwähnung dieses Umstandes überflüssig erscheinen, sie 
erscheint aber nötig angesichts der bei manchen Psycho- 
logen, namentlich neuerer Zeit, wieder unverkennbar her- 
vortretenden Richtung, einen Pansexualismus an- 
zunehmen, der alles auf Sexualität zurückführt. 

Die schöne Landschaft, die unser A u g e oft so unge- 
mein erfreut, die Wunder des Meeres und der Berge, zu 
denen wir uns so hingezogen fühlen, rufen in uns Lust- 
und Glücksgefühle wach, die aber sicherlich nicht als ero- 
tische anzusprechen sind. Ebenso werden die übrigen 
Sinne, das Ohr durch die Musik, der Geruchssinn durch 
den Duft der Blumen, der Geschmacks sinn durch das 
Aroma der Früchte lustbetont erregt, aber nicht im sexu- 
ellen Sinne. Auch der Haut sinn, wenn auch seltener, er» 



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54 Liebe zu Kunstwerken. 

freut sich unerotischer Lustgefühle. Vielen ist es wohl- 
tuend, wenn der kühle Wind ihre Haut umspielt, die Welle 
sie vorwärts drängt. Im Orient kann man noch jetzt in 
den Händen von Millionen würdig aussehender Männer 
rosenfcranzartige Spielketten aus allen möglichen Holz- und 
Steinarten erblicken, die keine andere Bedeutung haben, als 
den Tastsinn durch Kitzelgefühle zu erfreuen. Wer möchte 
wohl behaupten, daß der Anblick des Niagara, die neunte 
Symphonie Beethovens Sexualreize sind? 

Sehr viele Sinneswahrnehmungen wirken lustbetont, 
weil sie der Erhaltung unser selbst förderlich sein können; 
so der Eindruck eines leckeren Mahls, einer schönen woh- 
ligen Kleidung und Wohnung. Die Freude an der künst- 
lerischen Gestaltung unserer Umgebung ist aus vitalen Ur- 
sachen schon schwieriger abzuleiten, wenn man nicht mit 
Bö Ische annehmen will, daß den Lebewesen das Streben! 
nach harmonischer Formung an und für sich als Natur- 
trieb eigen ist. 

Auf die Beziehungen, welche das künstlerische 
Schaffen zu dem Liebesempfinden hat, werden wir 
erst genauer einzugehen haben, wenn von der Erhöhung 
der Leistungsfähigkeit durch den Liebeswettbewerb und 
von der sexuellen Entspannung durch künstlerische Lei- 
stung die Rede ist. Hier, wo wir von den Reizbarkeiten 
handeln, haben wir es nur mit den Lustempfindun- 
gen zu tun, welche Kunstwerke im Zuschauer und Zu- 
hörer auslösen. Da sind zunächst die vielen künstlerischen 
Darstellungen in Betracht zu ziehen, welche wir lustbetont 
empfinden, weil sie uns ein Abbild der Objekte geben, die 
uns reizen. Viele Männer und Frauen stehen entzückt vor der 
Venus von Milo und dem Apollo von Belvedere, ja vor der 
Sixtinischen Madonna, ohne sich deutlich bewußt zu werden, 



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Uebertragungen der Liebe 



55 



daß es nicht das Künstlerische an sich ist, was sie so un- 
gemein fesselt, sondern die vollendet dargestellte Schönheit 
der menschlichen Erscheinung. In der Fachliteratur findet 
sich mehr als ein extremer Fall verzeichnet, in denen Jüng- 
linge und Männer vor Madonnen masturbierend betroffen 
wurden. 21 ) Im Jahre 1894 wurde in Paris eine vom Bild- 
hauer Dampt in Stahl und Elfenbein ausgeführte Gruppe 
„Die schöne Melusine und der Ritter Raymond" entwendet. 
Der Täter war ein junger Künstler, der sich in die Gruppe 
verliebt hatte, vermutlich ein „Voyeur". Trotz der 
Fürsprache Dampfs wurde er verurteilt und nahm sich bald 
darauf aus Scham und Reue über seine Tat im Gefängnis 
das Leben. Von der Mona Lisa, die jüngst auf so rätsel- 
hafte Weise aus dem Louvre verschwand, schrieb einst 
Michelet, der berühmte Verfasser von „Pamour a : 
„. . . Dieses Bild zieht mich an; es ruft mich zu sich; es 
reißt mich hin, es nimmt mich vollkommen ein; ich gehe 
zu ihm wider Willen, wie der Vogel zur Schlange fliegt." 

Oft beruht die Freude an gewissen Gesichts-, Gehörs- 
und Geruchseindrücken auf unbewußten Gedanken- 
verbindungen, welche auf sexuelle Erinnerungsbilder zu- 
rückgehen. Eine Frau teilte mit, daß Ledergeruch ihr ero- 
tische Wallungen verursache. Mehrere Personen berichteten 
ähnlich vom Heugeruch. Auch der berauschende Duft von 
Lindenblüten und Jasmin übt ähnliche Wirkungen aus. 
Ebenso ist es mit bestimmten Tönen und Melodien. 
Werther schreibt an Wilhelm: „Sie hat eine Melodie, die 
sie auf dem Klaviere spielet mit der Kraft eines Engels, so 
simpel und so geistvoll! Es ist ihr Leiblied, und mich stellt 
es von aller Pein, Verwirrung und Grillen her, wenn sie 

") 8. Havelock EUis „Qattenwahl" Seite 230 über Pygmalio- 
nismu9. 



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Assoziative Verknüpfungen. 



nur die erste Note davon greift. Kein Wort von der alten 
Zauberkraft der Musik ist mir unwahrscheinlich. Wie mich 
der einfache Gesang angreift! Und wie sie ihn anzubringen; 
weiß, oft zur Zeit, wo ich mir eine Kugel vor den Kopf 
schießen möchte! — Die Irrung und Finsternis meiner 
Seele zerstreut sich, und ich atme wieder freier . . . • 

Von einer anderen assoziativen Übertra- 
gung berichtet er kurz darauf am 18. Julius dem 
Freunde: „. . . Heute konnte ich nicht zu Lotten; eine un- 
vermeidliche Gesellschaft hielt mich ab. Was war zutun? 
Ich schickte meinen Diener hinaus, nur um einen Menschen 
um mich zu haben, der ihr heute nahe gekommen wäre. 
Mit welcher Ungeduld ich ihn erwartete, mit welcher 
Freude ich ihn wiedersah! Ich hätte ihn gern beim Kopfe 
genommen und geküßt, wenn ich mich nicht geschämt 
hätte. Man erzählt von dem Bononischen Steine, daß er, 
wenn man ihn in die Sonne legt, ihre Strahlen anzieht, und 
eine Weile bei Nacht leuchtet. So war mir's mit dem Bur- 
schen. Das Gefühl, daß ihre Augen auf sei- 
nem Gesicht, seinen Backen, seinen Rock- 
knöpfen und dem Kragen am Surtout ge- 
ruht hatten, machte mir das alles so 
heilig, so wert! Ich härte in dem Augenblick den 
Jungen nicht um tausend Taler gegeben. Es war mir so 
wohl in seiner Gegenwart. Bewahre dich Gott, daß du 
darüber lachest! Wilhelm, sind das Phantome, wenn es 
uns wohl ist?" 

Derartige assoziativeVerknüpfungen, wie 
sie uns hier Goethe so poetisch veranschaulicht, sind häufig 
sehr verschlungen und halten sich meist unter der Schwelle 
des Bewußtseins. Ich führe noch einige Beispiele aus dem 
Leben an. Ein Mann aus der Mark Brandenburg hatte 



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Ola Hansen 



57 



eine große Sympathie für die an der Nord- und Ostseeküste 
liegenden Teile Deutschlands, und eine fast ebenso starke, 
ihm zunächst unerklärliche Antipathie gegen Süddeutsch- 
land. Alles, was mit dem Meere zusammenhing, zog ihn 
mächtig an. Er liebte leidenschaftlich den Wassersport. Die 
Sprache der Hannoveraner, Mecklenburger und Holsteiner 
klang ihm „wie Musik". Der süddeutsche Dialekt irritiertes 
ihn dagegen. Er aß am liebsten Seefische, der Geruch vort 
Tauen, Teer und Tang tat ihm wohl. Es ergab sich, daß 
diesen Mann von Jugend auf die nordländischen Frauen- 
typen, die blonden, gesunden, großen Mädchen, wie sie 
besonders häufig in Friesland und Holstein vorkommen, 
besonders anzogen. Von dieser erotischen Anziehung aus 
scheint sich die lustbetonte Assoziation weiter entwickelt und 
seine Geschmacksrichtung, seine Lebensanschauung, seine 
politischen und sonstigen! Ansichten in entscheidender Weise 
beeinflußt zu haben. 

Es gibt mehr als einen Anhänger der Frauen- 
stimmrechtsbewegung, der von sich selbst überzeugt ist, 
er sei ein Freund der „Emanzipation", während er in 
Wirklichkeit nur ein Freund der „Emanzipierten" ist. Er 
fühlt sich zu den selbstbewußten, selbständigen, sicher auf- 
tretenden Frauen hingezogen, sucht die Stätten auf, wo er 
sie sehen und hören kann, und von dieser Sympathie aus 
übertragen sich die Assoziationen auf das, was diese 
Frauen anstreben und vertreten. 

Noch ein letztes Beispiel sei hier angeführt. Ola 
Hanson, einer der feinsten Sexualpsychologen unter den 
zeitgenössischen Dichtern, läßt eine seiner Gestalten folgen- 
des sagen: „Sie wissen, ich habe mich in den April und 
Mai verliebt, in die ersten zaghaften Knospen auf den 
dürren Zweigen, in die weißen Anemonen auf noch halb 



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Heroenkult 



gefrorener Erde, in die zarten Apfelblüten auf dem blätter- 
losen Ast, die unter dem ersten Schnee oder Regenschauer 
verderben, in all* diese „puberte" souffrante", 
die das Feinste, Verletzüichste, Gefährlichste und Ver- 
sprechendste ist, was es gibt, und darum liebe ich 
die Monate, wo air das hervorbricht, den Jubel und 
den Schmerz und den Kummer, den sie wecken, und die das 
Herz so groß und so warm machen, und die Hand so 
groß und so gierig." 

Zweifellos gibt es eine Menge Anschauungen auf den 
allerverschiedensten Gebieten, die mit Sexualität zunächst 
nicht die mindeste Beziehung zu haben scheinen, sich aber 
durch unbewußte Ideenverbindungen aus einem ge- 
gebenen erotischen Fundament ableiten. So 
beruht, um nur eins herauszugreifen, der unter den Men- 
schen so weit verbreitete Heroenkult, beispielsweise der 
heute mehr denn je in allen Ländern und Ständen weitver- 
breitete Napoleonkult, nicht selten auf passivistischen, 
um nicht zu sagen masochistischen Einschlägen in der» 
Psyche vieler Menschen. 

Es läßt sich nicht leugnen, daß manche Neigungen zu 
leblosen Dingen in der Tat fast den Eindruck hervor- 
rufen, als trügen sie einen direkt erotischen Charakter. 
Auch hier ein Beispiel: Dr. Körber erzählte einmal den Fall 
eines jungen Mädchens, das ich später selbst persönlich 
kennen lernte, welches sich in eine große, schöne Kristall- 
schale verhebt hätte. Sie ging täglich vor das Schaufenster, 
hinter dem die Schale stand, um sich an ihrem Anblick zu 
weiden. Eines Tages war das Gefäß verschwunden, ein 
Käufer aus dem Auslande hatte es erworben. Dem Mäd- 
chen aber war es, als sei ihr jemand gestorben, und lange 
schmerzte sie eine Sehnsucht, der sie kaum Herr werden 



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Liebe zu leblosen Dingen. 



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konnte. Der Fall scheint mir so merkwürdig, daß ich der 
brieflichen Schilderung der jungen Dame, die angibt, Men- 
schen gegenüber anerotisch zu sein, selbst Raum geben 
möchte: „Schon in meiner frühesten Kindheit," schreibt sie 
mir, „gab ich mich den Wonnen des Kristalls hin. Wie diese 
Liebe in mir erwachte und wodurch, kann ich nicht sagen; ehe 
sie sich auf die Kristallgegenstände unseres Hauses verschlug, 
verleitete sie mich schon zu kühnen Träumen von Kristall- 
Palästen, die es irgendwo auf der Erde geben mußte — 
ich quälte meine Umgebung mit der Frage, wo dies Land 
liege — , aber da es mir kein Mensch sagen wollte, wußte 
ich, daß ich es mir dereinst selbst suchen würde. Ich saß 
dann später stundenlang vor Bildern, die ich in Büchern 
gefunden, wo Grotten von Eis und phantastische Gebilde 
mich fesselten, und ich verlor mich in der Vorspiegelung 
der Spiele von Licht in den kristallenen Formationen. Der 
Einsatz mit Essig und öl war eine Zeitlang für mich das 
Schönste, was auf dem Tische stand. Ich freute mich wäh- 
rend des ganzen Mittagessens auf das Kompott, da es 
solches von Kristalltellern gab — und wenn ich es end- 
lich vor mir hatte, konnte ich vor Aufregung nicht essen, 
denn es war so etwas Unfaßbares, die Brechung von all' 
dem Licht und dann der sonderbare Lichtrand, den die 
Sauce da hervorrief, wo sie den Teller berührte. — Zum 
Geschmack vieler Dinge, sowohl eß- wie trinkbarer, hat 
das Kristall immer viel beigetragen und es gibt manches, 
das mir nur von Kristall genießbar wäre. — Einmal fand 
ich auf der Wiese an unserem Hause in ein Papier einge- 
wickelt ein Prisma von einem Kronleuchter. Als ich das 
Papier aufrollte und die Sonne sich funkelnd in dem Kri- 
stall brach, wurde ich heftig erregt und masturbierte. — An 
einem Kronleuchter mit Kristallprismen versenkte ich mich 



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Kristallfetischismus, 



immer wieder in die Brechungen des Lichts und ließ mich 
von dem Farbenspiel betören. — Ich studierte den Kron- 
leuchter während der verschiedenen Beleuchtungen des 
Tages; ich wußte, wann die Sonne sich darin fangen 
würde, und ich unterließ es nie, um die Stunde meinen Be- 
such bei ihm zu machen. Das strahlende Licht, was zu 
allen Seiten sprühte, bereitete mir einen außerordentlichen 
Genuß — es war, als wenn es wie feiner Goldstaub durch 
mein Blut sickerte — , ich fühlte es heiß durch meinen 
ganzen Körper rieseln bis zur Ermat- 
tung. — Oftmals ging ich in Geschäfte und frug nach 
den Preisen verschiedener Kristallschalen, Gläser, Karaffen 
usw., nur ein Vorwand, die verschiedenen Gegenstände in 
die Hand nehmen zu können, mit ihnen in Berührung zu 
kommen, über den Schliff streichen zu können, aber vor 
allem ihre Schwere zu spüren; die Schwere kostbarer 
Kristalle bereitet mir eine ganz sonderbare Freude. — Im 
Alter von 20 Jahren hatte ich an dem Schaufenster eines 
Geschäftes eine Kristallschale von außerordentlicher Schön- 
heit entdeckt. Sie schien mir mit ganz besonders myste- 
riösem Schleier das vielfache Licht diskret zu verhüllen, um 
desto verlockender anzuziehen. Jeden Tag mußte 'ich ein- 
mal an dieses Fenster, das Wunder anzusehen, ich träumte 
von Räumen, wo sie stehen müßte, von eigenartigen Tisch- 
chen mit einer Platte aus Edelgestein als Untergestell für 
sie, von farbigen Seiden auf denen sie ruhte und die sich mit 
ihren matten Tönen vielfach darin schmeichelten. Am lieb- 
sten aber dachte ich sie mir auf einer Platte aus dunklem 
Silber, einfach und ruhig, wo keine Farbe sich in ihr Far- 
benspiel mengen würde. Dann stellte ich sie mir in der 
Mitte eines Raumes auf einem hohen, schlanken Unterbau 
vor. Es mußte Halbdunkel dort sein, an den Wänden nur 



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Anhänglichkeit an Tiere. 



61 



einige Kerzen aus Wachsleuchtern. Ich würde dann öl 
hineinschütten — ein wasserklares öl, aber schwer und 
dickflüssig, daß der Schliff eigenartiges Licht flimmern und 
es unten in der Schale strahlen würde wie von Sternen. 
Dann wollte ich einen Rubin in das öl werfen, und ich 
konnte mir nicht Genüge tun an den Träumen über die 
Wunder, die sich mir alle enthüllen müßten. Ich ging in 
das Geschäft und frug nach dem Preis — ich wußte im 
voraus, daß er unerschwinglich für mich sei — , aber ich 
durfte bei dieser Gelegenheit das kostbare Stück in die 
Hände nehmen und seine Schwere fühlen. Ich überlegte 
hin und her, wie ich doch noch in seinen Besitz gelangen 
könnte — eines Tages war sie aus dem Fenster verschwun- 
den, und ich war sicher, daß sie verkauft sei; ich ging 
hinein und frug nochmals nach ihr und bei der Bestätigung 
grämte ich mich sehr . . . 

Auch die Anhänglichkeit an Tiere macht nicht selten 
einen etwas erotisch gefärbten Eindruck, von der Liebe man- 
cher alleinstehenden alten Jungfer oder Witwe zu ihren 
Schoßhündchen bis zu der Friedrichs des Großen zu seinen 
Windspielen. Mir fällt da ein Erlebnis aus meiner ärzt- 
lichen Praxis ein, das mir, als es sich ereignete, zunächst 
trotz des traurigen Anlasses ein Beispiel unfreiwilligen 
Humors erschien, bei tieferem Nachdenken jedoch nicht 
eines ernsteren Gehaltes entbehrt. Ich war lange Jahre 
Arzt bei einem alten Ehepaar gewesen. Eines Tages erlitt 
der Mann, ein höherer pensionierter Offizier aus altem 
Adel, einen Schlaganfall. Als ich in der Frühdämmerung 
gerufen wurde, konnte ich nur noch seinen Tod feststellen. 
Ich teilte es der Gattin so schonend wie möglich mit. Da 
erwiderte sie wörtlich: „Ach, Herr Doktor, was habe ich 
in diesem Jahr schon durchmachen müssen. Im Januar 



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Liebe und Soziabilität 



starb unser Papagei, im April mein Hund und jetzt noch 
mein Mann." 

Trotz aller dieser Beispiele halte ich die Ansicht, daß 
alle Sympathien im letzten Grunde auf erotischen An- 
ziehungen beruhen, daß jede, selbst die Zuneigung zu 
technischen Problemen, letzten Endes sexuell sei, für un- 
richtig. So gewiß wir die Bedeutung des sexuellen Faktors 
auch in seinen entferntesten Ausstrahlungen nicht unter- 
schätzen sollten, so ist doch sicherlich seine Über- 
schätzung, vor allem aber die gar zu weite Verallgemeine- 
rung des Begriffes Liebe, als sexueller Liebe, ein Übel. 

Wohl ist es möglich, daß entwicklungsgeschichtlich 
der soziale Instinkt aus sexuellen Attraktionen seinen 
Ursprung nahm, daß die Soziabilität und der Altruis- 
mus in atavistischen Zeiten von diesen Regungen aus- 
gegangen sind. Es ist auch wohl denkbar, daß die Liebe 
dasjenige Band war, welches die ohne sie nur auf sich 
bedachten Einzelwesen zuerst über das Selbsterhal- 
tungsbedürfnis hinauswachsen ließ, sie zu Verbänden ver- 
einigte, zu Herden und Horden, zu Gruppen und Gesell- 
schaften, aus denen sich schließlich Staaten entwickelten. 
Ich halte es auch keineswegs für ausgeschlossen, daß einj 
Rudiment dieser erotischen Empfindungen, eine ganz abge- 
schwächte Sexualität in überaus feinen und kleinen, unmerk- 
lichen Mitschwingungen auch heute noch in vielen mensch- 
lichen Beziehungen mitvibriert, die einen vollkommen un- 
erotischen Eindruck machen. 

Viele körperliche Berührungen, die heute als Symbole 
unter Bekannten und Verwandten gang und gäbe sind;, 
mögen, als sie in der Urzeit aufkamen, zunächst sexuelle 
Hautkontakte gewesen sein. Das gilt selbst von der heute 
so allgemeinen Sitte, sich einander die Hände zu reichen. 



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Liebessymbole. 



63 



In der Sprache, die ja so viel konservativer als die Sitte 
ist, hält ja noch heute der Mann um die „Hand" des 
Weibes an, und sie „reicht dem Manne die Hand fürs Leben*. 
Wie mit dieser Berührung der Hände, so ist es auch mit der; 
Verschlingung der Arme, dem „Unterhaken", ja selbst mit 
dem Kusse. Küsse und Umarmungen, wie sie bei Be- 
grüßungen und Verabschiedungen von Verwandten, bei Be- 
gegnungen von Staatsoberhäuptern alltäglich sind, sind zu 
Sympathiebezeugungen ohne sexuelle Betonung herabge- 
sunken. 

Welcher Unterschied zwischen dem kurzen, flüchtigen 
Händedruck sich begrüßender Freunde und dem langen, 
innigen zweier Menschen, die sich Heben, bei welchen von 
der Berührungsstelle aus ein Strom wohltuender Erschütte- 
rungen durch die Reihen der Neurone zum Zentralorgan 
zieht. Wie verschieden der oberflächliche Kuß der Eti- 
kette von jenem Kontakt der Lippen, bei dem die Summa- 
üon der Nervenreize zu einer weit im Körper irradiieren- 
den Hyperämisierung führt. In einer mir zugegangenen 
Zuschrift vergleicht einmal jemand die unerotischen Küsse, 
die er übrigens von seiner Frau erhielt, mit einer „Suppe 
ohne Salz a . 

Wenn Schiller in seinem Hymnus an die Freude in 
den ekstatischen Ruf ausbricht: 

„Seid umschlungen Millionen! 
Diesen Kuß der ganzen Welt" 

oder Goethe dichtet: 

„Glücklich, wer sich vor der Welt ohne Groll ver- 
schließt 

Einen Freund am Busen hält und mit ihm 

genießt", 



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Genotropismus 



so ist schwerlich anzunehmen, daß ihnen hierbei auch nur 
im Unterbewußtsein sexuelle Küsse und Berührungen 
vorschwebten. 

Aber mögen auch, um mit Schopenhauer zu reden, 
— „amor" und „Caritas" — eines Stammes sein, mag immer- 
hin die allgemeine Menschenliebe, die Nächstenliebe Christi 
und die „Fernstenliebe" des Antichrists Nietzsche ihre End-* 
wurzel in der Geschlechtsliebe haben, fürdieGegen- 
w a r t müssen wir uns an die zurzeit wirksamen Naturer- 
scheinungen und Naturgesetze halten, und diese lehren zur 
Gewißheit, daß die sexuelle Liebe eine besondere Ge- 
fühlsqualität ist, wenn man will, geworden ist, eine 
andere als es die allgemeine Menschenliebe und die vielen 
übrigen, ebenfalls als Liebe bezeichneten Zuneigungen sind. 

Wodurch aber, fragen wir nun noch einmal, 
unterscheidet sich die geschlechtliche Anziehung 
von der nichtsexuellen? Einmal dadurch, daß es das 
Äußere des Objekts ist, seine Gestalt, seine Bewe- 
gung, seine Stimme, von denen der eigenartige Reiz 
ausgeht, welcher das liebende Subjekt lustbetont er- 
schüttert, zweitens dadurch, daß die Sinnesorgane sich 
unwillkürlich nach den angenehm empfundenen Sinnesreizen* 
wenden. So wie die Pflanze sich nach den Regeln des He- 
liotropismus nach der Sonne kehrt, wie die Atome sich 
nach den Gesetzen des Chemotropismus zueinander be- 
geben, wie es nach den Prinzipien des Geotropismus einen\ 
Körper zu einem anderen treibt, so neigt sich ein Mensch 
demjenigen zu, von dem er unter dem Einfluß des Geno- 
tropismus angezogen wird. Das ist nicht etwa nur bild- 
lich zu verstehen. Das Wort sexus leitet sich von „sequi" 
= „folgen" ab, und in der Tat folgen spontan unsere 



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Innere Harmonisierung. 



65 



Sinne, Auge, Ohr und die anderen den angenehmen Ein- 
drücken, und mit den Sinnen folgt unser Körper und 
sucht der leichteren oder stärkeren Lustempfindung teil- 
haftig zu werden. 

Jeder kennt Beispiele, in denen ein Mensch weite 
Strecken zurücklegte und große Widerstände überwand und 
besiegte, um sich zu der Person zu begeben, zu der die 
Sinne ihn hindrängten. Erst, wenn das Wiedersehen end- 
lich bewerkstelligt war, und zwar oft lediglich 
durch dieses, trat der beruhigende Ausgleich, die 
innere Harmonisierung ein. Goethe hat sowohl im 
Werther, als auch in den Wahlverwandtschaften diese 
Anziehung trefflich zum Ausdruck gebracht. In 
Werthers Leiden heißt es: „. . . der Tag ist gar zu 
schön, ich gehe nach Wahlheim, und wenn ich nun 
da bin, ist's nur noch eine halbe Stunde zu ihr! — ich 
bin zu nah in der Atmosphäre — zuck!, so bin ich dort. 
Meine Großmutter hatte ein Märchen vom Mag- 
netberg: die Schiffe, die ihm zu nahe kamen, wurden 
auf einmal alles Eisenwerks beraubt, die Nägel flogen dem 
Berge zu, und die armen Elenden scheiterten zwischen den 
übereinanderstürzenden Brettern." 

Und in den Wahlverwandtschaften: „Nach wie vor 
übten sie eine unbeschreibliche, fast magische Anziehungs- 
kraft gegeneinander aus. Sie wohnten unter einem Dache; 
aber selbst ohne gerade aneinander zu denken, mit anderen 
Dingen beschäftigt, von der Gesellschaft hin- und herge- 
zogen, näherten sie sich einander. Fanden sie sich in einem 
Saale, so dauerte es nicht lange und sie standen, sie saßen 
nebeneinander. Nur die nächste Nähe konnte sie beruhigen, 
aber auch völlig beruhigen, und diese Nähe war genug; 

Hirschfeld, Naturgesetze der Liebe. 5 



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Liebesanziehung. 



nicht eines Blickes, nicht eines Wortes, keiner Gebärde, 
keiner Berührung bedurfte es, nur des reinen Zusammen- 
seins. Dann waren es nicht zwei Menschen, es war ein 
Mensch im bewußtlosen, vollkommenen Behagen, mit sich 
selbst zufrieden und mit der Welt. Ja hätte man eins von 
Beiden am letzten Ende der Wohnung festgehalten, das 
andere hätte sich nach und nach von selbst ohne Vorsatz 
zu ihm hinbewegt." 

Ich erinnere mich eines jungen Menschen, und wer 
wüßte nicht ähnliche Fälle anzuführen, der von seiner Fa- 
milie weit über das Meer geschickt wurde, um einer Nei- 
gung Herr zu werden, die von den Angehörigen als ein 
Unglück erachtet wurde und unter der er auch selbst litt. 
Kaum an dem entfernten Bestimmungsort angekommen, ar- 
beitete er sich auf einem Schiffe nach kurzer Zeit immer 
wieder zurück, meist unter nicht geringen Schwierigkeiten, 
bis er wieder die Stimme hörte und die Gestalt sah, ohne die 
er nicht leben zu können glaubte. So tauchte er, erst nach 
England, dann nach Amerika, schließlich nach Australien 
verschickt, von Sehnsuchtsweh getrieben, stets nach einigen 
Monaten vor dem Fenster des geliebten Objekts auf. Sein 
Erscheinen entsprach vollkommen der Beobachtung der 
Schmetterlingssammler, die uns berichten, daß, wenn sie 
im geschlossenen Zimmer ein Weibchen zum Ausschlüpfen 
bringen, alsbald außen am Fenster die passenden Männ- 
chen sichtbar werden, von denen sie nach Beschaffenheit 
der Gegend nachweisen können, daß sie aus Entfernungen 
von vielen Kilometern, den süßen Geruch witternd, heran- 
geflogen sind. 

Bei erotischen Anziehungen leichteren Grades ruft 
oft der Eindruck adäquater Sinnesreize ein Wohlgefühl wach, 



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Liebessättigung. 



67 



das den Träger der Empfindung meist nicht zum Bewußt- 
sein kommen läßt, daß es sich bereits um schwächere Zu- 
stände sexueller Erregung handelt. Dieses Unbewußtsein 
ist um so erklärlicher, als die Reizung, wie wir bei Be- 
sprechung der partiellen Attraktionen sehen werden, oft 
durch außerordentlich geringfügige Kleinigkeiten bewirkt 
wird, Eigenschaften, die nicht nur bei Unbeteiligten keine 
Beachtung finden, sondern infolge ihrer Winzigkeit von 
dem Betroffenen selbst lange Zeit nicht als das eigent- 
lich wirksame Agens erkannt werden. 

Selbst der strengste Asket läßt seine Blicke, ob er will 
oder nicht, angenehmen Eindrücken folgen und fühlt sich 
durch sie glücklicher und gehobener. Ein Priester teilte mir 
einmal über sich selbst folgendes mit: Wenn er die Kanzel 
betrete, um zu predigen, fahnde er erst nach Personen, die 
ihm gefielen. Der Anblick eines Menschen genüge ihm 
— fände er einen solchen in der Gemeinde, und meist sei 
dies der Fall — dann könne er frei und sicher auftreten, er 
beherrsche die Rede und ginge aus sich heraus; sei nie- 
mand unter seinen Zuhörern, mit dem er sich in diesen 
Kontakt setzen könne — er nannte dies selbst magnetische 
Anziehung — , dann fühle er sich unruhig, eingeengt, befan- 
gen und nur mit Mühe ringe er sich die Worte heraus. So 
fühlen sich die meisten Menschen, wenn sie sich in der Ge- 
sellschaft sie leicht erotisch anziehender Personen befinden, 
ohne daß die eigentliche Geschlechtlichkeit in Betracht 
kommt, gekräftigt. Ein Gruß, ein Blick, ein freundliches 
Zunicken der betreffenden Person beglückt sie. Sind sie in 
der Ausübung eines Sportes oder Spiels, beruflich oder 
außerberuflich mit ihnen zusammen, so verspüren sie ein 
Gefühl der Belebung und Sättigung. 

Je stärker eine Neigung ist, um so mehr und um so 

5* 



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Impressionen und Depressionen. 



häufiger sind die Sinnesorgane bestrebt, die wohltuenden 
Sinnesreizungen zu suchen. Dieses Suchen kann sich zu 
einer Sucht steigern, zu einer Sucht des Sehens, die, 
als Sehnsucht bezeichnet, einer der wesentlichsten Affekte im 
Liebesleben ist. Vermissen die Sinnesorgane nur kurze 
Zeit, etwa einige Tage, die sie so angenehm erregenden und 
befriedigenden Impressionen, so stellen sich bei den 
Liebenden Depressionen des nervösen Zentralorgans 
ein, wie sie ganz ähnlich bei der Entziehung narko- 
tischer Rauschmittel, etwa des Morphiums, beobachtet 
werden. Die Sehnsucht ist in der Tat ein der Rauschsucht 
verwandter Zustand des Nervensystems. Der Schmerz bei 
der Entbehrung macht oft erst die echte Liebe manifest; es 
können hier bei gewaltsamer Trennung ganz furchtbare 
Zustände grenzenloser Leere, namenlosen Jammers, ver- 
zweiflungsvollsten Verlangens eintreten, welche das ganze 
Seelenleben in Mitleidenschaft ziehen und nicht selten zum 
völligen Lebensüberdrusse führen. „Ach!" ruft der sehn- 
suchtskranke Werther aus, „diese Lücke, diese ent- 
setzliche Lücke, die ich hier in meinem Busen 
fühle ! Ich denke oft, wenn du sie nur einmal, nur einmal 
an dieses Herz drücken könntest, diese ganze Lücke würde 
ausgefüllt sein." 

Bei der Sehnsucht handelt es sich um eine Unlust- 
empfindung, die so recht eigentlich als ein negativer Ge- 
fühlston bezeichnet werden kann, denn hier ist es weder 
ein lust-u nbetonter noch ein u n 1 u s t -betonter E i jn- 
druck, sondern eben die völlige Negation, der Man- 
gel, der diesen bejammernswerten Zustand hervorruft. 
Ooethe hat noch an vielen anderen Stellen den psychophy- 
sischen Charakter der Sehnsucht überaus fein getroffen, so 
in Mignons Liebesseufzer: 



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Sehnsucht als Unlust. 



69 



„Nur, wer die Sehnsucht kennt, 

Weiß, was ich leide! 

Allein und abgetrennt 

Von aller Freude, 

Seh' ich ans Firmament 

Nach jener Seite. 

Ach, der mich liebt und kennt, 

Ist in der Weite. 

Es schwindelt mir, es brennt 
Mein Eingeweide. 
Nur wer die Sehnsucht kennt, 
Weiß, was ich leide!" 

Hier werden am Schlüsse recht deutlich die körper- 
lichen Sensationen erwähnt, die zeigen, wie tiefgreifende 
Veränderungen die Lust- und Unlustempfindungen in dem 
Nervensystem zur Folge haben. 

Wer die Liebesliteratur, und mehr als die Hälfte der 
Weltliteratur ist ja Liebesliteratur, durchforscht, wer die 
Angaben glücklich oder unglücklich Liebender prüft, kann 
fortwährend Beschreibungen 1 begegnen, die lehren, daß es sich 
in den ersten Stadien sexueller Gravitation 1 tatsächlich bereits 
um objektive Veränderungen handelt. Da finden sich immer 
wieder Äußerungen wie: es „durchströmt", „durchdringt", 
„durchschauert", „durchzuckt", „durchrieselt" den Körper, 
es fühlt sich jemand wie „elektrisiert", wie „festgebannt", 
„bezaubert", „ganz betroffen", „fieberhaft erregt", „völlig 
verwirrt", „es geht ihm durch und durch", „es überläuft 
ihn ganz eigentümlich", „sein ganzes Wesen revoltiert", „es 
ist, als ob ihm das Herz oder der Atem stockt". „In den 
Armen der Geliebten", sagt Theodor v. Wächter in 
seinem Problem der Ethik, 22 ) „fühlen wir voll und ganz die 

M ) Ein Problem der Ethik v. Th. v. Wächter, loa cit. S. 32. 



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70 



Körperliche Durchströmung. 



magnetische Durchströmung. Wir fühlen unsern Körper 
durchströmt von einer belebenden, nervenstärken- 
den, wunderbaren Lebenskraft. Wir fühlen uns wie neu- 
geboren. Schon die geringste Einzelberührung wirkt ähn- 
lich." In einem alten deutschen „ersten Liebeslied eines 
Mädchens** schildert dieses seine Empfindungen wie folgt: 

„Es beißt sich, o Wunder, 
Mir keck durch die Haut, 
Schießt's Herze hinunter, 
O Liebe, mir graut!" 

Ich will aus einer größeren Anzahl körperlicher Schil- 
derungen noch zwei herausgreifen: Ein Herr schreibt; 
„Beim Anblick meines Falles gerät mein Blut in Wallung, 
das Herz schlägt rascher, und die innere Bewegung würgt 
so an der Kehle, daß ich kaum sprechen kann, zuerst kann 
ich mich auf nichts besinnen von dem, was ich vorher sa- 
gen wollte, ich bin wie gelähmt, und erst ganz allmählich 
löst sich dieser Bann und geht über in eine intensive 
Lebensfreude, die auch meine intellektuellen Fähigkeiten 
verstärkt und mich über das gewöhnliche Maß meines all- 
täglichen Lebens hinaushebt"; und ein anderer, ein sich 
durch gute Selbstbeobachtung auszeichnender ärztlichen 
Kollege bemerkt: „Der Gedanke an ein geliebtes Wesen und 
der Verkehr mit demselben ruft bei mir ein ganz bestimmtes 
Wärmegefühl physischer Art in der Herz-, oder genauer 
gesagt, Magengegend hervor, das ich, so komisch es klingt, 
grob gesprochen, nur mit dem Genuß eines guten hollän- 
dischen Schnapses vergleichen kann." Goethe erzählt von 
einem Bauernburschen, der in seine Hausfrau verliebt war: 
„. . . Er habe weder essen, noch trinken, noch schlafen 
können; es habe ihm an der Kehle gestockt; 



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Beteiligung aller Sinne. 



71 



er sei als wie von einem bösen Geist verfolgt gewesen; bis 
er eines Tags, als er sie in einer oberen Kammer gewußt, 
ihr nachgegangen, ja vielmehr ihr nachgezogen wor- 
den sei." 

Die zu Sexualspannungen führenden, durch einen be- 
sonderen Gefühlston wahrnehmbaren Strömungen sind ein 
wesentliches Kennzeichen der erotischen Anziehung, die 
sich außerdem dadurch von der unerotischen unterscheidet, 
daß es unsere Körperoberfläche ist, auf der die von einer 
Person ausgehende Reizung erfolgt, die peripheren Sinnes- 
werkzeuge, welche sich unabhängig von Überlegungen zu- 
erst an die lustbetonten Eindrücke heften. 

Wenn ein Mensch eine sexuelle Anziehung ausübt, so 
kann von jeder Stelle seines Körpers diese 
Reizbarkeit ausgehen. Alle Quellen, mit denen uns eine 
Person von ihrem Vorhandensein Kunde gibt, können auch 
sexuelle Reizquellen sein, sowohl die von ihrer Gestalt aus- 
gehenden Lichtstrahlen, welche die Netzhaut im 
Auge, als die von ihren Stimmbändern erzeugten Schall- 
wellen, die unser Gehörsorgan treffen, sowohl ihre 
Duftstoffe, die verdunstet unser Geruchssinn — ge- 
löst unser Geschmacksinn — wahrnimmt, als endlich die 
mechanischen und thermischen Eindrücke, 
die unseren Hautsinn berühren. 

Diese Beteiligung sämtlicher Sinnesorgane haben 
die alten Dichter in ihren naiven Liebesschilderungen oft 
als eine besondere, merkwürdige Eigentümlichkeit der Liebe 
hervorgehoben. Ein gutes Paradigma dafür ist das hohe 
Lied der Bibel. Auch die folgenden Beispiele aus der in- 
dischen Dichtkunst sind dafür charakteristisch. Bloch 
führt») eine im Pali-Kanon überlieferte Rede Buddhas an 

M ) Das Sexualleben unserer Zeit, S. 33. 



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72 



Quellen der Liebe. 



seine Jünger an, die lautet: „Nicht kenne ich, Ihr Jünger, 
auch nur eine andere Gestalt, welche das Herz des Mannes 
so fesselt, wie die Gestalt des Weibes. — Die Gestalt 
des Weibes, Ihr Jünger, fesselt das Herz des Mannes. 
— Nicht kenne ich, Ihr Jünger, auch nur eine andere 
Stimme, welche das Herz des Mannes so fesselt, wie die 
Stimme des Weibes. — Die Stimme des Weibes, 
Ihr Jünger, fesselt das Herz des Mannes. — Nicht kenne 
ich, Ihr Jünger, auch nur einen anderen Geruch, welcher 
das Herz des Mannes so fesselt, wie der Geruch des 
Weibes. — Der Geruch des Weibes, Ihr Jünger, 
fesselt das Herz des Mannes. — Nicht kenne ich, 
Ihr Jünger, auch nur einen anderen Geschmack, 
welcher das Herz des Mannes so fesselt, wie der Ge- 
schmack des Weibes. — Der Geschmack des Wei- 
bes, Ihr Jünger, fesselt das Herz des Mannes. — Nicht 
kenne ich, Ihr Jünger, auch nur eine andere Berührung, 
welche das Herz des Mannes so fesselt, wie die Berührung 
des Weibes. — Die Berührung des Weibes, 
Ihr Jünger, fesselt das Herz des Mannes." 

In ganz ähnlicher Weise singt ein indischer Spruch- 
dichter: 84 ) „Was ist lieblich anzuschauen? Liebchens hol- 
der Lächelmund. — Was doch gibt, als ihre Worte, süßer 
sich dem Ohre kund? — Und was duftet denn noch mehr, 
als — Duffger Hauch von ihrem Mund? — Was ist süßer 
denn zu kosten, — Als ihr saft'ger Lippenzweig? — Was 
ist süßer zu berühren, — Als ihr stolzer, schlanker Leib?" 

Die ganze Körperoberfläche des Objekts 
kann in allen ihren Teilen Ausgang, die ganze Kör- 



Liebesbrevier. Herausgegeben von Franz Voneisen. Leip- 
zig S. 26. 



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Fern- und Nahreize. 



peroberf lache des Subjekts Eingang der sexuellen Er- 
regung sein. Nach den Reizempfangsstellen haben wir den 
Sinnesorganen entsprechend 5 Gruppen von Sexualreizen 
zu unterscheiden: die optischen, akustischen, olfaktorischen, 
gustatorischen und takülen Sexualreize = Seh-, Hör-, Riech-, 
Schmeck- und Tastreize. 

Betrachten wir die Objekte, welche in uns erotische 
Empfindungen hervorzubringen vermögen, noch etwas ge- 
nauer auf das hin, was ihnen gemeinsam, und auf das hin, 
was ihnen verschieden ist, so können die fünf Reizausgangs- 
stellen in zwei weitere Gruppen geteilt werden: die eine 
wirkt mittelbar durch das Medium der Luft 
auf unsere Körperoberfläche, die andere durch di- 
rekten Kontakt unmittelbar. Es gibt also d i s t a n- 
zielle Sexualreize und das sind die, welche die Netz- 
haut, das Trommelfell und die Riechfläche treffen, und 
proximale Sexualreize, welche Haut und Zungen- 
schleimhaut berühren. Der Geschmackssinn spielt beim 
Menschen eine verhältnismäßig geringere Rolle, während in 
der Tierwelt das „Belecken" des Objekts weit verbreitet ist. 

Die beiden Gruppen der Fern- und N a h r e i z e 
zeigen noch andere Unterscheidungsmerkmale. Die Fern- 
reize sind diejenigen, denen sich die Sinne fast stets zu- 
nächst zuwenden. Sie gehen den proximalen voraus, sind 
also die primären, während die wesentlich massiveren 
Nahreize meist als sekundäre auftreten. Sie wirken nur 
dann als Luststeigerung, wenn durch die distanziellen Sexu- 
alreize bereits eine V o r 1 u s t geschaffen ist. 

Allerdings kommen hier auch Ausnahmen vor, indem 
bestimmte, für Sexualreize besonders empfindsame Zonen 
der Haut gelegentlich auch durch solche Objekte und Per- 
sonen erregt werden können, denen der Opticus, Acusticus 



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74 



Vorlust und Höchstlust. 



und Olfactorius gleichgültig oder gar mit Abneigung gegen- 
überstehen. Wenn Spinoza die Liebe einmal durch den 
Satz definierte: amor est titillatio quaedam concomitante 
idea causae externae, so zeigte der große Philosoph, der 
sonst so tief in den Weltzusammenhängen zu schürfen ver- 
stand, daß er dem Liebesproblem gegenüber im wesent- 
lichen an der Oberfläche haften blieb. Denn die „Idea", die 
Vorstellung als solche, ist weder eine Begleiterscheinung, 
noch eine Folgeerscheinung der von Spinoza als titillatio 
bezeichneten Hautreizung. Der kausale Zusammenhang 
ist vielmehr so, daß ursächlich und zeitlich das p r i m u m 
m o v e n s der Gedanke, die Idee ist, erzeugt durch die 
distanzielle Wahrnehmung. An diese primäre Reizung 
schließt sich alles andere als Reflexkette oder rich- 
tiger als Treppenreflex, bald gehemmt, bald ungehemmt 
an. Suchen wir uns den Vorgang wiederum genau zu 
veranschaulichen. Ein Sinneseindruck dringt lusterregend 
zum Zentralorgan; das so entstandene Gefühl veran- 
laßt auf der motorischen Nervenbahn eine Reaktion; 
diese Reaktion selbst geht als neuer stärkerer Reiz 
von der Peripherie wieder zum Zentralorgan zurück. Die 
so bewirkte zentrale Steigerung der Lust setzt sich auf dem 
motorischen Nervenstrang in eine neue Aktion, deren 
Wahrnehmung wiederum zentralwärts dringt. So geht 
es von außen auf der sensorischen Bahn nach 
innen, von innen auf der motorischen Bahn 
nach außen und wiederum zentripetal-sensorisch, 
zentrifugal-motorisch, bald bewußt, bald unbewußt, bald 
unterbrochen, bald ununterbrochen staffelweise, bis durch 
Reizsummation die Höchstlust erreicht ist, wenn nicht 
auf einer niedrigeren Stufe bereits vorher Halt ge- 
boten wurde. Es sei noch bemerkt, daß die Gefühls- 



1 



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Abdrücke der Eindrücke 



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bahnen, die sich anfänglich zu den hochgelegenen Hirn- 
partien erheben, allmählich zu den immer tiefer befindlichen 
Gegenden des Zentralnervensystems verlaufen, bis schließ- 
lich die letzten Reflexbogen nur bis zum Lendenteil des 
Rückenmarks aufsteigen. 

Dementsprechend greifen auch die von distanziellen 
Sinneseindrücken hervorgerufenen Abdrücke der Eindrücke 
leichter auf zerebrale Assoziationsbahnen über als die zu 
tieferen Zentralstellen gelangenden Reflexbögen. In umge- 
kehrtem Verhältnis zu der Höhe der Reflexbögen steht die 
Stärke des Gefühlstons. Diese ist um so gewaltiger, je 
tiefer, um so geringer, je höher von den peripheren Ner- 
venenden aus die Reflexbogen ansteigen. Doch kommen 
gerade hinsichtlich der Stärke der Lustbetonung auch unter 
den distanziellen Eindrücken, je nach der Intensität des 
Reizes und der Empfänglichkeit des Reizempfängers, alle 
möglichen Stärkegrade vor. So kann der Anblick eines 
Menschen von einem ganz schwachen Gefühlston begleitet 
sein, der nur ein rasch vorübergehendes Interesse, viel- 
leicht nur ein flüchtiges Wenden des Kopfes zur Folge hat. 
Es kann der Eindruck in stärkeren Graden mit einer Em- 
pfindung anscheinend nur ästhetischen Wohlbehagens oder* 
auch lebhafter Erregung verknüpft sein, bis er endlich in 
noch höheren Graden irgendwelche Bewegungen auslöst, 
die bei leichteren Stadien keineswegs vorhanden zu sein 
brauchen. 

Betrachten wir nun aber die distanziellen Sinnesreize 
im einzelnen, so können wir auch unter ihnen eine be- 
stimmte Gesetzmäßigkeit feststellen. Das am weitesten tra- 
gende Sinnesorgan eines Lebewesens ist im sexualen Leben 
für ihn das leitende und führende. Für den Menschen ist 
die Reihenfolge: Gesicht — Gehör — Geruch. Das Auge 



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Bedeutung des Auges 



steht als Vermittler der menschlichen Liebe obenan, mög- 
lich, daß es sich gerade durch die Übung auf erotischem 
Gebiet, das unwillkürliche Ausschauen, Suchen und Fahn- 
den nach Sexualreizen, zu dem entwickelt hat, was 
es für uns als Empfangsstelle des Schönen gewor- 
den ist. 

Bei anderen Tieren nehmen andere Sinne diese leitende 
Stellung ein, und zwar ist jedes Tieres feinstes 
Organ auch das erotisch empfindsamste 
und reizbarste. Bei vielen steht das Gehör, bei an- 
deren der Geruch an erster Stelle. So wissen wir, daß die 
Vogelmännchen ausschließlich mit ihrer Stimme, oft im 
Dunkel der Nacht, das Weibchen locken. Wirkt auch das 
bunte Kleid des Männchens auf manches junge Mädchen 
in der Vogelwelt ähnlich, wie der „bunte Rock a auf man- 
ches junge Menschenmädchenherz, so sehen wir doch, 
daß in erster Linie das durch den Gesang aus weiter 
Ferne angelockte Weibchen dem Männchen zufliegt, wel- 
ches nach seiner Empfindung die schönsten Liebestöne und 
Liebeslieder erschallen läßt. 

Auch die Anreizung durch den Geruch spielt im Tier- 
reich eine sehr große Rolle, und zwar überall dort, wo 
das Geruchsorgan am feinsten entwickelt ist. Sehr viele 
Tiere haben drüsige Organe, deren Absonderung lediglich 
die Aufgabe hat, das Weibchen anzulocken, es zu verführen. 
Aus unglaublichen Entfernungen wittern die Männchen den 
ihnen sympathischen Duft, Insekten nähern sich aus meilen- 
weiter Ferne dem Standort des wohlriechenden Weibchens. 
Viele Tiere berauschen sich förmlich durch ein immer stär- 
keres Beschnüffeln, um schließlich in der Geruchsekstase nur 
zu einem einzigen momentanen Liebessprung auszuholen. 



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Lehrreiche Anekdote Rabelais' 



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Rabelais*) erzahlt in seiner drastischen Art die Ge- 
schichte von Panurg, der sich an einer Dame, die seine 
Liebe verschmähte, dadurch rächte, daß er die Genitalor- 
gane einer läufigen Hündin zerschnitt, pulverisierte und 
dieses Präparat der Geliebten am Fronleichnamsfest un- 
merklich in die Falten ihres seidenen Kleides streute. „Alle 
Hunde der Stadt, die großen und kleinen, dicken und 
mageren, begannen alsbald das Präparat zu wittern" und 
kamen bei der Prozession in Scharen zu ihr gelaufen, 
knurrten und schnüffelten an ihr herum, schlugen das 
Wasser an ihr ab und setzten ihr in erschrecklicher Weise 
zu. Rabelais beschließt seine groteske Erzählung mit fol- 
genden Worten: „Alle Leute blieben stehen und sahen zu, 
wie ihr die Hunde bis an den Hals hinaufkletterten und die 
schönen Kleider verdarben, bis ihr zuletzt nichts übrig 
blieb, als in ihr Haus zu flüchten. Aber auch da waren 
die Hunde noch hinter ihr her, so daß sie sich verstecken 
mußte, und die Kammerzofen vor Lachen platzen wollten. 
Als sie endlich im Haus drinnen war, und man die Pforte 
hinter ihr zugemacht hatte, liefen alle Hunde der Um- 
gegend hin und urinierten so gewaltig gegen die Haustür, 
daß aus ihrem Harn ein Bach entstand, in dem Enten 
hätten schwimmen können. Und das ist derselbige Bach, 
der noch jetzt bei St. Victor vorbeifließt, und in dem 
Gobelin seinen Scharlach färbt, weil er im Hundeharn am 
schönsten wird." 



*) Francois Rabelais, dieser einzigartige Satiriker (Mark Twains 
Humor erinnert am ehesten an ihn), der von 1495—1553 bald als 
Priester, bald als Arzt in Frankreich und Italien lebte, erzählt obige Ge- 
schichte unter dem Titel „Wie Panurg der Pariser Dame einen Streich 
spielte, der ihr nicht gut bekam" in Gargantua und Pantagruel (in der 
Gelbckeschen Übersetzung pag. 265). 



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Sicherheitsmassregeln der Natur. 



Sind die Geruchs- und Schalleindrücke bei den Nasen- 
und Ohrentieren, und zu diesen gehören unter den Säuge- 
tieren die große Mehrzahl, von dominierender Bedeutung 
in der Liebeswahl, so tritt ihre tropistische Wirksamkeit 
bei den Menschen als Augentieren weit hinter den 
Gesichtswahrnehmungen zurück. Das erkennen wir deutlich 
auch darin, daß in der Liebesliteratur die Schilderungen 
der Schönheit des geliebten Objekts, die eingehende Be- 
schreibung ihrer äußerlich sichtbaren Reize, den größten 
Raum einnehmen. 

Wie das geliebte Wesen riecht, tönt, schmeckt und 
sich anfühlt, wird namentlich in der höheren Dicht- 
kunst viel seltener und nebensächlicher erörtert. Immer 
wieder wird in staunenerregender Variation und Aus- 
führlichkeit das Thema behandelt, das Oscar Wilde in 
dem ersten Satz der „Salome" in die Worte des jungen 
Syriers zusammenfaßt: „. . . Wie schön ist die Prinzessin 
Salome diesen Abend. u Daß nicht nur das weittragendste 
Sinnesorgan als Empfangsstelle für distanzielle Sexualein- 
drücke funktioniert, überhaupt nicht nur eins, sondern 
mehrere, ist eine der Sicherheitsmaßregeln, der wir in der 
Natur immer dort begegnen, wo es sich um die Liebe han- 
delt. Auch dem Blinden und Tauben sollte nicht das 
größte Gut vorenthalten bleiben, welches die Natur zu 
vergeben hat. 

So sehen wir, daß, wenn das Auge erloschen ist, 
andere Sinnesorgane den leeren Platz ausfüllen. Ich führe 
die Mitteilungen eines Offiziers an, der in West- Afrika einen 
Schuß in die Stirn erhielt, welcher ihm das Seh- und Ge- 
ruchsvermögen raubte. Vor seiner Verletzung waren es fast 
ausschließlich der Gesichts- und Geruchssinn, durch welche 
die Sexualreize sich den Weg in sein Inneres bahnten. Als 



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Liebe der Blinden. 



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ihm dann durch die schwere Verwundung die beiden wich- 
tigsten Sinneszentren verloren gegangen waren, merkte er 
nach und nach, daß, wie er sich selbst mir gegenüber aus- 
drückte, „der Strom der Sympathie, welcher früher durch 
das Auge geleitet war, auf das Ohr überging." „Das Gehör 
war schon ehedem," schreibt er, „sehr fein entwickelt, es 
übersah aber oft seine warnende Pflicht, weil das Auge 
fortgerissen wurde. Seitdem meine Neigungen durch das 
Gehör geleitet werden, glaube ich viel sicherer zu gehen." 
Wohllaut des Organs, Aussprache und Satzbildung seien 
jetzt das ihn Anziehende. Was weiter aus der Zuneigung 
würde, entscheide die Beschaffenheit der Haut, vor allem 
die Form der Hand. Eine schmale, weiche Hand, kleine, 
dünne Finger wirken abkühlend, während kräftige Hände 
mit derberen Fingern die Erregung steigern. Dabeisei 
der Typus, zu dem er sich hingezogen 
fühle, ganz der gleiche geblieben, und er 
wundere sich selbst, wie sein Gehör und Gefühl dieselbe 
Art geliebter Menschen herauszufinden wisse, wie früher 
sein Gesicht und Geruch. 

Victor Cherbuliez sagt einmal: 25 ) „Für den Blind- 
geborenen ist die Stimme einer Frau so viel, wie ihre Schön- 
heit;" er zitiert dann die schönen Verse eines verüebten 
Blinden, welche sich in den „Chants et legendes de 
raveugle" par Edgar Q u i 1 b e a u (prof . d'histoire ä Finsti- 
tution nationale des jeunes aveugles) finden (Paris 1901): 

„£clat vibrant, note touchante, 
Son timbre en moi vint se graver; 
Elle me plut . . . eile m'enchante! 
Tous ses attraits me font röver . . . 

»*) „Die Kunst und die Natur", S. 65. 



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Wirkung der Stimme. 



Cette voix que j'adore absenie 
Et dont l'echo suit tous mes pas, 
Je la voudrais toujours presente, 
Car l'echo ne me suffit pas. a,e ) 

Der Ersatz des Gesichts durch das Gehör stimmt auch 
mit dem überein, was Haller anführt: 27 ) „Nicht das 
Tasten, sondern das Hören ist die primäre bewußte 
Sinneswahrnehmung des Blinden, und somit sind es die 
vom Gehör vermittelten Bildungselemente, welche ihre 
Wirkungen zuerst auf das Denken und Fühlen des zum 
geistigen Leben erwachenden blinden Kindes ausüben.** 28 ) 

Wie aber, wenn außer der Lichtwelt und der Ge- 
ruchswelt auch die Schallwelt um uns herum stumm ist, 
wenn kein Fernreiz mehr uns von der Existenz anderer 
Menschen Kenntnis gäbe? Dann würde vermutlich, so lange» 

26 ) „Schwingender Schmelz, ergreifender Ton! 

Auch wenn sie lern von mir, bet' ich sie an, die 

Stimme, 

Die ihr Gepräge tief in meine Seele grub, 

Und deren Liebreiz in mir Träume weckt. 

Zuerst gefiel sie nur; jetzt hält ihr Zauber mich gefangen, 

Doch stets lebendig wollt' ich sie bei mir; 

Ihr Echo folgt all meinen Schritten. 

Das Echo nur, es sagt mir noch nicht alles.** 

Übersetzt von Renfe Stelter. 

27 ) Die Bildungselemente der Blinden. Verhandlungen des VIII. 
Blindenlehrer-Kongresses in München, pag. 205. 

28 ) Ellis sagt in der „Gatten wähl beim Menschen**, pag. 157: 
„Die Stimme ist zweifellos ein höchst wichtiges Moment des sexu- 
ellen Reizes beim Blinden. Hinsichtlich dieses Umstandes fehlen 
mir indes die Daten. Die Ausdrucksfähigkeit der Stimme der Blin- 
den und der Bereich, in welchem ihre Lust- und Unlustgefühle durch 
stimmliche Mittel geäussert werden, wurden trefflich von einem 
amerikanischen Arzte behandelt, der selbst seit früher Kindheit 
blind war: James Cooke, „The voice as an Index to the Soul**. 
Arena, Jan. 1894. 



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Wechsel der Sinne. 



81 



noch ein Stückchen unserer Oberhaut Empfindungsnerven 
besäße, dieses genügen, um den belebenden Strom der 
Liebe hindurch zu lassen, und vermutlich würde auch 
dieser letzte Sinn noch die Fähigkeit besitzen, unter den Ob- 
jekten eine Auswahl zu treffen. 

Es kommt übrigens gar nicht selten vor, daß auch bei 
Vollsinnigen ein anderes Sinnesorgan als das Auge an die 
erste Attraktionsstelle rückt. So heißt es in 
einem kroatischen Volksliede:*») 

„Hab Dich lieb, 

Doch nicht, weil Deine Schönheit einem Engel paßt, 
Sondern, weil Du als Kroatin 
Solche schöne Sprache hast." 

In dem Dichtwerk „Durch's Ohr« schildert Wil- 
helm Jordan, wie sich ein Weib in die Stimme eines 
Mannes verliebt. Es heißt hier (pag. 5): 

„Mit des Vergnügens langentbehrter Labe 
Erscheint Romantik, die verbannte Fee, 
Berührt mein Herz mit ihrem Zauberstabe 
Und glüht es reif zum Liebeswonneweh, 
In dem ich nun mit meinen Ohren schwimme: 
Jawohl, ich bin verhebt in — eineStimme!" 

pag. 105: 

„Durchs Auge lieben, nichts ist abgeschmackter — 
Der Kehlkopf nur verrät uns den Charakter." 

pag. 107: 

H. „Was meinst Du, Robert, bin ich noch ein Tor? 
R. Das Olück der Liebe fandest Du durchs Ohr!" 

w ) Übersetzt von Dr. Harmening. 

Hirachfeld, Naturgeaetze der Liebe. 6 



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Gesang als Entblößung. 



Lazarus teilt in seinem „Leben der Seele" mit, daß die 
talmudische Orthodoxie den gläubigen Juden das Anhören 
des weiblichen Gesanges verbietet. Der Grund sei der, 
daß der Gesang der Frauen nach Ansicht der Talmudisten 
wie eine Entblößung wirkt; der Talmud sähe 
darin eine geistige Entblößung und Stimulierung des Ge- 
schlechtstriebes. Von unterrichteter Seite wird bestätigt, 
daß auch jetzt noch bei galizischen und russischen Juden 
dieses Verbot Geltung hat. 

In einem mir zur Verfügung gestellten Liebesbrief 
findet sich folgende Stelle, die ich zu diesem Punkte noch 
anführen möchte: „Wenn ich mir die erste Stunde, in der 
ich Dich fand, vergegenwärtige, — weiß ich, daß Ohr und 
Auge die gleiche Anziehung nach Dir hin spürten. Doch 
nenne ich absichtlich das Ohr zuerst, weil es, ehe ich Dich 
erblickte, — Du hieltest eine Rede und es saßen viele Men- 
schen zwischen uns — Deine wunderbar klangvolle, dunkel- 
weiche und biegsame Stimme war, welche mich — fast 
körperlich — durchzuckte — ; mir war, als hätte ich noch 
nie solche Töne aus meiner Seele Heimatlande gehört. 
Dann erst sah ich Dich, und mein Auge suchte den Mund, 
aus welchem jene Glockenklänge kamen!" 

Hinsichtlich des Geruchs könnte ich ebenfalls eine 
Reihe ähnlicher Fälle anführen, in denen auch beim Men- 
schen dieser Sinn die anderen beherrschte. So zeigte mir 
einmal eine Dame, die heftig unter sexuellen Abstinenzer- 
scheinungen litt, ein kleines Stück Juchtenleder, das sie an 
einem Bande befestigt unter ihrer Bluse trug. In starken 
Superlativen schilderte sie die Bedeutung, welche der Ge- 
ruch dieses Leders für sie besitze. Die erotische Neigung 
zu ihrem Manne, der von auffallender Häßlichkeit gewesen 
wäre — sie war früh verwitwet — sei ganz von Gerüchen 



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Geruchsberauschung. 



83 



beherrscht gewesen, vor allem von einem „mit Mannsge^ 
ruch vermischten Tabaks- und Juchtengeruch." Sie be- 
rausche sich noch jetzt an den Kleidern ihres Mannes, 
denen immer noch ziemlich viel von diesem „süßen Aroma" 
anhafte. Es würde für sie eine große Beherrschungskraft 
erfordern, einem Manne Widerstand zu leisten, der sich 
ihr gegenüber dieses Lockmittels bedienen würde. 

E 1 1 i s führt in seinem Werke „Die Gattenwahl beim 
Menschen" mehrere psychische Riechtypen an, die für ero- 
tische und antierotische Geruchseinwirkungen eine beson- 
ders starke Empfänglichkeit besessen hätten. Er rechnet zu 
ihnen auch die Schriftsteller, die in ihren Werken dem Ge- 
ruchssinn die erste Stelle als sexuellem Attraktionssinn ein- 
räumten, wie Baudelaire, Zola, Nietzsche und Gustav 
Jäger; er erwähnt, daß in dem Hohen Liede, zweifellos 
einem der schönsten Liebesgedichte der Weltliteratur, nicht 
weniger als 24 Anspielungen auf Geruchsreize vorkommen; 
so singt die Braut: „Mein Geüebter ist mir wie ein Myrten- 
zweig, der zwischen meinen Brüsten ruht. Mein Geliebter 
gleicht einem Haufen Hennablüten im Garten Engadi, seine 
Wangen sind wie ein Balsamlager, wie Ruheplätze süßer 
Kräuter." Und der Bräutigam erwidert: „Der Geruch 
Deiner Brust ist wie Apfelgeruch." 

Von den vielen Zitaten, die der verdienstvolle Forscher 
Ellis aus der belletristischen, wissenschaftlichen und folklo- 
ristischen Literatur zusammengetragen hat, sei noch eine 
der irischen Sagas erwähnt, in der ein Weib von 
einer Schar ihm begegnender Männer also singt: 80 ) 
„Es war, als wenn ich in einem Obstgarten wäre, nach der 

w) Ellis, „Oattenwahl", pag. 106, zitiert nach Cuchulain ol 
Muirthemne, p. 161. 

6* 



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84 



Geständnis der Liebe. 



milden Empfindung, die über mich kam, als der leise Wind 
über die Männer hinstrich und ihre Kleider bewegte." 

Aber alle diese Fälle stellen doch nur Ausnahmen dar. 
Im allgemeinen sind fast alle Sexualforscher, die sich mit 
dem Problem der Sexualanziehung beschäftigt haben, einig, 
daß dem Sehorgan die erste Stelle gebührt. 
Etwas verschiedener Meinung ist man darüber, ob die 
zweite Stelle dem Gehör oder dem Geruch zukommt. Es 
erscheint mir von vornherein schon deshalb naheliegend, 
anzunehmen, daß für den Menschen das Gehör die 
zweite Stelle lals Liebesreizempfänger einnimmt, 
weil uns das Ohr nicht nur den Klangreiz, den Wohllaut 
des Organs übermittelt, sondern auch den Inhalt der 
Stimme, der freilich oft genug von einem in die Stimme 
Verliebten über dem Wohllaut vernachlässigt, „überhört" 
wird. Immerhin haben die Gehörsreize bei dem der 
Sprache mächtigen Menschen eine weit höhere Bedeutung 
als das in der Tierwelt so hochentwickelte Geruchsorgan, 
weil das Wort mehr als alles andere ein 
Ausdruck der Persönlichkeit ist und auch 
das Geständnis der liebe, die Liebeserklärung, die Sprache! 
zum Träger hat. 

Wenn manche Autoren, die sich mit „Osphresiologie" 
beschäftigten, aus der großen Rolle, welche die Körper- 
ausdünstungen in der Tierwelt spielen, folgern, es müsse 
für den Menschen ähnlich sein, so ist dies schon des- 
halb ein mangelhafter Schluß, weil, wie wir wissen, das 
Geruchsvermögen der Menschen an und für sich sehr viel 
schwächer entwickelt ist als das Witterungsvermögen der 
Tiere. Anatomisch gibt sich dies dadurch kund, daß die 
Riech Zentren, die Geruchslappen, im Tiergehirn viel größer 
sind als im Menschengehirn, und daß die Lockdrüsen» 



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Wettbewerb der Sinne. 



85 



welche die Riechsubstanzen bilden — es finden sich beim 
Menschen noch Reste davon an den glandulae vestibuläres 
majores — funktionell bei uns vollkommen verkümmert 
sind. 

Es scheint fast, als ob die Sinnesorgane der verschie- 
denen Lebewesen ursprünglich in einen Liebeswett- 
bewerb getreten sind. Der eine Sinn suchte vor dem an- 
deren einen Vorsprung zu gewinnen. Je mehr er sich übte 
und anstrengte, um so mehr verschärfte er sich, und der 
schärfste wurde der erotisch reizbarste, und wiederum der 
erotischste der schärfste; bei manchem errang das Auge, 
bei anderen das Ohr, bei wieder anderen die Nase das Ziel, 
und so kann man nach diesem Gesichtspunkt die Lebewesen 
einteilen in die visuellen, die auditiven und die olfakto- 
rischen. Der Mensch ist zweifellos ein visuelles 
Lebe - und Liebeswesen. Im allgemeinen ver- 
tieft die Stimme nur die Eindrücke oder sie dient als 
Reservesinn. Dem Geruch aber kommt beim Menschen mehr 
eine hemmende und warnende Rolle zu, er dient mehr der 
sexuellen Aversion als sexuellen Attraktion. Damit stimmt 
überein, daß viele Personen, die ich befragte, angaben, 
daß ihnen auch bei denen, die sie heben, jeder 
wahrnehmbare Ausdünstungsgeruch unangenehm sei. Es 
gibt aber sicherlich auch hier viele individuelle Ab- 
weichungen, wie ja im Liebesleben überhaupt infolge 
der enormen persönlichen Färbung jede Regel nur 
etwas Durchschnittliches aussagen kann. Wir können 
daher auch nicht Männer, denen der „odor di fe- 
mina a , wie die Italiener sich ausdrücken, höher steht als 
das, was sie vom Objekt ihrer Liebe sehen und hören, an- 
gesichts der großen sexuellen Mannigfaltigkeit als ata- 
vistische Erscheinungsformen oder mit Degenerations- 



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86 



zeichen Behaftete ansehen, wie dies gelegentlich behauptet 
wurde. 

Ist das Gesetz richtig, daß die erotische Attraktions- 
fähigkeit eines Sinnesorgans sich zu seiner Feinheit und Diffe- 
renziertheit direkt proportional verhält, so würde der Ge- 
ruch beim Menschen an dritter Stelle rangieren. Er nimmt 
zwischen den Fernreizen (Auge, Ohr) und den Nahreizert 
(Haut, Schleimhaut) insofern eine Mittelstellung ein, als es 
nicht reine Lufterschütterungen sind, welche die Nerven- 
endigungen treffen, sondern corpusculäre Elemente, unend- 
lich feine Teilchen von ungemein geringem spezifischen Ge- 
wicht, wie sie die Nasenschleimhaut berühren. Aus dieser 
ihrer substantielleren Beschaffenheit begreift sich, daß bei 
vielen Völkern, namentlich Mittelasiens, statt des Lippenkusses 
und Zungenkusses ein Riech- oder Nasenkuß vorkommt, 
während den rein distanziellen Reizempfängern (Auge, 
Ohr) ein dem Kusse analoges Reiz- und Lustmittel nicht 
bekannt ist. 

Daß die von einem Menschen ausgehenden Dünste in 
früheren Zeiten für Sympathien und Antipathien bedeutungs- 
voller waren als gegenwärtig, scheinen noch jetzt viel- 
gebrauchte Redewendungen anzudeuten, wie: „sich im 
Dunstkreise eines Menschen wohlfühlen", „in gutem 
Geruch stehen", „man könne jemanden nicht riechen". Daß 
aber die unlustbetonten Riecheindrücke für sexuelle Kontra- 
instinkte eine ungleich größere Rolle spielen als lustbetonte 
für die Anziehung, bestätigt meines Erachtens auch der 
Satz: bene olet quod non olet (angenehm riecht, was über- 
haupt nicht riecht). Gustav Jäger und mehrere seiner 
Schüler haben diese Sentenz dahin aufgefaßt, „daß eine po- 
sitive Chemotaxis im Sexualleben auch in solchen Fällen 
vorliegen könnte, wo sie nicht zum Bewußtsein gekommen 



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Nasale Geschlechtspunkte. 



87 



ist*, zumal ja, wie sie hinzufügen, die vergleichende Phy- 
siologie lehrt, daß bei gewissen Insekten der erotische Che- 
motropismus von geradezu unfaßbar geringen Mengen 
spezifischer Stoffe? ausgelöst werden kann. In Wirklich- 
keit dürfte es einfach so liegen, daß die unangenehm 
empfundenen Gerüche nur scheinbar leichter die Bewußt- 
seinsschwelle überschreiten, als die angenehmen: die 
letzteren riechen an sich nicht weniger 
stark, aber die negative Unlustbetonung der Gerüche 
ist im allgemeinen stärker als ihre positive 
Ltstbetonung. 

Auch darin nähert sich der olfaktorische Sinn dem 
taktilen, als es in der Nasenschleimhaut bestimmte Par- 
tien gibt, die für die Sexualreizung eine besonders hohe 
Empfindlichkeit besitzen. Hauptsächlich liegen diese Ge- 
nitalstellen an der unteren Nasenmuschel. Aus den Be- 
obachtungen von Fließ, Schiff und anderen geht hervor, 
daß bestimmte Geschlechtspunkte in den Schwellkörpern 
der Nase mit Vorgängen der Sexualsphäre in Wechselbe- 
ziehungen stehen. Mögen die von den Autoren gezogenen 
Schlüsse, namentlich hinsichtlich einer nasalen Behandlung 
sexueller Leiden, auch zu weit gezogen sein, so weisen 
die Grundlagen ihrer Anschauungen doch mit großer 
Wahrscheinlichkeit darauf hin, daß in der Nasenschleim- 
haut erogene Zonen vorhanden sind, wie wir sie in der 
Hautsinnessphäre seit langem kennen. 

Ob nicht auch Auge und Ohr solche erogenen Zonen 
besitzen? Möglich ist es, nach Analogien sogar wahr- 
scheinlich, doch fehlen uns vorläufig die Mittel und Wege, 
diese Vermutungen durch direkte Beobachtungen zu stützen* 
Das Vorhandensein erogener Zonen in den Sinnesorganen 
legt den Gedanken nahe, ob nicht die besondere Empfin- 



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88 



Erogene Zonen 



dungsqualität, welche die Uebesempfindung von anderen 
Empfindungen unterscheidet, an bestimmte, in den Sinnes- 
organen vorhandene, nach dem Prinzip des Abgestimmt- 
seins konstruierte Sexualendkörperchen gebun- 
den ist. 

Wenn heute die bedeutendsten Psychologen mit von 
Frey 81 ) sich für die Existenz eines besonderen Schmerz- 
sinns, der durch Schmerzpunkte charakterisiert ist, ausge- 
sprochen haben, so erscheint es nach allem, was wir von 
der Spezifiziertheit der Sinneseindrücke kennen gelernt 
haben, durchaus nicht unwahrscheinlich, daß auch für die 
geschlechtliche Empfindung besondere Empfangsstationen, 
Sexualzellen mit Substanzen von eigenartiger Empfänglich- 
keit und Empfindlichkeit, innerhalb der verschiedenen 
Sinnesorgane vorhanden sind. 

Innerhalb der Haut treten uns erogene Zonen (der 
Ausdruck „zones erogenes" findet sich zum erstenmal bei 
den Franzosen), hauptsächlich an a c h t Stellen entgegen. 
Es sind die vier mit Haaren und die vier 
mit Schleimhaut bekleideten Partien der Körper- 
oberfläche, welche für das Subjekt besonders reizbar 
sind und zugleich auch an dem Objekt vielfach als 
besonders erregend empfunden werden. Die vier Haar- 
stellen sind die behaarte Kopfhaut, die Gegend der 
Bart-, Achsel- und Schamhaare. Nach Ansicht einiger 
Autoren stellen sie nicht nur für den Gesichts-, son- 
dern auch für den Geruchssinn wesentliche Sexualreize 
dar. 82 ) Ganz ähnlich verhalten sich die vier Stellen der 

81 ) v. Frey, Beiträge zur Physiologie des Schmerzsinnes, Be- 
richt d. mathematisch-physikal. Klasse der sächs. Akademie. Leip- 
zig, Dezember 1894. 

3S ) So sagt Wilhelm Bölsche im III. Bande seines Liebes- 
lebens in der Natur auf S. 72: „Hier will mir nun die Vermutung 



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Sexuelle Erregungsstellen. 



89 



Körperoberflache, die sich von ihrer Umgebung durch eine 
zartere, dünnere Oberhaut abheben, die nach ihrer ganzen 1 
Beschaffenheit in der Mitte zwischen der gewöhnlichen 
Epidermis und der die inneren Kanäle auskleidenden 
Schleimhaut steht (regio labialis, mammillaris, genitalis und 
analis). Außer diesen acht Punkten finden sich noch sexu- 
elle Erregungsstellen dort, wo die Oberhaut besonders prall 
gespannt ist und ohne viel Unterhautfettgewebe den Muskeln 
und Knochen aufliegt. Bei den Menschen sind derartige 
Reizstellen die Handteller, die Fußsohlen, die Fingerspitzen, 
die Zehenspitzen, Kniee und Ellenbogen. 

Weitere erogene Zonen sind bei vielen die innere Seite 
des Oberschenkels, die Nackengegend, die Ohrmuschel und 
Ohrläppchen. Auch hier gibt es wiederum ganz individu- 
elle Besonderheiten, welche anatomisch vermutlich durch 
eine stärkere Anhäufung sexueller Nervenendkörperchen an 
gewissen Stellen charakterisiert sind. Um einige hierher 
gehörige Seltenheiten anzuführen, erwähne ich den Fall 
eines Mannes, der angab, daß er durch Zwicken des 
äußeren Augenwinkels, eines anderen, der durch Einführen 
des Fingers in die äußere Öffnung des Gehörganges ero- 
tische Lustgefühle vermittelt erhielt. Beide erregten diese 
Partien künstlich zu masturbatorischen Zwecken. 

Bei den Hautreizen tritt der Charakter der Liebe als 
Treppenreflex besonders deutlich zu Tage. Vom ersten 

nicht aus dem Sinn, es möchte in unseren menschlichen Achsel- 
und Schamhaaren eine verwandte uralte Beziehung stecken zu ero- 
tisch wirksamen Düften. Wenn diese Haare nun erhalten geblieben 
oder gar nachträglich wiederhergestellt worden wären, weil sie 
ganz ähnlich wie die Duftzäpfchen der Schmetterlinge lange Zeit 
hindurch noch als Zerstreuer und Zerstäuber gewisser Lockgerüche 
der Liebe9zeit dienen mußten? — Mindestens vom Geruch der 
Achselgegend ist noch heute kein Zweifel, daß er eine gewisse ero- 
tische Wirkung ausübt. Vor allem der des Mannes auf das Weib." 



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90 



Kontaktreflexe. 



leisen Streicheln bis zur stärksten Liebsumarmung folgen 
sich nicht selten in fast ununterbrochener Reihenfolge Be- 
rührungsreiz und Berührungslust, lawinenartig sich stei- 
gernd. Die Reflexbogen gehen schließlich oft so momentan 
von dem sensoriellen Anstieg auf den motorischen Abstieg 
über, daß es fast unmöglich wird, die zentripetale von der 
zentrifugalen Phase zu trennen. Trotzdem ist beim Men- 
schen noch in ziemlich weit vorgeschrittenem Stadium der 
Kontaktreflexe eine Abstellung durch Hemmungsmechanis- 
men möglich. Bis wie lange, ist freilich im Einzelfalle 
schwer zu entscheiden, da wir weder für die Starke des 
Antriebes noch für die Starke der Hemmungen Meßinstru- 
mente besitzen. 

Als Sachverständiger vor Gericht wird man nicht 
selten gefragt, ob in einem konkreten Falle der Geschlechts- 
trieb beherrschbar war ( § 51 RStrGB.). Ich habe mich in 
solchen Fällen wiederholt auseinanderzusetzen bemüht, 
daß, als der Angeklagte sich mit seinem Sexualobjekt ein- 
ließ, möglicherweise nur der Wunsch bestand, sich durch 
ein einfaches Zusammensein eine leichtere Lustempfindung 
für Auge und Ohr zu verschaffen, ohne daß die Absicht 
einer strafbaren Handlung, der Dolus, vorlag, welchen 
Staatsanwälte und Richter meist schon in der bloßen An- 
näherung erblicken. Erst während des Zusammenseins stei- 
gerte sich die Erregung nach und nach, bis dann plötzlich 
ein Moment kam, in dem der Betreffende unwillkürlich, ohne 
dann mehr nach den Konsequenzen seiner Handlung zu 
fragen, also unter Ausschluß seiner freien Willensbestim- 
mung die Tat begangen hätte, die ursprünglich nicht in 
seinem Plane lag, über deren Tragweite er sich aber 
schließlich nicht mehr völlig klar war. 

Die durch den Hautsinn hervorgerufenen Lustempfin- 



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Sexueller Automatismus. 



91 



düngen, welche wesentlich leichter als die Fernreize vaso- 
motorische Veränderungen im Körper auslösen, bilden ge- 
wöhnlich die Stufen des Treppenreflexes, an denen die Be- 
herrschungskraft und Widerstandsfähigkeit der immer 
stärker nach Entspannung drängenden Triebe am ehesten 
nachläßt. Wenn irgend, so heißt es hier: „principiis obsta" 
und „respice finem". Besteht eine heftige erotische An- 
ziehung, so können schon ganz leichte Hautberührungen 
starke sexuelle Affluxe bewirken. Man hat nicht mit Un- 
recht diese nach Steigerung drängenden Liebkosungen mit 
einer Katze verglichen, mit der man anfangs tändelnd spielt 
und die sich unter den Händen allmählich in einen Tiger 
verwandelt, zu dessen Spielball der Spielende wird. 

Um hier ein Beispiel anzuführen, so berichtete mir ein 
Mediziner von 25 Jahren: „Er sei einem Mädchen be- 
gegnet, das ihn sexuell sehr angezogen habe, und sei mit 
ihm in seine Wohnung gegangen; dort habe er verdächtige 
Flecke auf ihrem Körper bemerkt, die er als syphilitische 
angesprochen habe. Er hätte sich daher von dem intimeren» 
Verkehr zurückgehalten, habe nur mit dem Mädchen ge- 
spielt und gescherzt, sei aber nach einigen Stunden dieses 
Kosens so erregt worden, daß er, trotzdem er die An- 
steckungsgefahr noch genau übersah, dennoch den Koitus 
vollzog, durch den er sich tatsächlich infizierte." Ähnliche 
Fälle, in denen Männer mit Frauen verkehren, die ihnen 
als gonorrhoisch oder luetisch bekannt sind, sind nicht gar 
so selten. 

Gegen das Ende des Treppenreflexes ist bei fast allen 
Lebewesen — den Menschen eingeschlossen — ein Stadium 
unverkennbar, in dem der Reflexmechanismus fast automa- 
tisch arbeitet. Ein extremes Beispiel „kopfloser** Sexualent- 
spannung gibt der französische Naturforscher Poiret. Ein 



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92 



licdg tjcscn iccnisioscr Lcdcwcscu* 



Insektenmännchen springt mit zärtlichem Ungestüm auf ein 
Weibchen. Dieses wehrt den Begehrlichen energisch ab, 
indem es mit einem jähen Schlage seiner Greifzange, die 
wie eine kleine Sense aussieht, dem sie überfallenden In- 
sekt den Kopf vom Rumpf abtrennt. Diese energische Ab- 
wehr hindert aber den enthaupteten Liebhaber nicht, das 
Weibchen fest umschlungen zu halten; sein abgetrennter 
Leib vollendet allein in elementarer Leidenschaft den Liebes-« 
akt, als wäre ihm überhaupt nichts geschehen. Und das 
Weibchen schwelgt in der Umarmung des sich der Liebe 
opfernden Männchens, um, wenn die Beseligung vorüber, 
in größter Gemütsruhe den abfallenden Leichnam des von 
ihm getöteten Liebesspenders zu verzehren. 

Es wird vielfach angenommen, daß die Sexualität 
dieser niederen Organismen lediglich auf Kontaktliebe be- 
ruhe, daß nicht der taktilen Beeinflussung eine distanzielle 
Reizung vorangehe. Nachdem wir aber durch die Experi- 
mente Löb's und seiner Schule erfahren haben, daß geringe 
chemische Zusätze zum Seewasser ausreichen, die Entwick- 
lung weiblicher Seeigelkeimzellen genau so anzufachen, als 
ob ein männlicher Keimpartner in Wirksamkeit getreten sei, 
haben wir keinen Grund, in Zweifel zu ziehen, daß nicht 
auch schon auf einer Entwicklungsstufe, in der die indiffe- 
renzierte Haut einen einheitlichen Primitivsinn bildet, der 
sexuellen Vereinigung Fernwirkungen, höchstwahrschein- 
lich chemischer Natur, vorausgehen, die bereits eine indivi- 
duelle Einwirkung und Auslese ermöglichen. 

Dies kann selbst dort angenommen werden, wo eine 
Geschlechtstrennung noch nicht besteht, sich also nicht 
Männchen und Weibchen, sondern geschlechtslose Indivi- 
duen durch sogenannte Konjugation zur Schaffung neuer 
Wesen paaren. 



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Voraussetzungen taktiler Reizbarkeit. 



93 



Nicht ohne Grund hat man den Hautsinn als den 
„unter den Sinnen am wenigsten intellektuellen, ästhetisch 
unbedeutendsten" bezeichnet. Zweifellos sind auch bei 
höheren Lebewesen Tasteindrücke bei weitem nicht so in- 
dividuell verschieden geartet, bleiben auch in der Vor- 
stellung und in der Erinnerung nicht so spezialisiert haften, 
wie die durch Auge, Ohr oder Geruch vermittelten Reize. 

Immerhin fühlt sich auch die Haut nach Geschlecht, 
Alter und Individuum verschieden an, und die Erfahrung 
zeigt, daß nicht selten auf die Beschaffenheit der Haut, ob 
sie sich beispielsweise weich oder straff, zart oder rauh 
anfühlt, als auf einen erotisch oder antierotisch be- 
deutsamen Faktor großes Gewicht gelegt wird. Doch läßt 
sich die Tatsache nicht verkennen, daß auch von einer nicht 
als sympathisch empfundenen Haut, zum mindesten von der 
Haut eines nicht sympathischen Menschen gelegentlich eine 
sexuelle Erregung ausgehen kann. Im allgemeinen hat aber 
bei den Menschen die taktile Erregungsmöglichkeit die 
distanzielle Reizung zur Vorausset- 
zung. Es ist dies gerade ein Hauptunterschied zwischen 
erotischer und nicht erotischer Anziehung, daß eine Be- 
rührung von Personen, deren Eigenschaften den Sinnes* 
organen und der Vorstellung gleichgültig oder gar un- 
angenehm sind, auch dem Hautsinn gleichgültig oder un- 
angenehm isi 

Gerade die oft schwer zu definierende, stets aber doch 
deutlich wahrzunehmende Art der Empfindung während 
der Berührung ist dafür entscheidend, ob eine Erregung 
sexueller oder unerotischer Natur ist. Ist ersteres der Fall, 
so können schon ganz leichte Berührungen, etwa der Fuß- 
oder Fingerspitzen, der Kniee oder Ellenbogen, das eigen - 
artige Lustgefühl wachrufen, das bei unsympathischen alsun- 



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94 Attraktionsskala. 

angenehm, bei neutralen als neutral wahrgenommen wird, 
d. h. als belanglos überhaupt nicht ins Bewußtsein dringt. 

Wenn Chamfort einmal die Liebe definiert als 
„Pechange de deux fantaisies et le contact de deux epider- 
mis a oder Dante im Purgatorio meint, daß das Sehen 
und Fühlen die beiden Kanäle seien, durch welche die Liebe 
ziehe, so muß daran festgehalten werden, daß es sich hier 
nicht um koordinierte, sondern subordinierte Vorgänge 
handelt, indem das Fühlen zu dem Sehen nicht nur im 
zeitlich äußerlichen, sondern im innerlich ursächlichen Ver- 
hältnis steht. 

Das Gesagte nochmals kurz zusammenfassend, sehen 
wir also in der Liebe des Menschen mit relativ großer Ge- 
setzmäßigkeit einander folgen, die: 

I. Fern- oderlp . 

II. distanzielle / 
Reize. III. Mittelreize. 

IV. Nah- oder 



} R eize. 



I. visuellen, Seh- 

II. auditiven, Hör- 

III. olfaktorischen, Riech- 

IV. gustatorischen, Schmeck 

V. taktilen, Tast- J V. proximale 

Das eigentlich genitale Stadium stellt bis zu der 
sekretorischen Entspannung, welche der or- 
gastischen End-Spannung unmittelbar folgt, nur 
eine Steigerung durch Summation und Konzentration 
der taktilen Reize dar, ohne Hinzutreten neuer Sinnes- 
eindrücke. Die visuellen (Seh-), auditiven (Hör-) Reize 
kann man als distanzielle (Fernreize), die taktilen und 
gustatorischen Reize (Gefühls- und Geschmacksreize) als 
proximale (Nahreize) zusammenfassen. Die Riechreize 
stehen in der Mitte zwischen Fern- und Nahreizen. Die 
distanziellen Reize sind zumeist die eigentlichen Lock- 
reize, die anderen sind Verstärkungsreize. 



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Lock- und Verstärkungsreize 



95 



Die attraktive Bedeutung eines Sin- 
nesorgans verhält sich zu der Entfer- 
nung, die zur Wahrnehmung der Reiz- 
objekte notwendig ist, direkt propor- 
tional. So reicht das Auge als hauptsachlichstes 
Organ der Reizbarkeit am weitesten, die menschliche 
Stimme, die dem Gehörsorgan weniger weit wahrnehmbar 
ist, steht als sexuelles Erregungsmittel an zweiter Stelle. 
Es folgen der Geruch, für dessen Erregung im allgemeinen 
eine noch größere Nähe des reizenden Objektes 
erforderlich ist, und schließlich der Geschmacks- und 
Hautsinn, welche den unmittelbarsten Kontakt bean- 
spruchen. 

Endlich ist noch zu bemerken, daß wir dieselbe Reihen- 
folge, in der die sexuellen Reize für den Menschen wirksam 
sind, hinsichtlich des Grades der Feinheit des Mediums 
finden, durch welches die Objekte auf uns wirken. Die 
Lichtschwingungen sind auf den Äther als feinsten Stoff 
angewiesen. Die Schallschwingungen bedürfen schon des 
festeren Aggregatszustandes wägbarer Luft. Die Duft- 
schwingungen hängen von verteilten Stoffteilchen ab, die 
Schmeckschwingungen von in flüssigem Medium gelösten 
Molekülen, die Tastwellen endlich brauchen einen festen 
Aggregatszustand. 

Man wird hier einwenden, daß es doch nicht allein 
die körperlichen Ausstrahlungen sind, die unsere Liebe er- 
wecken, sondern daß es in sehr vielen Fällen geistige und 
seelische Charaktereigenschaften, wie Kraft, Frische, Mut, 
geistige Bedeutung, Ruhm, Milde, Treue, Hingabe, Scham- 
haftigkeit sind, die uns eine Person so überaus lieb und 
teuer machen. Schiller sagt an einer Stelle der „Braut 
von Messina": 



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96 Körperliche Vermittlung seelischer Eigenschaften. 



„Nicht ihres Lächelns holder Zauber war's, 
Die Reize nicht, die auf der Wange schweben, 
Selbst nicht der Glanz der göttlichen Gestalt — 
Es war ihr tiefstes und geheimstes 

Leben, 

Was mich ergriff mit heiliger Gewalt", 

und ähnliche Angaben finden sich in der schöngeistigen 
Liebesliteratur, sowie in fachwissenschaftlichen Typenschil- 
derungen häufig vor; von letzteren ein Beispiel. Ein Mann 
in den mittleren Jahren schreibt: „Ich liebe an dem Weibe 
ein lebhaftes Temperament, offenen Charakter, hingebendes 
und doch selbstbewußtes Wesen und Interesse für Kultur- 
fragen. Das hausbackene Weib, selbst mit äußeren Vor- 
zügen ausgestattet, vermag keinen nachhaltigen Eindruck 
auf mich zu machen. Bezüglich der äußeren Reize liebe 
ich ein durchgeistigtes Auge, welches Gemüt und Lebens- 
freude, vielleicht auch etwas Übermut wiederspiegelt. Alles 
in allem kann ich sagen, es muß Harmonie und Liebreiz 
auf dem Wesen lagern, zu dem ich mich besonders hinge- 
zogen fühlen soll." 

Wir dürfen bei der sexuellen Anziehung durch anschei- 
nend rein seelische Eigenschaften nicht übersehen, daß 
alles Geistige uns erst durch den körper- 
lichen Eindruck vermittelt wird. So teilt sich 
uns Energie, Mut und Kraft eines Menschen erst durch 
Leistungen mit, von denen unser Ohr hört, unser Auge 
sieht oder liest; Treue und Hingabe einer Person lernen 
wir erst dadurch kennen, daß wir direkt wahrnehmen oder 
indirekt erfahren, wie der Betreffende an einer anderen Per- 
son, einer Sache oder Idee hängt. „. . . Es besitzt etwas 
eigentümlich Reizvolles für die meisten Frauen", sagt G e- 



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Die Sexualobjekte. 



97 



orge Elliot in „The Millonthe Floss", „wenn ihnen der 
Arm angeboten wird: physisch brauchen sie in dem Augen- 
blicke keine Hilfe; aber das Gefühl, daß ihnen geholfen 
wird — die Verfügung über eine Kraft, die nicht die ihre 
und doch ihnen zu Dienst ist — befriedigt ein fortwährend 
vorhandenes ideelles Bedürfnis. . , a,s ) Wir werden später, 
wenn von den zentralen Assoziationen die Rede ist, noch 
eingehend darauf zurückkommen müssen, daß wir in allem 
Körperlichen höchstwahrscheinlich durch die Gedanken, 
die wir mit den Eindrücken verknüpfen, nur den Ausdruck 
von etwas uns Adäquatem, Seelischem lieben; hier 
sei zunächst nur betont, daß, wenn wir an einem Wesen 
nur geistige Eigenschaften lieben oder zu lieben meinen, 
wir deren innere Eigenart nur durch ihr äußeres Wesen 
und Benehmen wissen können. 

Ehe wir uns aber der zerebralen Verarbeitung der 
Sexualreize zuwenden, wollen wir noch einige Betrach- 
tungen den Sexual Objekten selbst widmen, von denen 
sich diese Reize auf die Sinnesorgane des Subjekte als sexuell, 
erregsam fortpflanzen. Da geht es uns dgentümlich: Zu» 
nächst kommt uns die Fülle und Mannigfaltigkeit der an- 
ziehenden Sexualobjekte so endlos groß vor, daß die Auf- 
gabe, in diese Riesenanzahl von Einzeltatsachen Ordnung 
zu bringen oder gar ein einheitliches Prinzip aufzufinden 
— die Gemeinsamkeit des Verschiedenen und die Verschie- 
denheit des Gemeinsamen — unlösbar erscheint. Dann aber 
erkennen wir eines Tages, daß gerade diese Unbegrenztheit 
reizbarer Eindrücke die Lösung des Problems wesentlich 
vereinfacht, so daß es sich fast erübrigt, in eine nähere Schil- 
derung der Sexualobjekte überhaupt einzutreten. Es 



M ) E 1 1 i s : Die Gattenwahl beim Menschen, p. 236. 
Hirschfeld, Naturgesetze der Liebe. 



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98 



Der Primärreiz 



stellt sich nämlich heraus, daß es nichts 
an einem Menschen gibt, keinen Teil und 
keine Eigenschaft, von der nicht die 
Se x u a 1 r e i z u n g ihren Ausgang nehmen 
könnte. Was denkbar ist, kommt auch tatsächlich vor. 
Auch hier erinnern wir uns Goethes: „Was ist das 
Allgemeine?" sagt er. — „Der besondere Fall. Was ist 
das Einzelne? — Millionen Fälle." 

Die wichtigste Tatsache aber, welche eine sorgsame 
Prüfung ergibt, ist die, daß es nie die g a n z e Persönlich- 
keit ist, von der die Erregung ausgeht, sondern daß in 
allen Fällen diejenigen Eindrücke, welche auf die Sinnes- 
organe einwirken und Gefallen erregen, nur ein Teil, 
eine oder einige wenige Eigenschaften der anziehenden Per- 
sönlichkeit sind. An diesen Primärreiz schließt sich dann 
erst der Eindruck weiterer Attribute an, die entweder den 
ersten Eindruck verstärken und vertiefen oder abschwächen 
oder unverändert lassen. Nehmen wir ein Beispiel: Jemand 
ist gefesselt durch den schönen — schön immer nur im 
Geiste des Beschauers — Teint, Mund, Gang einer ihm 
begegnenden Person. Die Art ihrer Sprache und der In- 
halt der Rede erhöhen den angenehmen Eindruck; unsym- 
pathische Eigenschaften, wie häßliche Hände und Füße — 
häßlich natürlich auch nur im Sinne des Beschauers — 
tun der Neigung nur wenig, Abbruch, während gleichgültige 
Dinge, wie die Kleidung oder Haarfarbe, die Empfindung 
weder positiv noch negativ verändern. 

Jedes Wesen setzt sich ja aus einzelnen Eigenschaften 
zusammen, und es ist unschwer nachzuweisen, daß die Vor- 
liebe für einen bestimmten Typus stets in dem Lustgefühl 
an einzelnen körperlichen und geistigen Eigenschaften, 
beruht, von denen einige eine schwächere, andere eine stär- 



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Partielle Attraktion. 



99 



kere Anziehungskraft besitzen. Von der Summe der Ein- 
zelattraktionen hängt die Starke der Liebe ab. 

Oft freilich kann ein bestimmter Teil so ganz besonders 
sexuelles Gefallen erwecken, daß daneben alle anderen 
Eigentümlichkeiten nur eine untergeordnete Beachtung fin- 
den. Je stärker ein Teil einer Persönlichkeit reizt, um so 
mehr verblassen die übrigen. So ist beispielsweise bei 
manchen die Vorliebe für einen bestimmten Gang so stark, 
daß alles andere, Alter, Figur, übriges Aussehen dagegen 
zurücktritt. Würde sich ein Dritter nur an die Physiogno- 
mien der von einem „Brustfeüschisten" geliebten Personen 
halten, er könnte über die Verschiedenheit ihrer Gesichts- 
züge leicht in Erstaunen geraten. 

Umgekehrt kann auch eine bestimmte Eigentümlichkeit 
ein so hochgradiges Unlustgefühl hervorrufen, daß daraus 
gegen eine im übrigen anziehende Person ein sexueller 
Widerwille resultiert, der zu psychischer Impotenz führt. 
Ich führe aus einer Zusammenstellung, die im „Neurolo- 
gischen Centraiblatt" 34 ) unter dem Titel „Über Horror sexu- 
alis partialis (sexuelle Teilaversion, antifetischistische 
Zwangsvorstellungen, Fetischhaß)*, von mir veröffentlicht 
wurde, zwei Beobachtungen an: 

Einer der Fälle betrifft einen ärztlichen Kollegen. Er 
ist 35 Jahre alt, verheiratet, vollkommen heterosexuell, stark 
libidinös. Seine Abneigung bezieht sich auf die weiblichen 
Brüste. Sie ist so stark, daß Ausdrücke wie „Busen", 
„Brust", „Mammae" u. ähnl. ihm das größte Unbehagen 
bereiten. Es koste ihm eine große Überwindung, das 

*«) „Neurologisches Centraiblatt", Obersicht der Leistungen 
auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und The- 
rapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 1911. 
Nr. 10. Red.: Dr. Kurt Mendel. — Leipzig, 

1* 



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100 



Partielle Aversion. 



Wort „Brust" auszusprechen; er suche es nach Möglichkeit 
zu vermeiden. Seine Frau singe häufig die schöne Kompo- 
sition des Heineschen Gedichtes: „Wenn ich in Deine Augen 
seh". Vor der Stelle dieses Liedes: 

„Wenn ich mich lehn* an Deine Brust, 
Kommts über mich wie Himmelslust," 
spüre er ein Bangen und Zittern, er schäme sich in die 
Seele seiner Frau, die übrigens seine Aversion nicht kenne, 
und atme erleichtert auf, wenn der ominöse Passus vor- 
über sei. Die Vorstellung eines aus der Milchdrüse her- 
ausfließenden Milchtropfens, nicht nur der Anblick, son- 
dern auch der Gedanke daran verursache ihm Brechreiz. 
Der Anblick einer dekolletierten Dame, einer stillenden 
Mutter, einer starkbusigen Frau, Bilder wie die Tizian- 
sche Venus erregten ihm Übelkeit. Auslagen von Korsettge- 
schäften erschienen ihm als Gipfel der Indezenz. In seinem 
Beruf als Arzt habe ihm diese unüberwindliche Aversion 
wiederholt Schwierigkeiten bereitet. So könne er Perkussion 
und Auskultation weiblicher Brustorgane nur vom Rücken 
aus vornehmen: eine Frau, die ihn wegen eines karzinoma- 
tösen Knötchens in der Mamma konsultierte, vermochte er 
nicht zu palpieren; er überwies sie ununtersucht einem 
Spezialarzt. Um des Anblicks des ihm verhaßten Körper- 
teils in der Praxis weniger teilhaftig zu werden, wurde er 
Kinderarzt. Eine Erklärung für seine ihm unerklärliche und 
peinliche Antipathie weiß er nicht anzugeben. Daß sie 
durch eine Gelegenheitsursache, einen „choc fortuit", ent- 
standen sein könne, hält er für ausgeschlossen; er habe 
sich eingehend daraufhin geprüft, aber nichts zu entdecken 
vermocht, worauf seine Antipathie zurückzuführen wäre. 

Eine den besseren Ständen angehörige Dame, etwa 
40 Jahre alt, erklärte ihrem Gatten, sie müßte sich von ihm 



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Fälle von Fetischhass. 



101 



scheiden lassen, wenn er sein Vorhaben, sich einen Voll- 
bart wachsen zu lassen, ausführen würde. Die Patientin 
ist ausschließlich heterosexuell, fühlt sich zu Männern, die 
ihrem Geschmack entsprechen, stark hingezogen, liebt seit 
mehreren Jahren einen Mann sehr, hat dagegen, solange 
sie zurückdenken kann, einen förmlichen Haß gegen Voll- 
barte. „Schon als ganz junges Ding," schreibt sie, „habe 
ich mich dagegen empört, wenn ich Zeitungsanzeigen las, 
in denen vom Bart als „höherer Zierde" oder „Stolz eines 
Mannes" die Rede war, oder wenn Bartwuchsmittel ange- 
priesen wurden. Ich kann nicht ausdrücken, wie greulich 
mir so ein wallender oder auch gestutzter dunkler oder 
heller Vollbart ist. Ich gebe ja zu — fährt sie fort — 
daß Kragen und Chemisettewäsche damit gespart, selbst 
minderwertige Schlipse darunter aufgetragen werden 
können; das kann doch aber für den Geschmack nicht 
maßgebend sein. Nie und nimmer könnte ich für einen 
Vollbartträger in Liebe entbrennen. Ist nicht das Genie, 
wenn auch oft mit starkem Haarwuchs, doch meist glatt 
rasiert? Cäsar, Napoleon, Luther, die Humboldts, Goethe 
und Schiller, Moltke und Mommsen und noch viele an- 
dere Geistesheroen trugen keinen Vollbart. Hat man ihn 
den katholischen Geistlichen nicht ganz untersagt, damit 
sie ein gewisses seelisches Übergewicht besser zum Aus- 
druck bringen können? Ich meine — und dies soll wahr- 
haftig nicht frivol klingen — selbst ein Christuskopf am 
Kreuz müsse ergreifender und rührender erscheinen, wenn 
die weh und schmerzlich verzogenen Lippen nicht ein Voll- 
bart bedeckte. Für mich ist der Vollbart ein Abzeichen von 
Brutalität und Gewaltmenschentum; ich liebe nur die feine, 
stolze Männlichkeit, deshalb ist mir ein Vollbart im aller- 
höchsten Grade ekelhaft." 



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102 



Der Bari. 



Man beachte wohl, daß sich in diesen beiden Fällen 
bei völlig heterosexuellen Personen der Fetischhaß auf se- 
kundäre Geschlechtscharaktere wie die Brüste des Weibes 
und den Bart des Mannes erstreckt, die im allgemeinen als 
besonders typische und anziehende Geschlechtszeichen an- 
gesehen werden. 35 ) 

Für den Liebenden selbst verbirgt sich nicht selten 
sowohl das, was ihn fesselt, als auch das, was ihn abstößt, 
in der Tiefe des Unbewußten, zumal ja nicht nur im Seh- 
organ, sondern in allen Sinnesorganen Empfangsstationen 
für sexuelle Reize gelegen sind. Die Erkenntnis der an- 
ziehenden Reize ist darum so schwierig, weil es sich oft um 
ganz außerordentlich kleine Besonderheiten handelt; so kann 
es eine bestimmte Art des Lächelns, eine eigentümliche 
Kopfhaltung oder Kopfform, eine gewisse Bewegung des 
Körpers, eine eigene Gangart, etwa ein schwebender, schie- 
bender, schwerfälliger oder elastischer Gang sein, der den 
Geschlechtssinn fesselt. 

Nichts ist zu geringfügig, ja nichts zu grotesk, zu ab- 
surd, zu monströs, als daß es nicht in der Liebe eine Be- 
deutung gewinnen könnte. Die sich auf dem Gebiete der 

sfi) Bezüglich des Bartes sei übrigens auf eine bemerkenswerte 
Stelle in Iwan Bloch's „Sexualleben unserer Zeit 44 verwiesen, wo 
es p. 27 heißt: „Schon spielt der Männerbart nicht mehr die 
Rolle als sexuelles Anziehungsmittel, die ihm früher zukam. Und 
Schopenhauers Behauptung, daß der Bart mit fortschreitender Kul- 
tur verschwinden werde, hat etwas Richtiges für sich. Die Rasur 
ist ihm das Abzeichen der höheren Zivilisation. Sie ist gewisser- 
maßen ein logisches Postulat der natürlichen Entwicklung." Hier- 
zu fügt Bloch folgende Anmerkung: „Würde man heute eine Um- 
frage bei den Frauen der europäischen und anglo-amerikanischen 
Kulturwelt veranstalten, ob bärtige oder bartlose Männer ihrem 
Schönheitsideal mehr entsprechen, so würde sicher eine große 
Zahl, wenn nicht die Mehrzahl derselben, sich gegen den männ- 
lichen Vollbart aussprechen." 



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Prinzip der Individualisierung. 103 

Teilanziehung darbietende Fülle der Erscheinungen ist in 
ihrer Unübersehbarkeit wahrhaft erstaunlich. So wenig es 
in der Natur zwei ganz gleiche Individuen gibt — jeder 
Mensch ist ein Problem und Phänomen für sich — , so wenig 
gibt es zwei Wesen mit gleichem Oeschlechtstrieb. Auch 
die kühnste Phantasie kann sich von der endlosen Mannig- 
faltigkeit der hier in Betracht kommenden Kleinigkeiten, 
Nuancen und Schattierungen keine Vorstellung machen. 

Die hohe Bedeutung dieser partiellen Attraktion betonte 
schon Krafft-Ebing. Er nannte sie „individuellen Fe- 
tischzauber" und hält es in der Einleitung seiner berühmten 
„Psychopathia sexualis" für wahrscheinlich, daß sie den 
Keim jeder physiologischen Liebe bildet. Sehr bemerkens- 
wert für diese Auffassung sind die Worte, mit denen er 
den Abschnitt seines Werkes (p. 163) beginnt, welcher die 
Oberschrift trägt: „Verbindung der Vorstellung von ein- 
zelnen Körperteilen oder Kleidungsstücken des Weibes 
mit Wollust-Fetischismus." Dieselben lauten: „Schon in 
den Betrachtungen über die Psychologie des normalen 
Sexuallebens, welche dieses Werk einleiten, wurde dargetan, 
daß noch innerhalb der Breite des Physiologischen die aus- 
gesprochene Vorliebe, das besondere konzentrierte Inter- 
esse für einen bestimmten Körperteil am Leibe der Personen 
des entgegengesetzten Geschlechts, insbesondere für eine be- 
stimmte Form dieses Körperteils eine große psychosexu- 
elle Bedeutung gewinnen kann. Ja, es kann geradezu diese 
besondere Anziehungskraft bestimmter Formen und Eigen- 
schaften auf viele, ja die meisten Menschen, als das eigent- 
liche Prinzip der Individualisierung in 
der Liebe angesehen werden. Diese Vorliebe für einzelne 
bestimmte, physische Charaktere an Personen des entgegen- 
gesetzten Geschlechts — neben welcher sich auch ebenso 



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104 



Breite des Physiologischen 



eine ausgesprochene Bevorzugung bestimmter psychischer 
Charaktere konstatieren läßt — habe ich in Anlehnung an 
Binet (Du Fetischisme dans Pamour, Revue philosophique 
1887) und Lombroso (Einleitung der italienischen Ausgabe 
der 2. Auflage dieses Buches) „Fetischismus" genannt . . ." 

Ich habe bereits in einer früheren Arbeit auseinander- 
gesetzt, daß ich die Bezeichnung „Fetischismus" für eine 
so allgemeine Erscheinung sehr wenig glücklich gewählt 
halte und vorgeschlagen, sich hierfür des Ausdruckes 
„Teilanziehung* oder (wenn man auf eine fremd- 
sprachliche Terminologie Wert legt) der Bezeichnung 
„partielle Attraktion" zu bedienen. 

Auch hier wird es sich empfehlen, wie im Sexualleben 
überhaupt, die Grenzen des Physiologischen und Anthro- 
pologischen, der Varietäten und Spielarten möglichst 
weit zu ziehen. Den Ausdruck „Fetischismus" sollte man 
nur für ausgesprochen pathologische Fälle reservieren und 
von solchen möglichst nur dann sprechen, wenn eine 
Eigentümlichkeit oder ein Gegenstand auch ohne die Per- 
son, an der sie haften, geschlechtlich erregend wirken; und 
selbst dann wird man noch Einschränkungen machen 
müssen. So wird man es kaum Fetischismus nennen 
können, wenn Faust zu Mephisto sagt: 

„Schaff mir etwas vom Engelsschatz! 
Führ mich an ihren Ruheplatz! 
Schaff' mir ein Halstuch von ihrer Brust, 
Ein Strumpfband meiner Liebeslust!" 

Auch hier führen wiederum vom Physiologischen zum 
Pathologischen alle erdenklichen Obergänge, etwa von dem 
Gefallen an blonden Haaren bis zu ihrer schwärmerischen 
Verehrung, vom leidenschaftlichen Versinken in der gol- 



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Einteilung der Partialreize. 1° 5 



denen Haarflut bis zu deren Raub, von dem Manne, der 
eine Haarlocke seiner Liebsten im Medaillon trägt bis zu 
dem, der die Hotelbediensteten besticht, um des Morgens 
aus den Betten derDamen ausgegangene Haare zu sammeln. 

Suchen wir nun die Partialreize noch näher einzu- 
teilen, so können wir zunächst zwei Gruppen unterschei- 
den, je nachdem der Partialreiz ein mit seinem Träger ver- 
wachsener oder nur locker, trennbar mit ihm verbundener 
Teil ist Die einen können wir als inhärente Par- 
ti a 1 r e i z e , die anderen als adhärente bezeichnen. 
Die Erfahrung zeigt nämlich, daß keineswegs bloß leib- 
liche Stücke oder Funktionen geliebt werden, sondern daß 
vielfach auch Dinge als Sexualreize für sich oder als erheb- 
liche Liebesverstärkungen empfunden werden, die von den 
Menschen gebraucht oder ausgeübt werden. 

So sind für das Auge nicht nur der Körper und seine 
Bewegung ein Anziehungsmittel, sondern häufig auch Klei« 
dungs- und Schmuckgegenstände. Das Ohr liebt nicht nur 
die von einem Menschen erzeugten vokalen, sondern auch 
von ihm ausgehende instrumentale Töne. So manches Mäd- 
chen wurde von Liebe ergriffen, als man ihr eine Serenade 
brachte, so mancher Mann durch ein auf dem Klavier ge- 
spieltes Lied. 

Auch das Geruchsorgan ist nicht nur für die natür- 
lichen, sondern auch für künstliche Gerüche (Parfüms) 
erotisch empfänglich, und selbst der Hautsinn wird außer 
durch den natürlichen Hautkontakt nicht selten durch die 
Berührung von Stoffen wie Seide, Leder, Pelz erregt, 
ohne daß man solches als krankhaft anzusehen Veran- 
lassung hätte. 

Völlig verfehlt ist es, zu glauben, daß der nackte Kör- 
per oder ein entblößter Körperteil unbedingt erotisch er- 



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106 



Abstossung des Nackten 



regender oder, im Sinne gewisser Sittlichkeitsverfechter 
gesprochen, „unsittlicher" wirke als ein bekleideter: 
Au! sehr viele Männer und Frauen übt es im Gegenteil 
einen abkühlenden Einfluß aus, wenn sich ihr Partner ent- 
kleidet. Ein Arzt sagte mir einmal: „Eine Frau, die sich 
die Strümpfe auszieht, hat für mich jeden Reiz verloren." 
Sehr viele Menschen erregt sexuell am stärksten der ver- 
hüllte, sehr viele der unverhüllte und ebensoviele der teils 
verhüllte, teils unverhüllte Körper; der Anblick der 
Sexualorgane stößtviele direkt ab. 

Von den Eiferern gegen das Nackte in der Kunst wer- 
den diese wichtigen biologischen Tatsachen meist gänzlich 
übersehen. Da die verhältnismäßig stärkste sexuelle An- 
ziehung immer noch ein schönes Gesicht ausübt, so 
müßten die Sittlichkeitsfanatiker, denen „sexuell erregend*? 
gleichbedeutend mit „schamverletzend" ist, — wären sie 
naturwissenschaftlich geschult und konsequent — mit dem- 
selben Recht, wie sie gegen die Nachbildung des nackten 
Körpers eifern, für die Verhüllung des Gesichts, der 
Augen, der Haare, der Hände eintreten. 

Warum sollen auch ein unbedecktes Gesicht, ein aus- 
geschnittener Hals, bloße Hände anständiger sein als nackte 
Beine oder andere entblößte Körperteile? 

Krafft-Ebing berichtet von einem Schuhfetischisten, 
der die Ausstellung von Damenstiefeletten in Schaufenstern 
als höchste Unmoralität empfand; mir erzählte ein einem 
Keuschheitsverein (der Heilsarmee) angehörender Korsett- 
fetischist, daß für ihn die Auslagen der jetzt so zahlreichen 
Korsettgeschäfte den Gipfel der Unsittlichkeit und ero- 
tischen Erregung darstellten. 

In das Kapitel vom Anständigen und Unanständigen 
gehört die köstliche Geschichte eines kleinen Mädchens, die 



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Rhythmische Reize. 



107 



Nietzsche 86 ) erzählt. Das Kind fragt seine Mutter: „Ist 
es denn wirklich wahr, daß der liebe Gott allgegenwärtig 
ist?" „Gewiß, mein Kind," antwortete die Mutter, „Gott 
ist überall da, wo du bist". „Das finde ich aber von ihm 
recht unanständig," erwiderte unschuldsvoll die Kleine. 
Nietzsche fügt hinzu: „Ein Wink für Philosophen!" 

Außer in inhärente und adhärente kann man die 
Sexualreize einteilen: in ruhende, bewegte 
und rhythmische. Lebendige Bewegung und vor 
allem ihr Rhythmus pflegen einen Sexualreiz erheblich 
zu verstärken. Für das Auge sei als Beispiel der 
Tanz genannt, die sich der Tonharmonie anschmie- 
gende Körperharmonie. Aber auch schon im gewöhn- 
lichen Gang und Marsch, in vielen Spielen und sport- 
lichen Übungen wirkt die harmonische Bewegung, deren 
Reiz oft noch durch eine der Übung angepaßte Tracht ge- 
steigert wird, anziehend. Die sexuelle Bedeutung des 
Tanzes ist dadurch besonders groß, daß mehrere Sinnes- 
organe gleichzeitig dem rhythmischen Zauber unterliegen: 
der Gefühlssinn durch die in wechselseitiger Berührung 
stattfindende Bewegung, das Gehör durch die begleitende 
Tanzmelodie, der Geruch durch die gesteigerte Haut- 
transpiration. 

Der rhythmische Reiz für das Gehörorgan Hegt 
in allem Metrischen von der Wortdichtung bis zur wort- 
losen Musik. „Jede Melodie ist Bewegung,** sagt Helmholtz. 
„Graziöse Eile, ernstes Einherschreiten, ruhige Fortbewe- 
gung, wildes Stürmen, alle diese verschiedenen Bewegungs- 
charaktere und tausend andere können durch die Aufein- 
anderfolge von Tönen dargestellt werden. Und da die 

*) Nietzsche, Der Fall Wagner u. Nietzsche c/a. Wagner, 
pag. 81. 



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108 



Beschleunigung der Reizfolge. 



Musik solche Bewegungen ausdrückt, so drückt sie auch 
die psychischen Bedingungen aus, welche natürlicherweise 
ähnliche Bewegungen hervorrufen, seien es solche der 
Stimme oder des Körpers oder der Denk- und Fühl- 
sphäre selbst." 

Dem Geruchssinn wohnt ein rhythmischer 
Wechsel schon durch den Rhythmus der Atembewegungen 
inne. Wir empfinden den Geruch nur, wenn der inspira- 
torische Luftstrom an den Riechsinneszellen der Nase vor- 
überstreicht. Das besonders unter den Tieren verbreitete 
Schnüffeln bewirk^ ebenso wie das Züngeln, 
nur eine Beschleunigung der Reizfolge. Für den Ge- 
fühlssinn ist der rhythmische Wechsel zwischen Be- 
lastung und Entlastung geradezu eine conditio sine qua 
non, die auch darin ihren Ausdruck findet, daß das Wort 
für Berührung, tactus, dasselbe ist, wie Takt 
für die Regelmäßigkeit der Tonfolge. 

Im übrigen müßten wir, wenn wir auch nur an- 
nähernd dem Sexualpartialismus gerecht werden wollten, 
den Körper in alle seine Teile und Teilchen zerlegen. Wir 
müßten, ähnlich wie es im „Hohen Liede" geschieht, in 
monotoner Aufeinanderfolge ein Stück des Körpers nach 
dem anderen namentlich aufzählen: ist doch keines von 
Kopf bis zu Fuß, oder noch präziser, vom Scheitel bis zur 
Sohle, von dem nicht die Sexualreizung ausgehen kann. 

Vorausstellen kann man dabei die Regel, daß die 
in Betracht kommenden Sonderreize um 
so vielgestaltiger sind, je feiner diffe- 
renziert das Sinnesorgan ist, auf wel- 
che sie einwirken. 

Im Gesicht des Menschen ist es das Auge, das wie im 
Subjekt als Empfangsorgan, so im Objekt als Ausgangsstelle 



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Gesichts- und Augenausdruck. 



109 



obenan steht. Es ist als Primärreiz so bevorzugt, daß im 
Auge, das ein anderes Auge sah, mit am häufigsten die 
Liebe ihren ersten Ursprung hatte. Weitere Prädilektions- 
stellen des Kopfes sind die behaarten Teile, vor allem das 
Haupthaar des Weibes und das Barthaar des Mannes, auch 
die Augenbrauen und Augenwimpern, dann Nase und 
Mund, Lippen und Zähne, Wangen und Ohren, Kinn- und 
Wangengrübchen. Auch die Stirne samt den Schläfen ist 
oft von hoher Bedeutung, ferner die Farbe der Gesichts- 
haut (Teint), die Form des Gesichts und vor allem der 
schwer zu definierende Gesichts- und Augen ausd ruck. Wir 
führen eine Typenangabe als Beispiel an: „Für meine Nei- 
gung," teilt ein Herr mit, „sind die Augen und ihr Aus- 
druck am wichtigsten. Ein Paar frisch dreinblickende, in- 
telligente, hellblaue Augen, sie können mich auf dem Fleck 
fesseln, wie ich denn die Worte des alten Liedchens: „Blaue 
Äuglein sind gefährlich" in ihrer ganzen Wahrheit durch- 
kostet habe. Dunkle Augen ziehen mich weniger an, ob- 
schon auch sie nicht ihren Reiz verfehlen, wenn der Aus- 
druck der oben beschriebene ist. Die Gestalt darf nicht 
zu groß und muß gut proportioniert sein, nicht zu voll. 
Schöne, blonde, lockige Haare haben für mich den größten 
Reiz, nur dürfen sie nicht en vogue frisiert sein (die Frisur 
spielt bei mir keine kleine Rolle). Der Gesichtsausdruck 
muß ein fester, intelligenter, aber doch kein griesgrämlicher 
sein. Am Charakter liebe ich ein angenehmes, ernst-fröh- 
liches Gemüt, einen Verstand, der mehr ist, als der land- 
läufige Salondamenverstand. Ziererei, Koketterie, ange- 
lernte Phrasen sind mir zuwider; dagegen mag ich eine 
gesunde, natürliche Sinnlichkeit an einem Weibe, wo sie 
nicht überherrscht. Eine merkwürdige Anziehungskraff 
üben auf mich auch die Hände aus. Sie dürfen nicht zu 



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110 Ueberschätzung der Genitalzone als Lockreiz. 

groß und vor allem nicht zu weiß sein, aber sie müssen 
gut gepflegt und dürfen nicht rauh sein. Das Alter, das 
ich bevorzuge, ist etwa zwischen 20—24 Jahren. Jüngere 
Mädchen stoßen mich meist wegen ihrer Unreifheit im 
Charakter ab, wenn ich mich auch etwa für einen Augen- 
blick in die äußere Gestalt eines solchen verlieben kann." 

Auch von der Hals- und Nackenpartie geht oft ein 
Fetischzauber aus und in noch höherem Grade von der 
oberen Rumpfhälfte, namentlich der Brustpartie. Die Kör- 
perverengerung, die die Brust- von der Hüftgegend trennt, 
gilt namentlich beim Weibe als attraktiv und vor allem die 
Hüften selbst, während die Gliedmaßen, die Arme und 
Beine und vor allem die Hände und Füße, Finger und 
Zehen, ja sogar Finger- und Zehennägel nicht selten bei 
beiden Geschlechtern Gegenstand sexueller Bewunderung 
sind. 

Die Genitalzone spielt als visueller Lockreiz keineswegs 
die Rolle, welche man nach der Bedeutung, die sie in der 
Sexualbetätigung spielt, vielfach annimmt. Dieser Rück- 
schluß von dersexuellen Entspannungs- 
sphäre auf die sexuelle Erregungs- 
sphäre ist eine der vielen Naivitäten, der wir wohl auf 
keinem Gebiet so häufig begegnen wie auf sexuellem. 

Hat doch im Jahre 1911 zu Eßlingen ein Polizeiamt- 
mann die gefährdete Sittlichkeit dadurch zu retten versucht, 
daß er anordnete, es sollten an einem Karussel die Ver- 
zierungen verhängt werden, welche Wassernymphen, flie- 
gende Engel und Amoretten nackt darstellten. Ich habe 
mich im Lateran und Vatikan und anderen Museen, in 
denen oft selbst bei den kleinsten Bambinos ein keuscher 
Gipsklumpen die Genitalregion bedeckt, über die Inkon- 
sequenz gewundert, welche diese natur- und kunstunver- 



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Scham und Sittlichkeit. 



111 



ständigen Zeloten davon abgehalten hat, auch die analogen 
Stellen auf den Gemälden Raffaels oder Michel Angelos 
mit einem entsprechenden Farbenklex zu übermalen. 

Jedenfalls zieht durchschnittlich das Gesicht ungleich 
stärker an als die Sexualorgane, und es fragt sich, ob nicht 
die Orientalen logischer handeln, wenn sie auf die Ge- 
sichtsverhüllung ihrer Frauen mehr Wert legen als auf die 
Geschlechtsverhüllung. BernhardStern (Geschlechts- 
leben in der Türkei, p. 162) berichtet darüber einmal: „In 
den lebhaftesten Straßen Konstantinopels sah ich tiefver- 
schleierte Frauen stehen bleiben, um sich ungeniert die 
Röcke zu heben und sich in der Schamgegend zu kratzen. 
Dort verhüllt bekanntlich die Frau vor allen Dingen ihr 
Angesicht durch einen dichten Schleier, der nur für die 
Augen einen schmalen Spalt offen läßt. Nur ganz aus- 
nahmsweise arbeitet sie mit freiem Gesicht, wenn sie glaubt, 
sich darauf verlassen zu können, daß kein Mann sie er- 
blicken wird. Geschieht dies aber nun zufällig doch, dann 
hält sich die Überraschte in schamhafter Verwirrtheit schleu- 
nigst das fallende Hemd ihres Leibes vor das Angesicht; 
das Gefühl, daß dadurch nun wieder Teile sichtbar wer- 
den, deren Anblick bei uns ganz besonders „die Scham 
tnd Sittlichkeit verletzt", ist ihr gänzlich fremd. u 

Auch die bewegten Sehreize zeigen den Par- 
tialcharakter. Im Gesicht ist es beispielsweise das indivi- 
duell so mannigfaltig geartete Mienenspiel, vor allem das 
Lächeln, auf das sich die Aufmerksamkeit mit Vorliebe 
lenkt; ferner sind die Kopf- und Armbewegungen und vor 
allem der Gang stark attraktiv. Ich führe als Beispiel eine 
mir gegebene Mitteilung an: „Ganz besonderen Wert lege 
ich auf den Gang einer Frau. Ich erkenne aus dem Gang, 
ob sich ein Mensch selbst schätzt, und wenn ein Weib so 



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112 



Adhärente Sexualreize. 



stolz dahinschreitet, schmeichelt es meinem Ehrgeiz, einer 
Frau zu gefallen, die selbst so viel auf sich hält. Es er- 
regt mich heftig, wenn ich eine Dame sehe, die nicht kleine 
Schritte macht, sondern fest auf den Boden tritt und dabei 
die Füße so leicht wie ein Pferd hebt. Mit solchem Weib 
möchte ich dann am liebsten Arm in Arm durch die 
Straßen gehen, recht, recht weit und vor aller Welt. Ich 
halte sehr viel auf mich selbst, und ich meine immer, wenn 
ein so stramm auftretendes Weib mich vorzieht und mit 
mir geht, so beneideten mich die anderen, daß eine so 
kräftige Persönlichkeit, die sich doch bewußt ist, viel be- 
wundert zu werden, unter vielen mich gewählt hat." 

Zu den adhärenten Sexualreizen gehören 
ebenfalls eine endlose Reihe von Gegenständen, die für das 
Auge anziehend sind. An sich leblose Dinge erhalten durch 
den Gebrauch des Menschen Leben und Bedeutung. Merk- 
würdig ist, daß, während bei den inhärenten Reizen die Be- 
trachtung mehr von dem Kopf nach den Füßen schreitet, 
sie für die adhärenten Reize häufiger an der Fußbekleidung 
beginnt und an der Kopfbedeckung endet. Dies gilt so- 
wohl in bezug auf den zeitlichen Ablauf der Beobachtung 
als auch für die Skala der Wertung. 

Eine ungewöhnlich große Rolle spielt als Sexualreiz der 
Schuh, eine ungleich geringere, der Hut. Auch die Leib- 
wäsche wirkt sexuell erregend, sowie die Unter- und Ober- 
kleider nach Farbe, Muster, Schnitt und Stoff und endlich 
alles andere bis zu den Handschuhen und Krawatten. 
Goethe hat unter dem Titel: n Lebendiges Andenken" 
ein Gedicht verfaßt, aus dem wir zwei Verse wiedergeben: 

„Der Liebsten Band und Schleife rauben, 
Halb mag sie zürnen, halb erlauben, 
Euch ist es viel, ich will es glauben 



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Cohärente Reize. 113 



Und gönn' Euch solchen Selbstbetrug. 
Ein Schleier, Halstuch, Strumpfband, Ringe 
Sind wahrlich keine kleinen Dinge, 
Allein mir sind sie nicht genug. 

Leben d'gen Teilvon ihrem Leben, 

Ihn hat nach leisem Widerstreben 

Die Allerliebste mir gegeben, 

Und jene Herrlichkeit wird nichts, 

Wie lach* ich all der Trödlerware! 

Sie schenkte mir die schönen Haare, 

Den Schmuck des schönsten Angesichts." 

Zwischen den inhärenten und adhärenten Sexualreizen 
stehen noch die c o h ä r e n t e n. Es sind dies die nicht nur bei 
wilden Völkerschaften üblichen Bemalungen, Tätowierungen 
und Behängungen der Haut mit Tusche, Schminke, Puder, 
Kohle, Ohrringen, Nasenringen, Fingerringen und ähn- 
lichem. In meinem Buche „Die Transvestiten" 37 ) habe ich 
eingehend geschildert, daß es vom psychologischen Stand- 
punkt aus ganz das Gleiche ist, ob sich die Primitiven 
Muschelschalen oder die Zivilisierten ein kostbares Perlen- 
halsband umhängen, ob jene rohe Metallstücke um Finger, 
Arme und Beine legen oder wir goldene Ringe und sil- 
berne Armspangen, ob sich ein Volk Stifte, Ringe und 
Knöpfe durch die durchbohrte Nase zieht, ein anderes durch 
durchlöcherte Ohren, ob die Wilden sich Vogelfedern direkt 
ins Haar stecken oder die Modernen noch ein bearbeitetes 
Stück Stroh oder Filz dazwischen legen, ob jene sich einen 
größeren Teil der Körperoberfläche färben und bemalen, 
wir nur das Gesicht schminken und die Haare färben, ob 

S7 ) „Die Transvestiten". Eine Untersuchung über den erotischen 
Verkleidungstrieb. Berlin 1910. 

Hirsohteld Naturgesetze der Liebe. 8 



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114 Narbenverzierungen und Renommierschmisse. 

die bunten Farbstoffe der Haut unmittelbar aufgesetzt oder 
ob sie auf Tücher übertragen sind, die umgebunden oder 
zu Kleidern verarbeitet getragen werden, ob asiatische 
Völker sich nur die Füße verkleinern und zusammenzwän- 
gen oder europäische mit Hilfe fischbeingesteifter Korsetts 
viel wichtigere Teile einschnüren; selbst die Narbenver- 
zierungen der Südaustralier und die „Renommierschmisse" 
deutscher Studenten kommen rein psychologisch genommen 
auf dasselbe heraus. 

Es zeigt sich, daß wir heute noch wie in uralten 
Zeiten alle möglichen Gegenstände aus den drei Natur- 
reichen — Blumen, Blätter und Pflanzenfasern, die 
Felle der Tiere mit Haut und Haar, Metalle und Edel- 
steine — gebrauchen, um uns Glanz und Ansehen 
zu verleihen; es unterliegt keinem Zweifel, daß auf diesen 
überall verbreiteten Hang, den Körper „schöner" und reiz- 
voller erscheinen zu lassen, sowohl das Kleid an und für 
sich (das Wort Kleid im weitesten Sinne gefaßt) zurück- 
zuführen ist, als auch der Wunsch, die Tracht immer 
eigenartiger, neuartiger, wirkungsvoller zu gestalten — 
die M o d e. 

Wie ungemein detailliert die sexuellen Sehreize wirk- 
sam sind, zeigen am besten die spezifizierten und eingehen- 
den Schilderungen, wie sie sich in der Liebesliteratur aller 
Völker und Zeiten vorfinden. Viele solcher Beschreibungen 
sind in Houdoys „La beaute des femmes", in 
Ploß-Bartels „Das Weib" und Ellis „Gatten- 
wahl" zusammengestellt. Ich greife aus der Literatur 
und meiner Materialien-Sammlung nur je zwei Fälle 
heraus, da die Anführung zu vieler Beispiele mehr 
verwirrend als klärend wirkt. In dem berühmten Ge- 
dicht von Aucassin und Nicolette wird letztere wie folgt 



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Spezifizierung der Sehreize. 115 



geschildert: „Nicolette hatte blondes, zartes und gelocktes 
Haar, ihre Augen waren grau und lächelnd; ihr Gesicht 
reizend geformt, ihre Nase hoch und gut angesetzt, ihre 
Lippen klein und röter als die Kirsche oder die Rose im 
Sommer, ihre Zähne waren klein und weiß; ihre kleinen, 
festen Brüste wölbten das Kleid wie zwei Nüsse. Ihre 
Taille war so schlank, daß man sie mit beiden Händen 
umspannen konnte, und die Gänseblümchen, auf die sie 
trat, wie sie mit bloßen Füßen ging, erschienen schwarz im 
Vergleich mit ihren Füßen und Beinen, so weiß war ihre 
Haut." 

Eine andere Schilderung aus dem 12. Jahrhundert 
lautet: „Ihr Haar war in einem doppelten Zopf ge- 
flochten, der lang genug war, um den Boden zu berühren, 
der Scheitel, lilienweiß und schräg gezogen, trennte das 
Haar, und dieser Mangel an Symmetrie schadete der Schön- 
heit ihres Gesichtes nicht, sondern gehörte zu ihrer Schön- 
heit. Ein goldener Kamm hielt das mit seinem Glänze wett- 
eifernde Haar, so daß das entzückte Auge kaum das Gold 
des Kammes von dem des Haares unterscheiden konnte. 
Die breite Stirn hatte die Weiße der Milch und wetteiferte 
mit der Lilie, ihre hellen Augenbrauen, glänzend wie Gold, 
waren nicht buschig, sondern, ohne dürftig zu sein, glatt. 
Die heiteren, in freundlichem Glänze strahlenden Augen 
waren wie zwei Sterne; ihre Nasenlöcher dufteten wie von 
Honig und waren, weder zu breit noch zu schmal, edel 
geformt; die Narde ihres Mundes gewährte dem Gerüche 
einen Hauch süßer Düfte, und ihre halboffenen Lippen 
luden zum Kusse ein. Die Zähne schienen aus Elfenbein 
geschnitten; ihre Wangen, hell von Rosenfarbe, erleuchteten 
sanft ihr Gesicht; ihr Glanz war durch den durchsichtigen 
weißen Schleier gedämpft. Ihr Kinn, ihr schlanker Hals 

8* 



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116 



Typenschilderungen . 



verbanden den Kopf harmonisch mit den Schultern, die feste 
Rundung ihrer Brüste zeugte von frisch erblühter Jugend; 
ihre reizenden Arme schienen ausgestreckt nach Liebkosung 
zu verlangen, die regelmäßige Rundung ihrer Hüften voll- 
endete ihre Schönheit. Alle sichtbaren Züge ihres Gesichts 
und ihrer Gestalt ließen verraten, wie jene Reize sein 
mußten, die nur ihr Bett kannte.* 

Aus selbstgesammelten Typenschilderungen zwei 
weitere Beispiele. Ein Mann schreibt: „Ich liebe nur das 
Weib und zwar im Alter von etwa 20 Jahren, bin selbst 
Ende 20, doch war mein Geschmack mit 18 Jahren eben- 
so. Ich achte sehr auf die Figur, kräftig, wie ich selbst, 
aber nicht korpulent und nicht größer als ich — bin 1,70 
groß •—, Taille muß sich stark markieren, volle Büste. Von 
Wert ist mir die Haarfarbe, welche ich goldblond am 
liebsten habe, bin selbst dunkel und finde, daß eigentlich 
alle Männer brünett und alle Frauen blond sein sollten, 
weil mir diese Farben mehr dem aktiven und passiven Ge- 
schlechtscharakter zu entsprechen scheinen, beziehentlich 
die blonde Farbe dem weicheren, gemütvolleren, liebens- 
würdigeren Weibe zukommt. In bezug auf den Charakter 
liebe ich das Weib lebenslustig und hingebungsvoll, recht 
natürlich und vor allem treu, die Eingebildeten, Preten- 
ziösen lassen mich kalt. Auge seelenvoll, Farbe gleich- 
gültig. Durchaus nicht ausstehen kann ich große Hände 
und Füße, namentlich letztere verlange ich zierlich und 
klein. Stimme darf dem kräftigen Körper entsprechend 
nicht zu zart und muß von schönem Klang sein. Ich halte 
die Stimme für eins der wichtigsten Anziehungsmittel. Ro- 
siger Teint, Körperfarbe „wie Alabaster", vor allem ohne 
jedes unnormale Haar, während mir langes Kopfhaar und 
ganz besonders Achselhaare sehr zusagen. Sehr aufregend 



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Differenziertheit der Gehörsreize. 



117 



wirkt auf mich Parfüm; fühle mich im übrigen frei von 
irgendwelchem Fetischismus." 

Ein anderer macht folgende Angaben: „Der Typus 
„Weib", zu welchem ich mich sinnlich hingezogen fühle, 
ist etwa folgender: Eine mittelgroße, etwas üppige Oestalt 
mit leichtem Sinn und einem Durchschnittsalter von etwa 
22 Jahren, mit vollem, dunklem Haar und lebhaften, lachen- 
den Augen, voller Brust und vollen Wangen. Ein solches 
Weib, auch wenn es nicht die Eigenschaften besitzt, die 
meinen ethischen und ästhetischen Vorstellungen von Mo- 
ral und Schönheit entsprechen, ist imstande, bei mir ein 
starkes Verlangen nach, geschlechtlichem Genuß wachzu- 
rufen. Das Weib, welches das Ideal meiner Jugend war, 
welches ich als Lebensgefährtin wählen wollte und wel- 
ches auch heute noch meinen Anforderungen entspricht, 
hat etwa folgende Eigenschaften: Eine mittelgroße, schlank 
gebaute Figur mit vollem, blondem oder braunem Haar, 
gutmütig-heiteren, blauen oder braunen Augen, schönem 
vollen Gesicht und Brust. Sie soll eine eigene, in sich ge- 
schlossene, harmonisch gestimmte, heitere, gerade Natur 
sein, die bei aller ideologischen Veranlagung einen klaren 
Blick fürs tagliche Leben, wie auch für die die Gesellschaft 
interessierenden Fragen der Zeit hat." 

Die für das Gehör in Betracht kommenden Sexual- 
reize sind wesentlich weniger differenziert als 
die des Sehorgans. Die von der menschlichen Stimme aus- 
gehenden Schallwellen, und um diese handelt es sich ja in 
der Hauptsache, zeigen bei weitem nicht so viele Varia- 
tionen und Abstufungen wie die sichtbaren Dinge. Immer- 
hin zeigen sich in bezug auf Höhe und Tiefe der Stimme, 
Klangfarbe, Dialekt usw. bedeutende Unterschiede. 

Die größte Differenziertheit erfährt die Stimme 



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118 



Reizverstärkung durch Bewegung 



durch die Sprache. Die hohe Bedeutung, die dem ge- 
sprochenen Wort im Liebesleben zukommt, rührt freilich 
weniger von dem Gehörreiz als von dem geistigen Gehalt 
der Worte her, durch welche sich die Gedanken und Ge- 
fühle nach außen projizieren. 

Auch andere von dem Objekt ausgehende Geräusche, 
der Schritt einer Person („und kommt sie getrippelt das 
Gäßchen herab Ä ), ihre Atemzüge, selbst Dissonanzen, wie 
ihr Schnarchen, werden von dem Liebenden nicht selten 
als Lustempfindung perzipiert. 88 ) Das eigenartigste Bei- 
spiel auditiver Sexualreize hörte ich einmal von einem 
60 jährigen Manne, der mir mitteilte, daß, solange er sich 
erinnern könne, ihn sexuell nichts so stark errege, wie 
„kullernde Leibgeräusche". Eine Frau berichtete mir, daß 
sie das abgemessene Geräusch taktmäßig marschierender 
Männer jeder Musik vorzöge. 

An diesem Beispiel zeigt sich wieder die Bedeu- 
tung des Rhythmus, welche gerade bei den Gehörsein- 
drücken ganz besonders groß ist. Auch für Bewegun- 
gen des eigenen Körpers sind ja rhythmische Begleit- 
töne, wie wir sie bei Schiffern, die Taue ziehen, bei 
Schmieden, die den Hammer schwingen, zu hören 
Gelegenheit haben, von belebender Wirkung. Haben 
manche doch sogar in der taktmäßigen Lautbegleitung kör- 
perlicher Arbeit den Ursprung der Marschmusik und der 
Musik überhaupt erblicken wollen. Im Liebesleben ist 
jedenfalls der Tonrhythmus als ein die erotische Wirksam- 
keit der Hörreize erhöhendes Agens von unverkennbarem 
Einfluß. 

Hinsichtlich der G e r u c h s eindrücke erscheinen 
die inhärenten, vom Körper selbst ausgehenden Duftstoffe als 

8> ) Goethe, «Römische Elegien". 



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Inhärente und adhärente Gerüche. 119 

Anziehungsmittel beim Menschen von fast geringerer Wirk- 
samkeit als die adhärenten Gerüche. Von Körpergerüchen 
kommen im Liebesleben hauptsächlich die Ausdünstungen 
der Haarbalg-, Schweiß-, Talg- und Schleimhautdrüsen in 
Betracht. Diese nach Intensität und Qualität individuell 
sehr verschiedenen Duftstoffe pflegen im Zustande sexueller 
Erregung heftiger auszuströmen als im Ruhestadium. Wir 
betonten bereits, daß bei vielen Menschen diese Ausdün- 
stungen mehr antfpathisch als sympathisch wirken; doch 
verdient erwähnt zu werden, daß sehr starke ero- 
tische Erregungen imstande sind, unangenehme Gerüche 
zu überwinden. Es zeigt sich, daß unsympathische 
Eindrücke bei einer starken Liebe schließlich selbst Lust- 
gefühle erwecken können, die allerdings dann meist eine 
masochistische Grundlage haben. So ist mir ein Fall be- 
kannt, in dem ein Mädchen heftig in einen Athleten ver- 
liebt war, der an einer übelriechenden Ozaena litt. Der 
widrige Geruch war ihr anfangs höchst peinigend, doch 
war ihre Leidenschaft so stark, daß sie sich nicht nur an 
ihn gewöhnte, sondern ihn schließlich vermißte und suchte. 
Unter den adhärenten Gerüchen stehen die sexuell stark 
stimulierenden Parfüms obenan, unter ihnen wieder der 
Moschus, der übrigens, wie eine Reihe anderer Duftstoffe, 
tierischen Sexualdrüsen entstammt. 

Die für die H a u t in Betracht kommenden Reize be- 
ziehen sich auf die Temperatur des Objekts — ich kenne 
mehrere Fälle, in denen eine erotische Vorliebe für kalte 
Hände bestand — , auf den Feuchtigkeitsgehalt und vor 
allem auf die Elastizität der Haut. Die Wahrneh- 
mung der Tasteindrücke ist für das Subjekt eine merklich 
andere, je nachdem sie von einer harten, muskulösen oder 
weichen, fettreichen Haut herrühren. Und auch hier be- 



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120 Subjektive und objektive Schönheit. 

obachten wir wieder in analoger Weise die Bedeutung 
adhärenter Druckwirkungen, wie sie durch das Be- 
rühren bestimmter Stoffe, in gewissen Fällen auch durch 
die mehr oder weniger schmerzhafte Einwirkung von In- 
strumenten (Stock, Peitsche, Sporen usw.) auf die Haut- 
sinnessphäre vermittelt werden. 

Dieser sexuelle Partialismus ist nun aber ein solcher, 
daß nicht der Teil an und für sich gefällt, son- 
dern nur dann, wenn er bestimmte Vorbedingungen er- 
füllt. Die Sinnesorgane wenden sich zwar zunächst 
spontan mehr im allgemeinen nach den be- 
treffenden Teilen, sie bleiben aber nur dann an ihnen 
haften und vermitteln „Lust a , wenn dieser Teil spe- 
zielle Eigenschaften besitzt. Es wird also nicht 
jemand, der schöne Augen hebt, durch jedes Auge 
gefesselt, sondern nur durch die, welche er schön 
findet: Augen von besonderer Art, Form, Farbe 
und Umrahmung, etwa solche mit langen Wimpern. Und 
wie das Sehorgan nur Gesichtseindrücke von eigener Art 
wünscht, so sucht auch das Ohr bestimmte Tonhöhen und 
Klangfarben, und auch das Geruchs- und Gefühlsorgan 
nicht alle, sondern nur gewisse Gerüche und Tastempfin- 
dungen. So wird der Sexualpartialismus zu einem 
Sexualpartialspezialismus, der eine ganz 
außerordentlich große Differenzierung bedingt. Wir finden 
dementsprechend auch selten, daß jemand in der Liebe sich 
des Ausdrucks „schön" schlechtweg bedient, sondern er 
sucht seinen Schönheitsbegriff näher zu erläutern. Dieser 
erotische Schönheitsbegriff ist ein absolut subjektiver, wie 
es ja überhaupt fraglich ist, ob es eine objektive Schönheit 
gibt, so sehr sich auch Ästhetiker bemüht haben, bestimmte 
Harmoniegesetze für Formen, Farben und Töne aufzu- 



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Aesthetik und Erotik 



121 



stellen. Mögen sie in der Ästhetik immerhin eine gewisse 
Gültigkeit haben, in der Erotik versagen sie nur zu oft. 

Fast immer ist die gesuchte Formation und Kombina- 
tion der Eigenschaften eine solche, daß sie in der spezi- 
ellen Besonderheit und Verbindung nur dem einen oder 
dem anderen Geschlechte zukommen und innerhalb dieses 
Geschlechts nur einem kleinen Bruchteil, oft nur ganz 
wenigen Einzelwesen. 

Es ist klar, daß diese Personen untereinander sehr un- 
ähnlich sein können, wenn nur die anziehenden Erforder- 
nisse, etwa ein bestimmter Gesichtsausdruck, eine gewisse 
Bewegungsart usw. vorhanden sind. Da diese Personen 
im übrigen blond oder dunkel, groß oder klein, stark oder 
schwach, kurzum verschieden geartet sein können, so 
glauben die Liebenden oft selbst, daß sie sich zu ganz 
verschiedenen Menschen hingezogen fühlen und 
tatsächlich sind dies ja auch die anziehenden Personen; 
nur besitzen sie alle ein „gewisses Etwas"; und 
dieses, das Gemeinsame und Typische, ist eben das An- 
ziehende. 

Das Detail der Partialreize ist ungemein minimin und 
mannigfach, wie leicht zu erkennen ist, wenn man von 
einer größeren Reihe befragter Personen die Wünsche zu- 
sammenstellt, die von den einzelnen bezüglich eines sie an- 
ziehenden Körperteiles geäußert werden. So erstreckt sich, 
um nur ein Beispiel herauszugreifen, die so verbreitete An- 
ziehung der Haare nicht etwa nur auf die Farbe und Fülle des 
Haupt- oder Köperhaares, auf seinen Geruch, seine 
Weichheit oder Härte, sondern vor allem auch auf die Haar- 
tracht. Der eine liebt offenes, der Andere zum Zopf ge- 
flochtenes, der dritte gescheiteltes Haar. Von zwanzig Be- 
fragten erklärten 5 den Scheitel an der Seite für am anziehend- 



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122 Kombination der Partialreize. 

sten, 3 in die Stirne fallendes Haar, 3 ungescheitelt nach 
hinten gestrichenes, 2 den Scheitel in der Mitte, 2 fest an- 
gekämmtes Haar, 2 Lockenhaar, 2 kurzgeschnittenes, einer 
den Scheitel zwischen der Seite und der Mitte; ja, es gibt 
sogar Leute, die für Perücken ein Faible haben. Auch ist 
mir der Fall einer Prostituierten bekannt, die eine ausge- 
sprochene Glatzenfetischistin war. Bei einer anderen Um- 
frage, in der sechzig Männer und Frauen ihren Typus an- 
geben sollten, erklärten 9 blondes, 7 dunkles, 2 schwarzes 
Haar für anziehend. Andere Angaben lauteten hellblond, 
dunkelblond, goldblond, braun, brünett, aschblond, blond- 
gelockt, nicht en vogue frisiert, rot wellig, etwas gekräuselt, 
schlicht, blond hochstehend, schwarz gescheitelt, „mög- 
lichst dunkle Haare auf weissem, zartem Teint sich ab- 
hebend", recht üppig in Wellen, fettglänzendes Schwarz, 
usw. usw. 

Hinsichtlich des Auges, des Mundes und fast jeden 
Körperteiles könnten ganz ähnliche Zusammenstellungen 
beigebracht werden. 

Es kann sich nun eine jede dieser Spezialformen einer 
einzelnen körperlichen und auch seelischen Eigenschaft mit 
ebensoviel verschiedenen Spezialformen einer jeden an- 
deren kombinieren, diese beiden wiederum mit ebenso zahl- 
reichen Varietäten einer dritten, vierten bis xten Eigenschaft. 
Es ist ganz klar, daß aus diesen unendlich vielen Kombi- 
nationen sich unendlich viele und vielgestaltige Typen er- 
geben, von denen jede eine sexuelle Anziehungskraft ent- 
falten kann. 

Die Typenliebe ist der Ausgangs- 
punkt der Liebe überhaupt. DieSinnes- 
organe reagieren niemalsauf alle ihnen 
begegnenden Objekte, sondern nur auf 



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Zusammenfassung. 



123 



eine Auswahl, eine Gruppe, auf die sie „lossteuern". 
Diese Gruppen können groß oder klein sein, sind aber 
doch stets begrenzt. Ihre einzelnen Mitglieder 
ziehen nicht als Ganzes erotisch an, sondern 
nur durch eine Auswahl von Eigenschaften, die einer- 
seits für die Geschmacksrichtung des Liebenden, anderer- 
seits für die Eigenart des geliebten Objekts typisch ist In- 
nerhalb dieser Typen streben die Sinnesorgane nach Indi- 
viduen, die möglichst viele der anziehenden Eigenschaften 
in sich vereinigen. Von der Summe der Einzelattraktionen 
hängt die Stärke der Liebe ab. 

Zusammenfassend ergibt sich also hinsicht- 
lich der Sexualobjekte, daß nicht die Person 
als ein Ganzes, sondern nur einzelne ihrer Eigen- 
schaften eine Anziehungskraft ausüben — sexueller 
Partialismus — , daß diese Eigenschaften nur dann 
anziehen, wenn sie von bestimmter Beschaffen- 
heit sind — - sexueller Partialspezialismus — . 
Die Qualitäten, welche das Sexualobjekt dem reagierenden 
Partner durch Licht- und Schallschwingungen in gas- 
förmiger, gelöster oder fester Form über- 
mittelt, sind entweder inhärente, adhärente oder 
cohärente Teile einer Person. Ferner kann man 
diese Reize in ruhende, bewegte und rhyth- 
mische einteilen. 



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63 



Teil II. 

Der Liebesdrang. 

(Die zentrale Phase der Liebe.) 

Wie aber kommt es, daß gerade die bestimmten 
Eigenschaften der einem Typus angehörenden Personen die 
Sinnesorgane unserer Körperoberfläche erregen und jenen 
spezifischen positiven Gefühlston hervorrufen, der im Ge- 
hirn als Lust wahrgenommen wird und zu sexuellen Re- 
gungen führt? Um den sich hier abspielenden Vorgang zu 
verstehen, wollen wir uns noch einmal ein Beispiel ver- 
gegenwärtigen: 

Irgendeine Person entfaltet mit oder ohne Sexualab- 
sichten eine Außenwirkung, indem sie sich sehen und 
hören läßt; nehmen wir einmal an, eine Altsängerin, etwa 
30 Jahre alt, ein großer, starker, blonder Heroinentypus, 
produziert sich eines Abends auf einer Bühne. Die 
von ihr ausgehenden Schau- und Hörreize treffen die 
Sinnesnervenendapparate von etwa 2000 Zuschauern und 
Zuhörern. Von diesen empfinden 1999 nur einen rein 
künstlerischen Eindruck ohne irgendwelche erotische 
Alteration, einige verspüren vielleicht eine gewisse Anti- 
pathie gegen das Äußere der Künstlerin, ihre zu große 
Gestalt, ihre ungraziösen Bewegungen. Nur auf einen 
einzigen unter den 2000 übt ihre Figur, die Art ihres 



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Erklärung der Gefühlsverschiedenheit. 125 

Auftretens, ihre Stimme einen so nachhaltigen Eindruck 
aus, daß er sich in sie verliebt. Die nähere Bekannt- 
schaft vertieft die Sympathie und Neigung; er meint, 
ohne sie nicht mehr leben zu können, heiratet sie, 
und 40 Jahre führen sie eine glückliche, kinderreiche Ehe. 
Wie ist es nun zu erklären, daß an jenem Abend 1999 
nichts und nur der eine so viel und Folgenschweres 
empfand? 

In der Person, von der die Wirkung ausging, kann die 
Verschiedenheit des Eindrucks nicht begründet 
sein, da sie zweifellos mit sich selbst identisch ist. 
Auch die von ihrer Körperoberfläche in den Raum 
ausstrahlenden Licht und Schallwellen müssen ob- 
jektiv für alle Anwesenden die gleichen gewesen sein. 
Die Verschiedenheit des Eindrucks kann erst in dem 
Moment eingesetzt haben, als diese licht- und Schallwellen 
die Netzhäute und Trommelfelle der 2000 im Raum an- 
wesenden Menschen trafen, und zwar können sich entweder 
in den Augen und Ohren dieser Empfangspersonen ner- 
vöse Sexualzellen von individueller Beschaffenheit befun- 
den haben, oder es kann die Einwirkung auf die Körper- 
oberfläche zunächst auch noch eine bei allen Anwesenden 
einheitliche gewesen sein, ebenso die Qualität und Inten- 
sität der von der Peripherie nach dem Gehirn verlaufen- 
den Nervenleitung, und erst im Seh- und Hörzentrum 
des Gehirns kann der Reiz auf individuell geartete 
Zentralstellen gestoßen sein. Es kann aber auch so sein, 
und diese Annahme hat am meisten für sich, daß auch die 
zentralen Enden der Seh- und Hörnerven der 2000 Per- 
sonen noch denselben Eindruck empfingen, daß 
sich aber von dieser Empfangsstation aus der Strom 
durch weitere Leitungsbahnen, die sogenannten Assozia- 



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126 



Abgestimmtheit der Empfangsstellen 



tionsfasern, nach einem individuell gebildeten Sexualzen- 
trum begab, das nur auf ganz bestimmte Eindrücke ab- 
gestimmt ist; Eindrücke, für die es nicht eingerichtet 
ist, gleiten wirkungslos an dieser individuell gearteten 
Empfangsstelle ab, wie etwa drahtlose Leitungen des 
elektrischen Stroms an Tausenden elektrischer Empfangs- 
apparate spurlos vorübergehen und nur jenen Appa- 
rat zum Ertönen bringen, der für die speziell gearteten 
Wellen des speziellen Wellenabsenders die spezielle Ein- 
richtung besitz! 

Mit diesem im Gehirn sich abspielenden zentralen 
Vorgang haben wir uns jetzt des näheren zu befassen, um 
tiefer in die Naturgesetze der Liebe einzudringen. Wir 
kommen damit zum schwierigsten, weil verborgensten 
Teil unserer Untersuchung, denn die von außen nach 
innen dringenden Sexualreize können wir verfolgen, 
auch die von innen nach außen strebende motorische 
Lösung ist der Betrachtung zugänglich; zwischen dem 
sexuellen Eindruck und Ausdruck liegt aber der Ab- 
druck in der Seele selbst verborgen. Daß wir aus 
zwei sichtbaren Erscheinungen — dem Reiz und der 
Reaktion — den dritten intermediären Vorgang folgern, 
teilt der Sexualreflex mit fast allen anderen im Körper vor- 
handenen Reflexmechanismen, wie ja auch sonst in der 
Natur oft Zwischenglieder angegeben und in ihren Wir- 
kungen geschildert werden, ehe die technische Möglichkeit 
bestand, sie positiv zu demonstrieren. Hat man doch nach 
den Atomgewichten die im periodischen System der Ele- 
mente noch fehlenden Stoffe im voraus berechnen können, 
ehe man sie fand, sowie man aus den Abständen der Pla- 
neten Stelle und Umlaufsbahn des Neptun beschrieb, ehe 
man ihn entdeckte. 



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UmschaUung der Sexualströmungen. 127 



Der Endpunkt im Gehirn, bis zu dem wir die sen- 
sible und motorische Bahn verfolgen können, ist ein ver- 
hältnismäßig weit vorgeschobener. Nur die Verbindungs- 
strecke zwischen beiden Energien, die Stelle, wo die U m - 
schatftung der von außen nach innen in die von innen nach 
außen führende Leitung stattfindet, wissen wir bisher nicht 
zu lokalisieren. Wir kennen das Sexualobjekt, die von ihm 
ausgehenden Schwingungen, die Empfangsstellen am Sexual- 
subjekt, die von hier fortwirkenden Strömungen und die 
zentrale Empfangsstation. Dann stoßen wir auf die Lücke 
bis zu den Bewegungszentren, von denen aus die moto- 
rische Leitung bis an ihre peripheren Nervenendigungen 
läuft. Wie innen im Gehirn, so geht auch außen an 
der Peripherie der eine Nervenstrom in den anderen über, 
und zwar der motorische in den sensiblen, um rückläufig 
auf der Empfindungsbahn zur Perzeptionsstelle zu gelan- 
gen, wo wiederum die Lücke einsetzt. 

Die sensiblen, motorischen und vasomotorischen Zen- 
tren sind im Gehirn bereits lokalisiert, auch das automa- 
tische Zentrum im Lendenmark, von wo die Nervenbahn 
zu den Genitalorganen verläuft, um von dort wieder auf- 
wärts zu ziehen. An welcher Stelle des Gehirns nun aber 
auch die Region gelegen sein mag, in der die sexuellen 
Energien, die zentripetale und zentrifugale, sich treffen und 
in einander umsetzen, eins ist sicher: in dieser Zentralstelle 
befinden sich die für die Richtung der Liebe maß- 
gebenden gangliösen Zellen. Da diese Richtung, wie wir 
sehen, eine so ungemein verschiedene ist, so muß auch diel 
Hirnprovinz, wo sie ihren Sitz hat, ebenso verschieden be- 
schaffen sein; oder mit anderen Worten: die Ver- 
schiedenheit der sexuellen Triebrich- 
tung beruht auf einer Verschiedenheit 



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128 



Die endogene Variabilität. 



der entsprechenden Gehirnzentren, wo- 
bei wir zunächst die Frage außer Acht lassen, ob diese 
Verschiedenheit eine angeborene, konstitutionelle, orga- 
nische, stabile, oder eine im Laufe des Lebens erworbene, 
labile ist. 

Hier handelt es sich zunächst um folgende Fest- 
stellung: Da die von unzähligen Außendingen ausgehen- 
den zahllosen Sexualreize unendlich viele Seh-, Hör-, Riech- 
und Fühlnerven in ihren peripheren Endigungen treffen, 
diese Reize aber nur von sehr vereinzelten Personen lust- 
betont empfunden werden, so muß diese eigenartige Emp- 
findsamkeit und Erregbarkeit unbedingt auf der inneren 
Verschiedenheit der gereizten Individuen beruhen. 

Wir können noch einen Schritt weiter gehen. Nicht 
nur die Verschiedenheit des sexuellen Geschmacks beruht 
auf der endogenen Variabilität der Gehirne, sondern auch 
die Verschiedenheit der sich aus der unterschiedlichen Ge- 
schmacksrichtung ergebenden Urteile. Das Gefühl ist hier 
das Primäre, die Motivierung das Sekundäre. Man 
liebt und haßt nicht aus Gründen, son- 
dern man sucht und findet Gründe, wo 
man liebt und haßt. 

Aus der ungeheueren Verschiedenheit der Objekte, die 
sexuell zu reizen imstande sind, können wir den Schluß 
ziehen, daß dieser Spezialisiertheit der vorhandenen Reiz- 
quellen eine ebenso große Spezialisiertheit der Emp- 
fangsstellen dieser Reize entsprechen muß. Diese 
Mannigfaltigkeit des Geschlechtstriebes ist keine relative, 
sondern eine absolute Größe: so mannigfach die Menschen 
sind, so mannigfach ist ihre Liebe; so wenig es in der 
Natur zwei gleiche Individuen gibt — jeder Mensch ist ein 
Phänomen und Problem für sich—, so wenig gibt es zwei 



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Die Sexualindividualität. 



129 



Menschen mit gleichem Geschlechtstrieb. Wenn auch viele 
einen ähnlichen Geschmack haben, so sind doch Nuancen 
immer vorhanden, wobei noch eine Beobachtung nicht 
ohne Interesse ist: der Geschmack zweier Menschen er- 
scheint um so ähnlicher, je ähnlicher sie selbst einander 
in ihren physischen und psychischen Eigenschaften sind. 

Diese grenzenlose Mannigfaltigkeit der Triebrichtung, 
der Trieb- und Sexualziele hat eine ungünstige und eine 
günstige Konsequenz. Die ungünstige Konsequenz zeigt 
so recht die Kurzsichtigkeit der Menschen, die günstige 
die Weitsichtigkeit der Natur. Die ungünstige Folge ist, 
daß die große individuelle Mannigfaltigkeit der sexuellen 
Richtung, die Verschiedenheit der Bedürfnisse eine objektive 
Beurteilung sexueller Vorkommnisse ungemein erschwert. 
Die meisten Männer und Frauen sind so sehr mit ihrer 
eigenen Sexualindividualität eins, daß sie meinen, da sie 
an den andern Menschen doch auch dieselben Sinnesor- 
gane, Augen und Ohren, bemerken wie an sich selbst, 
müßten diese doch auch hinsichtlich eines so wich- 
tigen Lebensfaktors, wie der Sexualpsyche, ebenso be- 
schaffen sein, wie sie selbst. Wenn s i e eine Person, 
die ein anderer liebt, nicht schön finden, sagen sie, 
die Liebe sei blind, während sie doch in Wirklichkeit die 
Sinne schärft; wenn eine Neigung ihrer Natur wider- 
spricht, nennen sie sie unnatürlich, als ob die Natur sich 
nach ihrer Natur oder auch nur nach der Natur der Mehr- 
zahl richtete; wenn sie ohne Beschwerden sich während 
einiger Monate des sexuellen Verkehrs enthalten konnten, 
sagen sie, der Mensch brauche überhaupt nicht sexuell zu 
verkehren, er könne auch ebensogut „abstinent" leben. 

Die günstige Folge der sexuellen Geschmacksvaria- 
bilität ist die Ermöglichung des großen Naturgesetzes, 

flirschleld, Katargesetze der Liebe. 9 



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130 



Sexuelle Auslese. 



das wir seit Darwin als „sexuelle Zuchtwahl" bezeichnen. 
Nehmen wir einmal an, es gäbe keine subjektive Ge- 
schmacksverschiedenheit, der Begriff dessen, was schön, 
anziehend ist, wäre ein festgelegter, objektiver. Dann würde 
um die objektiv schönen Frauen und Männer ein großer 
Wettbewerb entstehen; diejenigen aber, welche dem objek- 
tiven Schönheitsgesetz nicht entsprächen, hätten nur geringe 
Aussicht, geliebt und gewählt zu werden. Um in den Besitz 
der schönsten Menschenexemplare zu gelangen, würden 
sich vermutlich die Konkurrenten vernichten, während die 
objektiv häßlichen von allen Freuden der Liebe ausge- 
schlossen blieben. Solcher grausamen Maßnahmen ist 
wohl der Mensch fähig, nicht aber die 
Natur. 

Wir sehen zwar, daß jedes Lebewesen, auch der 
Mensch, darnach trachtet, sich mit Wesen seiner Art zu 
verbinden, die nach seinem Empfinden möglichst viele kör- 
perliche und geistige Vorzüge besitzen, daß er davor zu- 
rückschreckt, sich mit verkrüppelten, mißgestalteten oder 
kranken „Männchen oder Weibchen" zu vereinigen — und 
im Interesse der Vervollkommnung der Arten und der 
Rassenhygiene ist eine solche Beschränkung gewiß vorteil- 
haft — , aber diese sexuelle Auslese ist doch eine rein sub- 
jektive. Der Mensch wählt die Formen und Eigenschaften, 
die er selbst für schön und gut findet, und damit ist einer 
unendlich großen Anzahl Menschen mit allen nur erdenk- 
lichen Formen und Eigenschaften die Aussicht gegeben, 
Personen zu finden, denen sie Hebens- und begehrenswert 
erscheinen. Üben doch sogar kleine Fehler oft genug eine 
Anziehung aus. Vor einiger Zeit suchte mich ein Marine- 
offizier auf, der eine große Vorliebe für Frauen hatte, die 
lispelten; unter diesen waren ihm solche mit blassen, lei- 



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Anziehung des Hässlichen 



131 



denden Gesichtern, die einen recht schwächlichen, hilfsbe- 
dürftigen Eindruck machten, besonders sympathisch. Per- 
sonen, die ein leichtes Schielen an der Frau gern haben, 
sind mir wiederholt vorgekommen, eine Geschmackseigen- 
tümlichkeit, die ja, wie mehrfach berichtet wird, auch dem 
Philosophen Cartesius eigen gewesen sein soll. Von Frauen 
kann man nicht selten hören, daß sie von einem Manne 
sagen, er sei von anziehender Häßlichkeit. Selbst für hin- 
kende, verwachsene Menschen gibt es Liebhaber; wir 
kennen „Glatzenfetischisten" (s. oben), „Brillenfetischisten", 
Fetischisten für Holzbeine, Liebhaber für Frauen mit 
starker Bartentwicklung sind beschrieben worden. Einen 
besonders merkwürdigen Fall sah ich vor einiger Zeit: 
einen Mann, der eine leidenschaftliche Neigung für 
schwangere Frauen hatte. Er suchte auf der Straße 
nach Frauen, die guter Hoffnung waren, und ging 
ihnen oft weite Strecken nach. Man wird geneigt sein, 
solche Geschmacksabsonderlichkeiten in das Gebiet der 
Pathologie zu verweisen, und Fälle, wie der letztbeschrie- 
bene, dürften wohl auch in dieser Weise zu bewerten sein, 
doch ist gerade auf dem Gebiet der Teilanziehung die 
Fülle der Erscheinungen so unbegrenzt, und des über- 
raschend Grotesken gibt es so viel, daß man das Gebiet 
der Varietäten immer mehr erweitern, das des Krankhaften 
immer mehr verengern sollte. 

Immerhin ist es besser, wenn sich jemand mit einer 
Person verbindet, deren Fehlerer als Vorzüge empfindet, als 
mit einer, für deren Vorzüge er unempfindlich ist. Leider ist 
es ja in der gegenwärtigen Kulturperiode fast etwas Alltäg- 
liches geworden, daß Männer Frauen ehelichen, lediglich um 
ihren Vermögensstand zu heben, oder) Frauen Männer nur 
um des Namens willen oder um „versorgt" zu sein. Die Ver- 

9* 



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132 



Rassenveredelung. 



nachlässigung wirklicher sexueller Attraktion gegenüber 
Reichtum und Rang steht im strikten Gegensatz zu dem 
Naturprinzip der Rassenveredelung durch die natürliche 
Auslese, der Eugenik. Diejenigen, die einer Entartung der 
Menschen im Sinne des Nietzsche'schen „nicht fort sollt 
Ihr Euch pflanzen, sondern hinauf", entgegenarbeiten 
möchten, sollten vor allem im Auge behalten, daß ohne 
Liebe „lieben" und ehelichen mehr als alles andere eine Ver- 
sündigung an der Natur, an den Nachkommen, an der 
Menschheit ist. 

Viele Eigenschaften des einen oder des anderen Ge- 
schlechts verdanken zweifellos der sexuellen Auslese zum 
großen Teil, wenn nicht ihre Entstehung, so doch ihre 
Förderung. Denn wenn auch die Geschmacks Verschie- 
denheit eine ungemein große ist, so sehen wir doch, 
daß eine große Reihe von Eigentümlichkeiten, namentlich 
Charaktereigenschaften, beliebter als andere sind. Wie im 
Tierreich viele sekundäre Geschlechtszeichen „der Auswahl 
der Besten" ihre Existenz verdanken, wie z. B. die Mähne 
des Löwen, das Geweih des männlichen Hirsches und der 
Sporn des Hahns, der melodische Gesang der Singvögel und» 
die prachtvolle Färbung der Schmetterlinge — man lese, was 
Darwin in seinem letzten Hauptwerk „Die Abstammung 
des Menschen und die geschlejgitiiche Zuchtwahl" darüber 
gesammelt hat — , so kann man wohl annehmen, daß auch 
die körperliche und geistige Eigenart des Mannes, seine 
Tapferkeit und Stärke, ebenso wie das Gemüt der Frau, 
ihre Hingebung, Treue und Wirtschaftlichkeit sich dadurch 
erhielten und steigerten, daß sie eben allgemeiner bevor- 
zugt und begehrt wurden und sich so nach den Gesetzen 
der Vererbung auf die Nachkommen des einen oder des 
andern Geschlechts leichter übertragen konnten. 



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Sexueller Dimorphismus, 



Würden nun allerdings diese Naturprinzipien — 
die Bevorzugung von Einzelwesen mit besonderen, 
möglichst ausgeprägten Sexualcharakteren und die aus- 
schließliche Vererbung dieser Eigenschaften entweder nur 
auf männliche oder nur auf weibliche Personen — von 
absoluter Gültigkeit sein, so müßte dies zur Folge 
haben, daß die Verschiedenheit der Geschlechter, der „sexu- 
elle Dimorphismus", stetig zunehmen, die Kluft zwischen 
beiden Geschlechtern immer größer und größer werden 
würde. Bei manchen Lebewesen ist ja in der Tat die Diffe- 
renzierung der beiden Geschlechter so bedeutend, daß die 
Zoologen oft genug Mühe gehabt haben, zu dem einen 
Geschlecht das hinzugehörige andere aufzufinden; denken 
wir an „Distomum haematobium", wo das Weibchen ganz 
unscheinbar in einer am Körper des männlichen Partners 
sich befindenden Rinne sein Dasein verbringt, oder an „Bo- 
nellia viridis", wo in entgegengesetzter Weise das kaum 
auffindbare Männchen im Eileiter des Weibchens seinen 
Wohnsitz hat. 

Beim Menschen ist die Differenzierung der Ge- 
schlechter bei weitem nicht so groß wie bei zahl- 
reichen auf tieferer Entwicklungsstufe stehenden Orga- 
nismen und hat sich sicherlich in dem Zeitraum, den wir 
von der Geschichte unserer Art zu überschauen in der 
Lage sind, nicht wesentlich verstärkt; eher scheint es, als 
ob zeitweise, beispielsweise auch gegenwärtig, die Tendenz 
vorherrscht, die Geschlechtsunterschiede nicht so scharf zu 
akzentuieren: die Vorliebe vieler Frauen für bartlose 
Männergesichter, die Neigung vieler Männer für schlanke 
Figuren und dementsprechend die Neigung vieler Männer, 
sich bartlos zu tragen, der Wunsch vieler Frauen, Ent- 
fettungskuren zu machen, ließen sich in diesem Sinne 



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134 



Geschlechfsdifferenzierung. 



anführen. Kunsthistoriker haben darauf hingewiesen, daß 
in der antiken Kunst männliche Bildwerke in ihrem Körper- 
bau oft einen auffallend weiblichen, weibliche dagegen 
einen stark männlichen Eindruck machen. Ist es doch 
erst vor kurzem wieder vorgekommen, daß ein Torso, 
den man lange für eine Darstellung des Apollo ge- 
halten hatte, als Überrest einer Athene - Statue er- 
kannt wurde. Andererseits haben Forschungsreisende und 
Anthropologen darauf aufmerksam gemacht, daß bei wil- 
den Völkerstämmen und Völkern der Halbkultur die sekun- 
dären Geschlechtsunterschiede nicht so scharf differenziert 
sind wie bei kultivierten Nationen; so sagt Riehl: „Bei 
den rohen Naturmenschen und bei verkümmerten, in ihrer 
Gesittung verkrüppelten Volksgruppen zeigt sich der Gegen^ 
satz von Mann und Weib noch vielfach verwischt und ver- 
dunkelt." Hält man alle diese Tatsachen zusammen, so 
kann man wohl sagen, daß sich in historischer Zeit der 
Unterschied der Geschlechter im ganzen kaum wesentlich 
geändert hat, wenn er auch bei manchen Völkern und zu 
manchen Zeiten etwas schärfer, zu anderen etwas schwächer 
markiert hervorgetreten ist. 

Daß dem so ist, rührt einmal davon her, daß, 
wie wir schon andeuteten, keineswegs das eine Ge- 
schlecht bei dem anderen nur Typen auswählte, welche 
die ihrem Geschlechte eigentümlichen Zeichen in abso- 
luter Reinkultur besaßen, beispielsweise, daß Frauen 
keineswegs im allgemeinen bei Männern Vollbarte und 
tiefe Stimmlage, sowie möglichste Aktivität wünschten, 
Männer dagen nur Frauen mit breiten Hüften, stark ent- 
wickelten Brüsten und möglichster Passivität begehrten; 
zum zweiten aber daher, daß stets die sexuelle Vererbung 
von der gemischten durchkreuzt wurde, indem alle mann- 



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Neutralisierung von Einseitigkeiten. 135 

liehen Kinder auch von der Mutter, alle weiblichen vom 
Vater zahlreiche seelische und körperliche Eigenschaften 
übernahmen. 

Namhafte Autoren haben in dem sehr verschieden- 
artigen Mischungsverhältnis männlicher und weiblicher 
Eigenschaften im Körper und in der Seele eines jeden Men- 
schen einen grundlegenden Faktor für die sexuelle Ge- 
schmacks- und Triebrichtung erblicken wollen. 

Der bedeutendste wissenschaftliche Vertreter dieser Mei- 
nung ist Arthur Schopenhauer, welcher im II. Bande 
von „Die Welt als Wille und Vorstellung" (Kapitel 44) 
ausführlich auseinandersetzt, daß die männliche oder weib- 
liche Einseitigkeit in dem einen Individuum in höherem 
Grade ausgesprochen sei als im anderen, und daß jedes zu 
seiner Ergänzung und Neutralisierung im Interesse neu zur 
erzeugender Individuen „einer der seinigen individuell ent- 
gegengesetzten Einseitigkeit bedarf." Schopenhauer fährt 
dann wörtlich fort: „Die Physiologen wissen, daß Mann- 
heit und Weiblichkeit unzählige Grade zulassen, durch 
welche jene bis zum widerlichen Gynander und Hypospa- 
däus sinkt, diese bis zur anmutigen Androgyne steigt: von 
beiden Seiten aus kann der vollkommene Hermaphroditis- 
mus erreicht werden, auf welchem Individuen stehen, 
welche, die gerade Mitte zwischen beiden Geschlechtern 
haltend, keinem beizuzählen, folglich zur Fortpflanzung 
untauglich sind. Zur in Rede stehenden Neutralisation 
zweier Individualitäten durcheinander ist demzufolge er- 
fordert, daß der bestimmte Grad seiner Mannheit dem be- 
stimmten Grade ihrer Weiblichkeit genau entspreche, da- 
mit beide Einseitigkeiten einander gerade aufheben. Dem- 
nach wird der männlichste Mann das weiblichste Weib 
suchen und vice versa, und ebenso jedes Individuum das 



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136 



Prinzip der Ergänzung. 



ihm im Grade der Geschlechtlichkeit entsprechende. Inwie- 
fern nun hierin zwischen zweien das erforderliche Verhält- 
nis statthabe, wird instinktmäßig von ihnen gefühlt und 
liegt, nebst den anderen relativen Rücksichten, den höheren 
Graden der Verliebtheit zugrunde." 

Am weitesten in der Verfechtung dieser Lehre ist der 
junge Wiener Gelehrte Otto Weininger gegangen, 
der, um seinem Werke Leben zu geben, sich selbst das 
Leben nahm. 

In dem Buche „Geschlecht und Charakter", das trotz 
alles Bizarren und Paradoxen, trotz vieler Übertreibungen 
und Oberschreibungen nach meinem Dafürhalten das Auf- 
sehen verdiente, welches es erregte, formulierte er (p. 34) 
ein Gesetz geschlechtlicher Anziehung, welches lautet: „Zur 
sexuellen Vereinigung trachten immer ein ganzer Mann und 
ein ganzes Weib zusammen zu kommen, wenn auch auf die 
zwei verschiedenen Individuen in jedem einzelnen Fall in 
verschiedenem Verhältnisse verteilt." Er geht sogar so 
weit, aus der Anziehung sich ergänzender „Hälften" ein 
mathematisches Gesetz konstruieren zu wollen. Er macht 
aber seine Formel selbst lächerlich, wenn er nach ihrer 
Aufstellung sagt: „Als Proben auf das Verhältnis wirk- 
licher komplementärer Ergänzung ließe sich eine Menge 
spezieller Konstanten namhaft machen; man könnte z. B. 
das Naturgesetz boshaft so formulieren, die Summe der 
Haarlängen zweier Verliebter müsse immer gleich groß 

cpin " 

Es lassen sich gegen die Annahme, daß die männ- 
lichen Eigenschaften eines Mannes sich durch die weib- 
lichen einer Frau und gleichzeitig seine weiblichen Züge 
durch ihre männlichen zu komplementieren trachten, man- 
cherlei Einwände erheben. Zunächst der, daß der Begriff 



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Die Begriffe „männlich" und „weiblich". 



137 



dessen, was männlich und weiblich ist, überhaupt noch 
keineswegs feststeht. Was wir unter einem Mann und 
einer Frau im landläufigen Sinne zu verstehen haben, 
wissen wir, was aber unter männlich und weiblich zu ver- 
stehen ist, ist viel schwerer zu normieren. Auch Weininger 
bleibt uns eine präzise Erklärung dieser Begriffe schuldig, 
trotzdem sie doch die fundamentale Voraussetzung seines 
Lehrgebäudes sind. Ich selbst habe, ebenso wie Havelock 
Ellis und andere, mich verschiedentlich bemüht, die Begriffe 
„Mann" und „Weib" im einzelnen klarzulegen, zuletzt in 
meinem Buche „Die Transvestiten", 89 ) bin mir aber wohl 
bewußt, daß auch mir, so wenig wie den anderen Autoren, 
die Lösung dieser schwierigen Aufgabe bisher 1 nicht in allen 
Teilen gelungen ist. Das liegt daran, daß die fort und fort 
sich wiederholende Vermischung männlicher und weiblicher 
Erbmassen durch die Übertragungen aus beiden Ahnen- 
reihen eine so innige und komplizierte ist, daß es weder 
im allgemeinen noch im Einzelfalle möglich ist, die männ- 
lichen und weiblichen Komponenten scharf zu trennen. 
Außerdem gibt es viele Eigenschaften — darunter zahlreiche, 
die in der sexuellen Anziehung eine große Rolle spielen — , 
welche man überhaupt nicht, wie etwa die Farbe der Haare 
oder Augen und viele geistige Neigungen, mit dem Vor- 
zeichen „männlich" oder „weiblich" versehen kann. Ferner 
ist gegen Weininger einzuwenden, daß, wie schon ein ge- 
ringes vergleichendes Beobachtungsmaterial lehrt, sich 
durchaus nicht immer gegensätzliche Sexualcharaktere mit 
Vorliebe suchen, daß also beispielsweise nicht etwa Männer 
mit tiefer durch Frauen mit hoher Stimme, schmalhüftige 

89 ) „Die Transvestiten. Eine Untersuchung über den erotischen 
Verkleidungstrieb/* 1910. Mediz. Verlag von Alfred Pulvermacher & Co., 
Berlin. 



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138 



Anziehung des Gegensätzlichen. 



Frauen durch breithüftige Männer besonders heftig und 
häufig gereizt werden. 

Wir kommen damit zu einer der umstrittensten Fragen 
auf diesem Gebiet, ob sich überhaupt in der Liebe mehr 
das Gegensätzliche oder das Gleiche anzieht. Beide An- 
sichten haben sehr hervorragende Vertreter. 

Schopenhauer sagt („Die Welt als Wille und Vor- 
stellung", Band II, p. 23): „Jeder liebt, was ihm fehlt. Da- 
mit eine wirkliche Leidenschaft entstehe, ist etwas erforder- 
lich, was sich nur durch eine chemische Metapher aus- 
drücken läßt: Beide Personen müssen einander neutrali- 
sieren, wie Säure und Alkali, zu einem Mittelsalz." 

Mantegazza äußert sich wie folgt: „Wenn die Wissen- 
schaft der Zukunft unsern Enkeln einst ermöglichen wird, 
alle Erscheinungen der Natur, von den einfachsten bis zu 
den kompliziertesten, von der einfachsten Bewegung eines 
Moleküls bis zum erhabensten Geistesblitz in eine ununter- 
brochene Reihe zusammenzufassen, dann werden vielleicht 
die ersten Ursprünge der Liebe in der Elementarphysik der 
ungleichen Atome gesucht werden, welche sich 
suchen und sich verbinden und durch ihre entgegengesetzte 
Bewegung das Gleichgewicht erzeugen: der positiv elek- 
trische Körper sucht den negativ elektrischen. — Wie das 
Kaliummolekülchen dem Wasser mit gewaltiger Entwicke- 
fung von Licht und Wärme den Sauerstoff entreißt, ist 
nicht ebenso die Verbindung jener zwei Moleküle, welche 
sich Mann und Weib nennen, begleitet von einem Sturm 
von Leidenschaften, von Geistesblitzen, von einem unend- 
lichen Leuchten von Flammen und Gluten?" 

Micheler 40 ) meint in seinem Buche „Die Frau": „Die 
Verschiedenartigkeit ist das Mittel, dessen sich die Liebe 

40 ) Mic h e 1 e t , Die Frau, pag. 140. 



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Der Reiz des Unbeka 



ÜlHMl 



139 



bedient, der Kontrast ist der Reiz des Unbekannten, der 
Zauber ein Geheimnis, das man durchforschen will; die 
Fremdartigkeit, die abzustoßen scheint, birgt den Spora 
der Begierde in sich." Und Michels 41 ) „ Jedes Geschlecht 
fordert vom andern nur das Gegensätzliche." Schiller 
endlich sagt: 

„Denn wo das Strenge mit dem Zarten, 
Wo Starkes sich und Mildes paarten, 
Da gibt es einen guten Klang." 

Von denen, die meinen, daß sich nicht das Gegen- 
satzliche, sondern das Ähnliche anziehe, wären ebenso 
viele und nicht minder kompetente Beurteiler anzuführen. 41a ) 
Zunächst nenne ich Leonardo da Vinci, der in seinen 
„Frammenti" (Ausgabe von Solmi, p. 177 ff.) wiederholt 
äußert, daß wir in der Liebe von dem, was uns ähnlich, 
angezogen würden. Auch Goethe scheint dieselbe An- 
schauung gehabt zu haben, denn er schreibt an Charlotte 
von Stein: „Nun ist es ein Gesetz, daß Liebende gleich 
roh oder gleich weich sein müssen, denn sonst verstehen 
sie einander nicht; Dauer der Liebe ist immer ein Beweis 
der seelischen Ähnlichkeit." Byron sagt von der unbe- 
kannten Geliebten, welche ihn längere Zeit in Pagenklei- 
dern begleitete: „Sie glich von Antlitz mir, von Haar, von 
Auge, in allem selbst bis zu der Stimme Ton war sie mir 

4I ) Die Grenzen der Qeschlechtsmoral, pag. 114. 

Häckel schreibt Ober „chemische Sexualdivergenz': 
„Die Verschmelzung würde nicht eintreten können, wenn nicht 
beide Zellen „Empfindung" für ihre chemische Verschiedenheit 
und Neigung zur gegenseitigen Verbindung hätten; dadurch getrieben» 
ziehen sie sich an." „Die Empfindung, die sie dazu treibt, ist eine 
chemische, dem Geruch nnd Geschmack verwandte Sinnestatigkeit," 
siehe auch: Anthropogenie, Bd. II, Kap. 29, S. 875 Ober „Erotischen 
Chemotropismus" als Urquell der Liebe. 



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140 Anziehung gleicher Eigenschaften. 



ähnlich." L es sing endlich: „Gleichheit ist immer 
das festeste Band der Liebe." Von Schriftstellern neuer 
Zeit sei hier Maupassant angeführt, welcher meint: 
„. . . Wenn die Liebe entstehen soll, müssen die bei- 
den Wesen eins für das andere geboren sein und viel ge- 
meinsame Berührungspunkte haben, den gleichen Geschmack, 
Verwandtschaft des Leibes, des Geistes und Charakters", und 
W.Helm us, welcher in seinem Aufsatz „Die physiogno- 
mische Ähnlichkeit der Liebenden" (Jahrg. 1907, Heft 2 
der Zeitschrift „Geschlecht und Gesellschaft") meint: „Man 
kann es ja nicht als Regel aufstellen, daß sich die Lieben- 
den in ihrer äußeren Erscheinung gleichen, aber ebenso- 
wenig wird man die Tatsache leugnen können, daß diese 
Gleichheit so häufig vorkommt, daß man sie dem Zufall 
nicht mehr aufs Konto setzen kann, daß man nach einer 
befriedigenden psychologischen Erklärung suchen muß." 
Dieser Autor sagt im weiteren Verlauf seiner Abhandlung, 
daß, wenn sich Ähnliches zueinander hingezogen fühlt, 
von der Natur die Stärkung, wenn sich Kontraste heben, 
die Regeneration einer Art beabsichtigt sei. 

In der Tat hat es viel Wahrscheinliches für sich, daß — 
ganz ähnlich wie die Züchter nach den Grundsätzen von 
Kreuzung und Inzucht seit altersher entweder verschieden 
gestaltete Pflanzen paaren, um neue Varietäten hervorzu- 
bringen, oder gleich gestaltete, um erwünschte Eigen- 
schaften festzuhalten — , die mit so feiner Witterung 
begabte Liebe ebenfalls bald gleiche, bald verschiedene 
Eigenschaften sucht, je nachdem sie bei den Liebenden und 
ihren Nachkommen eine Ergänzung oder Verstärkung ge- 
wisser Attribute beabsichtigt. 

Um in dieser Frage zu einigermaßen exakten und be- 
friedigenden Resultaten zu gelangen, müßte man natürlich 



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Ähnlichkeit der Liebenden. 



141 



unter Berücksichtigung zahlreicher Kautelen und Unter- 
fragen unendlich viel zahlreicheres Material als bisher, Be- 
obachtungsreihen von vielen tausend Personen zur Ver- 
fugung haben, wobei das anziehende Objekt dem reagieren- 
den Subjekt gegenübergestellt werden müßte, da sicherlich 
in der Abhängigkeit der sexuellen Reizbarkeit von der 
eigenen Gesamtpersönlichkeit die Lösung des Problems liegt. 

Bisher sind die Statistiken viel zu unzureichend, um 
aus ihnen Schlüsse zu ziehen, die über Hypothetisches hin- 
ausgehen; da, wie wir sehen, die Mannigfaltigkeit der Er- 
scheinungen eine so unendliche ist, können abschlie- 
ßende Urteile über das, was sich anzieht und abstößt, 
erst dann gegeben werden, wenn die vergleichenden 
Gegenüberstellungen sich nicht wie bisher nur auf Dutzende 
oder Hunderte von Personen beziehen. 

Immerhin seien einige hierher gehörige Untersuchungen 
angeführt. Zunächst sei der Anatom Hermann Fol er- 
wähnt. Er hatte die Anschauung, die ja oft zum Ausdruck 
gebracht ist, daß sich bei älteren Eheleuten allmählich durch 
die Gemeinsamkeit ihrer Lebensschicksale 41 b ) eine nicht nur 
innerliche, sondern auch äußerliche Ähnlichkeit heraus- 
bilde; während eines Aufenthaltes in Nizza fiel es ihm je- 
doch auf, daß sich auch unter den jungen Ehegatten, 
welche den Mittelpunkt der Riviera vielfach zum Ziel ihrer 
Hochzeitsreise wählten, überraschend häufig einander ähn- 
liche Paare wahrnehmen ließen. Er sammelte nun Photo- 
graphien von 251 Ehepaaren und fand, daß unter 198 
jungen Eheleuten 132 oder 66,66% , unter 53 alten 38 oder 
71,70% einander ähnlich sahen, woraus er den Schluß zog, 
daß in der weit überwiegenden Zahl der Ehen die Individuen 

Hier könnte auch die chemische Imprägnation als Ursache 
mitherangezogen werden. (Vgl. weiter unten pag. 184 f.) 



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142 



Statistische Gegenüberstellungen. 



nicht durch Unähnlichkeiten, sondern durch ähnliche Eigen- 
schaften angezogen würden. Alle übrigen bisher ermittelten, 
sehr mangelhaften und geringfügigen Daten beziehen sich 
nur auf einzelne Attribute, wie die Statur, die Pigmentie- 
rung der Regenbogenhaut und der Haare. So gibt Have- 
lock Ellis in seinem Werke „Die Gattenwahl" eine Über- 
sicht von 30 Männern und Frauen, von denen 17 mög- 
lichst gleich große, 13 solche von ungleicher Größe be- 
gehrten, ferner stellt er 26 blonde und brünette Männer und 
Frauen zusammen, unter denen 12 die gleiche, 14 die un- 
gleiche Haarfarbe wünschten. In bezug auf die Färbung 
der Iris fand Karl Pearso n 4S ) unter 774 Ehepaaren 
die Neigung zur Gleichheitswahl starker hervortretend. 

Eine vergleichende Zusammenstellung eigener Eigen- 
schaften mit solchen, die an anderen Personen bevorzugt 
werden, wurde neuerlich von mir hinsichtlich einiger Qua- 
litäten an 50 Männern und Frauen vorgenommen. Sie 
ergab folgendes Resultat: 

1. Körpergröße: 

21 große oder mittelgroße Personen lieben ebensolche Verhältnisse. 

21 „ n « . größere Figuren. 

6 „ w ^ „ n kleinere kräftige Gestalten. 

2 kleine Personen n kleine, dünne, zierliche Qe- 
stalten. 

50 Fälle, 

von denen 23 Gleiches, 27 Ungleiches bevorzugen. 

2. Muskulatur: 

28 Personen mit kräftiger Muskulatur lieben ebensolche muskulöse. 
17 schwacher, weicher „ „ 

5 , „ „ ebensolche. 

50 Fälle, 

von denen 33 Gleiches, 17 Ungleiches bevorzugen. 

") Phil. Trans. Royal Soiety 187. Bd., p. 273 und 115. Bd.. 
p. 113. — Proceedings of the Royal Society 56. Bd., p. 28. — - 
Grammar of Science (1900), 2. Aufl., p. 425. — Biometrika, No- 
vember 1903. 



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Untersuchungsresultate. 143 

3. Haarfarbe: 

15 Personen mit blondem Haar lieben ebensolche Farbe. 

9 M „ „ dunkles Haar. 

18 . „ dunklem „ „ ebensolche Farbe. 

7 „ „ „ blondes Haar. 

1 » liebt silbergraues oder weißes 
Haar. 

50 Fälle, 

von denen 33 Gleiches, 17 Ungleiches bevorzugen. 

4. Hand und Fuß: 

12 Personen mit großen Händen u. Füßen lieben ebenfalls große Hänüe u. Füße. 

13 „ . mittleren „ • • » ■ . 

10 n . u n n n n Weine „ „ » . 

* 5 » » klein en „ „ große „ 9 m . 

50 Fälle, 

von denen 12 Gleiches, 38 Ungleiches bevorzugen. 

5. Körperlinien: 

18 Personen mit schlanken Körpern lieben ebenfalls schlanke Körper. 

15 . * n n „ VOlle m 

7 . , runden Linien . „ runde Linien. 

10 » i « muskulöse, derbe Körper. 

50 Fälle, 

von denen 25 Gleiches, 25 Ungleiches bevorzugen. 

6. Brüste: 

16 Personen mit runden, vollen Brüsten lieben ebenfalls runde, volle, feste Brüste. 
3 » » « n n n flache m . 

12 m n flachen n „ ebensolche m m . 

19 * m runde, volle, feste . . 
50 Fälle, 

von denen 28 Gleiches, 22 Ungleiches bevorzugen. 

7. Augen: 

17 Personen mit hellen Augen lieben ebensolche Farben. 

19 n n n , „ dunkle n . 

3 , „ dunklen „ m blaue Augen. 

H n » * n ebenfalls dunkle Farben. 

50 FäUe, 

von denen 28 Gleiches, 22 Ungleiches bevorzugen. 
Im ganzen zogen sich gleiche Eigenschaften in 182 Fällen, 

ungleiche „ . 168 an. 



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144 Das wirksame Moment der Fesselung. 



Nach allem, was bisher vorliegt, kann man nur sagen: 
Es trifft nicht zu, daß in der Liebenur 
das Ungleiche anzieht; ebensowenig 
ist es richtig, daß nur das Gleiche an- 
zieht: es muß das wirksame Moment in 
einer Summierung ungleicher und glei- 
cher Eigenschaften liegen, abgesehen von 
solchen, die weder anziehen noch abstoßen, in Fällen also, 
in denen die Partner einander neutral gegenüberstehen. 
Man könnte vermuten, daß das Gleiche vielleicht mehr 
geistig, das Ungleiche mehr sinnlich fesselt oder daß das 
Gleiche mehr kameradschaftlich, ungeschlechtlich, das Un- 
gleiche, sich Ergänzende mehr sexuell anzieht oder endlich, 
daß die erste Anziehung mehr in dem Verschiedenen, das 
Dauerhafte, Standhafte und Monogame einer Verbindung 
aber mehr in dem Gemeinsamen als im Gegensätzlichen 
ruht. Doch alles dies sind vorläufig nur Vermutungen, da 
zahlenmäßige Unterlagen nicht in ausreichender Menge 
vorhanden sind. 

Wie die Wesensart der eigenen Persönlichkeit, so vielen 
äußeren Einflüssen und Wandlungen sie auch während 
ihres Lebens ausgesetzt sein mag, normaler Weise in ihren 
Grundzügen dieselbe bleibt, so bleibt auch der Typus, der 
uns anzieht, derselbe. Es gilt hier so recht das Wort 
Goethes: „Nach dem Gesetz, nach dem Du angetreten, 
so mußt Du sein, Du kannst Dir nicht entfliehen." 

Das ist ja eine der allerältesten Beobachtungen und an- 
erkanntesten Maximen auf dem Gebiete geschlechtlicher An- 
ziehung, daß jeder sein „Genre" hat, das ihn besonders 
anspricht, seinen „Fall", der ihm vor allem gefällt, eben 
seinen Typus. Gewöhnlich ist es auch für Dritte, die sich 
die Mühe geben, durch eine Reihe von Jahren Personen 



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Ähnlichkeit reizausübender Objekte. 



145 



- 

zu beobachten, welche mit dem Gegenstand ihrer mehr 
oder weniger starken geschlechtlichen Zuneigung wechseln, 
nicht schwer, die objektiven Ähnlichkeiten zwischen den 
reizausübenden Objekten festzustellen. 

In dem schlichten, feinen Buche der französischen 
Näherin Margarete Audoux, das die Lebens- 
und Liebesgeschichte von Marie -Ciaire schildert, heißt 
es wiederholt von Männern, welche die Sympathie der 
Titelheldin auf sich zogen: „er hatte gleich Henry 
Deslois sanfte Augen und etwas Ernstes in seinem 
Wesen." Ähnlich sagt Maeterlinck einmal vom 
Manne: „Und wenn wir gleich Don Juan eintausend- 
unddrei Frauen küssen, werden wir schließlich einsehen, 
daß immer dieselbe Frau vor uns ist, die gute oder 
die böse, die zärtliche oder die grausame, die liebende oder; 
die ungetreue." Bei Wiederverheirateten kann man oft kon- 
statieren, daß die zweite Frau der ersten sehr ähnlich ist. 
Ein Herr berichtete mir, daß er in einer Erbschaftsange- 
legenheit eine angeheiratete Verwandte besucht hätte, die er 
sehr lange nicht mehr gesehen hatte. In ihrem Wohn- 
zimmer hing die Photographie eines älteren Mannes, bei 
deren Anblick der Besucher bemerkte: „Das ist doch Ihr 
verstorbener Gatte." „Nein," erwiderte die Frau, „das ist 
mein jetziger Freund; ich habe mich in ihn verliebt, weil 
er meinem verstorbenen Mann so ähnlich sieht." Ein 
Herr teilte mir mit, daß ihn in einem Kaufhause eine ele- 
gante Dame angesprochen habe, die er dann in ihr Hotel 
begleitete, wo es zu einem intimen Verkehr gekommen sei; 
die Dame gestand ihm, sie sei vorübergehend in Berlin, 
ihr Gemahl sei Offizier in einer kleinen Garnison, der Mann 
hätte sie in seinem Äußern und seinen Bewegungen so 
sehr an ihren Gatten erinnert, daß sie, aus Liebe und Sehn- 

Hirschfeld, Naturgesetze der Liebe. 10 



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146 



Reizkombinationen 



sucht zu diesem, sich ihm genähert hätte. Es ließen sich 
noch manche ähnliche Beispiele anfuhren. 

Es gibt Personen, die versichern, sie liebten keinen be- 
stimmten Typus; es seien ganz verschieden geartete Men- 
schen, die auf sie einen Reiz ausübten. Analysiert man 
aber ihren Geschmack genauer, so wird man bald einen 
oder mehrere Partialreize finden, die den in vieler Hin- 
sicht so verschiedenen Objekten ihrer Neigung gemeinsam 
sind. So berichtete mir einmal eine Frau, es seien einander 
völlig unähnliche Männertypen, die auf sie einen Eindruck 
machten. Auf näheres Befragen ergab sich jedoch eins, 
„das unbedingt nötig sei": „eine weiche Stimme". Ein 
Mann registrierte vier ihn anziehende Typen; sie wichen 
in der Tat stark voneinander ab, doch stellte sich heraus, 
daß es „vor allem schöne Hände" und ein lebhaftes, 
frisches, wie er sich ausdrückte, „moralinfreies" Wesen war, 
das ihn fesselte. Vielfach ist bei sonstiger Verschiedenheit 
„ein gewisser undefinierbarer Gesichtsausdruck" das Ent- 
scheidende. Je zahlreicher die anziehenden Partialreize 
sind, um so enger begrenzt ist die in Frage kom- 
mende Zahl der Typen, welche die Reizkombina- 
tion aufweisen; ist der Kreis der wirksamen Typen 
ein sehr weit gezogener, so sind gewöhnlich nur sehr 
wenige Teilanziehungen, häufig auch seelischer Natur, 
das bewußt oder unbewußt Entscheidende. Immer ist 
es jedenfalls der sexuelle Partialismus, 
der die Typenliebe beherrscht. Der Typus, 
zu dem sich jemand hingezogen fühlt, ist während 
der ganzen Lebensdauer nur sehr geringen Veränderungen 
unterworfen; es sind meist im hohen Alter noch ganz die- 
selben Arten von Menschen, die gefallen, wie in der Ju- 
gend. Wenn Sprüche, wie „on revient toujours ä ses pre- 



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Sexuelle Zielstrebigkeit 



147 



miers amours" oder „alte Liebe rostet nicht" hinsichtlich 
eines geliebten Einzelwesens auch nicht immer passen 
mögen, in bezug auf den anziehenden Typus treffen 
sie sicherlich zu. Dabei ist von hoher Wichtigkeit, zu er- 
kennen, daß dieser Typus auch schon meist in der Kind- 
heit vor dem Erwachen des eigentlichen Sexualtriebes als 
sympathisch empfunden wird, man interessiert sich für ihn, 
ohne daß ein erotischer, wenigstens ein bewußt erotischer 
Charakter der Zuneigung in Frage kommt. 

Nachdem wir gesehen haben, in wie unmittelbarem Zu- 
sammenhang der anziehende Typus mit der eigenen Per- 
sönlichkeit steht, wie eng er vom ersten Erwachen bis zum 
Erlöschen des Geschlechtstriebes mit uns verbunden ist, 
ist nun die Frage zu erörtern, wie die Geschmacksrich- 
tung, die gerade diesen Typus sucht, in uns entstanden ist. 
Daß nicht der Außenreiz als solcher, sondern die innere 
Organisation ausschlaggebend ist, erkannten wir, aber es 
bleibt immer noch die Möglichkeit, daß der Außenreiz 
selbst erst der Liebesrichtung ihr charakteristisches Ge- 
präge gegeben hat. Die Frage also, ob die Vorliebe für 
einen bestimmten Typus angeboren oder erworben ist, 
bleibt vorläufig offen. 

Viele, und darunter recht bedeutende Gelehrte sind der 
Meinung, daß die Liebesrichtung erworben ist. Solange man 
sich mit diesem Problem beschäftigt hat, haben Fachleute 
und Laien der Meinung Ausdruck gegeben, die Richtung des 
Geschlechtstriebes werde nicht durch sich selbst kraft 
eigener Zielstrebigkeit, sondern durch das äußere Ge- 
schlechtsziel „determiniert". Diese Annahme entspricht dem 
allgemeinen Bedürfnis, für unsere Gefühle und Wahrneh- 
mungen, Vorstellungen, Leiden und Freuden möglichst die 
Ursache immer außerhalb unseres Körpers, für alles, was 

10* 



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148 



Erworben oder angeboren? 



in uns ist, eine von uns unabhängige Ursache, etwas, „was 
daran schuld ist", zu suchen. 

Bei den Vertretern der Meinung, daß die Richtung 
des Geschlechtstriebes erworben sei, finden wir wieder 
verschiedene Auffassungen. Einige sagen, die Richtung des 
Geschlechtstriebes werde durch die ersten Eindrücke, welche 
ein sexuelles Lustgefühl erweckten, in frühester Kindheit er- 
worben; eine zweite Ansicht lautet, der Geschlechtstrieb sei 
in seiner Richtung in der vorpubischen Zeit in keiner Weise 
festgelegt, erst nach der Reife, oft erst kurz vor oder nach 
dem 20. Jahre, entschieden äußere Reize und Einflüsse 
die Triebrichtung; eine dritte Meinung geht noch weiter: 
die Richtung des Geschlechtstriebs sei überhaupt nicht be- 
stimmt, es bestehe vielmehr dauernd ein Variationsbedürf- 
nis, ein Reizhunger, ein Verlangen nach Abwechslung, so 
daß der Mensch dazu neige, den ihn anziehenden Typus 
zu ändern, von einem übersättigt, sich einem anderen zu- 
zuwenden. 

Diesen weit verbreiteten Lehren stehen zwei andere 
gegenüber: eine vierte also, welche die Richtung des Ge- 
schlechtstriebs genau so, wie sie ist, für an- 
geboren hält, sie schlummere nur bis zur Reife, sei aber im 
Keim völlig festgelegt; und eine fünfte, die annimmt, daß 
ein Zentrum des Geschlechtstriebs von individuellem Ge- 
präge angeboren sei. Dieses sei aber nur für ganz be- 
stimmte Sinneseindrücke, Vorstellungen und Gedankenver- 
knüpfungen zugänglich und empfänglich, und zwar nur 
für solche, für die es gemäß seiner anatomischen und funk- 
tionellen Beschaffenheit abgestimmt ist, während die über- 
große Mehrzahl äußerer Reize keine Erregung hervorzu- 
bringen vermöge. Die letztgenannten beiden Anschau- 
ungen messen also den äußeren Anlässen nur die sekun- 



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Objektfindung des Kindes. 



149 



däre Bedeutung auslösender Momente bei. Das Primäre 
ist nach ihnen die endogene und nur auf Adäquates rea- 
gierende Triebrichtung, deren Sitz im Gehirn, Geist, Kör- 
per des Individuums selbst zu, suchen ist. Nurdender 
eigenen Individualität entsprechenden 
Außenreizen wendet sich der Liebes- 
trieb elementar zielstrebig zu. 

Es ist klar, daß es für die Beurteilung der mensch- 
lichen Liebe in mehr als einer Hinsicht von Bedeutung ist, 
ob wir ihre Ursache und ihr Wesen für in der mensch- 
lichen Organisation selbst begründet oder durch äußere 
Einflüsse und „Zufälligkeiten" („chocs fortuits") bedingt 
halten. Fassen wir kurz zusammen, was für das Ange- 
borensein der Triebrichtung spricht, so ist es zunächst 
der Umstand, daß die Triebrichtung seit frühester Kindheit 
dieselbe ist. Jeder, der sich genau prüft, wird nach- 
weisen können, daß sein „Geschmack" in der Hauptsache 
schon vor dem Erwachen des Geschlechtstriebs vorhanden 
war, wenn auch der erotische Charakter desselben sich erst 
mit oder nach der Reife geltend machte und ins Bewußt- 
sein trat. Gelegentlich findet man auch bei Kindern, 
namentlich solchen aus neuropathischen Familien, schon 
erotisch betonte Sympathien. Es beruhen diese auf einem 
vorzeitigen Vibrieren des Sexualzentrums meist frühreifer 
Gehirne und haben ebenso wie die Träume eine für die 
Triebrichtung nicht zu unterschätzende, diagnostische Be- 
deutung, entstammen aber auch wie diese inneren, nicht 
äußeren Vorgängen. Wir können Freud folgen, wenn 
er in seinen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" 48 ) 
meint, daß „der Prozeß der Objektfindung im Kinderleben 



'*) II. Aufl. Leipzig und Wien, pag. 38 u. 79. 



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150 



Änderung der Triebrichtung 



bereits vorgebildet sei", ferner, daß „das Kind Keime von 
sexuellen Regungen mit zur Welt bringt", wenn er von 
„infantilen", zur Pubertät aufgefrischten Andeutungen sexu- 
eller Neigung des Kindes spricht. Aber es sind doch eben 
nur „Keime", Andeutungen, leise Regungen in dem bis zur 
Reife 1 im Latenzzustand befindlichen Sexualzentrum. Zwei- 
tens spricht für das Angeborensein die außerordentliche 
Festigkeit, mit der die Triebrichtung sozusagen organisch 
mit der Persönlichkeit verknüpft ist. In den meisten Fällen 
ist es völlig unmöglich, die Trieb r i c h t u n g umzuändern; 
sie bleibt selbst den stärksten Einflüssen, Wünschen und 
Hemmungen gegenüber stets dieselbe. NurdieBetäti- 
gung des Triebs, auch wohl die Triebstärke, 
nicht aber die Triebrichtung ist beein- 
flußbar. Eine beabsichtigte Einwirkung kann sich da- 
her niemals an die Reflexmechanismen, sondern immer nur 
an die Hemmungsmechanismen wenden. Wenn neuer- 
dings ein Autor 44 ) den Standpunkt vertreten hat, 
daß man durch methodisches Heineinsenden von Assozia- 
tionen in das Gehirn den Trieb ummodeln könne, so steht 
diese Anschauung im Widerspruch mit allem, was wir von 
der spezifischen Haftbarkeit von Sinneseindrücken wissen. 
Es ist diese Methode nicht viel anders, als wenn man einen 
Blinden, der gut hören kann, dadurch sehend machen will, 
daß man ihm starke Lichtquellen vor sein Ohr hält, oder 
einem Farbenblinden mit den von ihm nicht richtig er- 
kannten Farben umgibt, oder einen Tauben heilen zu 
können meint, indem man ihn in Konzerte führt. Was 

44 ) Zeitschrift für Psychotherapie und medizinische Psycholo- 
gie. Sonderabdruck aus Band III, Heft 1. Moll, die Behandlung 
sexueller Perversionen mit besonderer Berücksichtigung der Asso- 
ziationstherapie. Stuttgart, 1911. 



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Individuelles Gepräge der Haftstelle. 



151 



Goethe vom Sehorgan sagt: „War' nicht das Auge 
sonnen h a f t , die Sonne könnt es nie erblicken," gilt von 
jedem Sinnesorgan, jeder Sinneszelle, auch vom Geschlechts- 
sinn: ist der Geschlechtssinn nicht frauenhaft, so kann 
das schönste Weib ihn nicht in Vibration versetzen; es 
fehlt die Haf tstelle. 

Drittens können wir auch das Angeborensein des 
Geschlechtstriebs aus der Analogie aller übrigen Geschlechts- 
charaktere folgern. Ohne Ausnahme tragen, wie leicht er- 
sichtlich und erweislich, sämtliche Geschlechtszeichen des 
Körpers und der Seele ein individuelles Gepräge auf ein- 
geborener Grundlage; alle erscheinen zunächst einheitlich 
geartet, verharren längere Zeit, vielfach von der Geburt bis 
zur Reife, in einem Latenzzustand, um sich dann, ent- 
sprechend den in ihnen ruhenden Kräften, in bestimmter 
Weise zu entfalten. Diese Sexualdifferenzierung geht, von 
außen völlig unbeeinflußt, nach immanenten Gesetzen vor 
sich. Ebenso ist es mit denjenigen Teilen des Nerven- 
systems, in denen der Geschlechtstrieb seinen Sitz hat. 
Auch hier geht der Differenzierung ein indifferenzierter Zu- 
stand voran, funktionell erkenntlich an einem Tasten, 
Schwanken, Pendeln, bis entweder der Trieb sich ganz 
allmählich aus dem Unklaren, Unbewußten und Unbe- 
stimmten heraus auf das adäquate Geschlechtsziel ein- 
richtet, oder sich plötzlich durch eine große Liebesleiden- 
schaft, fast möchte man sagen „mit hörbarem Ruck", ein- 
stellt. 

Tatsächlich handelt es sich bei der Annahme, daß eine 
erstmalige und von da ab dauernde sexuelle Exzitation und 
Attraktion primär durch das reizauslösende Objekt, nicht 
aber durch die individuelle Beschaffenheit der sexuellen 
Empfangsorgane im Nervensystem bedingt sei, um eine 



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152 



Außenreiz und Konstitution 



Theorie, die bisher weder bewiesen ist, noch überhaupt be- 
wiesen werden kann. Denn daß das erstmalige Zu- 
sammentreffen des entwickelten Geschlechtssinnes mit dem, 
was „sein Fall" ist, Lustempfindungen auslösen muß, die, 
wenn sie stark genug sind, auch ins Bewußtsein dringen, 
bedarf als selbstverständlich keiner Erörterung. 

Viertens zeigt immer wieder eine Gegenüberstellung 
der außerordentlichen Verbreitung der in Betracht 
kommenden Sexualreize und der Seltenheit der von 
ihnen ausgehenden individuellen Sexualreaktion — des enor- 
men Elektivismus, welcher den menschlichen Geschlechtstrieb 
beherrscht—, die eine Tatsache, daß von demselben Objekt, 
an dem Hunderttausende achtlos und reaktionslos vorüber- 
gehen, ein einziges Subjekt in die höchste Ekstase versetzt 
wird, daß nicht die Beschaffenheit des 
Ob jekts, sondern die des Subjekts, nicht 
der Außenreiz, an dem sich nur die Flamme ent- 
zündet, sondern die innere Konstitution, 
die A n 1 a g e oder Disposition das Ausschlag- 
gebende ist. 

Übrigens erkennen die Gelehrten, welche glauben, daß 
die Richtung des Geschlechtstriebs erworben werden könne, 
fast ausnahmslos an, daß eine Disposition für die jeweilige 
Triebrichtung angeboren sein müsse. Indem sie aber diese 
Anlage als conditio sine qua non zugeben, unterscheiden 
sie sich von denen, die auf dem Standpunkt des Ange- 
borenseins stehen, nur noch graduell, nicht mehr prinzi- 
piell. 

Allerdings herrschen wieder Meinungsverschieden- 
heiten darüber, welcher Art dieseJDisposition ist. Die meisten 
unterscheiden hinsichtlich des Sexualtriebes lediglich eine 
gesunde und eine nervöse Disposition und meinen, daß 



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Konstitutionstypen. 



153 



alles, was man gemeinhin im Sexualleben als normal be- 
zeichnet, au! einer gesunden Anlage beruhe, alles was in 
bezug auf Richtung und Stärke der Liebe von der Beschaffen- 
heit der Mehrzahl (die ja gewöhnlich mit dem, was man die 
Norm nennt, gleichbedeutend ist) abweicht, auf die neu- 
ropathische Disposition zurückzuführen sei. Weitere Be- 
sonderheiten der nervösen und nicht nervösen Anlage wer- 
den meist nicht angenommen. 

Mehr ins Spezielle geht Loewenfeld in seinem 
Werke über „Die sexuelle Konstitution und andere Sexual- 
Probleme": er nimmt 10 sexuelle Konstitutionstypen an, 
die 5 gegensätzliche Konstitutionspaare bilden. Es sind 
dies 1. die robuste und schwächliche Sexualkonstitution, 
die er auf die Stärke sexueller Leistungs- und Widerstands- 
fähigkeit bezieht, 2. eine erotische und torpide je nach dem 
Grade sexueller Erregbarkeit, 3. die libidinöse und frigide 
Sexualkonstitution, für welche ihm die Bedürftigkeit nach 
sexueller Betätigung maßgebend ist, 4. die plethorische und 
anämische Konstitution, die sich nach dem allgemeinen Er- 
nährungszustand und der Produktion des Genitalapparates 
richten, und endlich 5. auf pathologischem Gebiete noch 
die sadistische und masochistische resp. sadistisch-maso- 
chistische (algolagnistische) Konstitution, für welche er 
„die Verbindung von Schmerz und Wollust" als be- 
stimmend erachtet. Es erhellt ohne weiteres, daß alle diese 
Konstitutionen, deren Grenzen nicht feste sind, für die 
eigentliche Richtung des Geschlechtstriebes mit Aus- 
nahme des 5. Konstitutionspaares fast ohne Bedeutung sind. 
Sie beziehen sich fast sämtlich nur auf die Trieb stärke 
und sind zum großen Teil davon abhängig, wie stark der 
sexuelle Außenreiz dem anziehenden Typus entspricht, den 
der Autor übrigens nicht als konstitutionell bedingt anzu- 



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154 



Unbegrenztheit spezifischer Anlagen 



sehen scheint. Was die „sacnstisch-masochistische Konsti- 
tution Loewenfelds 45 ) anlangt, von welcher der Autor sehr 
richtig bemerkt, daß sie keineswegs zum Sadismus und 
Masochismus (er meint zu Grausamkeitsakten) „führen 
müsse", so würde es für die Erkenntnis und Konstruierung 
sexueller Konstitutionstypen nutzbringender sein, wenn 
man diesem Konstitutionspaar anstatt des pathologischen 
Extrems den physiologischen Ursprung dieser Erscheinungen 
zugrunde legen würde. — Dieser Ursprung ist beim Sadis- 
mus im sexuellen Aktivismus, beim Masochismus im Passi- 
vismus zu suchen. 

Es scheint uns fraglich, ob sich überhaupt die Aufstel- 
lung solcher Konstitutionstypen empfiehlt. Denn wenn es 
richtig ist, was wir ausführten, und es erscheint uns diese 
Tatsache über jedem Zweifel zu stehen, daß es nicht zwei 
Menschen mit gleicher Sexualität gibt, und daß diese von 
endogenen Ursachen abhängt, so erübrigt sich angesichts 
dieser Unbegrenztheit spezifischer Anlagen die Einteilung in 
Typen, wofern man sich nicht auf einige Hauptgesichts- 
punkte im Wesen der Sexualpsyche beschränken will, die 
allerdings für die Triebrichtung wertvolle Anhaltspunkte 
bieten können. Hier würden sicherlich die Grundlagen 
des Sadismus, in dem wir eine übermäßig gesteigerte und 
verzerrte Form des sexuellen 1 Aktivismus zu erblicken haben, 
sowie die des Masochismus, der sich aus dem übertriebenen 
sexuellen Passivismus entwickelt hat, wichtige Unter- 
scheidungsmerkmale darstellen. 

Beide Wesenheiten kommen allerdings nie in einer 
Psyche isoliert vor, sondern in unendlich mannigfaltigen 
Mischungen. Wir können uns ein schematisch es Bild davon 

4fi ) loc. cit. pag. 129. 



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Aktivismus und Passivismus. 



155 



machen, wenn wir beide ; Agentien in je 1000 Einheiten ein-* 
teilen würden — wir könnten freilich ebensogut 1 000 000 an- 
nehmen. Dann kann je 1 Teil Aktivismus mit 999 Teilen Passi- 
vismus verbunden sein, 2 Teile A mit 998 Teilen P und so 
weiter 500 A mit 500 P bis 999 A mit 1 P. Aus verschie- 
denen noch zu erörternden Gründen sind wir berechtigt, 
das Aktivitätsprinzip im allgemeinen als männlich, 
das Prinzip der Passivität als weiblich zu bezeichnen; 
allerdings nicht etwa in dem Sinne, daß der Mann der 
Typus der absoluten Aktivität, die Frau alleinige Trägerin 
der Passivitäts-Komponente ist, sondern so, daß beide, 
Mann und Weib, in einer Person aktiv und passiv, 
aggressiv und rezeptiv, gebend und nehmend, suchend und 
empfangend, leitend und leidend sind, und zwar in unend- 
lich variablem Verhältnis. 

Einige der Gründe, weshalb durchschnittlich die Akti- 
vität mehr Eigentümlichkeit des Mannes, die Passivität mehr 
Eigenart der Frau ist, seien bereits hier angeführt. Zu- 
nächst sind die männlichen Keimzellen an Aktivität und 
Produktivität den weiblichen weit überlegen. Die geißei- 
förmigen männlichen besitzen ein Bewegungsorgan und da- 
mit Eigenbewegung, die runden weiblichen Zellen nicht, sie 
können nur passiv bewegt werden. Der Mann kann will- 
kürlich nach Belieben die Keimzellen aus seinem Körper 
entfernen, die Frau ist dazu außerstande. In derselben Zeit, 
in der im Weibe 12 Keimzellen reifen, entwickeln sich im 
Manne weit mehr als doppelt so viel Milliarden Keim- 
zellen. Der Mann könnte in einem Jahre Dutzende, in 
seinem Leben Hunderte von Kindern zeugen, die Frau un- 
vergleichlich viel weniger. Trotzdem ruft die Ablösung der 
Zellen beim Manne kaum Veränderungen hervor; der erste 
Verkehr verändert seinen Körper nicht, die Frau dagegen 



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156 



Männliche und weibliche Erbmasse. 



wird durch ihn „erschlossen", defloriert, und jede Ovula- 
tion ruft periodische Vorgänge hervor, für die es beim 
Manne keine Analogien gibt. Die Frau empfängt das 
Kind, bewahrt, trägt und nährt es. Ebenso wie seine Keim- 
stöcke ist im allgemeinen auch der männliche Körper und 
Geist von stärkerer Aktivität beherrscht als der weibliche. 
Bei der Frau steht wie im Leiblichen, so auch im See- 
lischen das Empfangende, sich Hingebende im Vorder- 
gründe. 

Je stärker in einer Psyche das männliche oder das 
weibliche Element allein vertreten ist, um so gefestigter und 
einheitlicher erscheint sie; je mehr beide Elemente konkur- 
rieren, um so gelockerter, labiler und komplizierter erscheint 
das ganze Seelenleben. Sicherlich ist nicht nur für die Ge- 
samtpersönlichkeit, sondern auch für das Sexualzentrum 
das Verhältnis der männlichen zur weiblichen Erbmasse 
das bedeutsamste Charakteristikum, und in der Schopen- 
hauerschen Behauptung, daß sich ein bestimmter Grad von 
Mannheit durch einen bestimmten Grad von Weibheit zu 
ergänzen sucht, steckt viel Berechtigtes. Allein erschöpfend 
ist das Problem dadurch nicht gelöst. Der Begriff Virilität 
(Mannheit), Muliebrilität (Weibheit) ist nicht nur in quan- 
titativer Hinsicht nicht einheitlich, sondern noch weniger 
in qualitativer. Es können viele Tausende, um bei unserem 
früheren Zahlenschema zu bleiben, beispielsweise 500 männ- 
liche Einheiten und ebenso viele weibliche in sich beher- 
bergen, bei jedem aber setzen sich die 500 Einheiten aus 
ganz verschiedenen männlichen und weiblichen Eigenschaf- 
ten zusammen. 

Solange wir das Wesen der Persönlichkeit selbst, wel- 
che sich angezogen fühlt, nicht in ihrer individuellen Eigen- 
art erkannt haben, und bisher sind wir noch weit entfernt 



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Das Wesen der Persönlichkeit. 



157 



davon, solange werden wir auch außerstande sein, die Ge- 
setze völlig zu begreifen, nach denen die eine Wesenheit die 
andere so mächtig affiziert. Außer Frage ist jedenfalls, daß 
sowohl für die Erkenntnis des Wesens der Persönlichkeit 
als für die Erkenntnis der sexuellen Attraktionen das 
Mischungsverhältnis aktiver und passiver oder männlicher 
und weiblicher Quotienten den Ausgangspunkt bilden muß, 
das Aj wenn auch nicht das denn es gibt auch Eigen- 
schaften, die, ohne männlich oder weiblich zu sein, gleich- 
wohl für die sexuelle Anziehung bedeutungsvoll sind. 
Aber nicht nur das Fundament für die Wirksamkeit sexu- 
eller Reize ist der seelische Aktivismus und Passivismus, 
sondern auch für die Umsetzung der ruhenden Spannkraft 
in die lebendige Kraft der Liebesbetätigung. 

Ehe wir uns diesen Vorgängen zentrifugaler Sexual- 
lösung, der Art, wie sich die ruhende Kraft der Liebe in 
die lebendige umwandelt, zuwenden, wollen wir des 
besseren Verständnisses halber noch einmal die nervösen 
Leitungsbahnen zusammenfassen, die im Sexualzentrunt 
ihren End- und Ausgangspunkt haben. 46 ) Es sind dies 
folgende: 

I. Die von äußeren Sexualreizen ausgehenden Ein- 
drücke gelangen über das äußere periphere und innere 
zentrale Ende der entsprechenden Sinnesnerven zum Sexu- 
alzentrum, wo lustbetont nur solche Reize haften, für die 
spezifische Empfangsstellen vorhanden sind (Wahrneh- 
mungsbahnen.) 

II. Der Außenreiz ist nicht unbedingtes Erfordernis. 
Es gilt hier das, was der große Schöpfer der Lehre von den 



4 «) vgl. Tafel Sexualbahnen. 



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Wahrnehmungsbahnen . 



spezifischen Sinnesenergien, Johannes von Müller, 
in seinen klassischen Leitsätzen bereits betonte: „es ist gewiß, 
daß die Zentralteile der Sinnesnerven im Gehirn unab- 
hängig von den Nervenleitern der bestimmten Sexualemp- 
findungen fähig sind". Auch hinsichtlich der Sexualreize 
kann an die Stelle der bestimmten Wahrnehmung die be- 
stimmte Vorstellung treten; allerdings ist diese in seltenen 
Fällen so wirksam wie der direkte Sexualreiz (V o r s t e 1 - 
1 u n g s b a h n e n). Im allgemeinen wird die Bedeutung der 
reinen Phantasietätigkeit im Sexualleben etwas überschätzt. 
Sie ist jedenfalls nicht größer als die Macht bestimmter Ideen, 
und Empfindungen auf den Körper im allgemeinen. Wir wis- 
sen ja,i daß vielfach bereits beim bloßen Anblick eines leckeren 
Mahles, ja manchmal schon beim Lesen des Menüs, die 
Speichel- und Magensaft-Absonderung beginnt („das 
Wasser läuft uns im Munde zusammen"), daß eingebildete 
Gefahren fast genau dieselben Körperveränderungen her- 
vorrufen können, wie wirklich vorhandene. Wie Ernst 
Weber 47 ) erst neuerdings wieder zeigte, tritt bei Unlust- 
gefühlen aktive Kontraktion der Hirngefäße ein mit Ab- 
nahme der Blutfülle des Gehirns, bei Lustgefühlen eine Er- 
weiterung der Rindengefäße und Zunahme der Blutmenge. 
Ähnlich erzeugen auch sexuelle Lustvorstellungen ohne 
den direkten Sinnenreiz einer anwesenden Person da- 
durch, daß sie durch Erinnerungsbilder, Schilderungen 
(Lektüre), Nachbildungen irgendwelcher Art, Traumphan- 
tasien an den Stellen hervorgerufen werden, wo sonst der 
lebendige Eindruck perzipiert wird, mehr oder minder 
starke Lustgefühle (deren Erregung zum Teil von dem 
§ 184 R.Str.G.B. mit Strafen bedroht wird). Aber diese 

* 7 ) Ernst Weber: Der Einfluß psychischer Vorgange auf 
den Körper, insbesondere auf die Blutverteilung. Berlin 1910. 



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Vorstellungsbahnen 



159 



Vorstellungsreflexe können die eigentlichen Sinnesreflexe 
nur dann vertreten, wenn sie denselben In- 
halt haben wie die, für welche das Sexualzentrum die 
spezitische Haftbarkeit besitzt. So läßt der Anblick des 
zierlichsten Fußes denjenigen, der große Füße liebt, 
„kalt", und die Vorstellungen allein sind niemals imstande, 
einen unsympathischen Körper in einen sympathischen zu 
verwandeln. 

Die Vorstellungen, welche auf das Sexualzentrum er- 
regend wirken, zeigen außerdem die Eigentümlichkeit, daß 
sie bei weitem nicht so ins Spezielle gehen, wie die der 
direkten Wahrnehmung zugänglichen Sexualreize. Sofern 
die Vorstellungen nicht durch detaillierte Schilderungen 
oder Abbilder hervorgerufen werden, beziehen sie sich 
mehr auf den reizenden Gesamttypus als auf seine Ein- 
zelheiten, von denen, wie wir sahen, in so unend- 
licher Spezialisiertheit eine erotische Reizung ausgehen 
kann. Es legt diese Beobachtung den Gedanken nahe, 
daß die Sinneseindrücke nicht einfach von der zen- 
tralen Endstelle der nervösen Leitungsbahnen durch das 
Vorstellungszentrum hindurchpassieren, um so, wie sie 
sind, das Sexualzentrum zu erregen, sondern daß eine 
ineinandergreifende Kette von Gedankenverknüpfungen 
zwischen den beiden Polen — dem äußeren Gegenstand 
der Liebe und dem endogenen zielstrebigen Zentrum — 
gelegen ist. Irgendeine Eigenschaft wird durch unwillkür- 
liche und meist unbewußte Ideen als besonders typisch für 
den Typus empfunden, auf den das Sexualzentrum gemäß 
seiner individuellen Beschaffenheit abgestimmt ist. Die 
Brücke also zwischen Sexualreiz und Sexualzentrum, die 
Verbindung zugleich zwischen den wichtigen Grundge- 
setzen des sexualen Partialismus und Elektivismus ist durch 



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160 



Assoziationsbahnen . 



zentrale Ideenassoziationen gegeben, die fest in einer ganz 
spezifischen Sexualpsyche wurzeln. Der rei- 
zende Teil wird als pars pro toto, als eine konzentrierte 
Versinnbildlichung der anziehenden Gesamtper- 
sonlichkeit in ihrer psycho-somatischen Besonderheit emp- 
funden. 48 ) Es dürfte nicht ganz leicht sein, in allen Fällen 
den assoziativen, oft sehr verschlungenen, meist unterbe- 
wußten Verbindungsbahnen nachzugehen, die von der 
psychosexuellen Konstitution des Individuums in Etappen 
zu dem Gegenstande führen, den es hebt oder haßt. 

Verhältnismäßig am nächsten kommt man noch den 
Assoziationswegen, wenn man die Gedankengänge und die 
ihrer Meinung nach objektiven Deutungen, welche manche 
Personen für ihre Attraktion oder Aversion selbst angeben, 
zu subjektivieren sucht. So begründete ein Schriftsteller, 
welcher eine besondere Vorliebe für schöne Arme hatte, 
seine Vorliebe folgendermaßen: „Für mich, der ich schöne, 
gesunde, in voller Schaffenskraft stehende Personen liebe, 
ist der Arm ein Fetisch; er ist mir wie eine Essenz der 
mir sympathischen Persönlichkeit; in ihm spricht sich die 
ganze mich berauschende Machtfülle einer stolzen, statt- 
lichen, herrschenden Individualität aus. Er ist das Sinn- 
bild der Energie, des kraftvollen Schaffens, das ich an einer 
mich fesselnden Person besonders liebe." Und die oben 
(pag. 100 f.) erwähnte Dame, der es unmöglich ist, „für 
einen Vollbartträger jemals in Liebe zu entbrennen", 
schreibt folgendes: „Ein Mann, den ich liebe, soll mir, 

") Auch Iwan Bloch definiert in seinen Beiträgen zur Ätio- 
logie der Psychopatm'a sexualis (II, p. 131) und im SexuaUeben 
unserer Zeit (p. 672) „die sexuellen Fetische als in den jeweiligen 
Fällen besonders geeignete Symbole des Wesens der geliebten Per- 
son, an die die Vorstellung des ganzen Typus am leichtesten an- 
knüpfen kann." 



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Hemmungsbahnen. 161 

die ich selbst einen männlichen Einschlag habe, zwar an 
Verstand, scharfer Logik und starker Willenskraft über- 
legen sein, es darf dies aber durchaus nicht durch Derb- 
heit, Brutalität, Gewaltmenschentum hervortreten. Ich ver- 
lange in Verbindung mit seinem geistigen Obergewicht eine 
zarte Psyche, ich verlange eine feine, stolze, geistreiche 
Männlichkeit, keine plumpe Aufdringlichkeit und Überhe- 
bung, wie sie der ekelhafte Vollbart als häßliches Schau- 
und Prunkstück deutlich genug verrät." 

Nicht etwa also irgendein äußeres Erlebnis, das sich 
zufälligerweise mit sexuellen Gefühlsbetonungen ver- 
knüpfte, wie dies nach dem Vorgang von B i n e t und 
Krafft-Ebing noch heute viele Psychiater annehmen, 
ist für die Geschmacksrichtung, gleichviel ob das Sexualziel 
von der Norm abweicht oder nicht, bestimmend, sondern nur 
die spezifische Sexualpsyche — das Sexualzentrum 
— , das nie auf etwas Beliebiges, Zufälliges, Gleichgültiges, 
sondern immer nur auf Vorstellungen reagiert, die 
-dem adäquaten Sexualziel entsprechen. 

III. Mit den Wahrnehmungs- und Vorstellungsbahnen 
ist die Zahl der zum Sexualzentrum ziehenden Nerven- 
leitungen keineswegs erschöpft. Es kommen hinzu die 
Hemmungsbahnen, welche von der Hirnoberfläche 
ausgehend an denselben Zentren wie die Reflexmechanis- 
men angreifen, um als Regulatoren zu wirken. Wir werden 
uns mit der Bedeutung dieser Hemmungsmechanismen im 
dritten Teile dieser Arbeit noch eingehend zu befassen 
haben. 

IV. Vorher müssen wir aber noch die vom Sexual- 
zentrum ausgehenden Nervenäste und ihre Wirkungen 
genauer kennen lernen. Den auf der einen Seite in das 

Hirschfeld, Naturgesetze der Liebe. 1 1 



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162 



Trieb- und Handlungsbahnen. 



Sexualzentrum einlaufenden sensorischen Erregungsbahnen 
entsprechen die auf der andern Seite auslaufenden moto- 
rischen Bahnen, die sich zunächst zu den lokomotorischen. 
Gehirnzentren begeben, die neben der Rolandsfurche ge- 
legen sind. Es sind dies das Sprachzentrum, die Zentren 
für Bewegungen der Beine, Arme und des Gesichts. Die 
reflektorische Innervation dieser zentralen Endstellen der 
Bewegungsnerven bewirkt die zahllosen Liebesäußerungen 
vom ersten Anschauen und Liebesgruß bis zum Kuß, zum 
Liebesbrief, zur Umarmung und zu allen Arten sexueller 
Vereinigung (Handlungsbahnen). 

V. Wie aber der sensible Ast vom Sexualzentrum nicht 
immer bis zur Wahrnehmungsstelle an der Körperober- 
fläche, sondern oft nur bis zum zentralen Vorstellungsende, 
reicht, so erstreckt sich auch der motorische Reflexast oft 
nur bis zum zentralen Ende der Bewegungsbahnen im Ge- 
hirn, keineswegs stets bis an die im Muskel befindliche 
Endstelle. Mit anderen Worten, die reflektorische Reizung 
führt oft nur bis zum Triebe, nicht immer zur Tat; 
sexuelle Absichten, Wünsche gehen durchaus nicht immer 
in sexuelle Handlungen über (T r i e b b a h n e n). 

VI. Außer den genannten muß aber noch eine weitere 
Verbindung zwischen dem Sexualzentrum und anderen Ge- 
hirnteilen bestehen, und zwar mit denen, an welche die 
geistige Eigenart eines Menschen geknüpft ist. Wir sahen, 
daß es gerade diese Charaktereigenschaften sind — etwa 
die Kühnheit eines Mannes, die Schamhaftigkeit einer 
Frau — , die oft eine so große Anziehungskraft ausüben. 
Wir erinnern uns nun nochmals, daß viele der seltsamen 
Kleinigkeiten, die eine so hohe sexuelle Bedeutung gewinnen 
können, dies dem Umstände verdanken, daß sie durch 



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Projektionsbahnen. 



163 



Vorstellungen, die sich an ihren Eindruck reihen, derartige 
seelische Eigenschaften verkörpern. Die Sporen beispiels- 
weise, durch deren Anblick viele Frauen erregt werden — 
Kavalleristen wissen davon zu erzählen — , reizen nicht 
durch ihren Glanz oder ihre Form, sondern durch die an 
sie sich knüpfende Vorstellung von Tapferkeit, ähnlich wie 
ein Frauenschuh mit hohen Absätzen im Gegensatz zum 
Mannesstiefel als ein Symbol weiblicher Zierlichkeit reizt. 
Ohne daß wir uns darüber klar sind, empfinden wir diese 
leblosen Stücke als Ausdruck von etwas Geistigem. Diese 
geistigen Eigenschaften haben aber in ihrer sonstigen 
Lebenswirksamkeit mit dem Sexuellen direkt nichts zu tun. 
Wir können kaum annehmen, daß der Mut eines Mannes 
im Kriege, das stille hauswirtschaftliche Wirken einer Frau 
im Sexualzentrum selbst ihren Sitz haben. Es sind aber 
gleichwohl nicht nur Eigenschaften, die uns am Sexualziel 
anziehen, sondern die auch, wenn in uns selbst vorhanden, 
besonders bestrebt sind, sich zu ergänzen. Sie drücken zum 
guten Teil dem Zentrum unserer Geschmacksrichtung so 
sehr seinen individuellen Stempel auf, daß wir allen Grund 
haben, anzunehmen, daß zwischen den Partien sexuellen 
Fühlens und den Zentren seelischer Beschaffenheit Verbin- 
dungsbahnen laufen. Fraglich bleibt nur, ob die seelischen 
Charaktereigenschaften Projektionsfasern in das Sexualzen- 
trum senden oder ob dieses aus seiner angeborenen, wenn 
auch lange latenten Sonderart seinerseits Leitungen aus- 
streckt, die den Charakter gestalten. Letzteres scheint aus 
entwickelungsgeschichtlichen Erwägungen das Wahrschein- 
lichere. Jedenfalls verstehen wir bei dieser Vertiefung in 
den Zusammenhang, weshalb von mehr als einem Denker 
das Geschlechtliche als die Wurzel alles Seins bezeichnet 
wurde. So sagt Nietzsche: „Grad und Art der Geschlecht- 

11* 



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164 



Mündungsslelle der Leitungsbahnen 



lichkeit eines Menschen reicht bis in den letzten Gipfel 
seines Geistes hinauf. u 

Fragen wir uns, nachdem wir die in das Sexualzen- 
trum ein- und von ihm auslaufenden Leitungsbahnen bis 
in die Nähe der Zentralstelle verfolgten, wo diese selbst 
ihren Sitz haben mag, so dürfte es kaum zweifelhaft sein, 
daß es sich um eine im Mittelpunkt des Gehirns belegene 
Gegend handeln muß, wohin und von wo sämtliche Eüv 
und Ausstrahlungen konvergieren und divergieren. Am 
eingehendsten beschäftigte sich mit der Lokalisationsfrage 
des Geschlechtstriebs bisher Franz Joseph Gall , 50 ) 
der vielgeschmähte, neuerdings aber von Möbius und 
Bunge mit Recht wieder zu Ehren gebrachte geniale 
Gelehrte. Er nahm an, daß das Kleinhirn der Sitz des 
Geschlechtstriebes sei, und zwar stützte er sich dabei im 
wesentlichen auf folgende Argumente: 

I. Das Kleinhirn ist bei Neugeborenen im Verhältnis 
zum Gesamthirn schwach entwickelt, wie 1 : 9—20. Es 
wächst am stärksten nach der Pubertät, besonders im IS. 
Lebensjahre, und es ist beim Erwachsenen dann das Ver- 
hältnis wie 1 : 5 — 7. 

II. Die individuellen Verschiedenheiten in der Ent- 
wicklung des Kleinhirns sind sehr groß. Der Grad der 
Entwicklung beim lebenden Menschen ist äußerlich kennt- 
lich an dem Abstand der Processus mastoidei. Je weiter 
diese von einander abstehen, desto breiter und stärker ist die 

M ) Franz Joseph Gall. Anatomie et Physiologie du Systeme 
nerveux. 4 Bände. Paris 1810 — 18. Die uns interessierenden Stellen 
finden sich Vol. III. p. 85—138. P. J. Möbius: Ober Franz Jo- 
seph Gall. Schmidts Jahrbücher. Bd. 262. p. 260. 1899. O. v. 
Bunge, Lehrbuch der Physiologie des Menschen. Leipzig 1901. 
I. Band 16. u. 17. Vortrag, p. 222 ff., besonders auch p. 236. 



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Galls Kleinhirntheorie. 165 

Nackenmuskulatur. Gall will nun an einem sehr umfassen- 
den Material beobachtet haben, daß Personen mit breitem, 
muskulösem Nacken einen besonders starken Geschlechts- 
trieb haben. 

III. Das Kleinhirn ist beim Manne durchschnittlich 
stärker entwickelt als beim Weibe. Diesen Unterschied fand 
Gall in der ganzen Säugetierreihe von der Spitzmaus bis 
zum Elefanten bestätigt. 

IV. Werden Menschen und Tiere vor der Pubertät 
kastriert, so bleibt das Kleinhirn in seiner Entwicklung 
zurück. 

V. Wird nur ein Hoden exstirpiert, so atrophiert nur 
die eine Hälfte des Kleinhirns, und zwar an der gekreuzten 
Seite. Gall will dies nicht nur bei Tieren, sondern in 
mehreren Fällen bei zufälligen Verletzungen, auch am 
Menschen beobachtet haben. 

VI. Der Mensch, in welchem der Geschlechtstrieb das 
ganze Jahr über rege ist, hat ein stärker entwickeltes Klein- 
hirn als die Tiere, bei denen sich der Geschlechtstrieb nur 
zur Zeit der Brunst regt. 

Galls bestechende Behauptungen entbehren vielfach 
einer exakten zahlenmäßigen Grundlage und sind daher 
auch vielfach bestritten und heftig angegriffen — der edle 
Gelehrte hatte unter dem Haß der Kirche und dem Neid 
der Fachgenossen namenlos leiden müssen — , sie sind 
aber noch keineswegs widerlegt. Für seine Annahme 
spricht die neuerdings festgestellte Tatsache, daß sich die 
sensiblen Nervenbahnen von der ganzen Körperoberfläche 
her bis zum Wurm des Kleinhirns verfolgen lassen, und 
zwar reichen die ersten Neurone bis zu den Qarkeschen 
Säulen, von wo aus sie auf den Kleinhirnseitenstrangbahnen 
weiter ziehen. 



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166 



Die Hypophyse. 



Manches spricht dafür, in den so zentral gelegenen 
Gebilden der Epiphyse und vor allem in der, an der Hirn- 
basis so wohlgeschützt in der sella turcica eingebetteten 
Hypophyse die zerebralen Mittelpunkte sexueller Vorgänge 
zu erblicken. 

Es ist dieselbe mediale Region, in der Cartesius einst 
den Sitz der Seele suchte, eine Anschauung, die fallen 
mußte, als man erkannte, ein wie vielgestaltiges Ding 
Fühlen, Denken und Wollen des Menschen, die unter dem 
Begriff Seele zusammengefaßte Trias, ist. 

Auch bei der Annahme, daß die Hypophyse Sitz der 
Geschlechtsseele, des Sexualzentrums sei, handelt es sich 
vorlaufig nur um eine Vermutung, doch scheint sie wesent- 
lich fundierter als die Theorie des Cartesius. Die Auffin- 
dung sekretorischer Drüsenzellen und Ausführungsgänge")' 
in der Hypophyse legt die Vermutung nahe, daß hier die 
Aufspeicherung und Absonderung jener chemischen 
Rauschsubstanz stattfindet, auf die, wie noch des näheren 
auseinandergesetzt werden soll, der sexuelle Lustzu- 
stand letzten Endes zurückzuführen sein dürfte. Auch 
der Umstand, daß die Gehirnanfänge des Nerv, sympa- 
thicus in der Trichterregion belegen sind, verweist auf die 
Zusammenhänge dieser Gehirnpartie mit dem Sexualleben. 
Vor allem würde es sich empfehlen, recht genau ver- 
gleichend diesen Hirnteil (und auch andere) bei kastrierten 
und nicht kastrierten Menschen und Tieren zu untersuchen, 
um festzustellen, ob und inwieweit diese Teile dort ver- 
kümmert sind, wo man die Keimstöcke entfernte, und dies 
geschieht ja heute noch namentlich bei Tieren in ausge- 

5l ) Die Ausführwege der Hypophyse von L. Edinger (Archiv 
f. miskroskop. Anat. LXXVII1. 1911.) Ref.: P. Röthig (Charlotte*, 
burg). 



V 



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Der innere Chemismus. 



dehntem Maße, um Mastvieh zu züchten oder Lasttiere ge- 
duldiger zu machen. 

Wir berühren hier den wichtigen Zusammenhang und 
unverkennbaren Einfluß, welchen die Keimzellen und die 
Unterdrückung ihrer Sekretion auf die Tätigkeit des Sexual- 
zentrums ausüben. 

Dieser Einfluß ist kein absoluter — das will sagen: 
das Sexualzentrum ist auch dann nicht völlig 
außer Tätigkeit, wenn die Keimdrüsen nicht oder noch 
nicht oder nicht mehr absondern. Es unterliegt aber 
keinem Zweifel, daß erst mit dem Moment, in dem das 
Leben in den reifenden Eier- und Samenstöcken einsetzt, 
die große Veränderung im Körper und in der Seele des 
Menschen vonstatten geht, daß nunmehr das bis dahin 
auch vom Sprachinstinkt sehr fein als neutral erfaßte Kind 
ein Qeschiechtsvorzeichen erhält, also ein Mann oder 
eine Frau wird. Fast alle Autoren, 52 ) die sich mit der 
Wechselwirkung zwischen Keimzellbildung und Libido be- 
schäftigten, erklären sich diese Vorgänge durch inneren 
Chemismus, also so, daß von der Zeit der Reife ab, ähn- 
lich wie zur Zeit der Brunst der Tiere, Körperdrüsen — 
ob hauptsächlich die Keimdrüsen, bleibe zunächst dahinge- 
stellt — einen Stoff absondern, der durch chemische Rei- 
zung gewisser Stellen dort ruhende Kräfte lebendig macht 

Diese Substanz, die in des Wortes wörtlichster Bedeu- 
tung als Lebenssaft bezeichnet werden kann, um- 
spült die bis dahin nur in Keimen vorhandenen Flaum- 
härchen und läßt sie sprossen, umspült die Stimmbänder 
des Mannes und läßt sie wachsen, die Brustdrüsen der 
Frau und läßt sie schwellen, sie umspült auch in völlig 

sa ) Mit Ausnahme von Moll, vgl. Loewenfeld, loc. dt. p. 38. 



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168 



Speisung des Sexualzentrums. 



analoger Weise das bis dahin schlafende Sexualzentrum und 
bringt es zum Leben. Wer sich einmal darüber klar ge- 
worden ist, wie die heute durch das Rasiermesser spurlos 
entfernte Barthaarschicht morgen schon wieder in Stoppeln 
nachgewachsen ist — ein Bild der im Korper unausgesetzt 
tatigen Aktivität — , kann sich auch eine Vorstellung da- 
von machen, wie die Entleerung der Keimsubstanzen eine 
Weile zwar die Erregbarkeit des entlasteten Sexualzentrums 
herabsetzt, wie dieses jedoch nach kurzer Zeit mit neu 
gebildeten Stoffen frisch gespeist und wieder für die Reize 
voll empfänglich gemacht wird, bis es völüg gesattigt 
schließlich nach erneuter Entspannung drängt 

Von Wichtigkeit ist dabei zu konstatieren, daß diese 
reizende Substanz die Anlage selbst in ihrer individu- 
ellen Eigenart, vor allem ihrer Triebrichtung, nicht ver- 
ändert, sondern lediglich ihre Tätigkeit anregt, sie er- 
weckt. 

Um über die Wirksamkeit des nach innen sezernierten 
Keimsaftes Klarheit zu gewinnen, ist es vor allem nötig, 
sorgsam die Ausfallserscheinungen an Tieren und beson- 
ders an Menschen zu studieren, bei denen diese Abson- 
derung künstlich ausgeschaltet ist. Es ist recht bezeichnend 
für die Aufmerksamkeit, die der primitive Mensch den 
Sexualvorgängen zuwandte, daß die Entfernung der Keim- 
stöcke (die sogen. Kastration) einer der ältesten, vielleicht 
sogar der älteste operative Eingriff war, den die Menschen 
an Tieren und Menschen vornahmen. Was nun die Fol- 
gen der Fortnahme eines so bedeutsamen Gebildes für das 
beraubte Individuum selbst betrifft, so zeigen diese unter 
den verschiedenen Tieren und unter Tieren und Menschen 
eine ganz auffallende Obereinstimmung. Wallach und Ochs 
'verhalten sich zu Hengst und Stier auf der einen, Stute und 



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Kastratenstudien 



169 



Kuh auf der andern Seite ganz ähnlich wie der mensch- 
liche Kastrat zum Manne und Weibe, .und selbst der Kapaun, 
die Poularde nehmen hinsichtlich ihrer Eigenschaften 
gegenüber Huhn und Pute einerseits und Hahn und Puter 
andererseits eine ganz ähnliche Mittelstellung ein. 

Von menschlichen Kastraten, die ja erfreulicherweise' 
jetzt viel seltener sind als früher, nahm ich Gelegenheit, 
zwei Gruppen näher kennen zu lernen: Die Lipowaner 
in Bukarest und die auch unter dem jungtürkischen Regime 
noch immer ziemlich zahlreichen und einflußreichen Eu- 
nuchen in Konstantinopel. Die Lipowaner, welche der 
Skopzensekte angehören — sie sind fast ausschließlich Kut- 
scher — unterziehen sich der Verschneidung freiwillig mit 
Bezug auf folgende Schriftstellen (der Text nach de Wette): 

Matth. 19, 12: Es gibt nämlich Verschnittene, die 
von Mutterleibe also geboren sind; und es gibt Ver- 
schnittene, welche verschnitten worden sind von den Men- 
schen, und es gibt Verschnittene, die sich 
selbstverschnittenhabenumdes Himmel- 
reichs willen. Wer es fassen kann, der fasse es! 

Col. 3, 5: So tötet nun Eure Glieder, 
die irdischen, Hurerei, Unzucht, Leidenschaft, böse 
Begierde und die Habsucht, als welche Götzendienst ist . . 

Jes. 56, 3: Und nicht spreche der Fremdling, der 
sich an Jehovah anschließt: Ausscheiden wird mich Jehovah 
von seinem Volke; und nicht spreche der Hämm- 
ling: Sieh', ich bin ein dürrer Baum! 

Die Eunuchen werden meist zwischen dem 3. und 10. 
Lebensjahr von Händlern ihren Eltern abgekauft und von 
jenen meist gänzlich ihrer äußeren Genitalien beraubt, so 
daß sich vom Damm nach dem Nabel zu eine große, glatte 
Schnittnarbe erstreckt, in der sich nur die kleine Ausgangs- 



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170 



Lipowaner und Eunuchen. 



Öffnung für den Harn befindet. Bei dieser Operation — 
Wunde und Körper des Kindes werden, nachdem die Teile 
mit einem Rasiermesser abgeschnitten sind, einige Tage 
mit heißem Sand bedeckt — sollen von 100 Knaben 90 zu- 
grunde gehen. 

Was mir sowohl bei den Lipowanera als bei den Eu- 
nuchen am meisten auffiel, war der große Mangel an In- 
dividualitat. Sie zeigen untereinander im Aussehen und 
Wesen eine viel größere Ähnlichkeit, als sie sonst Männer 
und Frauen unter sich erkennen lassen. Ihrem Charakter 
nach sind die Eunuchen und Skopzen meist liebenswür- 
dige, zuvorkommende, anhängliche und dankbare Men- 
schen. Fast alle geben viel auf ihr Äußeres, kleiden sich 
ungemein sorgsam und sauber, tragen gern Schmuck, sind 
fromm, gehen viel in Kirchen und Moscheen, lieben Tiere, 
besonders Pferde. Die Lipowaner sind bei weitem die besten 
Kutscher auf dem Balkan, die Eunuchen die besten Reiter 
Konstantinopels. Die Eunuchen in Konstantinopel haben 
eine besondere Vorliebe für Hammel, die sie großziehen, 
um sie am Beiramfest an gute Freunde zu verschenken. Vor 
allem aber lieben sie Kinder; die Eunuchen adoptieren 
solche nicht selten, um sie aufzuziehen, von ihrem Gelde 
auszustatten und als Erben einzusetzen. 

Wie alles von der Norm in sexueller Hinsicht Abwei- 
chende, sind auch die Kastraten sehr verschämt, sprechen 
sich nicht leicht aus, und es kostet Mühe, ihr Vertrauen zu 
gewinnen (eine Gabe, die man sich übrigens, wenn man 
sie nicht besitzt, schwer geben kann). Die Bekanntschaft 
der türkischen Eunuchen verdankte ich der durch einen 
armenischen Freund mir vermittelten Beziehung zu einem 
Leibarzt des früheren Sultans Abdul Hamid. In keiner 
oder nur sehr geringfügiger Weise werden die rein intel- 



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Mangd an Individualität. 



171 



lektuellen Fähigkeiten von der Kastration beeinflußt. Es 
gibt sowohl unter den Lipowanern als namentlich unter 
den Eunuchen sehr intelligente, fein gebildete Leute. Als 
Beispiele hervorragender Kastraten unter geschichtlichen 
Persönlichkeiten führen Möbius und Rieger den 
Kirchenvater Origenes, den Feldherrn Narses und den 
Philosophen Abälard an. 

Trotzdem die Eunuchen völlig ein Besitztum ihrer 
Herrschaft sind, beherrschen sie diese oft vollkommen; die 
Obereunuchen waren bis in unsere Tage die mächtigsten 
Hofbeamten der Sultane. Der Eunuch, der in feinen Häu- 
sern meist den Frauen als ein Teil ihrer Brautausstattung 
mitgegeben wird, gilt als „Haussohn" und wird als solcher 
sehr gut gehalten, oft verhätschelt und verwöhnt, zumal da 
nicht wenige von schwächlicher Gesundheit sind. Viele 
sterben bereits jung an Tuberkulose, noch mehr gehen an 
Cystitis und Nephritis zugrunde, da trotz peinlichster 
Sauberkeit nicht selten durch die unverschlossene Harn- 
röhrenmündung Infektionskeime eindringen; diejenigen, 
welche das 30. Jahr glücklich überstanden haben, erliegen' 
später meist der Herzverfettung, die als Teilerscheinung der 
allgemeinen Fettsucht auftritt, an der in vorgerückten Jahren» 
fast alle leiden. 

In jüngeren Jahren zeigt sich bei den Kastraten das 
Längenwachstum in auffallender Weise stärker als das 
Wachstum in die Breite. Vom 16. Jahre ab bis Ende 
der Zwanzig sind die meisten sehr hoch aufgeschossen und 
schmal. Die Beine und besonders die Arme sind viel län- 
ger, als es den normalen Körperproportionen entspricht. 
Schon Pelikan hat auf dieses exzessive Längenwachs- 
tum bei den Skopzen hingewiesen. Es rührt offenbar 
davon her, daß die innerlich sezernierte Keimflüssigkeit 



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172 



Ausfallserscheinungen. 



die Verknöcherung der knorpeligen Skeletteile bewirkt. 
Ich sah Eunuchen, deren Arme, ausgestreckt, bis in die 
Gegend der Kniee reichten. Ihr Gang ist infolge dieser 
Bauart und der meist schlaffen Muskulatur eigentümlich 
schlenkernd, ungraziös, durchaus nicht etwa weiblich. 
Die Haut der Kastraten ist glanzlos, eigentümlich fahl 
und hell und schon ziemlich früh welk; bei den weiß* 
rassigen Kastraten Bukarests erscheint sie pergamentartig. 
Die Eunuchen Stambuls, die zu etwa 70% aus Nubien, 
zum kleineren Teil aus Arabien und Persien stammen, 
sind meist dunkel gefärbt, vom lichten Braun bis zum 
tiefen Schwarz, so daß hier der Hautkontrast zwischen ihnen 
und ihren nicht verschnittenen Landsleuten schwer feststell- 
bar ist. Die Haut ist, abgesehen von dem ziemlich reich- 
lichen, strähnigen, fettlosen, bei den Skopzen oft strohfarbenen 
und strohartigen Haupthaar, vollkommen haarlos, auch 
die Achselhöhlen- und Schamhaare fehlen den Früh- 
kastrierten gänzlich. Möbius betont, daß Eunuchen nicht 
kahlköpfig werden, er zitiert auch Gruber und Bü- 
na r z , die angaben, daß, wenn bei Kastrierten Schamhaare 
vorhanden sind, diese nicht die bei Männern gewöhnliche 
Rhombusform, sondern die weibliche Dreiecksform zeigen. 

Man hört manchmal, daß sich bei den Kastraten meist 
weibliche Brüste entwickeln. Dies ist eine unrichtige Mei- 
nung, offenbar entstanden durch die bei ihnen stattfindende 
Ansammlung von Unterhautfettgeweben, die vom 30. Jahre 
ab sehr reichlich ist und in der Brustgegerid weibliche 
Formen vortäuscht. Es finden sich jedoch auch in der 
zuverlässigeren Literatur über diesen Gegenstand Beobach- 
tungen angeführt von echter Weibbrüstigkeit — Gynäko- 
mastie — bei Kastraten mit geringer Milch- und Kol- 
1 osf rumsekretion . 



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Keimsaftwirkung. 



173 



Sehr bekannt und in der Tat recht auffallend ist die hohe 
Kastratenstimme, deren Erzeugung vor noch gar nicht allzu 
langer Zeit ein nicht seltener Grund war, die Keimstöcke 
vor der Reife auszulösen. Die Sangeskunst der italienischen» 
Verschnittenen war im ganzen Mittelalter weit gerühmt. 
Noch während des ganzen 18. Jahrhunderts wurden zu 
diesem Zweck in den Kirchenstaaten jährlich mehr als 
2000 Kinder kastriert. „La voix des castrats imite celledes 
cherubins au ciel a , lautete ein weitverbreiteter Spruch, und 
an den Schaufenstern fast jedes Heilgehilfen und Barbiers 
konnte man lesen: „ici on chätre ä bon march£ a oder „qui 
si castrano ragazzi ä buon mercato" (hier wird billig ver- 
schnitten). Rossini schrieb 1827 die Oper „Aureliano in 
Palmyra" für den Kastraten Velutti, und Napoleon soll zu 
Tränen gerührt gewesen sein (emu jusqu'aux larmes), als 
der Kastrat Crescentini vor ihm in „Romeo und Julia" sang. 
Ich hatte selbst noch Gelegenheit, mir in Rom einige 
Kastratensänger aus dem berühmten Chor der Peterskirche 
vorstellen zu lassen, die allerdings schon alte Leute waren. 
Dupuytren will konstatiert haben, daß der Kastraten- 
kehlkopf um ein Drittel kleiner sei als der des normalen 
Mannes. Die Stimme der meisten Kastraten gleicht auch 
noch im Alter einer hellen Kinderstimme, wie man sie 
übrigens auch bei völlig normalen Männern gar nicht so 
selten findet. 

Außer dieser hohen Stimmlage ist es gewöhnlich 
der kindliche Gesichtsausdruck, der am stärksten mit den 
großen Figuren kontrastiert. Ein guter Kenner der Buka- 
rester Lipowaner sagte mir, daß das Alter dieser Leute 
oft ungemein schwer zu bestimmen sei; 50 jährige sähen 
wie 20 jährige aus, aber auch das Umgekehrte komme vor. 
Die meisten jungen Kastraten haben übrigens hübsche, 



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Gespräche mit Eunuchen. 



durch die Freundlichkeit ihres Wesens noch verschönte Ge- 
sichter, so daß man den Berichten alter Schriftsteller wohl 
Glauben schenken kann, daß die römischen Verschnittenen, 
die man Spadones nannte, in gewissen Kreisen der rö- 
mischen Frauenwelt sehr favorisiert wurden. 

Das gutmütige und geduldige Wesen der Kastraten ist 
um so mehr zu bewundern, als sie fast ausnahmslos see- 
lisch sehr leiden und vielfach einen starken Hang zur Me- 
lancholie haben. Man könnte einwenden, daß sie die Liebe, 
nach der sie kein oder doch nur ein sehr geringes Ver- 
langen hätten, doch auch nicht sonderlich vermissen 
dürften. Dem ist jedoch in Wirklichkeit nicht so. Selbst 
wenn ihr Geschlechtstrieb nur sehr gering wäre — was aber, 
wie wir gleich noch auseinandersetzen werden, keines- 
wegs durchgängig der Fall ist — , so belehrt sie das, 
was sie von anderen sehen, hören und lesen, genug 
über das, was sie entbehren. Mein türkischer Kollege 
stellte mir einmal einen Eunuchen aus sehr vornehmem 
Hause vor. Wir trafen ihn an einem Freitag — dem Sonn- 
lag der Mohammedaner — an den „süßen Wassern Euro- 
pas^ jenem kleinen, vom Goldenen Horn abgehenden Flüß- 
chen, auf und an dem man an Feiertagen viele Tausende 
tiefverschleierter Haremsdamen, ebenso wie Männer aller 
Gesellschaftsschichten in Kajaks (kleinen Kähnen), zu 
Wagen, Pferde und Fuß beobachten kann, wie sie der mo- 
notonen Musik lauschen, plaudern, Mokka schlürfen oder 
stundenlang still hockend auf den allmählich zum Fluß ab- 
fallenden Bergwiesen sitzen. Hier kann man auch sehr 
viele Eunuchen sehen, die meisten zu Pferde, fast alle sehr 
elegant. Als mein Begleiter seinen Bekannten traf, stieg dieser 
vom Sattel. Er trug die graue „Stambuline", den langen 
Gehrock, der eine Art Uniform der Eunuchen ist, hatte 



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Innersekretorische Vorgänge. 



175 



viele Brillanten an den Händen und in der Krawatte und 
unterhielt sich in sehr verbindlicher Form und elegantem 
Französisch eine ganze Weile mit uns, indem er uns auf 
eine Anzahl älterer und jüngerer Prinzen, auf bekannte 
Paschas und andere merkwürdige Dinge und Menschen 
aufmerksam machte. Als er dann auch allerlei von dem 
überaus prunkvollen Leben seines Hauses erzählt hatte, 
machte ich die Bemerkung, daß es doch schön sein müsse, 
in so luxuriösen Villen und Gärten, umgeben von so viel 
Glanz und Reichtum, zu leben. Da sagte er: „Glauben Sie 
mir, Doktor, arm wollte ich sein, ganz arm, wenn ich nur 
das eine hätte, was mir fehlt." 

Alle die erwähnten Folgeerscheinungen der Kastra- 
tion sind um so deutlicher ausgeprägt, je früher diese er- 
folgte. Sie verschwinden zum großen Teil wieder, wenn 
die aus ihrer ursprünglichen Lage und Verbindung her- 
ausgehobenen Hoden und Eierstöcke in eine beliebige an- 
dere Stelle des tierischen Körpers versenkt werden. Es ist 
nicht einmal nötig, daß zu diesen Verpflanzungen der 
ganze Keimstock genommen wird. Größere Stücke ge- 
nügen. Solche Transplantationsversuche, welche auf die 
dunklen innersekretorischen Vorgänge Licht zu werfen ge- 
eignet sind, wurden schon im Jahre 1849 von B e r t h o 1 d 
an Hühnern vorgenommen. Ein Experiment, das, soweit ich 
die Literatur übersehe, bisher noch nicht gemacht ist, je- 
doch bei Tieren einmal in größerem Maßstabe ausgeführt 
werden sollte, wäre die Einpflanzung männ- 
licher Keimstöcke auf weibliche, sowie 
die Übertragung weiblicher Eierstöcke 
auf männliche Tiere. 

Je später die Verschneidung vorgenommen wird, um 
so weniger markant sind die Ausfallserscheinungen, um so 



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176 



deutlicher zeigt der Kastratentypus Einschläge von Virüität, 
Annäherung an den männlichen Typus. Ganz besonders 
gilt dies für den Geschlechtstrieb; im reiferen Alter vor- 
genommene Kastration verändert ihn fast gar nicht. 
Die Richtung des Triebes bleibt völlig die gleiche. Es 
bestätigt dies, daß sie lediglich von der Beschaffenheit 
des Sexualzentrums und den diesem adäquaten Sexual- 
reizen abhängt. Nur die Intensität des Triebes 
wird beeinflußt, aber auch nur vermindert, keineswegs auf- 
gehoben. Wiederholt haben Personen, die unter einer ab- 
normen Stärke oder einer ihnen nicht genehmen Richtung 
des Geschlechtstriebs litten, Ärzte veranlaßt, die Kastra- 
tion an ihnen vorzunehmen, und mir ist mehr als ein Fall 
bekannt, in dem diese Operation auch tatsachlich ausgeführt 
wurde; aufgehoben wird aber dadurch — wie übri- 
gens auch bei der neuerdings vorgeschlagenen und nament- 
lich in Amerika bereits) viel angewandten Sterilisation durch 
Durchschneidung der Ausführungsgänge der Hoden — nur 
die Fruchtbarkeit, die Triebstärke wird vermindert, 
die Triebrichtung dagegen nicht geändert. Diese Er- 
fahrungen an Menschen stimmen völlig überein mit zahl- 
reichen Beobachtungen von Tierärzten und Vivisektoren, 
die angeben, daß die Kastration bei reifen Tieren die sexu- 
elle Erregbarkeit nicht aufhebt und auch bei noch nicht 
reifen die Entwicklung einer oft nicht unbeträchtlichen 
sexuellen fteizbarkeit nicht hindert. Erst vor einigen Jahren 
verbannte der Sultan einen Eunuchen, der sich in Liebes- 
händel eingelassen hatte, und sowohl über die Eunuchen 
in der Türkei, in Ägypten, Persien und China als auch 
über die russischen Skopzen liegen verbürgte Mitteilungen 
über sexuelle Exzesse vor. 

Gut beobachtet ist die Szene zwischen dem Eunuchen 



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Hämmlinge. 



177 



Mardian und seiner Herrin, die Shakespeare in „Antonius 
und Kleopatra" schildert. „Du, Hämmling Mardian", ruft 
Kleopatra. „Was gefällt Eurer Hoheit?" „Nicht jetzt Dich 
singen hören", erwidert Kleopatra und fragt dann: „Kannst 
Du lieben?" „Ja, gnädige Fürstin". „In der Tat?" fragt 
die Königin. Darauf Mardian: 

„Nicht in der Tat! Ihr wißt, ich kann nichts tun, 

Was in der Tat nicht ehrsam wird getan. 

DochfühP ich h e f t'g e T r i e b', und denke mir, 

Was Venus tat mit Mars." 

Wie vertragen sich nun aber diese Tatsachen mit der 
Auffassung, daß die Tätigkeit des Geschlechtszentrums von 
libidinösen Substanzen abhängig ist, die von den Keim- 
drüsen ausgehend im Blute kreisen? Bei den Mohammeda- 
nern besteht die Meinung, daß die sexuell erregten Ka- 
straten entweder „Hämmlinge" oder Kryptorchisten seien. 
Es gibt nämlich außer den ganz Verschnittenen (bei denen 
auch das membrum virile mit entfernt ist) sogenannte Bur- 
misch-Eunuchen, bei denen die Hoden in frühester Kind- 
heit nur zerdrückt („zer hämmert") sind. Zwischen 
diesen beiden Gruppen stehen die Halbverschnittenen, die 
den antiken Spadones entsprechen. Sie besitzen den Phallus, 
sind jedoch der Testikel vollkommen beraubt, die entweder 
aus dem geöffneten Skrotum herausgelöst oder mit diesem 
zusammen abgeschnitten sind. Die Halbverschnittenen und 
die Burmisch-Eunuchen stehen, weil unzuverlässiger, niedri- 
ger im Preise als die ganz Verschnittenen. Aber auch 
unter den Halbverschnittenen gibt es sexuell Reizbare, und 
da meinte unser türkischer Kollege, daß es sich um solche 
handeln dürfte, bei denen die Hoden, als sie verschnitten 
wurden, noch in der Bauchhöhle (über dem Leistenring) 
saßen, oder daß sie beim Schnitt nach oben ausgewichen 

Hirse hfeld, Naturgesetze der LJpbc. 12 



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178 



Reizstoffe. 



seien (Kryptorchisten). Diese Erklärung hat manches für 
sich, doch scheint mir folgende Auffassung begründeter 
und einleuchtender. Wir wissen, daß das Sperma nicht 
nur aus den Spermatozoen, den Keimzellen, besteht, die 
das rein korpuskulare Sekret der Testikel sind, sondern 
auch aus einer Zwischenflüssigkeit, einem Drüsensaft, der, 
vor allem aus der Prostata sowie in geringem Maße aus 
den Cowperschen Drüsen und den Drüsen der Samenbläs- 
chen stammend, den Spermatozoen beigemischt wird. Diese 
Sekrete sondern sich auch bereits vor der Reife, wenn schon 
in sehr winzigen Mengen, ab; sehr viel starker, wenn Keim- 
zellen produziert werden, am stärksten bei sexueller Er- 
regung, wo sie sich oft ohne Beimengung von Keimzellen 
nach außen ergießen. Nach Entfernung der äußeren Geni- 
talien atrophieren alle diese Drüsen in hohem Grade 
(eine Zeitlang versuchte man ja sogar auf Grund die- 
ser Erfahrung die Prostatahypertrophie der Greise, eine 
physiologische Veränderung des männlichen Klimakteriums, 
durch Kastration zu beheben), sie stellen aber, namentlich 
wenn sie bereits einmal in Funktion getreten waren, ihre 
Saftbildung nicht mehr völlig ein. 

Danach kann also nicht der Hodenextrakt selbst, es 
dürften auch nicht die interstitiellen Leydigschen Zellen des 
testikulären Gewebes allein das Agens sein, das im Blute 
zirkuliert und als Organreiz wirkt, vielmehr muß man an- 
nehmen, daß die in den Hodenkanälchen und Samenbläs- 
chen befindlichen Spermatozoen erst reflektorisch 
die Saftproduktion und -Sekretion der Prostata und ver- 
wandter Drüsen, die zugleich Träger des innersekreto- 
rischen Reizstoffes sind, anregen. Auch die Pollutionen 
scheinen mir nicht direkt durch Überfüllung der Samen- 
bläschen bedingt zu sein, sondern dadurch, daß diese Ple- 



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Andrin 



179 



tfaora erst reflektorisch eine Prostatorrhoe veranlaßt, die 
durch den auf der Schleimhaut der Harnröhre ausgeübten 
Kitzel zu libidinösen Traumvorstellungen und orgastischen 
Pollutionen führt. Es mag dahingestellt bleiben, ob noch 
andere Drüsen innerer Sekretion, etwa die so viel beschäf- 
tigten und nach so verschiedenen Seiten einflußreichen 
Schilddrüsen oder die Thymusdrüse oder die Nebennieren 
oder andere Drüsen des großen polyglandulären Systems, 
dessen verwickelte Aufgaben zu verstehen wir erst seit 
kurzem begonnen haben, Substanzen in die Blutbahn 
schicken, die gleichfalls die Tätigkeit des Zentralnerven- 
systems anregen. Einige Beobachtungen an Tieren und 
Menschen, die innersekretorischer Drüsen beraubt waren, 
sprechen dafür, und wir wissen, daß die Natur gerade da, 
wo es sich um das Sexuelle handelt, in ihrer Fürsorglich- 
keit meist „mehrere Eisen im Feuer" hat. Für das, worauf 
es uns hier ankommt, ist aber diese Feststellung von 
untergeordneter Bedeutung gegenüber der wichtigen Er- 
kenntnis, daß die chemische Substanz, welche 
die im Sexualzentrum ruhenden Kräfte 
lebendig macht, nicht direkt aus den 
Keimdrüsen stammt und nicht unbedingt 
und unmittelbar an ihr V o r h a n de n sie i n 
und ihre Tätigkeit gebunden ist. 

Diesen chemischen Stoff, welcher auf die Tätigkeit des 
Sexualzentrums etwa ähnlich wirkt, wie der Gehalt an 
Kohlensäure im Blut auf das Atemzentrum, dessen kraft- 
steigernde Wirkung auf den Organismus jedoch mit keiner 
anderen trophischen Substanz im Körper verglichen wer- 
den kann, könnte man als „Andrin" bezeichnen. Es wird 
bereits vor der Pubertät, wenn auch in geringen, so doch 
nicht ganz unwirksamen Mengen abgesondert, zirku- 
lär 



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180 



Anorchisten. 



liert von der Reifezeit ab besonders reichlich bei starker 
Spermaproduktion in der Saftebahn, findet sich im Alter 
etwas spärlicher vor, ist aber auch nach Entfernung, bei 
Nichtvorhandensein oder Nichtfunktionieren der Testikel 
vorhanden, wenn auch in wesentlich schwächeren Portionen. 

Es stimmt dies auch vollkommen mit den Be- 
obachtungen überein, die ich an zwei Anorchisten, Per- 
sonen ohne funktionsfähiges Keimgewebe, machte, beides 
Menschen in der zweiten Hälfte der Zwanziger, der eine 
ein Kaufmann aus Schlesien, namens T., der andere ein 
österreichischer Schriftsteller. Bei beiden waren die äußeren 
Genitalien vollkommen infantil geblieben, ein eigentliches 
Skrotum war überhaupt nicht vorhanden, nur zwischen 
Damm und Gliedwurzel Andeutung einer Naht (Raphe). 
Auch im Innern kein Keimstock palpabel, keine Spur von 
Spermasekretion. Beide Personen erinnerten in ihrem Aus- 
sehen an Kastraten: völlig bartlose, kindlich-freundliche 
Gesichter, große, etwas ungeschlachte Figuren, Anlage 
zur Fettbildung, namentlich in der Umgebung der Brust- 
warzen. Die Intelligenz war gut, in dem einen Fall über 
dem Durchschnitt 68 ), beide waren beruflich tüchtig, T. unter- 
stützte in hervorragender Weise seine Familie. Was uns 
hier aber vor allem interessiert: Der Geschlechtstrieb war 
in beiden Fällen vorhanden, auf einen bestimmten weib- 
lichen Typus gerichtet und auch in der Stärke rege, so daß 

M ) Nicht ohne Interesse für etwaige Zusammenhänge zwischen 
Tatkraft und Intelligenz einerseits u. Anorchie u. Mikrorchie anderseits 
ist die Stelle, die sich in dem Sektionsbericht des englischen Militärarztes 
Henry (British Museum, Additional Mss. Band 202—14, fol. 200—20) 
über den Körper Napoleons I. findet. In diesem Protokoll heifit es am 
Schluß : „Der Geschlechtsteil und die Hoden waren sehr klein 
und der ganze Geschlechtsapparat schien die Abwesenheit sexueller 
Wünsche und die Keuschheit zu erklären, die dem Verstorbenen eigen 
gewesen sein soll." 



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Weibliche Kastraten. 



181 



beide, namentlich T., den ich gemeinsam mit den Kollegen 
Bloch und Stabel beobachtete, sehr deprimiert waren, den 
sexuellen Verkehr nicht in normaler Weise ausführen zu 
können. Zum Beweise, daß ein vollkommen determi- 
nierter Geschlechtstrieb bei gänzlichem Mangel an Fort- 
pflanzungszellen bestehen kann, sei hier auch noch der Fall 
eines 1564 wegen Notzucht aufgehängten Soldaten als be- 
sonders eigenartig herangezogen. Dieser Sittlichkeitsver- 
brecher wurde von dem berühmten Anatomen B a r t h o- 
lomeus Cabrol unter Assistenz mehrerer Gelehrten 
seziert, die feststellten, daß weder im Skrotum noch in der 
Leibeshöhle ein Tesukel vorhanden war. 54 ) 

Auch bei der Frau hat die Entfernung der Keimstöcke 
auf die Richtung des Geschlechtstriebes gar keinen, 
auf die Stärke fast keinen Einfluß. Kastrationen an weib- 
lichen Tieren und Menschen vor der Reife sind ja aller- 
dings so selten ausgeführt, daß über ihre Wirkung kaum 
etwas Sicheres mitgeteilt werden kann. 

Etwas häufiger sind die Fälle und Beobachtungen, 
in denen von Geburt an die Ovarien fehlten, noch häufiger 
die, in denen keine nachweisliche Eiabstoßung, vor allem 
auch keine Menstruation stattfand. Ich selbst kenne einige 
weibliche Personen, die zwischen dem 15. und 20. Jahre 
einige wenige Male ihre Periode hatten und seitdem völlig 
amenorrhoisch sind. Es steht außer Frage, daß in allen 
diesen Fällen der weibliche Habitus sowohl in körper- 
licher als in seelischer Hinsicht nicht so vollkommen aus- 
gebildet ist wie bei regelrecht ovulierenden Frauen. Stark 
männliche Frauen, namentlich solche mit Bartansatz und 

M ) Eine nähere Beschreibung des Falles findet sich bei W. 
Gruber, welcher 1868 im XV. Bande des „Medizin. Jahrbuchs" 30 
Fälle von kongenitaler Anordne aus der Literatur bearbeitet hat. 



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üynäcin. 



Körperbehaarung, zeigen oft Menstruationsanomalien. Da- 
gegen lehrt die Erfahrung, daß. die sexuelle Bedürftigkeit fast 
in allen solchen Fällen vorhanden ist. Loewenfeld (loc. 
cit. p. 36) zitiert einen Bericht von Barrus, der bei der Sek- 
tion einer an periodischer Manie leidenden Frau, die heftig* 
masturbierte und sich auch auf außerehelichen Verkehr ein- 
ließ, vollkommenen kongenitalen Mangel an Uterus und 
Ovarien fand, ein absolutes Seitenstück also zu dem ge- 
hängten testikellosen Soldaten. Auch bei den ziemlich zahl- 
reichen Frauen, denen nach der Reife der erkrankte Ge- 
schlechtsapparat, einschließlich der Ovarien, operativ ent- 
fernt wurde, zeigte sich kein Nachlassen der Libido, eher 
war sogar in einigen Fällen eine Steigerung nachzuweisen 
(Fälle von Lawson Tait und B a n t o c k im British 
Medical Journal 1899, p. 975). 

Man wird hier nun mit Recht die Frage aufwerfen, ob 
denn auch bei der Frau unabhängig von der Ovarialsekre- 
tion chemische Substanzen abgesondert werden, die man 
nach der männlichen Analogie „Gynäcin" bezeichnen 
könnte. Diese Frage ist — allerdings mit Einschränkun- 
gen — zu bejahen. Wir wissen, daß die Bartholinischen 
Drüsen des Weibes einen dem von den Cowperschen Drü- 
sen des Mannes sezernierten sehr ähnlichen Saft abgeben, 
und auch die Schleimhautdrüsen der Gebärmutter, — die 
ja entwickelungsgeschichtlich dasselbe ist wie Teile der männ- 
lichen Prostata, vor allem die Cervikaldrüsen, — kommen 
in Betracht, abgesehen von den beim Manne erwähnten 
Sekreten nicht genitaler Drüsen, wie der Schild- und Thy- 
musdrüse, die wohl beim weiblichen Geschlecht die gleiche 
funktionelle Bedeutung haben wie beim Manne. 

Gleichwohl dürfte aber wahrscheinlich die sexuelle 
Energiesubstanz bei der Frau in geringeren Mengen 



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Energiesubstanzen. 



183 



als beim Manne das Sexualzentrum durchsetzen. Wir 
schließen dies nicht sowohl aus der durchschnittlich 
größeren sexuellen Passivität des Weibes, sondern vor 
allem daraus, daß die Keimzellen, deren Abstoßung auf 
die Quantität der Absonderung deutlichen Einfluß hat, in 
unverhältnismäßig geringerer Zahl produziert werden als 
beim Manne: im Zeitraum eines Jahres kommen auf 12 
bis 13 Eizellen ebenso viele Milliarden Samenzellen. Die 
Sekrete der weiblichen Genitalien dienen auch gar nicht der 
Fortbewegung der Eizellen, die mechanisch von den 
Flimmerhärchen der Tubenschleimhaut besorgt wird, son- 
dern hauptsächlich der sicheren und schnelleren Beförderung 
der Samenzellen, deren Beweglichkeit durch die weiblichen 
Genitalsekrete lebhaft beschleunigt wird. 

Selbst wenn in ihrer chemischen Zusammensetzung, 
also qualitativ, sich der männliche und der weibliche Reiz- 
stoff wenig oder gar nicht voneinander unterscheiden soll- 
ten, besteht ein sehr erheblicher quantitativer Unterschied, 
und wenn es richtig ist, was sehr vielfach angenommen 
wird — meines Erachtens trifft es nur teilweise zu — , 
daß der Geschlechtstrieb des Weibes, das Verlangen nach 
körperlicher Vereinigung, erst durch den Verkehr mit dem 
Manne erweckt wird, so könnte man meinen, daß dies da- 
durch geschieht, daß erst nach der ersten spermalen Injek- 
tion die chemische Reizsubstanz des Weibes in höherem 
Grade abgesondert und ihrer Blutbahn einverleibt wird. 
Es könnte aber auch so sein, daß das in der männlichen 
Spermaflüssigkeit enthaltene Andrin in den weiblichen Or- 
ganismus eingebracht wird und in seine Säftebahn als 
reizendes Agens übergeht. 

Ältere Autoren haben sogar angenommen, daß die 
Spermatozoen selbst durch die Gewebe hindurchdringen 



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184 



Telegonie. 



und auf den ganzen weiblichen Körper einwirken können. 
Gustave Loise l 55 ) suchte hierdurch die eigentümliche 
Erscheinung der Telegonie, der Ähnlichkeit eines Kindes 
nicht mit seinem Erzeuger, sondern mit einem früheren 
Partner der Mutter, zu erklären. 

Auch Ort h 56 ) (Angeborene und vererbte Krankheiten) 
in „Krankheiten und Ehe", I. Teil, p. 42) meint, „daß durch 
die nicht zur Kopulation gelangten Spermatozoen des 
ersten Mannes, die sich im mütterlichen Organismus auf- 
gelöst haben, eine Veränderung hervorgebracht werden 
könne, derart, daß den noch im Eierstock vorhandenen 
Keimzellen schon der Stempel der Eigentümlichkeit des 
Mannes aufgedrückt worden sei." 

Orths Erklärung bezweifelt R o h 1 e d e r und hält 
hier eine rein psychische Beeinflussung für 
wahrscheinlicher. Übrigens ist die Telegonie, die 
man auch als Imprägnation bezeichnet hat, mit Sicherheit 
beim Menschen bisher ebensowenig einwandfrei beobachtet 
wie das Versehen der Schwangeren. Dagegen scheint sie 
bei Tieren eine festgestellte Erfahrungstatsache zu sein. 
Namentlich behaupten zuverlässige Pferdezüchter mit Be- 
stimmtheit, daß, wenn eine reinrassige Stute einmal von 
einem nicht reinrassigen Hengst gedeckt wurde, spätere 
Belegungen mit reinrassigen Tieren keine reinrassigen 
Nachkommen mehr zur Folge haben, weil der Einfluß 
früherer unedler Deckungen die Reinheit der Rasse für 
immer vernichtet habe. 

Die regenerierende und stimulierende Wirkung der ins 
Blut aufgesogenen Stoffe beim Manne findet vor allem 
dadurch ihre Bestätigung, daß die Formen der Frau, ihr 

M ) Loisel: Comptes rendus hebdomadaires des seances de la 
Sociäe* de biologie. Tome LVIII. 1905. Nr. 9. 
»•) Zitiert nach R o h 1 e d e r , Zeugung, pag. 164. 



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Andrin und Arsen. 



185 



Gesichtsausdruck, ihr seelischer und nervöser Zustand ganz 
augenscheinlich auf das Günstigste durch den Sexualver- 
kehr beeinflußt werden. Man muß dabei berücksichtigen, 
daß der männliche Reizstoff, das Andrin, ebenso wie 
das direkt vom Weibe abgesonderte Gynäcin nicht etwa 
selbst Aktivitäts- oder Passivitätseigenschaften besitzen oder, 
gar Träger männlicher oder weiblicher Charaktere sind, 
sondern daß diesen Substanzen sowohl beim Manne wie 
bei der Frau lediglich die Bedeutung zukommt, schlum- 
mernde Anlagen des Leibes und der Seele zu 
wecken. Ob also eine Frau einen männlichen Charakter! 
hat, hängt nicht von der Aufnahme männlicher Sexual- 
stoffe ab, sondern von ihrem endogenen Sexualzentrum, 
ihrer eigenen angeborenen Mischung männlicher und 
weiblicher Eigenschaften. Der Chemismus der 
Reizstoffe wirkt nur irritativ, anregend, 
auslösend oder, wie H a 1 b a n sich einmal ausdrückte, 
protektiv, nicht etwa neuschaffend. Seine belebende Wirkung 
ist allerdings eine recht beträchtliche. Die alten Ärzte, welche 
blutarmen, nervösen, seelisch deprimierten Mädchen „das 
Heiraten" verordneten, stützten sich jedenfalls auf gute Be- 
obachtungen. Sie hatten am lebenden Objekt oft genug 
wahrgenommen, wie die eckigen, scharfen Gesichtszüge und 
Formen, das niedergedrückte Gemütsleben durch den Sexu- 
alverkehr schwand, wie die zur Erschlaffung und Ver- 
kümmerung neigenden Organismen älterer Mädchen nach 
Eingehung der Ehe nicht selten erstaunlich aufblühten. Sie 
handelten und behandelten deshalb sicherlich rationeller und 
erfolgreicher als viele der modernen Ärzte, die gegen die- 
selben Zustände mit Eisenpillen und Arsenwässern und 
Sublimierungsvorschlägen vorgehen. Andrin wirkt 
besser als Arsen. 



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Teil III. 

Der Liebesausdruck. 

(Die zentrifugale Phase der Liebe.) 

Wir kommen nun zur zentrifugalen Phase der Liebe, 
der von innen nach außen strömenden und wirkenden 
Sexuallösung, der Umsetzung der ruhenden in die leben- 
dige Kraft der Liebe, der Liebeserfüllung. Der Kreis, der 
von einer Person als Sexualreiz seinen Ausgang nahm, 
unser Gehirn passierte und nun zu derselben Person als 
Sexualziel zurückkehrt, schließt sich — die Kette wird zum 
Ring. Vergegenwärtigen wir uns nochmals kurz die Vor- 
aussetzungen, die wir als Vorbedingung dieser nach außen 
gerichteten Wirkungen erkannten. Es sind ihrer drei. Zum 
ersten: eine individuell organisierte, nur für entsprechende 
Außenreize abgestimmte Stelle in uns selbst; zum zweiten: 
lebende Objekte, von denen Sinnesreize ausgehen (oder die 
statt der direkten Reizung Erinnerungsbilder zurücklassen), 
für welche das Sexualzentrum die assoziative Aufnahme- 
fähigkeit besitzt; zum dritten: ein in uns zirkulierender 
Reizstoff, der diese Zentralstelle durchtränkt, sie dadurch 
zum Leben erweckt und lebendig erhält. Von den Rei- 
zungen ist weder die nervöse äußere, noch die chemische 
innere entbehrlich. Würde die äußere fehlen, dann würde 
sich vermutlich die innere Sexualspannung in Form eines 
dunklen Geschlechtshungers gleichwohl fühlbar machen^ 



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Die Liebeserfüllung. 



187 



aber es wäre ein ziel- und steuerloser Drang. Würden die 
inneren Reizstoffe fehlen, dann würden zwar vermutlich 
die äußeren Eindrücke auch bis an die Zentralstelle drin- 
gen, aber sie würden dort als sexuell wirkungslos und in- 
different abgleiten, da die Rauschsubstanz fehlt, deren che- 
mische Zersetzung das Lustgefühl hervorruft. 

Im Einzelfalle dürfte freilich der Anteil beider Reize 
ein sehr verschiedener sein. Man könnte sagen, daß das, 
was wir gemeiniglich Geschlechtstrieb nennen, mehr auf 
der vom inneren Reizstoff erzeugten Spannung beruhe, 
während das, was gewöhnlich Liebe heißt, in höherem 
Grade durch die nervöse Erregung bedingt sei. Tatsach- 
lich bedarf aber beides — Geschlechtstrieb und Liebe — 
beider Einwirkungen. Man kann den Vorgang, daß das 
chemisch geladene Sexualzentrum nach Reizschwingungen 
fahndet, auf die es am passendsten eingestellt ist und am 
stärksten reagiert, etwa so ausdrücken: Der Ge- 
schlechtstrieb sucht innerhalb der Er- 
scheinungen, die seiner Richtung nahe 
kommen, nach der Erscheinung, welche 
ihm am nächsten kommt. Deshalb ist — zunächst 
nur allgemein gefaßt — der Geschlechtstrieb mehr zum 
Wechsel geneigt, unbeständiger, polygamer, die Liebe 
monogam. 

Es ist nicht ganz richtig, wenn Ellen Key 57 ) die Mei- 
nung, daß die Monogamie durch die Liebe hervorgerufen 
sei, als irrig bezeichnet und hinzufügt: „. . . der Ursprung 
der Monogamie in der menschlichen Gesellschaft ist in 
eigentumsrechtlichen Verhältnissen, religiösen Begriffen, 
staatlichen Nützlichkeitsgründen zu suchen." Wir sehen, 
daß auch dort, wo die herrschenden Sexualordnungen der 

9r ) Ellen Key, Liebe und Ehe, pag. 64. 



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188 



Individualisierter Geschlechtstrieb. 



Polygamie keinerlei Schranken auferlegen, die Mono- 
gamie selbst unter den Wohlhabenden weit verbreitet ist. 

Die Liebe ist indi vi dualisierter Ge- 
schlechtstrieb. Dabei bedarf es wohl kaum noch 
der Erwähnung, daß Geschlechtstrieb und Liebe weder 
Gegensatze noch scharf umschriebene Empfindungskom- 
plexe sind, daß vielmehr von dem unsicher tastenden Sexu- 
aldrang bis zu der ganz individuellen Liebe eine lücken- 
lose Verbindungslinie führt. Diese Grenzunsicherheit zeigt 
sich auch darin, daß sich häufig jemand bei einem heftigen 
Geschlechtsdrang von wirklicher Liebe entflammt wähnt, 
und daß umgekehrt nicht selten ein starkes Sehnen ein Ge- 
fühl als Liebe erscheinen läßt, das lange nur für Ge- 
schlechtslust gehalten wurde. Im übrigen faßt und deckt 
auch heute noch die Bezeichnung Geschlechtstrieb 
treffend dasjenige, was es bedeutet und bedeuten soll, vor- 
ausgesetzt, daß man sich unter Geschlecht nicht das Ge- 
nitale als pars pro toto denkt, sondern das Ganze im Auge 
hat, was die Geschlechter zueinander treibt. In dieser All- 
gemeinheit und Vereinheitlichung ist der Ausdruck bei 
weitem objektiver und prägnanter als Bezeichnungen wie 
Fortpflanzungstrieb, wo Folgen zu Absichten erhoben wer- 
den, oder gar Kontrektations- und Detumeszenztrieb, welche 
teils eine selbstverständliche Begleiterscheinung jedes Triebes 
— die Annäherung — teils eine mit der Endlust verknüpfte 
Erscheinung aus dem Mechanismus des Treppenreflexes 
herausgreifen. Der vielfache Gebrauch solcher Nomenkla- 
turen zeigt, wie wenig tief man bisher in das Naturgesetz- 
liche des Phänomens eingedrungen ist. 

Um mißbräuchlichen Auffassungen des vielsagenden 
Wortes Geschlecht vorzubeugen, wäre es vielleicht noch 
richtiger und treffender, statt Geschlechtstrieb Liebestrieb 



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Reiz und Lust. 



189 



zu sagen und den Liebestrieb von der Liebe so zu unter- 
scheiden, daß der Liebestrieb der Trieb nach Liebe, 
nach einem Objekt der Liebe ist, während die Liebe 
selbst die auf das gefundene Objekt sich erstreckende Emp- 
findung bedeutet. Nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch 
umfaßt ja das Wort „lieben" nicht allein das zentrale Ge- 
fühl der Liebe, im Sinne von „verliebt sein", sondern ent- 
hält schon den Gedanken einer sich in irgendeiner Weise 
äußernden, kundgebenden Liebestätigkeit. 

Vertiefen wir uns noch in den Sinn und die Anwen- 
dung zweier anderer Worte, die im Liebesleben die größte 
Rolle spielen, so erhellt sich uns durch sie der verborgene 
Kern des Reflexvorgangs in besonders anschau- 
licher Weise. Gerade bei einer Naturerscheinung, an der 
im Laufe der Geschichte so viel herumgemenschelt wurde, 
wie an der Liebe, können wir froh sein, daß wir in den 
Worten Überreste einer ungekünstelteren) Auffassungsperiode 
besitzen, die uns Kunde geben, was das Ursprünglichere, 
und man kann mit gutem Grunde auch hinzusetzen, was 
das Natürlichere war. Die Worte, die wir meinen, um- 
fassen die Begriffe, auf die in der Liebe alles ankommt : 
Reiz und Lust, und da sehen wir bei beiden das 
Merkwürdige: daß nämlich ihr Gebrauch ein doppelter, 
ein subjektiver und ein objektiver ist. Wir nennen Reize 
die anziehenden Eigenschaften einer Person selbst, sprechen 
in diesem Sinne beispielsweise von den Reizen einer Frau 
und nennen auch Reize die Veränderungen, die von den 
Reizen in uns hervorgerufen werden. Ebenso bezeichnen 
wir als Lust das, was wir in uns spüren, wie wir von 
der Lust sprechen, die wir haben, etwas zu tun: der Lust 
an etwas und zu etwas. So werfen wir von der Sammel- 
und Umschahstelle des Gehirns, wo Reiz und Lust sich 



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190 



treffen, beide vom Subjekt auf das Objekt zurück. Dadurch 
fallen in uns die Mündung der Reize und die Quellen 
der Lust und außer uns die Quellen der Reize und die 
Mündung der Lust in eins zusammen. Diese Zweieinheit 
schwebte vielleicht dem Philosophen Hegel vor, als er 
schrieb: „Die Liebe ist ein Unterscheiden zweier, die doch 
für einander schlechthin nicht unterschieden sind. Das 
Bewußtsein, Gefühl dieser Identität, 
dies Anschauen, dies Fühlen, dies Wissen 
der Einheit ist die L i e b e. a Und auch Ange- 
lus S i 1 e s i u s mag an Ähnliches gedacht haben, als er 
dichtete: 

„Der Mensch hat eher nicht vollkommene Seligkeit, 
Bis daß die Einheit hat verschluckt die Anderheit. u 
P 1 a t o aber drückte denselben Oedanken so aus: „Das 
Finden seiner verlorenen Hälfte ist das Entzücken der 
Liebe, und diese ist die unbegreifliche Sehnsucht, das un- 
aussprechliche Verlangen und Suchen. Wenn sich zwei 
dieser Hälften begegnen, überfällt sie anfänglich ein wun- 
dersames Erschrecken, dann eine Anhänglichkeit, eine In- 
brunst, eine Freundschaft, welche so gewaltsam ist, daß 
davon ihre ganze Seele überfüllt ist und sie womöglich 
wünschten, hier auf Erden wie auch nach dem Tode wieder 
zu einem Wesen vereinigt fortzuleben. u 

Daß der vom Reiz zur Lust führende Weg sogleich 
von dieser selben Lust zu höherem Reize und stärkerer 
Lust steigt — „Und im Genuß verschmachf ich nach Be- 
gierde" — , kennzeichnet den ganzen Vorgang als einen 
Treppenreflex, der stufenförmig zu einer Höhe geleitet, 
einer Höhe freilich — und auch hier wieder stoßen wir 
auf eine der zahlreichen Gegensätzlichkeiten, an denen die 
menschliche Liebe so überreich ist — , die von vielen für 



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Der Kuß. 



191 



eine Tiefe gehalten wird, teilweise vielleicht deshalb, weil 
der Abstieg nicht staffelweise, wie der Anstieg, sondern 
ohne Etappen abfällt (vgl. Tafel II). Vom ersten Fol- 
gen des Blickes, von der ersten leichten Wendung des 
Kopfes nach dem geliebten Objekt, beherrscht die Lust 
am Reize und damit das Verlangen nach der reiz- 
tragenden Person die zentrifugale Liebesphase. Die 
rasche Aufeinanderfolge von Nervenzustrom und Nervenab- 
strom, verbunden mit dem Zusammenfall von Sexualreiz 
und Sexualziel, bewirkt, daß es oft fast unmöglich ist, die 

Reiz 

horizontale Strecke Reiz Lust von der vertikalen J zu 

Lust 

unterscheiden (vgl. Tafel II). 

Nehmen wir, um dies etwas deutlicher zu machen, 
als Beispiel den Kuß. Wer wird zweifeln, daß er eine 
Äußerung der Liebe ist, die vom liebenden Subjekt 
zum geliebten Objekt strömt, aber ebenso sicher ist, daß 
der Kuß unter den Liebes reizen, die sich umgekehrt 
von der geliebten auf die liebende Person fortpflanzen, einer 
der stärksten ist. Aber nur hinsichtlich seiner Intensität 
nimmt er eine besondere Stellung ein, im übrigen unter- 
scheidet er sich nicht von allen andern Liebeshand- 
lungen; bei jedem, auch dem geringsten Liebesakt ist das 
gebende und empfangende, egoistische und altruistische, 
aktive und passive, fast könnte man auch sagen, das männ- 
liche und weibliche Moment, so eng miteinander ver- 
knüpft, daß in der Trennung dieser, wie Hegel sagt, 
„schlechthin nicht zu unterscheidenden Momente* eine der 
Hauptschwierigkeiten in der wissenschaftlichen 
Behandlung des Liebesproblems liegt. 

Um hier noch etwas bei dem Kuß als einer unter den 



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192 



Qualität der Küsse. 



Kulturvölkern so weit verbreiteten und viel gefeierten Liebes- V 
handlung zu verweilen, so verdankt er seine beson- 
ders große Schätzung vermutlich vor allem dem Umstände, 
daß es mehrere Sinnesorgane sind, denen er gleichzeitig 
Lust- und Kraftströme zuführt. Abgesehen von den be- 
sonders erogenen Nervenendkörperchen der Lippenschleimw 
haut (wohl den erogensten nächst denen der Genitalzone) 
sind es der Geruchs- und Geschmackssinn, deren periphere 
Endorgane, wenn auch nur in viel schwächerer Weise, in 
Mitschwingungen versetzt werden. Die alte Redewendung, 
daß der Kuß „gut schmeckt", deutet auf die Mitbeteiligung 
des Geschmackssinnes hin. Was man sonst noch alles in 
den Kuß hineingeheimnist hat, beweist nur seine wichtige 
Rolle im Liebesleben, ist aber im übrigen nichts als unbe- 
wiesene Hypothese. Dies gilt auch von der Meinung Frh. 
v. R e i t z e n s t e i n s , 58 ) der sagt: „...ich stehe nicht 
an, zu behaupten, daß unser Küssen auf einen alten Be- 
fruchtungszauber zurückgeht, da man glaubte, auf diese 
Weise (durch gegenseitiges Anhauchen) die Seele einhauchen 
zu können." 

Wie das Reichen der Hand, so gehört auch das Geben 
des Kusses zu den Handlungen, die ihre erotische Bedeu- 
tung lediglich durch das Objekt erhalten. Wenn Schil- 
lers Amalia sagt: 

„Seine Küsse — paradiesisch Fühlen! 

Wie zwei Flammen sich ergreifen, wie 

Harfensaiten ineinander spielen 

Zu der himmelsvollen Harmonie — 

Stürzten, flogen, schmolzen Geist und Geist zu- 
sammen, 

■*) F. Frh. v. Reitzenstein, Liebe und Ehe in Ostasien etc. 
Stuttgart, o. J., p. 79. 



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Kußformen. 



193 



Lippen, Wangen brannten, zitterten, 
Seele rann in Seele — u ; 
wenn Heine im „Schlachtfeld bei Hastings" singt: 
„Auf seinen Schultern erblickt sie auch, 

Und sie bedeckt sie mit Küssen 

Drei kleine Narben, Denkmale der Lust, 
Die sie einst hineingebissen", 
so ist ohne weiteres klar, daß die Qualität dieser Küsse 
eine andere ist als etwa die des segnenden Kusses, den der 
Vater auf die Stirn des in die Fremde ziehenden Sohnes 
drückt. 

Es ist zurzeit nicht mehr recht feststellbar, ob der 
Kuß primär ein Sexualakt war, der, verflüchtigt (subli- 
miert), dann zu einem Symbol freundlicher Gesinnung her- 
absank, oder ob er entwicklungsgeschichtlich zuerst ein in- 
stinktiver Kontakt war, der erst durch das Zusam- 
mentreffen mit einem Sexualziel zu einem 
erotischen Akt wurde. Einige Kußformen, wie das unbe- 
holfene Küssen des Kindes als erste Liebkosung seiner 
Mutter, lassen die letztere Deutung zu; andere, wie der 
Begrüßungs- und Abschiedskuß auf Wangen und Hand, 
der segnende Kuß auf die Stirn, der Judaskuß nicht zu 
vergessen, legen die andere Anschauung nahe, die auch 
Spencer vertritt, wenn er schreibt: „Vom Küssen — 
als einem natürlichen Zeichen von Liebe — stammt 
jenes her, welches als ein Mittel, Liebe vorzuspiegeln, den 
Geküßten ein gewisses Vergnügen bereitet und, indem es 
dies tut, Neigung daran erweckt, so daß wir hier den 
augenscheinlichen Ursprung des Küssens von Füßen, Hän- 
den und Kleidungsstücken als Teil eines Zeremoniells 
haben." Wie sehr aber der sexuelle Untergrund des Kussel 
trotz aller Symbolisierung noch heute gegenwärtig ist, geht 

Hirschfeld, Naturgesetze der Liebe. 13 



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194 



Wunscherfüllung. 



daraus hervor, daß in vielen Gegenden der Kuß auf den 
Mund unter anderen als Braut- und Ebeleulen ver- 
pönt ist. 

Der Kuß ist auch ein gutes Beispiel dafür, daß der 
Treppenreflex, wenn er auch seiner ganzen Natur nach 
möglichste Lusthöhe erstrebt, gleichwohl auf jeder Staffel 
der Leiter, sei es spontan, sei es infolge von Hemmungen 
unterbrochen werden kann, mit Ausnahme vielleicht der 
allerletzten Reflexstufen, wo bei ungemein schnellem und 
intensivem Reiz- und Lustwechsel die Hemmungen im all- 
gemeinen nicht mehr oder nur noch mit größter Willens- 
anspannung (die vielfach auf Kosten der Gesundheit des 
Nervensystems geht) sperrend eingreifen können. 

Das Ende der Reflexleiter hängt von sehr verschiede- 
nen Umstanden ab, die wir bei Besprechung der Hem- 
mungsmechanismen näher betrachten wollen. Ausschließ- 
lich sind diese letzteren jedoch keineswegs maßgebend, 
auch ist der Abschluß einer Liebeshandlung nicht so sehr 
von der Stärke der äußeren Reize und der inneren Sexual- 
spannung beeinflußt, als vom Verhalten des passiven Teils 
und vor allem von dem Inhalt des Erstrebten, der 
Wunscherfüllung. Vielfach ist der Wunsch nur 
darauf gerichtet, Sinnesorganen wie Auge und Ohr den 
entbehrten oder ersehnten Genuß zu verschaffen, und 
wenn auch meist die Tendenz vorhanden ist, über dieses 
Ziel hinauszugehen, so tritt doch gewöhnlich ein Zustand 
von Befriedigung schon auf einer Stufe ein, die der er- 
strebten Lust näherliegt, als der denkbaren Endlust. Ge- 
rade bei sehr heftigem Liebesgefühl genügen oft schon die 
beim bloßen Zusammensein vorhandenen Ausstrahlungen* 
des geliebten Objekts, um im Subjekt einen Zustand der 
Unruhe in einen solchen der Ruhe zu verwandeln. Wir 



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Gefühl des Geborgenseins. 195 

geben ein Beispiel aus der Literatur und eins aus dem 
Leben. Wir verweisen auf die pag. 65 zitierte Stelle aus 
den „Wahlverwandtschaften", wo Goethe in anschau- 
licher Weise schildert, wie die beiden Liebenden nur des 
reinen Beisammenseins bedurften, um „i m vollkom- 
menen Behagen sich mit sich selbst und 
mitder Welt zufrieden" zu fühlen. Ein zwei- 
tes Beispiel ist das folgende: Eine Frau in Berlin, 
die sich von einem Manne, den sie überaus liebte, 
verlassen glaubte, weil sie über ein Vierteljahr von ihm, 
dessen Aufenthalt sie nicht erfahren konnte, kein Lebens- 
zeichen erhalten hatte, gab folgende Schilderung ihres Zu- 
Standes: Ein Gefühl von Betäubung und Müdigkeit, auf- 
steigendes Brennen in der Gegend des Brustbeins, „Herz- 
schmerzen", namenlose Angst, bei der es ihr zeitweise 
war, als verlöre sie die Besinnung, sehr großer Durst, Un- 
fähigkeit, etwas zu arbeiten, fast vollkommener Schwund 
des Gedächtnisses. Die Empfindung, als ob Arme und 
Beine nicht bewegt werden könnten, als ob ein eisernes 
Band die Stirn von einem Ohr zum andern einpresse. Ein 
Drang, laut aufzuschreien oder etwas zu zerstören und zu 
zerschlagen. Ihre Umgebung — so teilte ihre Mutter mit 
— fürchtete, sie werde sich das Leben nehmen. Alle 
Mittel, die gegen die geschilderten Beschwerden angewandt 
wurden, psychische Beeinflussung, medikamentöse oder 
sonstige Agentien erwiesen sich als erfolglos. Eines Tages 
aber kam sie völlig verändert. Mit der Rückkehr des 
Mannes war das monatelange Sehnen erfüllt. Sie schil- 
derte nun ihre Heilung in auschaulicher Weise, wie folgt: 
„. . . es war mir, als ob eine Starrheit aus meinem Kör- 
per wiche, als ob man in einem warmen Zimmer „auf- 
taut"; wie mit einem Schlage waren die entsetzlichen Qualen 

13* 



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196 



Lust ist Rausch. 



verschwunden; ich finde nicht Worte, das leichte, wohlige, 
behagliche Gefühl des Geborgenseins auszudrücken, das nun 
über mich gekommen ist.* 

Die hier geschilderten, sehr typischen Erscheinungen 
bei dem Vermissen stark gewohnter oder begehrter Sexual- 
reize erinnern, wenn man sie oft und genau studiert, un- 
gemein an die Abstinenzerscheinungen, die wir bei Perso- 
nen auftreten sehen, die an narkotische Mittel gewöhnt 
sind. Menschen, die das Bedürfnis haben, sei es periodisch, 
sei es konstant, ihr Zentralnervensystem unter schwächere 
oder stärkere Dosen berauschender Mittel, wie Morphium, 
Alkohol, Haschisch, zu setzen,leiden in völlig analoger Weise 
bei Enthaltung unter Empfindungen grenzenloser Leere 
und Appetenz wie Liebeskranke. Diese Ähnlichkeit ist eine 
so frappante, daß schon sie allein den Gedanken nahe- 
legt, ob nicht auch bei dem sexuellen Orgasmus chemische 
Stoffe einen Rauschzustand des Gehirns herbeiführen, der 
schon bei geringerer Reizung in leichterem Grade vor- 
handen ist, bei Entbehrungen aber Abstinenzerscheinungen) 
hervorruft. Ohne daß man etwas von chemischen Reizstoffen» 
im Organismus ahnte, hat man ja schon oft vom „Liebes- 
rausch" gesprochen und sich bildlich dahin ausgedrückt, 
daß jemand von Liebe „trunken* sei. 

Wir sind aber fast sicher, daß dies mehr als ein 
bloßer Vergleich ist. Man kann annehmen, daß, wenn das 
Sexualzentrum von den adäquaten Sexualreizen getroffen 
wird, durch die nervöse (der elektrischen vergleichbare) 
Reizung eine Umsetzung der chemischen Sättigungssub- 
stanz stattfindet, anfangs eine geringe, bei «stärkerer Erregung 
eine stärkere, bei heftiger Irritation eine sehr heftige. Wir 
kommen auf diesem Wege dazu, uns ein Bild nicht nur von 
der Entstehung des lustbetonten Affekts, sondern von 



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Lustdefinitionen. 



197 



dem zu machen, was die geschlechtliche Lust überhaupt ist: 
Lust ist Rausch. 59 ) 

Wenn wir Rohleder darin folgen, daß der Orgas- 
mus sowohl beim Manne als bei der Frau darauf beruht, 
daß die Schleimhautsekrete durch enge, mit besonders reiz- 
baren Tastkörperchen versehene Kanäle (beim Manne die 
Gegend des colliculus seminalis, bei der Frau der Cervi- 
calkanal) hindurchgetrieben werden, so ist dadurch doch 
nur die periphere Reizung, nicht aber die zentrale Lust, der 
eigentliche Orgasmus, erklärt. Dieser dürfte vielmehr 
darauf beruhen, daß in demselben Moment, wo an den 

M ) Von früheren „Lust" -Definitionen, die, soweit ich sehe, 
sämtlich psychologisch sind, seien zwei angeführt G r a n t Allen 
(Der Farbensinn) sagt: „Lust ist die psychische Anschauung einer 
endgültigen physiologischen Tatsache, die in physischer Beziehung 
als die ungehinderte Tätigkeit einer vollkommen ernährten und nicht 
übermüdeten, in unmittelbarem Zusammenhang mit dem zentralen 
Sinnessystem stehenden nervösen Struktur aufgefaßt werden kann. 
— Lust ist also das Gefühl, welches sich ergibt, wenn ein Sinnes- 
zentrum einen Reiz empfängt, der weder quantitativ stark, noch 
auch über die Empfindungsgrenzen der betreffenden Struktur hin- 
ausgehend ist. Ein jedes Zentrum erfährt bei jedem Reiz bis zu 
einem gewissen Grade eine Desintegration; wenn nun diese Des- 
integration über einen bequem wieder zu ersetzenden Punkt hin- 
ausgeht, so tritt Unlust ein. Auf der andern Seite aber werden, so- 
lange der Reiz mäßig ist, jene Nervenbildungen durch Übung in 
ihrer allgemeinen Wirksamkeit bestärkt, und letztere ist daher mit 
einem Gefühl von Lust verbunden. — Mit jedem Anwachsen der 
Struktur (eines Organs) wird auch die Lust an der Funktion dieser 
Struktur wachsen". — Und Marshall (Pain, Pleasure and 
Aesthetics) : „Lust erfahren wir, wenn ein Oberschuß von aufge- 
speicherter Energie in Reaktion auf den Reiz sich entlädt; Schmerz 
dagegen, wenn ein Reiz eine größere Energieentwicklung in der 
Reaktion beansprucht, als das Organ aufzubringen in der Lage 
ist- Natürlich ist damit über das Wesen des Lustgefühls gar nichts 
gesagt. Vgl. auch Arthur Kronfeld, Das Divergenzprinzip und 
die sexuelle Kontrektation. In der „Zeitschr. für Sexualwissenschaft", 
1908, pag. 257 ff. 



198 



Rauschsubstanzen. 



Genitalien des Mannes oder Weibes die explosive Eruption 
eines Sekrets erfolgt, dies gleichzeitig auch im Gehirn ge- 
schieht, indem sich vom Sexualzentrum aus die aufge- 
speicherte Rauschsubstanz über die Gehirnzellen e r g i e ßt. 

Daß es sich bei der sexuellen Lust um die Folge einer 
im menschlichen Körperhaushalt selbst erzeugten Rausch* 
Substanz handelt, wird durch die Wirkung bestätigt, welche 
die sexuelle Erregung auf den Blutkreislauf ausübt. Genau 
so, wie die Rauschsubstanzen, welche wir durch die 
Lungen oder den Magen aufnehmen, die Betäubungsmittel, 
welche der Mensch in den verschiedenen Breiten der Erde 
einatmet, trinkt, verzehrt oder einspritzt, auf die vom Ge- 
hirn zu den Blutgefässen ziehenden Nerven erweiternd oder 
verengernd wirken, beeinflußt auch der sexuelle Rausch- 
stoff, wenn er durch zentripetale Reizung eine chemische 
Umsetzung erfahren hat, die Blutzirkulation. Durch Er- 
regung der Vasodilatoren erweitern sich die elastischen 
Schläuche der Blutbahn, sie füllen sich infolgedessen 
stärker, und eine, wenn auch zunächst nur leichte, so doch 
merkliche Vermehrung der an die Bluttemperatur gebunde- 
nen Körperwärme, verbunden mit Rötung („Erröten*) 
und Drucksteigerung, tritt ein. Namentlich strömt die Blut- 
welle von dem erregten Herzen nach allen erogenen Zonen, 
wie den Schwellkörpern der Nase, den erogenen Nerven- 
endkörperchen im Auge, im Ohr und in der Haut. Zu- 
standsschilderungen, wie wir sie vielfach bei Dichtern 
finden: „. . . errötend folgt er ihren Spuren", „mit 
klopfendem Herzen harrt sie seiner Schritte", „die 
Lippen brennen", „es schwelgt das Herz in Seligkeit", 
bedeuten, ins Physiologische übersetzt, Hauthyperämien 
und vasomotorische Kongestionserscheinungen. Bei stär- 
kerer Rauschwirkung dehnen und füllen sich schließlich 



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Herz-Bcteiligung 



199 



auch die erektilen Gewebe, wie sie in den weiblichen Mam- 
millen, sowie in den Genitalien beider Geschlechter vor- 
handen sind. Die Beteiligung des Blutkreislaufs an sexu- 
ellen Vorgängen aller Art ist so augenfällig, daß ältere Be- 
obachter meinten, der Sitz der Liebe sei das Herz. Noch 
heute spricht man ja von herzlicher Liebe, vom Herz- 
liebchen. 

Wie die glückliche Liebe auf die gefäßerweiternden, 
so wirkt die unglückliche auf die gefäßverengernden Ner- 
ven, die Vasokonstriktoren. Deshalb wird auch der Liebes- 
kummer und Liebesgram in der Herzgegend als ein Gefühl 
von Herz k r a m p f , („das Herz krampft sich vor 
Schmerz zusammen") und Herzensangst wahrgenommen. 
Klopstock singt: „Ach, warum o Natur, warum o zärt- 
liche Mutter, gäbest Du zum Gefühl mir e i n zu bieg- 
sames Herz und in das biegsame Herz die unbe- 
zwingliche Liebe, dauernd Verlangen und ach, keine Ge- 
liebte dazu!" 

„H e r z e 1 e i d e" heißt die Mutter Parsifals, deren 
Sohn geboren wurde, als sein Vater im Kampf erschlagen 
war. Die Beobachtungen vieler Autoren, daß die Herzneu- 
rose in der weitaus großen Mehrzahl der Fälle in einem 
unbefriedigten Sexualleben wurzelt — schon G a 1 1 e 1 sagt 
(1898): „Die Angstneurose tritt überall da auf, wo eine 
Retentio der Libido stattfindet", und Freud: „Die neuro- 
tische Angst entspricht einer von ihrer Bestimmung abge- 
lenkten, nicht zur Verwendung gelangten Libido 4 * (loc. cit. 
p. 115) — wären danach so zu deuten, daß hier Zustände 
von Präkordialangst (angina pectoris) vorhegen, dadurch 
bedingt, daß ein unzersetzter Reizstoff die Vaso k o n s t r i k- 
t o r e n zusammenzieht, da die reflektorische Außenrei- 
zung mangelt. Sowie diese wieder eintritt, pflegt auch die 



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200 



Die Angst. 



Angstneurose wie mit einem Schlage 
verschwunden zu sein. Die erhebliche Beteili- 
gung der Blutzirkulation an den sexuellen Vorgängen muft 
naturgemäß sowohl in positiver als negativer Beziehung 
für den Gesamtorganismus von hoher Wichtigkeit sein. 
„Die Angst ist ein libidinöser Impuls, der vom Un- 
bewußten ausgeht und vom Vorbewußten gehemmt wird,* 
sagt Freud an anderer Stelle. 

Wissen wir doch, daß alles, was die Blutbewegung, 
die Zufuhr arteriellen sauerstoffhaltigen und die Abfuhr ve- 
nösen kohlensäurereichen Bluts fördert, auch den Stoff- 
wechsel steigert, der Ernährung des Körpers dienlich ist, 
seine Leistungsfähigkeit hebt, daß dagegen alles, was die 
Blutbewegung herabsetzt, wie etwa ein träges Leben, ein 
kummervolles „zwischen Sorgen und Särgen", eine zu fett- 
reiche Kost dem Organismus zum Nachteil ist. 

So muß sicherlich auch die sexuelle Betätigung fin- 
den Körper gut sein, zumal wenn wir in Betracht ziehen, 
daß es nicht nur die im Blut selbst vorhandenen Nutz- 
stoffe, wie Sauerstoff und Eisen, sind, die intensiver herum- 
geschleudert werden, sondern auch jene durch die Liebe 
stärker sezernierte innerliche Sexualsubstanz, von der wir an- 
nehmen müssen, daß sie ebenfalls einen für den Aufbau des 
Körpers bedeutsamen Faktor darstellt. G o e t h e 60 ) sagt ein-» 
mal in den „Sprüchen in Prosa", vielleicht in bezug auf eigenes 
Erleben: „Einem alten Manne verdachte man, daß er so 
viel mit jungen Frauenzimmern verkehrte." „Es ist", ent- 
gegnete er, „das einzige Mittel, sich zu verjüngen, und das 
will doch jedermann." 



60 ) Möglicherweise schwebte Goethe bei dieser Bemerkung die 
Bibelstelle 1. Kön. 1, 1—4, vor: 

1. Der König David aber war alt, in die Jahre gekommen, 



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Verjüngung durch Liebe. 



201 



Freilich kommt es hier, wie bei allen dem Körper 
förderlichen Agenden, Nahrungs- und Heilmitteln, auf das 
richtige Maß an. Für die Bewertung jedes Faktors, der 
unser Leben beeinflußt, ist das individuell verschiedene 
Verhältnis zwischen dem Zuviel und Zuwenig, der Ruhe 
und Tätigkeit, Übung und Schonung, das Entscheidende. 

Wovon hinsichtlich der Liebesbetatigung dieses Maß 
im Einzelfalle abhängt, werden wir noch zu berühren haben, 
soweit es der Gegenstand dieser Studie erfordert, die ja 
mehr biologisch als hygienisch gedacht ist, wenngleich 
das eine die Grundlage des andern sein sollte. Hier 
sei nur erwähnt, daß die Anschauung, welche u. a. Frei- 
herr Christian von Ehrenfels 61 ) vertritt, „daß 
vollkommene Enthaltsamkeit bis zur vollen Reife, also bis 
durchschnittlich ins 25. Lebensjahr, der Konstitution von 
Vorteil sei, indem vielleicht durch Resorption der Samen- 
stoffe der Aufbau psychischer und physischer Spannkräfte 
durch sie begünstigt werde, und daß diese günstigen Wir- 
kungen bei elastischen Naturen auch noch über die ge- 



und man bedeckte ihn mit Gewändern; aber es wurde ihm nicht 
warm. 

2. Da sprachen zu ihm seine Knechte: Man suche meinem 
Herrn, dem Könige, eine Dirne, eine Jungfrau, und sie stehe vor 
dem Könige, und sei seine Pflegerin, und schlafe an seinem Busen, 
daß es meinem Herrn, dem Könige, warm werde. 

3. Und man suchte eine schöne Dirne im ganzen Lande Israels, 
und man fand Abisag, die Sunamitin, und brachte sie zum 
Könige. 

4. Die Dirne aber war gar sehr schön. Und sie ward dem 
Könige Pflegerin, und bediente ihn; aber der König erkannte sie 
nicht. 

Vgl. auch Bloch, Sexualleben, p. 694, über „Sunamitismus". 
•*) Sexuales Ober- und Unterbewußtsein, Pol.-Anthropol. Re- 
vue, II. Jahrg., Nr. 6, September 1903, p. 465. 



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202 



Aphrodisin 



nannte Altersgrenze hinaus, andauern könnte", nur sehr 
bedingt und in dieser Allgemeinheit sicherlich nicht als 
richtig unterstellt werden kann. 

Durch die Erklärung sexueller Lustgefühle als Wir- 
kungen einer Rauschsubstanz sind uns auch die Einflüsse 
verständlicher, welche künstlich dem Gehirn zugeführte 
narkotische und exzitierende Mittel auf die Starke der 
Libido und Potenz haben. Von manchen, wie Alkohol 
in stärkeren Dosen, wissen wir, daß sie die Lustempfin- 
dung sehr erheblich schwächen, von andern, wie Opium, 
daß sie selbst sexuelle Erregungen und orgastische Emp- 
findungen mit konsekutiven erotischen Vorstellungen her- 
vorzurufen imstande sind. 

Der vielfach behauptete, wenn auch nicht in allen 
Fällen festgestellte Einfluß gewisser pflanzlicher und tie- 
rischer Extrakte, die seit den Zeiten des Altertums bis 
heute von Ärzten als Aphrodisiaka, von Laien als Liebes- 
tränke angepriesen werden — es seien das Yohimbin, Sper- 
min, Kantharidin, Muriacithin genannt — , wäre dann so 
aufzufassen, daß sie dem in unserm Körper selbst gebil- 
deten Aphrodisin verwandte Stoffe enthalten. Wenn 
auch von der Rinde des Yohimbinbaums durch Tier- 
versuche erwiesen zu sein scheint, daß sie potenzstei- 
gernd wirkt, so wird man doch im allgemeinen diesen 
pharmazeutischen Präparaten skeptisch gegenüberstehen 
müssen und kaum erhoffen dürfen, daß eine den normalen 
Stoff Wechselprodukten auch jnur annähernd gleichende 
Droge gefunden werden kann. 

Ob es wohl nur ein Zufall ist, daß eine Reihe der 
Vorkämpfer für die Enthaltung vom Alkohol zugleich 
für eine freiere Auffassung sexueller Nichtenthaltung 
eintreten? Ist ihnen aus ihrem SpezialStudium und ihrer 



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Liebe als Fieber 



203 



Spezialkenntnis der in Betracht kommenden Dinge 
und Menschen die vielleicht zunächst unbewußte Er- 
kenntnis erwachsen, daß die künstlichen Berauschungs- 
mittel in den Körper etwas Fremdes, Schädigendes 
hineintragen, während in den im Organismus selbst 
sich entwickelnden erotischen Rauschstoffen nützliche, ja 
sogar unentbehrliche Stärkungsmittel enthalten sind? Be-< 
steht nicht vielleicht sogar zwischen beiden eine gewisse 
Wechselwirkung? Es kann wohl sein, daß sich der Miß- 
brauch künstlicher Rauschmittel weniger weit und weniger 
tief in die Kulturmenschheit eingenistet hätte, wenn diese 
in sexueller Hinsicht ausgeglichener, befriedigter, kurz, wenn 1 
sie glücklicher gewesen wäre. 

Außer mit Rauschzuständen hat man die Liebe des 
öfteren, namentlich wenn sie sehr heftig ist oder wenn sie 
unerwidert bleibt, mit einer Krankheit verglichen, und 
zwar entweder mit einer Geistesstörung oder mit einem 
Fieber. Von den alten Römern, die den Spruch hatten 
„amantes amentes", bis zu den modernen Franzosen, unter 
denen namentlich Laurent in seinem Buche „L'amour mor- 
bide a8U ) ausführlich auseinandersetzt, daß eine starke Liebe 
„une veritable Obsession" sei, die „den Menschen zum 
Narren mache", haben sich immer wieder einige Autoren 
die Unbeeinflußbarkeit der Liebe durch vernunftgemäße 
Vorstellungen, das häufige Mißverhältnis zwischen der 
Größe der Empfindung und der tatsächlichen Beschaffen- 
heit des Objekts nicht anders erklären können, als indem 
sie Geisteskrankheit, „pathologische Zwangsliebe" oder gar 
„impulsives Irresein" annahmen, wo in Wirklichkeit nur 
eine besonders heftige Liebesleidenschaft vorlag. Beruht 
die Auffassung der Liebe als Geistes k r a n k h e i t auf der 

*»•) Vgl. auch Lomer, Liebe u. Psychose. Wiesbaden 1907. 



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204 



Liebe als Kampflust. 



Unkenntnis ihrer wahren Wesenheit, so trifft der Vergleich 
der Liebe mit einem Fieber allerdings insofern etwas Rich- 
tiges, als es sich hier wie dort um den Einfluß chemischer 
Stoffe handelt, die, wenn auch in verschiedener Weise, vom 
Gehirn aus die Nerven des Organismus, vor allem die der 
Blutgefäße, erregen. Besonders Stendhal bezeichnet 
die Liebe mit Vorliebe als Fieber; so sagt er in der Ein- 
leitung seines Buches über die Liebe: „Die Liebe ist wie 
das Fieber. Sie entsteht und vergeht, ohne daß der Wille 
Gewalt darüber hat," und er fügt hinzu: „Hat die Ge- 
liebte wirklich gute Eigenschaften, so verdanken wir das 
nur einem glücklichen Zufall." 

Es sei hier noch eine Stelle aus den Leiden des jungen 
Wertherangeführt, in der Goethe vortrefflich die Analogie 
zwischen einer Liebe und einer Krankheit durchführt: 
„. . . ihr Geliebter verlaßt sie", schreibt Werther kurz 
vor seiner Selbsttötung an Albert, „erstarrt, ohne Sinne, 
steht sie vor einem Abgrunde; alles ist Finsternis um sie 
her, keine Aussicht, kein Trost, keine Ahnung! Denn der 
hat sie verlassen, in dem sie allein ihr Dasein fühlte. Sie 
sieht nicht die weite Welt, die vor ihr hegt, nicht die 
vielen, die ihr den Verlust ersetzen könnten, sie fühlt sich 
allein, verlassen von der Welt — und bünd, in die Enge 
gepreßt von der entsetzlichen Not ihres Herzens, stürzt sie 
sich hinunter, um in einem rings umfangenden Tode alle 
ihre Qualen zu ersticken. — Sieh, Albert, das ist die Ge- 
schichte so manches Menschen! Und sag, ist das 
nicht der Fall der Krankheit? Die Natur 
findet keinen Ausweg aus dem Labyrinthe der verworrenem 
und widersprechenden Kräfte, und der Mensch muß ster- 
ben. Wehe dem, der zusehen und sagen könnte: Die 
Törin! Hätte er gewartet, hätte sie die Zeit wirken lassen, 



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Verzicht auf Liebe. 



205 



die Verzweiflung würde sich schon gelegt, es würde sich 
schon ein anderer, sie zu trösten, vorgefunden haben. Das 
ist eben, als wenn einer sagte: Der Tor stirbt am 
Fieber. Hätte er gewartet, bis seine Kräfte sich er- 
holt, seine Säfte sich verbessert, der Tumult seines Blutes 
sich gelegt hätten, alles wäre gut gegangen, und er lebte 
bis auf den heutigen Tag." 

Ist es für den Menschen schon schwierig, sich ein 
künstliches Reizmittel abzugewöhnen, dem sich das Ner- 
vensystem allmählich angepaßt hat, selbst dann, wenn er 
erkannt hat, daß es Körper und Seele schädigt, um wie 
viel schwerer muß es sein, wenn es überhaupt möglich ist, 
auf ein Reizmittel Verzicht zu leisten, das tief in unserer 
Natur begründet hegt, dessen Genuß .unausgesetzt wirkt, das, 
in nicht zu starken Dosen genossen, lebenserhaltend und 
lebensverlängernd wirkt, ja, das dem Leben der meisten 
erst Inhalt, Wert und Schönheit gibt. Dieser lebens- 
bejahende Standpunkt kann nicht deutlich genug ausge- 
sprochen werden angesichts der weitverbreiteten, lebens- 
verneinenden Anschauung der Askese, die ursprünglich 
vielleicht eine ganz wohlmeinende Reaktion war im Sinne 
des alten Wahrspruchs, der in der Fassung eines Kinder- 
liedes lautet: „Die Freuden, die man übertreibt, verwan- 
deln sich in Schmerzen", die aber weit über das Ziel hin- 
ausschoß, als sie etwas zu einer schweren Sünde stem- 
pelte, was in Wirklichkeit nur die Bedeutung eines Diät- 
fehlers hatte. Jean Paul sagt einmal: „Eines Mechanikers, 
Piloten oder Astronomen Fehler kostet vielen Tausenden 
ihr Leben, aber die Irridee in dem Kopf eines Machthabers 
kann eine Welt verstümmeln." Die Irrideen auf sexuellem 
Gebiet haben in der Tat unzählig vielen Menschen das 
Leben und, was mehr ist, das Lebensglück gekostet. 



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206 Kampf gegen die Liebe. 

• 

Indem sich die Menschheit zwei Jahrtausende in den 
Bann antihedonistischer Übertreibungen stellte, beging sie 
eine Selbstverstümmelung, deren verhängnisvolle Schwere 
kaum groß genug veranschlagt werden kann. Wie recht 
hat doch der Privatdozent Dr. Oskar Ewald, wenn 
er in einem „Fruchtbarkeit" überschriebenen Artikel sagt: 
„Ein Naturtrieb, insbesondere ein so elementarer und mach- 
tiger wie der erotische, kann sich nicht in seiner Reinheit 
und Ursprünglichkeit bewahren und noch weniger sich 
entfalten und schöne, duftende Blüten treiben, wenn das 
Schuldbewußtsein seine Wurzeln zerfrißt." Wie viele Men- 
schen laufen mit schuldbeladenem Gewissen herum um 
einer Schuld willen, die gar keine ist; wie viele machten 
ihrem Dasein ein Ende wegen einer Sünde, die keine war. 
Sehr richtig sagt Hedwig Doh m 62 ) „Der Kampf, den 
die christliche Kirche, seit Augustin vor allem, gegen die 
Geschlechtsliebe führt, hat die Menschen nicht wirklich ge- 
schlechtsloser machen können. Er hat sie nur zur Ge- 
wissensquälerei und zu Heuchlern erzogen." Und noch 
schärfer läßt Gerhart Hauptmann in seinem tiefen 
Roman „Der Narr in Christo, Emanuel Quint", Dr. Hülse- 
busch sagen: „. . . Ich bin ein Gegner des Christentums, 
ich bin mit Goethe, Schiller und unsern größten Philo- 
sophen der Ansicht, es ist durch die christliche Lehre ein 
lebensfeindliches Element in die europäische Menschheit ge^ 
kommen. Das Christentum hat zum Bei- 
spiel mit der Verdammung, Entheili- 
gung und Entwürdigung des Geschlechts- 
lebensallein schon maßloses Unheilan- 
gerichtet. Es hat den Vorgang der Liebe 
der Geschlechter, aus dem die neuen Men- 

M ) Ehe? Zur Reform der sexuellen Moral, pag. 41. 



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Jede Liebe — Eigenliebe. 



207 



sehen hervorgehen, auf eine Stufe mit 
den Vorgängen in einer Latrine oder 
Kloake gebracht. Ja sogar auf eine noch tiefere 
Stufe. Ich betrachte das Christentum noch immer* überhaupt 
als den wahren Krebsschaden unserer gesamten mensch- 
lichen Zustände." 

Aus allem, was wir über die Begriffe Reiz, Lust und 
Rausch im Sexualleben erkannten, geht hervor, daß die 
motorische Reflexhälfte der Liebe lediglich bestrebt ist, sich 
in den Besitz dieser drei so überaus geschätzten Lebens- 
güter zu setzen. Werther schreibt einmal: „. . . Weiß der 
große Gott, wie einem das tut, so viele Liebenswürdigkeit 
vor einem herumkreuzen zu sehen und nicht zu- 
greifen zu dürfen; und das Zugreifen 
ist doch der natürlichste Trieb der 
Menschheit!" Wenn auch der Liebende sich nicht 
darüber klar ist, ja es zu bestreiten geneigt ist, bei gerecht 
abwägender Betrachtung unterliegt es keinem Zweifel, daß, 
wer liebt, von seinem eigenen Wohlbehagen geleitet wird 
und daher so egoistisch wie möglich handelt. Jede Liebe ist 
Eigenliebe. Mit Recht schreibt Ninon de Lenclos 63 ) 
„Glaubt einem Menschenkenner wie La Rochefoucauld! Er 
sagt: „Wenn man glaubt, daß man seine Geliebte ihr zu- 
liebe liebt, so täuscht man sich gründlich." Und nicht min- 
der treffend N i e t z s c h e: 64 ) w . . . im Durchschnitt machen 
es die Künstler wie alle Welt, sie mißverstehen die Liebe. Sie 
glauben in ihr selbstlos zu sein, weil sie den Vorteil eines 
andern Wesens wollen, oft wider ihren eigenen Vorteil. 
Aber dafür wollen sie jenes andere Wesen besitzen ... er 
wird schrecklich, wenn man ihn nicht wiederliebt. L'amour 

6a ) Briefe, herausgegeben von A. Saager, p. 117. 
M) Der Fall Wagner, pag. 10. 



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208 



Das Glück des Beglückens 



— mit diesem Spruch behält man unter Göttern und Men- 
schen Recht — est de tous les sentiments le plus egoiste, et 
par consequent, lorsqu'il est bless£, le moins gerereux 
(B. Constant.). a Viele Millionen Frauen sagen tagtäglich 
von einem bestimmten Manne: das ist mein Mann, und 
ebenso viele Männer von einer Frau: das ist meine 
Frau. Wie wenige haben aber jemals darüber nachgedacht, 
daß dieses „mein" ein Eigentumswort ist, daß sich in 
diesem „mein" das ganze Gefühl des Besitzes kundtut. 

Wie aber ist es zu erklären, daß es gleichwohl kein 
altruistischeres Gefühl gibt, als das egoistischste der Liebe, 
keins, das mehr bemüht ist, einem andern Gutes zuzufügen, 
keins, das wie die Liebe im Beglücken das höchste Glück 
findet, keins, in dem das eigene Selbst absoluter in einem 
zweiten aufgeht. Hat doch der Sexualtrieb oft genug so- 
gar die Tendenz, über das ethische Gleichgewichtsgebot — 
liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst — hinausgehend, 
um der Liebe willen Leiden auf sich zu nehmen. 

Dieser Dualismus in der ganz von Gegensätzen, aber 
nicht von Widersprüchen beherrschten Liebe ist darin be- 
gründet, daß das Objekt, in dessen Besitz der Liebende 
sich zu setzen trachtet, kein lebloses Stück, sondern ein 
lebendiges Wesen ist. Um zu dem ersehnten Ziel zu ge- 
langen, bedarf der Liebende der Mitwirkung des Partners, 
seines Willens, zum mindesten seiner Willfahrigkeit. Einen 
zweiten Willen kann man aber auf die Dauer nur erobern, 
indem man sich ihm fügt, man kann ihn sich nur unter- 
werfen, indem man sich ihm wenigstens bis zu einem ge- 
wissen Grade unterwirft. Wenn man sich nicht einen Men- 
schen mit Aktivität und Agressivität, mit Gewalt im Kampf 
zu eigen machen kann, muß man ihn naturgemäß mit 
friedlicheren Mitteln zu erobern suchen. Man erreicht oft mit 



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Don Juan und Werther. 



209 



Demut mehr, als mit dem Mut. H ö f f d i n g 65 ) sagt 
in bezug auf den sexuellen Instinkt, daß er, der in seinen 
niedersten Formen den befriedigenden Gegenstand nicht 
zu kennen braucht, geläutert und veredelt wird, je mehr er 
an das Bild eines andern selbständigen Individuums ge- 
knüpft ist und durch dasselbe bestimmt wird. Anstatt mit 
einer Forderung und einem Machtspruch aufzutreten, kann 
das Gefühl dann nur durch freie Ergebung befriedigt wer- 
den. Er zitiert Schiller, welcher sagt: „Die Lust kann 
er, der Mächtige, rauben, aber die Liebe muß eine Gabe 
sein." Wir haben also in der Liebe zwei entgegengesetzte 
Arten der Gewinnungsmittel von Reiz, Lust und Rausch 
zu unterscheiden: Die aktiven und passiven 
Mittel. Den Typus des aktiven Liebhabers repräsentiert 
Don Juan, den des passiven, Werther. 

Im Tierreich tritt der gewaltsame Charakter der Liebe 
unverhüllter und krasser zutage, wie jeder erkennen kann, 
der nachdenkend beobachtet hat, wie der Hahn die Henne 
packt, oder der Frosch sich auf das Froschweibchen stürzt. 
Andererseits sagt aber Büchner, der wie Bölsche und 
Brehm über das Liebesleben der Tiere viel Bemerkenswertes 
geschrieben hat: „Die Geschlechtsliebe ist bei den 
Tieren durchaus nicht immer und überall jener rohe 
Trieb, als welcher er in der Regel angesehen oder geschil- 
dert wird, er ist bei sehr vielen Tieren mit dem Schimmer 
eines poetischen Hauches umgeben, den man bei uns Men- 
schen sehr oft vergeblich suchen oder nur vereinzelt an- 
treffen wird." In der Tat finden wir für alle Vorkomm- 
nisse im menschlichen Liebesleben: Sehnsucht und Eifer- 
sucht, Untreue und Treue über den Tod hinaus, individu- 

«) H ö f f d i n g „Psychologie", pag. 349. 

Hlnohfeld, Naturgesetze der Liebe. 14 



r 

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210 



Liebeshaß 



eile Auslese, Aufopferung, monogamische und polyga- 
mische Verbindungen, Dauer- und Zeitehen, im Tierreich 
nachweisliche Vorstufen, die zum Teil als Vorbilder gelten 
könnten. 

Es kann keinem Beobachter entgehen, daß der Kampf 
in der Liebe bis zur höchsten Erbitterung keineswegs nur 
im Tierreich vorkommt, sondern auch für den Kulturmen- 
schen von heute noch zu Recht besteht. Wenn auch Schick- 
salstragödien, wie die der Salome und Carmen nicht gerade 
häufig sind, so könnte sich doch auch noch heute mancher 
Mann mit dem Schrei Don Joses über die Geliebte werfen: 
„Ja, ich habe sie getötet, 
ich — meine angebetete Carmen!" 
und manches Weib hat heute noch wie Salome den Drang, 
die toten Lippen zu küssen, die sich ihr lebend versagten. 
Diese Gewalttätigkeiten der Liebe, dieser Liebeshaß ent- 
springt ganz unmittelbar dem egoistischen Trieb, das reiz- 
vermittelnde Geschöpf sich zu eigen zu machen. Auf sexu- 
ellem Gebiet verhalten sich Liebe und Haß, Zuneigung und 
Abneigung, wie Entgegenkommen und Widerstand, Hoff- 
nung und Zweifel. Die Sucht zu herrschen kann in ex- 
tremen Fällen bei manchen Konstitutionen zu Grausam- 
keiten führen, für die der Name Sadismus eine weite Ver- 
breitung gefunden hat, eine allzu weite, fügen wir hinzn, 
da neuerdings oft Akte gesteigerter Aktivität, die keines- 
wegs den Charakter krankhafter Hypertrophie tragen, dar- 
unter begriffen werden. 

Dieses zerstörende Element der Liebe findet sich bei 
beiden Geschlechtern, und wenn es noch eines Beweises 
bedürfte, daß männliche und weibliche Eigenschaften nicht 
unbedingt an das Vorhandensein männlicher und weib- 
licher Keimzellen gebunden sind, so ist es dies, daß die 



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Die Eifersucht. 



211 



menschliche Phantasie in Erinnyen und Furien, Megären 
und Hexen, also in weiblichen Gestalten die Repräsen- 
tanten qualvollster Aktivität erblickte. Freilich sind es 
meist sexuell Unbefriedigte, Verschmähte, der Gegenliebe 
Ermangelnde, die in diesen menschlichen Zerr- und 
Schreckensbildern ihren Ausdruck gefunden haben. 

Loewenfeld sagt: 66 ) „Seit langer Zeit wird die 
Xanthippeneigenschaft, wie ich glaube, mit Recht auf Mangel 
sexueller Befriedigung zurückgeführt. Die durch diesen 
Mangel erzeugte Gereiztheit und Verbitterung führt aber 
nicht lediglich zu Zank- und Schmähsucht, sie macht sich 
bei ethisch tiefer stehenden Personen, wie oben angeführt 
wurde, in Roheit und selbst Grausamkeiten Luft. Dabei 
handelt es sich nicht um Vorkommnisse, die dem Gebiete 
des Sadismus angehören." 

Nichts verdirbt und verbittert den Charakter eines 
Menschen mehr als sexuelle Not. Der auf Widerstand be- 
ruhende Liebeshaß verwandelt sich in; Zorn, Wut und Raserei, 
besonders dann, wenn zu der Nichterwiderung der Leiden- 
schaft ein anderer, dem menschlichen Charakter tief inne- 
wohnender Instinkt tritt, der Neid — in diesem Falle der 
Neid, daß das Objekt so heftigen Ringens und Sehnens 
einem anderen mühelos zuteil wird, die Eifersucht.*) Sie 
gehört, wie die Sehnsucht, zu den sexuellen Unlustgefühlen, 
deren Stärke nach ihrer Beseitigung dem Grade der Lust- 
gefühle entspricht. Schon ein alter Schriftsteller meinte: „Ex 
vera zelotypia affectus Semper crescit amandi" („Durch echte 
Eifersucht wächst die Liebe immer"). 

Es gibt namentlich unter den Frauen besonders stark 

•») Loewenfeld, Über die sexuelle Konstitution und andere 
Sexualprobleme, pag. 216. 

♦) Mittelhochdeutsch: Nid = Eifersucht. 

14* 



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212 



Reiz der Eroberung. 



von Instinkten und Kontrainstinkten geleitete — sie pflegen 
sich temperamentvoll und impulsiv zu nennen — , welche 
in der Besitzergreifung, dem Streben, den Mann in Ab- 
hängigkeit und Unterjochung zu bringen, schließlich so 
weit gehen, alles zu hassen, wovon sie meinen oder besser 
gesagt, fühlen, daß es der Beschäftigung mit ihnen Ab- 
bruch tut. Aber auch unter den Männern kommt Ähn- 
liches vor; so berichtet Michels von einem Fall, in dem 
ein Wiener Sänger Burschen in die Oper sandte, um seine 
Frau, eine berühmte Sängerin, auspfeifen zu lassen. Diese 
Erscheinungen gehören zu manchen ähnlichen, in denen 
Liebende den Geliebten immer anders wünschen, als er ist, 
ohne sich klar zu sein, daß, wenn er so wäre, wie man ihn 
möchte, man ihn voraussichtlich nicht lieben würde. Manche 
Menschen, und diese scheinen wiederum unter den Männern 
zahlreicher zu sein als unter den Frauen, sind so wenig 
glücklich veranlagt, daß sie nur der Kampf um den Besitz, 
die Eroberung, die Unterwerfung reizt, nicht aber der Be- 
sitz, der sie im Gegenteil ernüchtert. Einen besonders! 
krassen Fall erwähnte ich bereits früher, den des Kapell- 
meisters.*) Im allgemeinen dürfte es allerdings so sein, und 
hier liegt eine der stärksten Wurzeln der Monogamität, daß 
der stark Liebende sich seinen Besitz zu erhalten, zu 
sichern, zu vertiefen sucht. 

Von dem Moment an, wo einer nach dem Besitz des 
anderen trachtete, und das ist derselbe Zeitpunkt gewesen, 
in dem die Natur vermutlich im Verfolg größerer Differen- 
zierung und Vervollkommnung der Lebewesen dazu über- 
ging, die Geschlechter zu trennen, begann unter ihnen ein 
Kampf um die Vorherrschaft, der auch heute noch nicht 



*) Vgl. pag. 35. 



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Kampf der Geschlechter. 



213 



als beendet anzusehen ist: Der Kampf u m e i n s t a r- 
kes und schwaches Geschlecht. Strind- 
berg, der nur die eine Seite des Problems sieht, drückt 
dies in seiner extremen und deshalb unrichtigen Anschau- 
ungsweise in bezug auf die Ehe so aus: „Zwei zusammen- 
gekettete Feinde — Marin und Weib — zerstören sich ge- 
genseitig, zerreißen, zerfleischen, verderben einer des an- 
dern Menschentum." 

Das männliche Geschlecht war in diesem Wettstreit 
von vornherein das besser situierte. Seine Organisation 
ermöglichte es ihm, in verschwenderischer Fülle Keimzellen 
zu zerstreuen und, nachdem er sich befreit und entlastet, 
seiner Wege zu gehen, als wäre nichts geschehen; der Mann 
war es, der gab, sie aber gab sich hin, gab sich her, sie war 
die nehmende, aufnehmende, die, wenn sie die Folgen 
„trug* und an ihnen trug, oft genug als leidender Teil 
allen Grund gehabt hätte, schmerzerfüllt zu sagen: Geben 
ist seliger denn Nehmen. Für ihn war der erste Verkehr 
ein Vorfall, der seinen Geist wenig, seinen Körper über- 
haupt nicht änderte; für sie war er ein Ereignis, das einen 
der wichtigsten, vielleicht den wichtigsten Einschnitt in 
ihrem Leben bedeutete, sie war von da ab körperlich, oft 
auch seelisch eine andere, sie war defloriert, erschlossen. 
Schopenhauer meint einmal: „Der Mann kann bequem 
über hundert Kinder im Jahre erzeugen, wenn ihm ebenso- 
viele Weiber zu Gebote stehen; das Weib hingegen könnte mit 
noch so vielen Männern doch nur ein Kind (von Zwil- 
lingsgeburten abgesehen) zur Welt bringen. Daher sieht 
er sich stets nach andern Weibern um; sie hingegen hängt 
fest dem einen an: denn die Natur treibt sie instinktmäßig 
und ohne Reflexion, den Ernährer und Beschützer der 
künftigen Brut zu erhalten. Demzufolge ist die eheliche 




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214 



Das Weib als „Schatz". 



Treue dem Manne künstlich, dem Weibe natürlich, und 
also Ehebruch des Weibes, wie objektiv, wegen der Fol- 
gen, so auch subjektiv, wegen der Naturwidrigkeiten viel 
unverzeihlicher als der des Mannes." (Schopenhauer, Welt 
als Wille und Vorstellung.) 

Dieser eminente Unterschied findet auch sprachlich 
seinen Ausdruck. Der Mann behielt dieselbe Bezeichnung, 
ob er ein Weib „nahm" oder keines „besaß", er wurde 
nicht aus „Herrlein" „Herr", wie sie aus „Fräulein" 
„Frau"; er war Herr und blieb Herr, die Ehe änderte auch 
seinen Familiennamen nicht, sie aber erhielt den Namen 
des Mannes, dem sie sich „zu eigen gab" und dem sie „an- 
gehörte". Alles das entwickelte sich nicht aus beabsichtig- 
ter Willkür, sondern weil im Kampfe der Geschlechter in- 
folge der biologischen Vorbedingungen der Mann in der Of- 
fensive sich leichter zum starken Geschlecht entwickeln konnte 
als das sich wehrende Weib. Die Lage des Weibes wäre 
eine noch viel ungünstigere geworden, wenn der Mannes 
nicht so sehr geliebt hätte, wenn er es nicht als sein kost- 
barstes Gut begehrt hätte, dessen Wert er am besten selbst 
bezeichnete, wenn er es in allen Sprachen mit „mein 
Schatz", anredete. 

Als das Weib diesen seinen Wert erkannte, und das 
muß sehr früh gewesen sein, waren damit auch ihr die Mittel 
gegeben, den Kampf der Geschlechter erfolgreich aufzu- 
nehmen. Die Mittel, über die s i e dann verfügte, waren der 
Widerstand, aktiver und passiver Widerstand, das Sichver- 
sagen oft nach vorhergegangener Lockung, das Stellen 
von Bedingungen und Prämien für ihren als so wertvoll 
anerkannten Besitz. Wie sehr dies auch noch heute zu- 
trifft, verrät sich deutüch in dem Artikel, den die SchriftsteU 
lerin von Kahlenberg vor kurzem über die Sinnlichkeit 



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Die Macht des Weibes. 



215 



des Weibes veröffentlichte. Sie schreibt: „Die Frau ist sich 
ihrer Macht über den Mann, die seine Sinnlichkeit ihr 
gibt, bewußt und nützt sie aus, heiter, gelassen und wenn 
sie klug ist, sparsam! Er soll betteln, begehren, soll der 
Werbende, Empfangende bleiben. Sie hat recht. Wenn sie 
ihm dazu noch weißmachen kann, daß sie seine ihr ko- 
mischen oder angenehmen Steigerungen teilt, wenn sie die 
Technik der Liebe — es liegt schon so viel Kaltblütigkeit 
und Wissenschaftlichkeit in dem Wort — beherrscht, ist 
er ihr rettungslos, auf Gnade und Ungnade verfallen. Sie 
besitzt etwas, was er haben muß, wofür er immer noch, 
auch im zwanzigsten Jahrhundert, die größten Opfer bringt, 
und er hat kein Äquivalent; sie ist von ihm frei, ist von 
etwa gleichwertigen Trieben in keiner Weise abhängig. Das 
ist wirklich Macht — eine Macht, wie sie ähnlich kein 
Stimmzettel der Welt verleihen kann." 

In der vortrefflichen Monographie: „Sadismus und 
Masochismus" sagt Albert Eulenburg: „So lange 
der den eigenen Begierden gegenüber widerstandsfähige Mann 
noch „verliebt", d. h. im wesentlichen so lange sein ge- 
schlechtliches Begehren noch ungestillt ist, kann ein be- 
rechnendes, schlau versagendes und verheißendes Weib 
alles mit ihm machen, ihn (wie Lili ihren „Bären") trium- 
phierend herumführen." 

So sehen wir denn, daß aus dem Kampf, den Mann 
und Weib als Geschlecht und als Individuum miteinander 
führten, bald das eine, bald das andere siegreich hervor- 
ging. Kam man zu einem Friedensschluß, zur Vereini- 
gung, so beruhte das Bündnis, selbst wenn dem Du das 
Ich ebenso anziehend erschien, wie das Ich dem Du, meist 
auf einem Kompromiß, indem beide Teile gleichzeitig ge* 
wannen und verloren. 



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216 



Geschlechtsordnungen 



Verfolgen wir den Kampf, den ein Geschlecht um 
das andere und mit dem andern führte, über die Zeiten 
historischer Überlieferung zurück bis in jene früheren 
Perioden, aus denen nur noch die Wortbildung kündet, 
was war, so ist es kaum zweifelhaft, daß es nicht so sehr 
das Biologische direkt, als das im Biologischen begründete 
kapitalistische Übergewicht war, dem der Mann seine 
Herrenstellung zu verdanken hat. 

Die Unfreiheit des Weibes begann erst, als der Mann 
ihr „Ernährer" wurde. Bedeutet doch der Mann in den 
meisten Sprachen — wie im Französischen l'homme, im Eng- 
lischen man — dasselbe wie Mensch, während dife Familie 
(wie famulus usw.) von fames = Hunger ihren 
Namen hat und gleichbedeutend ist mit den Nahrungsbe- 
dürftigen. Auch in dem sachlichen Vorzeichen „das", wie 
in den Worten: „das" Weib und „das" Frauenzimmer 

— einem noch zu Lessings Zeiten allgemein üblichen Aus- 
druck — drückt sich der Standpunkt aus, von dem der 
primitive Mann das Weib sah, das er bei manchen Völ- 
kern sogar verschenken und verkaufen konnte. Noch heute 
verspricht die Frau bei der Eheschließung in England dem 
Manne „to love, to serve, and to obey." 

Um sich ihr lebendiges Eigentum zu sichern, gelang- 
ten die Männer schon auf verhältnismäßig früher Kultur- 
stufe dahin, sich auf Grundlage der gegebenen Dreieinheit 

— Vater, Mutter und Kind — Sexualordnungen zu schaffen. 
Wie bei den Vögeln mit der Liebe der Nestbautrieb er- 
wacht, so entwickelten sich beim Menschen in Verbindung 
mit seinen sexuellen Bedürfnissen die Triebe, die ihn dazu 
führten, sich in Haus und Hof ein Nest zu gründen, aus 
deren Vielheit schließlich Städte und Staaten wurden. 

Im einzelnen zeigen die Geschlechtsordnungen nach 



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Altjungfertum und Prostitution. 217 

Ort und Zeit eine ganz enorm mannigfaltige Gestaltung, 
vor allem hinsichtlich der Stellung der Frau. Nur eins war 
konstant: was der Gebrauch, die Sitte der betreffenden 
Gegend und Zeit war, galt auch alsbald als sittlich — 
nicht nur int Sinne des alten Sprichworts: ländlich sittlich — , 
sondern im Sinne des noch heute so viel Verwirrung an- 
richtenden Begriffs der „Sittlichkeit". 

Die Zustände jedes Volkes und Landes sind nicht als 
sittlich oder unsittlich in sich begründet. Sie erhalten diesen 
Stempel von der Zeitanschauung. Die unsrige schuf die 
Extreme des Altjungfertums und der Prostitution und in 
deren Gefolge viele seelische Störungen und Geschlechts- 
krankheiten, für die nicht sowohl die Natur, als vielmehr 
die herrschende Sitte verantwortlich gemacht werden muß. 

Greifen wir aus der Fülle sexualmotorischer Formen und 
Gebräuche einige heraus, so war es sicherlich ein Fortschritt, 
als der Mann den lange über die Zeit der vorstaatlichen Hor- 
den hinaus weit verbreiteten' Frauenraub, die auch heute in 
manchen Ländern noch nicht ganz erloschene Entführungs- 
sitte, aufgab, um das erwählte Objekt auf mehr gütlichem 
Wege zu erwerben, indem er es gegen andere Wertgegen- 
stände, meist Getreide oder Vieh oder gegen Metallstücke, 
also Geld, eintauschte. Es gibt eine ganze Reihe von Völ- 
kern, bei denen sich der Frauenkauf und -tausch oft für 
höchst sonderbare Artikel, wie Felle, Butter, Flinten bis auf 
die Gegenwart erhalten hat, und Bloch meint wohl nicht 
, mit Unrecht, daß sich in der Prostitution noch ein Rest 
der Kaufehe in Verbindung mit der Zeitehe („Stundenehe"), 
in unsere Kulturperiode verpflanzt hat. Noch heute kosten 
Kaffernbräute 5—30 Kühe, für Häuptlingstöchter hat man 
sogar schon an 100 Rinder bezahlt. Ratzel sagt darüber: 
„Die tiefste Wurzel hat diese Sitte dabei nicht etwa im 



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218 



Sitte und Sittlichkeit. 



Herzen der Männer, sondern vielmehr in dem der Weiber, 
in welchen das Gefühl ihres Wertes mit der Zahl der 
Rinder sich erhöht, um welche sie gekauft werden." Und 
Bö Ische, der diese Äußerung zitiert, fügt hinzu: 
„Ist die Frau in der Ehe besonders leistungsfähig, was 
Arbeit und Kindersegen angeht, so kommen nicht selten 
die Angehörigen noch mit einer Nachforderung. Umge- 
kehrt ereignet es sich, daß der Mann dem Schwiegervater 
die Tochter als unbrauchbar heimschickt und um Rück- 
zahlung der Kaufsumme anhält. Geht der Alte nicht darauf 
ein, so degradiert jetzt der Mann die Frau zur Sklavin. " 
Während bei uns der Schwiegervater eine „Mitgift" leisten 
muß, erhält derselbe bei den Zulukaffern einen Kaufpreis. 
„Lieblich mischen sich hier die Melodien aus den Hirten- 
bildern des alten Testaments ein," fährt Bölsche fort, — 
„In der Sage von Jakob, der um die Rahel freit, hast Du 
den Frauenkauf in seiner idyllischsten Form." 

Der Wert der Frauen regelt sich augenscheinlich in 
erster Linie nach „Angebot und Nachfrage". Ein Beispiel 
hierfür gibt uns Emin Pascha in einem Bericht aus 
Uganda, in dem es heißt: „Die Frauen sind so zahlreich 
hier, und so wenig Wert wird auf sie gelegt, daß ich 
gestern zu meinem Erstaunen bei meinen schwarzen Trä- 
gern Frauen fand, und als ich fragte, wessen Eigentum sie 
seien, zur Antwort erhielt: sie haben sich zu uns gefunden 
und leben nun mit uns. — Handelt es sich um eine Heirat, 
da gilt es nicht, die Frau zu erkaufen, sondern man ver- 
langt ganz einfach vom Vater die Tochter, und er gibt 
sie schon ohne Entgelt. Auch kommt es vor, daß Mäd- 
chen ohne weiteres in irgendein Haus gehen, sich dort 
als Frau des Hausherrn installieren und mit ihm zusam- 
menleben. Solche Verhältnisse haben nichts Anstößiges 



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Liebe und Geld 



219 



und werden von beiden, dem Vater und dem Gatten, als 
völlig bindend anerkannt. — Besonders hervorstechend 
aber in dieser Beziehung sind die Schwestern der Könige, 
die sich dem Gesetze nach nicht verheiraten sollen und mit 
großer Ungeniertheit ihrem Privatvergnügen nachzugehen 
pflegen." 

Berücksichtigt man, wie untrennbar von dem Mo- 
ment ab, wo Liebe und Geld existierten, beide als er- 
strebter Besitz in vielfach wechselnden, aber stets vorhan- 
denen Beziehungen miteinander verbunden waren, so wird 
man es begreifen können, daß es auch heute noch Völker 
gibt, bei denen der Prostitution der Makel der Schande 
gar nicht oder nur in sehr geringem Grade anhaftet. So er- 
zählt R. Michels : 67 ) 

„Es hat mich immer interessiert, wie ganz anders die 
Asiaten zur Frage der Sinnlichkeit stehen. Dort ist die 
„Prostitution" keine Schande wie bei uns, sondern etwas 
ganz Natürliches. Und die Freudenmädchen im „Yoshi- 
wara" in Tokio sitzen in ihren goldenen Käfigen mit so 
viel Schönheit, Würde und Harmlosigkeit und sprechen und 
winken fast herablassend zu all den vorbei drängenden und 
sie anstarrenden fremden Damen. Das wird einem nur 
dann verständlich, wenn man begreift, daß dort keiner dies 
Gewerbe als „Schande" empfindet. Es gibt ein Yoshiwara 
in jeder japanischen Stadt. Die Mädchen werden von den 
Eltern auf fünf Jahre für, ich glaube, neunhundert Yen an 
die Freudenhäuser vermietet. Danach kehren sie wohlge- 
mut, mit Geschenken überhäuft, ins Elternhaus zurück, um 
sich bald zu verheiraten. Sie machen die besten 

Ä7 ) Robert Michels, Die Grenzen der Geschlechtsmoral. 
München u. Leipzig 1911. 



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* 



EhesiHen 



Partien, denn der Mann verspricht sich Großes von 
ihrer „ars amandi a . a 

In vielen Ländern erhöhte sich der Wert der Männer 
zu Ungunsten der Frauen so sehr, daß schließlich nicht 
mehr die Frauen, sondern die Männer Geld kosteten. Je 
angesehener ihr Stand, je höher ihr Titel, je eleganter ihr 
Äußeres, um so höher standen sie im Preise. Diese völlige 
Umkehrung der Volkssitte rührte zum Teil davon her, daß 
die Ehe für den Mann zur Stillung eines Naturtriebes, zur 
Erlangung eines Wirkungskreises keine solche Notwendig- 
keit bildete, wie für die Frau. Er „fiel" nicht, wenn er vor 
der Ehe verkehrte; er blieb eher sitzen, wenn er heiratete, 
sie dagegen, wenn sie nicht heiratete. Der Mann verlor, 
die Frau gewann in der Ehe an Freiheit. Es ist nicht mög- 
lich und in diesem Buche nicht der Platz, auch nur im 
entferntesten eine Übersicht der Ehesitten zu geben, wie 
sie uns auf der Erde in größter Mannigfaltigkeit entgegen- 
treten. Nur eine der eigentümlichsten Formen der Ehe- 
schließung sei noch erwähnt, die namentlich bei uns in 
Deutschland im Mittelalter weit verbreitet war: Das Los- 
bitten zum Tode verurteilter Verbrecher durch sogenannte 
Kriminalbräute. Fand sich ein Weib, das bereit 
war, einem dem Henker Verfallenen als Ehegattin ins Exil 
zu folgen, so rettete sie ihm das Leben. Innerhalb zweier 
Monate stand ihr noch das Recht zu, von ihrer ersten 
Meldung bei der Gerichtsbehörde zurückzutreten. Tat sie 
es nicht, dann wurde die Ehe geschlossen, und der Ver- 
brecher war für immer frei. Nicht wenige „alte Jung- 
frauen" sahen in diesem seltsamen Gebrauch einen Ret- 
tungsanker. Boshafte Chronisten bemerken bei Schilderung 
solcher Vorkommnisse nicht selten, man dürfe getrost an- 
nehmen, daß eine derartige Heirat eine schlimmere Strafe 



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Liebe und Pflicht. 



221 



gewesen sei als der Tod. Geliert legt in seinen „Mo- 
ralischen Erzählungen" einem Verurteilten die Worte in den 
Mund: 

„Ihr werdet mich zeitlebens quälen, 

Ich seh's Euch an! 

Was will ich lange wählen? — 
Haut zu! — So komm' ich doch der Qual auf 

einmal los!" 

Ob aber der Mann einen Kaufpreis gab oder eine Mit- 
gift erhielt, ob er sich die Frau kaufte oder sich der Frau 
verkaufte, in jedem Fall war er bemüht, dafür zu sorgen, daß 
das, was ihm gehörte, ihm auch verblieb. Er erfand den 
Begriff der „ehelichen Pflicht". Liebespflicht, Liebe und 
Pflicht, ist ein Widerspruch in sich selbst, da nur frei- 
willige Liebe auf die Bezeichnung „Liebe" Anspruch erheben 
kann. Mit Recht sagt Rüdebusch in seinem gehalt- 
vollen Buch „Freie Menschen in der Liebe und Ehe": „Wo 
bleibt der Reiz des Werbens und Gewährens, wenn die 
innige Vereinigung zur ehelichen Pflicht wird," und ebenso 
treffend bemerkt einmal Heinrich Heine zu Fanny 
Lewald: „Die Liebe befestigt kein Mietskontrakt, sie be- 
darf der Freiheit, um zu gedeihen." 

Nirgend, so sehr verschiedene Machtfaktoren es auch 
erstrebten, gelang es jedoch, die Ehe zur alleinigen Stätte 
sexueller Vereinigung, geschweige denn der Liebe, zu er- 
heben. Überall und in allen Zeiten bestand und besteht 
daneben eine sehr weitgehende Promiskuität; immer gab 
es Männer, die in ihrem Leben mit weit über 100 Frauen, 
Frauen, die mit noch weit mehr Männern sexuellen Ver- 
kehr gepflogen hatten; überall machten die außer der Ehe 
empfangenen Kinder einen nicht unbeträchtlichen Bruchteil 
der Geborenen aus. 



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222 



Sexuelle Gleichberechtigung 



Neuerdings sucht die Frau ihre Lage dadurch zu ver- 
bessern, daß sie mehr und mehr wirtschaftliche, intellektuelle 
und soziale Selbständigkeit und Unabhängigkeit vom 
Manne anstrebt. Gelingt ihr dies, und sie scheint auf gutem 
Wege, so wird dies für sie einen großen Schritt vorwärts be- 
deuten in der Erkämpfung sexueller Gleichberechtigung.. 
Statt Erkämpfung könnte man hier auch Wiedererlangung 
setzen, denn es spricht vieles dafür, daß das Weib in den 
Zeiten des Matriarchats — der Mutterfamilie — , als Mann 
und Weib, wenn auch nicht gleichartig, so doch gleich- 
wertig und vor allem gleichberechtigt ein Nomadenleben 
führten, ungleich mehr Sexualfreiheit besessen hat, als ihr 
jemals später wieder zuteil geworden ist. Es waren jene 
Zeiten, von denen M u 1 1 a t u 1 i sagt: „Im Anfang waren 
alle Kinder unecht, und es kam niemandem in den Sinn, ein 
Mädchen zu verachten, weil es Mutter war. Das wäre 
nicht anders gewesen, als würde man auf eine Blume böse 
sein, weil sie sich vermaß, zu „blühen"." 

Sexualfreiheit heißt Freiheit des sexuellen Willens. 
Geht nun aber dieser sexuelle Wille dahin, möglichst keinen 
Willen zu haben, sich dem Willen des Geliebten völlig 
zu überlassen, so müssen wir auch in dieser Willenlosig- 
keit noch einen Willensausdruck erblicken. Tatsächlich 
stärkt ja die Liebe nicht nur den Willen, die Aktivität, sie 
hemmt ihn auch, macht den Menschen willensschwach, 
nachgiebig, unterwürfig, unfrei, gebunden bis zur „sexu- 
ellen Hörigkeit". Unter beiden Geschlechtern gibt es in 
der Liebe geborene Herren und geborene Sklaven. 

Wenn in „Der Widerspenstigen Zähmung" die Gattin Pe« 
trucchios am Ende ausruft: „Was einem Könige ein Unter- 
tan, das schuldet eine Gattin ihrem Gatten", so entspricht 
diese Äußerung einer Zeitanschauung, die auch heute noch 



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Sexuelle Hörigkeit. 



223 



keineswegs völlig verschwunden ist. Auch unter den 
Männern gab es jederzeit solche, die sich an Unterwürfig- 
keit nicht genug tun konnten. Als Beispiel sei hier auf 
den Minnedienst des Mittelalters verwiesen, in dem die 
Aufopferung und Hingabe der Männer wahre Orgien feierte. 
„. . . die meisten dieser Helden", erzählt Wein hold, „unter- 
warfen sich jeder Weiberlaune und die verrücktesten Dinge, 
führten sie aus, um ihren Damen zu gefallen; nicht nur 
Verstümmelungen, sondern auch unsinnige Handlungen der 
sonderbarsten Art wurden bekannt. Ein solcher Liebes- 
ritter zog sich z. B., um seine Geliebte zu ehren, die 
„Loba", d. h. Wölfin, einen Wolfsbalg, über und lief 
heulend auf allen Vieren in der Nähe der Burg seiner Her- 
zensdame umher. Leider verstanden sich die Hirten und 
ihre Hunde auf den Minnedienst schlecht. Sie hieben und 
bissen ihn als einen wirklichen Wolf und richteten ihn so 
übel zu, daß er für tot in das Schloß einer andern Dame 
seines Herzens, der Loba von Puegnantier, getragen ward." 
Weinhold erzählt weiter: „Um seiner Herzdame seine 
Herzhaftigkeit zu zeigen, ließ sich Ulrich v. Lichtenstein 
einen Finger abhacken und sandte ihr denselben ausge- 
schmückt in einem prächtigen Kästchen zu; sie brach in 
Verwunderung darüber aus, daß ein verständiger Mensch 
solche Narrheit tun könne. Als junger Knabe hatte dieser 
Ritter bereits mit Entzücken das Wasser getrunken, worin 
seine Herrin sich gewaschen hatte." Und Henne am 
R h y n , welcher sich ebenfalls über den eigenartigen Lie- 
besdienst der Minnesänger ausspricht, schreibt: „Die Ge- 
liebte wurde wie eine Göttin verehrt; ihr Name wurde in 
Baumrinden geschnitten, ihre Fußspuren wurden geküßt; 
sie erhielt Namen, wie: rote Rose, weiße Lilie, Sommer- 
wonne, Glücksborn, Maientau, Osterblume, glänzender 



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224 



Die Lust am Leide 



i 



Morgenstern usw. in zahlloser Menge. Übermütige Da- 
men verlangten von ihren Anbetern hohnvoll die unmög- 
lichsten Leistungen in Herbeischaffung dieses oder jenes 
Gegenstandes oder gar einen Kreuzzug. u 

Auch jetzt noch ist bei vielen Frauen und Männern 
Liebe geradezu die Lust am Leide. Die extremsten Steige- 
rungen dieser Leidenschaft stellen eine unter dem Namen 
Masochismus oft beschriebene Erscheinung dar, eine der 
bei beiden Geschlechtern vorkommenden, und zwar häu- 
figsten Absonderlichkeiten sexuellen Fühlens. 

Wie verträgt sich nun aber dieses Aufgeben des Ich, 
diese extreme sexuelle Passivität, mit dem, was wir von dem 
egoistischen Charakter der Liebe ausführten? Um diese schein-« 
bare Gegensätzlichkeit zu erfassen, müssen wir uns wieder 
erinnern, wie unmittelbar sowohl zeitlich als ursächlich die 
zentripetale und zentrifugale Komponente des Liebesre- 
flexes einander folgen, Reiz und Lust. Um die begehrten 
Reize zu empfangen, müssen wir wie ein Gefäß uns zur 
Aufnahme bereit halten. Die Hingabe an die Reize ent- 
spricht aber der Passivität, die Lust an ihnen der Aktivi- 
tät der Liebe, und so wie Reiz und Lust in uns eins wer- 
den und außer uns eins sind, so sind auch Aktivismus 
und Passivismus in der Liebe eines jeden untrennbar mit- 
einander verknüpft, wenngleich, entsprechend der indivi« 
duellen Beschaffenheit ihrer Stärke, in sehr verschiedenen 
Verhältnissen gemischt. 

Wer einmal über das Wort Liebesdienst tiefer 
nachgedacht hat, wird erkannt haben, wie nahe in der 
Liebe das Dienen als etwas passiv Gehorchendes dem 
Dienen als aktivem Erweisen von Dienstleistungen („Ga- 
lanterie") steht. Untersuchen wir genauer das Motiv der 
Liebesbezeugungen, so werden wir finden, daß selbst die 



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Opferwilligkeit der Liebe, 



225 



Akte, die nicht unmittelbaren Reizgewinn erstreben, doch 
mittelbar den Zweck verfolgen, den Träger der Reize und 
damit diese zu gewinnen. 

Es mag die Erkenntnis, daß so selbst der Altruismus 
der Liebe dem Egoismus entspringt, daß das Gute, das 
Verliebte erweisen, sie sich selbst erweisen, für viele, na- 
mentlich für die, denen der Dank höher steht als der Oe- 
danke, etwas Schmerzliches haben. In Wirklichkeit setzt 
es aber den hohen Nutzen der Liebe für die Allgemeinheit 
keineswegs herab, wenn wir inne werden, daß die 
Opferwilligkeit der Liebe ihr als ein Lebensbe- 
dürfnis, als Funktion anhaftet, wie etwa der Lunge das 
Atmen, dem Herzen der Herzschlag. 

Liebe bedeutet in jeder Beziehung ein Übersichhinaus- 
wachsen, die größte Steigerung der in uns ruhenden Kräfte 
und Möglichkeiten. Zur Erorberung der Liebesobjekte steht 
uns aber noch ein weiteres Mittel zur Verfügung: außer 
dem, was wir tun, das, was wir sind. Je mehr jemand an 
Vorzügen bieten kann und bietet, um so größer sind seine 
Aussichten in der Liebe. So schmückt sich das Weib mit 
schönen Gewändern, der Mann mit Kenntnissen; so sucht 
sich der Mann in künstlerischem, wissenschaftlichem, poli- 
tischem, sportlichem Wettstreit hervorzutun, die Frau durch 
Leistungen und Tugenden auf anderen, neuerdings auch 
vielfach auf verwandten Gebieten, beide oft im unbewußten 
Liebeszweck, um bedeutender und begehrenswerter zusein 
oder wenigstens zu erscheinen. 

Mantega zza richtet einmal in einer seiner zahlreichen 
Schriften über die Liebe folgenden Appell an die Männer: 
„Mann, willst Du geliebt sein? So sei stark an Muskeln 
und Gedanken, an Leidenschaften, Kühnheit und Geistes- 

Hirschfeld, Naturgesetze der Liebe. 16 



226 



Sexuelle Äquivalente. 



blitzen. Eine Frau, welche bewundert, steht an der 
Schwelle der Liebe." 

Es entspricht dieser oft unbewußte Ansporn genau 
dem, was Darwin uns an vielen Beispielen aus der Tier- 
welt geschildert hat. Wie diese im Liebesdrang und Liebes- 
wettstreit ihre schönsten Farben entfalten und leuchten, ihre 
besten Liebeslieder erschallen lassen, so tut es auch der 
Mensch mit dem, was er zu bieten vermag. Darwins Mei- 
nung geht dahin, daß alle sexuellen Geschlechtscharaktere, 
alles, was der Mann vor der Frau, und sie vor ihm vor- 
aus hat, entwicklungsgeschichtlich auf diesen Wettstreit zu- 
rückzuführen sei. 

Von verschiedenen Seiten wird noch eine andere 
Wechselwirkung zwischen sexueller und geistiger Produk- 
tivität und Leistungsfähigkeit angenommen, nicht in dem 
Sinne, daß die eine die andere steigert, als vielmehr so, 
daß eins das andere ersetzen kann. Man stellt sich vor, daß 
die in uns schlummernden Sexualkräfte in andere als sexu- 
elle umgesetzt werden könnten; der entspannende Abstrom 
habe dabei nicht Sexualreize zum Ziel zentrifugaler Liebes- 
betätigung, sondern erstrecke sich auf andere, und zwar 
sehr verschiedenartige Objekte, denen er produzierend und 
schaffend gegenübertritt. Freu d 68 ) hat dafür den (übri- 
gens schon von Nietzsche im gleichen Sinne gebrauchten) 
Ausdruck „Sublimierung", Bloch den meines Erachtens 
prägnanteren „sexuelle Äquivalente" gewählt. „Aus diesen 
innigen Beziehungen zwischen sexueller und geistiger 



M ) Freud Prei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 2. Aufl., 
p. 39) bemerkt: „Die Kulturhistoriker scheinen einig üi der An- 
nahme, daß durch Hinlenkung auf neue Ziele ein Prozeß, der den 
Namen Sublimierung verdient, mächtige Komponenten für alle kul- 
turellen Leistungen gewonnen werden. 



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Sublimierung der Liebe. 



227 



Produktivität erklärt sich die merkwürdige Tatsache, 
daß gewisse geistige Schöpfungen an die Stelle des rein 
körperlichen Sexualtriebes treten können, daß es psychische 
sexuelle Äquivalente gibt, in die sich die potentielle Energie 
des Geschlechtstriebes umsetzen kann. Hierher gehören 
viele Affekte, wie Grausamkeit, Zorn, Schmerz und die pro- 
duktiven Geistestätigkeiten, die vor allem in Poesie, Kunst 
und Religion ihren Niederschlag finden, kurz, das ganze Phan- 
tasieleben des Menschen im weitesten Sinne vermag bei 
Verhinderung der natürlichen Betätigung des Geschlechts* 
triebes solche sexuellen Äquivalente zu hefern, deren Be- 
deutung in der Entwicklungsgeschichte der menschlichen 
Liebe wir noch näher zu betrachten haben." 60 ) Nach allem, 
was wir von dem Reflexmechanismus der Liebe wissen, 
hätte man sich die Sublimierung nicht, wie es meist 
geschieht, als eine Erhebung, ein Aufsteigen der geni- 
talen in die zerebrale Sphäre zu denken, sondern eher als 
ein Nichtsinkenlassen seelischer Vorgänge in geschlechtliche ; ; 
es würde also mehr eine Hochhaltung als eine Erhöhung; 
sein. Von den Dingen und Tätigkeiten, die als sexuelle 
Äquivalente angegeben werden, seien folgende angeführt: 
Kunst, Wissenschaft und Philosophie, letztere oft mit dem 
Hinweis, daß die großen Philosophen von der älteren bis 
in die moderne Zeit, von Plato und Aristoteles über 
Descartes, Spinoza, Leibniz bis zu Kant, Schopenhauer 
und Nietzsche meist unverheiratet waren. Plato selbst 
nannte das Denken einmal: „sublimierten Geschlechtstrieb*. 

Von vielen Seiten ist die R e 1 i g i o n als Ersatz sexu- 
eller Lust angesprochen worden, was v. Krafft-Ebing 
sehr präzise so ausdrückt: „Religiöser und sexueller Affekt- 
zustand zeigen auf der Höhe ihrer Entwicklung Über- 

Bloch, Sexualleben, pag. 100. 

15* 



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228 



Liebesersatz 



einstimrnung im Quantum und Quäle der Erregung und 
können deshalb unter geeigneten Verhältnissen v i c a r i - 
ieren". Nietzsche aber sagte: „Allen, denen die 
Sitte und Scham die Befriedigung des Geschlechtstriebes 
untersagt, ist die Religion als eine geistigere Auslösung 
erotischer Bedürfnisse etwas Unersetzbares." 

Ferner hat man gemeint, daß allgemeine Men- 
schenliebe, humanitäre, philanthropische, soziale Bestreu 
bungen aller Art, weiterhin Liebe zu Tieren, wobei man 
vor allem an die Zärtlichkeiten vieler alleinstehender Per- 
sonen zu Hunden, Katzen, Singvögeln, auch Pferden 
dachte, als Substitute erotischer Liebe auftreten können, auch 
leidenschaftliche Neigung zu leblosen Dingen, wie sie im 
Sammeltriebe hervortritt. Endlich hat man auch in körper- 
licher Tätigkeit, vor allem im sportlichen Wettkampf einen 
sexuellen Sublimierungsvorgang erblickt. F. Nietzsche 70 ) 
meint einmal: „. . . der Geschlechtstrieb könnte an die Ma- 
schine gestellt werden und nützlich arbeiten lernen, zum 
Beispiel Holz hacken oder Briefe tragen oder den Pflug 
führen. Man muß seine Triebe ausarbeiten. Das Leben 
des Gelehrten erfordert namentlich so etwas." 

Überblickt man diese Zusammenstellung, die auf Voll- 
ständigkeit keinen Anspruch erheben kann, so wird man 
finden, daß es eigentlich nichts gibt, wovon man nicht 
angenommen hat, daß es an die Stelle sexueller Betätigung 
treten könnte. 

In einer Beziehung läßt die Literatur über diesen 
Gegenstand allerdings vielfach zu wünschen übrig, näm- 
lich in der scharfen Umgrenzung dessen, was unter 

»°) Bd. XII. der Gesamtausgabe, Leipzig 1901, p. 149. Zitiert 
nach Bloch a. a. O. 



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Einfluß auf geistiges Schaffen 



229 



den Begriff der Sublimierung des Geschlechtstriebes 
fällt. Wir sehen nämlich, daß nicht selten auch unter 
Sublimierung die Anregung zum geistigen Schaffen ver- 
standen wird, die nicht die sexuelle Enthaltung, sondern 
im Gegenteil die Betätigung hervorbringt. Wenn bei- 
spielsweise in bezug auf künstlerische Sublimierung 
auf die Bemerkung von Krafft-Ebing verwiesen wird: 
„Was wäre die bildende Kunst und die Poesie ohne 
sexuelle Grundlage! In der sinnlichen Liebe gewinnt 
sie jene Wärme der Phantasie, ohne die eine wahre Kunst- 
schöpfung nicht möglich ist, und in dem Feuer sinn- 
licher Gefühle erhält sich ihre Glut und Wärme. Damit 
begreift sich, daß die Dichter und Künstler sinnliche Na- 
turen sind", so ist wohl klar, daß dieser Gewinn an 
schöpferischer Kraft durch die Liebe ganz anders bedingt 
sein kann als „durch Verhinderung der natürlichen Betä- 
tigung des Geschlechtstriebes" oder auch „durch Ablen- 
kung sexueller Triebkräfte vom sexuellen Ziele auf andere" 
oder dadurch, „daß ein Quantum libidinöser Triebkraft von 
der Sexualsphäre auf Gebiete peripherer Tätigkeit überge- 
führt, d. h. sublimiert wurde." 

Von Sublimierung und sexuellen Äquivalenten sollte 
man, wenn die Erörterung dieser Frage von Konfusion frei 
bleiben soll, nur bei Personen reden, die über größere 
Zeitläufte geschlechtlich enthaltsam leben, so daß also 
nicht etwa eine einfache Kraft- und Lebenssteigerung als Folge 
eines sexuellen Auslebens vorliegt, sondern begründete Ver- 
mutungen bestehen, daß die psychische Leistung mit der 
sexuellen Nichtleistung vicariierend im Zusammenhang steht. 

Wenn es zuträfe, daß die sexuelle Enthaltung die 
geistige Produktion günstig beeinflußt, so müßten die Ent- 
haltsamen geistig bedeutender sein, in Kunst, Wissenschaft 



230 



Sexuelle Abstinenz 



und den Zweigen, die als sexuelle Äquivalente gelten, mehr 
zutage fördern als Nichtabstinente. Dies trifft aber in dieser 
Allgemeinheit sicherlich nicht zu. Im Gegenteil, es hat den 
Anschein, als ob die Enthaltsamen sich auch ansonsten 
nicht durch Aktivität auszeichneten; die, welche ich beruf- 
lich sah, waren eigentümlich ängstliche, sehr um sich be- 
sorgte, scheue Menschen, nicht gerade unproduktiv, aber 
auch nicht aus ihrer Schicht hervorragend. Sie hatten alle 
selbst nicht den Eindruck, als ob durch die geschlechtliche 
Enthaltung ihre Körper- und Geisteskräfte größer seien 
oder geworden seien. Loewenfeld vergleicht in seiner 
wertvollen Erörterung der Sublimierungsfrage einmal den 
katholischen mit dem protestantischen Klerus und gelangt 
zu dem wohl zutreffenden Schluß, daß man nicht behaup- 
ten könne, daß die im Zölibat lebenden katholischen Priester 
die verheirateten evangelischen Geistlichen an Intelligenz, 
Energie und Tüchtigkeit überträfen. 

Wiederholt hat man historische Persönlichkeiten her- 
angezogen, um aus ihrem anscheinend sexuell unbewegten 
Leben den Nutzeffekt zt folgern, den dieses für ihre gei- 
stige Produktion gehabt hat. Erst neuerdings verwiest 
Eulenburg in diesem Sinne in der Dresdner Diskussion 
über die sexuelle Abstinenzfrage auf die großen „Zöliba- 
tarier" der Weltgeschichte. 70fc ) Ich habe demgegenüber be- 
reits damals geltend gemacht, daß eheliches Zölibat und 
sexuelle Enthaltung nicht gleichzusetzen seien, daß wir viel 
zu wenig über diese intimsten Vorgänge im Leben jener 
großen Männer wüßten, um für die so komplizierte Frage 



70a ) Verhandlungen der Achten Jahresversammlung der Deutschen 
Oesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten in Dresden 
am 10. u. 11. Juni 1911 In der Zeitschrift für Bekämpf, der Geschlechts- 
krankh. XIII. Bd. Leipzig 1911, pag. 7ff. 



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Da9 Geniale und Genitale. 



231 



der Sublimierung daraus Schlüsse ziehen zu können. Selbst 
wenn es aber zutreffen sollte, daß bei einzelnen bedeutenden 
Persönlichkeiten das Geniale völlig das Genitale absor- 
biert, ist zu bedenken, daß für diese Höhen- und Aus- 
nahmemenschen Gesetze obwaltend sein könnten, die für 
das Gros keine Gültigkeit haben, ganz abgesehen davon, 
daß die Zahl der bedeutenden Männer und Frauen we- 
sentlich größer ist, bei denen ein starkes Liebesleben mit 
ebenso intensivem Geistesleben verbunden war. 

Am ehesten scheint es noch, daß zwischen geistiger 
und körperlicher Fruchtbarkeit insofern eine Wechselwir* 
kung besteht, als auffallend häufig geniale Menschen so- 
wohl hinsichtlich der Qualität als der Quantität ihrer Nach-» 
kommenschaft von geringer Leistungsfähigkeit sind. Wenn 
nicht in ihnen selbst, so endet in der übergroßen Zahl der 
Fälle ihr Stammbaum mit ihren Kindern oder Enkeln. 

In der Sprache verrät sich, daß man Zusammenhänge 
zwischen geistigem und körperlichem Zeugen schon sehr 
früh ahnte. Genus — das Geschlecht und genius — der Geist 
leiten sich beide von ysvv&v = zeugen ab; Zeugung und 
Überzeugung, Brunst und Inbrunst, die doppelte Anwen- 
dung von Worten, wie Schaffen und Fruchtbarkeit lehren, 
wie nahe sich in der Vorstellung die schöpferische Tätig- 
keit der Hirn- und „Hodenhemisphären* 71 ) berührte. Alles 
in allem will es uns bedünken, daß wir über die Umsetzung 
sexueller Spannkräfte in Energien, die auf anders gearteten 
Gebieten liegen, bisher recht wenig Zuverlässiges aussagen 
können. 

Zwei Punkte müssen allerdings als Ausnahmen her- 

") Bloch erwähnt loc. dt. pag. 99, daß man im Zeitalter der 
Schellingschen Naturphilosophie von den Hodenhemisphären ge- 
radezu als von einer Analogie der Hirnhemisphären sprach. 



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232 



Umsetzung sexueller Spannkräfte 



vorgehoben werden: erstens die Substituierung erotischer 
Empfindungen und Triebkräfte durch religiöse, und zwei- 
tens die teilweise Umgestaltung sexu- 
ellen Drangs in einen rein motorischen. 
Was zunächst das religiöse und sexuelle Gefühl betrifft, so 
besteht zwischen beiden Affekten eine große Verwandt- 
schaft. Beiden sind seit altersher dieselben Ausdrücke 
eigen. Ist jemand von starker Liebe zu einem Menschen 
erfüllt, so „betet er ihn an a , er „vergöttert" ihn. Der Mann 
betrachtet seine Geliebte wie eine „Heilige", er fühlt sich 
durch sie „beseligt", bringt ihr die größten „Opfer", und 
Anreden, wie mein „Engel", „mein Abgott" sind nichts 
Ungewöhnliches. 

Umgekehrt macht die inbrünstige Hingabe an die Gott- 
heit, den Schöpfer, den Erlöser, an die unbefleckte Jung- 
frau Maria, die Heiligen, bei heidnischen Völkern die An- 
betung der Götzen und Fetische oft den Eindruck ero- 
tischer Substitution. In früheren Zeiten war es förmlich 
Sitte, „ins Kloster zu gehen", um dort in der himmlischen 
Liebe Trost zu finden für den Verlust einer irdischen. Statt 
einem geliebten Menschen „weihte" man sich einem höheren 
Wesen. 

Auch inbezug auf die sexuellen Gefühlsanomalien und 
Hypertrophien finden sich im religiösen Leben auffallende 
Analogien, so zwischen der Reliquienverehrung und dem 
Fetischismus, zwischen religiösem und sexuellem Flagel- 
lantismus, zwischen den Selbstkasteiungen und maso- 
chistischen Praktiken, zwischen den im Namen der Religion 
und der Liebe verübten Grausamkeiten, wie sie in den 
Hexen- und Ketzerverbrennungen beredtesten Ausdruck 
fanden. In Heiligenlegenden, alten Gebeten und Kirchen- 
liedern finden sich nicht wenige Stellen, in denen die Schil- 



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Erotische und religiöse Exstase. 



233 



derung der religiösen Ekstase der der sexuellen zum Ver- 
wechseln gleicht. Nur einige wenige Zitate seien heraus- 
gegriffen. So heißt es in den Schriften der Mechthild 
von Magdeburg (1212 — 1277) 72 ): „O, Herr, minne 
mich gewaltig und minne mich oft und lang; je 
öfter du mich minnest, um so reiner werde ich; je gewal- 
tiger du mich minnest, umso schöner werde ich; je länger 
du mich minnest, umso heiliger werde ich auf Erden." Gott 
antwortete: „Daß ich dich so oft minne, das habe ich von 
meiner Natur, denn ich bin selber die Liebe. Daß ich dich 
gewaltig minne, das habe ich von meiner Begier, denn: 
auch ich begehre, daß man mich gewaltig minne. Daß ich 
dich lang minne, das ist von meiner Ewigkeit, denn ich 
bin ohn* Ende." 

Die heilige Agnes widmet „ihrem himmlischen 
Bräutigam" folgende Worte: 73 ) 

„Entbrannt in Deine Schöne, Geliebter, Lieg 

ich, erkrankt von Liebe Ich schmachte, verschmachte 

Komm, Ersehnter, und labe die Sieche mit freund- 
lichem Zuspruch. — — Laß mich ruhen, Geliebter, an 

Deinem Busen, und langsam Trinke die Seele hinweg 

in einem schmerzlichen Kusse!" 

ChristineEbner träumte sogar, „daß sie unseres 
Herrn schwanger geworden sei". In römisch-, mehr noch 
in griechisch-katholischen Kirchen hat man oft Gelegenheit 
zu sehen, mit welcher Innigkeit Frauen und Mädchen Küsse 
auf Antlitz und Füße der Heiligenbilder pressen. 

n ) Zitiert nach E. B 1 e u 1 e r , „Jahrbuch für Psychoanalytische 
und Psycho-Pathologische Forschungen". 1911, p. 203. Vgl. auch den 
trefflichen Artikel von Lydia Stöcker: „Mystik und Erotik" in „Die 
neue Generation", 8. Jahrg. 1912, Heft II. 

7S ) Stiert nach Kosegartens Legenden. 



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234 



Oraf Zinzendorf. 



Eines der krassesten Beispiele der Übertragung von 
erotischen Empfindungen auf religiöse Schwarmgeisterei 
schildert ausführlich der Züricher Pfarrer Dr. Oskar 
Pf ister in dem Werke „Die Frömmigkeit des Grafen 
Ludwig von Zinzendorf". Pfister führt unter vielem an- 
dern aus Zinzendorfs Schriften und Liedern Stellen an wie 
„Der Mensch ist Braut, und Gott ist Bräutigam". Ein Ge- 
bet zu Jesus versichert: „Mein Braut-Herz hält sich keusch, 
mir g'nügt an deinem Fleisch". In einem Liede heißt 
es: „Reiner bräutgam meiner seelen, tilge fremder Liebe 
flamm, laß mich deine lieb erwehlen, auserwehlter bräuti- 
gam! Welcher unter allen denen, die natur verbinden kann, 
die sich nach geliebten sehnen, welcher gleichet meinem 
mann? Aber deines mundes küsse, die voll lieblichkeiten 
sind, schmecken einem himmel süße, wenn man dein ver- 
wehntes kind", und in einem andern Liede: „Wenns aber ans 
umarmen geht, ans küssen und ans herzen, so zieht der 
Sohn als ein magnet, und macht ihr liebes-schmerzen, der 
braut, die Er für sich erschuf, und ihr zum ewigen behuf, 
sich ihr selbst e i n n a t u r t e." 

Es liegt zweifellos viel Wahres darin, wenn ein so 
gründlicher Kenner der sexuellen Kulturentwicklung wie 
Iwan Bloch (Sexualleben p. 105) meint: „In gewissem 
Sinne kann man die Geschichte der Religionen als Geschichte 
einer besonderen Erscheinungsform des menschlichen Ge- 
schlechtstriebes, besonders in einer Wirkung auf die Phan- 
tasie und ihre Gebilde bezeichnen", oder wenn die Ge- 
brüder Goncourt in einer ihrer geistvollen Schriften 
sagen: „Die Religion bildet einen Teil des weiblichen Ge- 
schlechtslebens." 

Sind wir uns über die engen psychologischen Be- 
ziehungen klar, welche zwischen der Hingabe an ein gött- 



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Liebe als Sünde. 



235 



liches und der an ein menschliches Wesen bestehen, Be- 
ziehungen, die noch durch sehr viele Beispiele er- 
härtet werden könnten, so wird uns auch der fa- 
natische, jahrtausendelange Kontrainstinkt begreiflich, mit 
dem die Prediger der Gottesliebe die fleischliche Liebe 
verfemten und verfolgten. Es ist wohl zu weit gegan- 
gen, wollte man sagen, daß die Priester das nächst 
der Ernährung heftigste Bedürfnis der Menschen zur Sünde 
stempelten, weil sie von der Sünde lebten, oder wenn ein 
moderner Autor sich ausdrückt: „Die Priester vertraten die 
asketische Anschauung, um ihre eigene Daseinsberechtigung 
zu begründen." Richtig aber ist, daß die Religionen Men- 
schen brauchten, die sich für schuldbewußt, schwach, 
schlecht, gebunden und elend hielten, die von Unruhe, 
Reue, Zerknirschung und Zweifeln erfüllt waren, und durch 
nichts war dies leichter zt bewerkstelligen — es geschah 
dies vielleicht mehr unterbewußt als wissend — , als wenn 
dem Geschlechtsbedürfnis als dem vitalsten Drang der 
Charakter von etwas Niedrigem, Gemeinem, Sündhaftem, 
von etwas Dämonischem, Heimlichem und zugleich Un- 
heimlichem gegeben wurde. Nietzsche sagt einmal in 
„ Menschliches, Allzumenschliches": „In allen pessimisti- 
schen Religionen wird der Zeugungsakt als schlecht an sich 
empfunden. Alles Natürliche, an welches der Mensch die 
Vorstellung des Schlechten, Sündhaften anhängt (z. B. in 
betreff der Erotik) belästigt, verdüstert die Phantasie, gibt 
einen scheuen Blick, läßt den Menschen mit sich selbst 
hadern und macht ihn unsicher, vertrauenslos gegen sich 
selbst. Selbst seine Träume bekommen einen Beigeschmack 
des gequälten Gewissens." 

Sexuell ausgeglichene Menschen fühlen sich harmo- 
nisch. Harmonische aber konnte die Kirche nicht gebrau- 



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236 



Das Weib als Sünde. 



chen, wenigstens nicht solche, die ihr Glück in der Liebe 
zu etwas Anderem als zu Gott fanden. 

So handelte von ihrem Standpunkte aus die Kirche 
völlig konsequent, wenn sie von ihren Dienern den Zöli- 
bat forderte, wenn sie die Abtötung des Fleisches pre- 
digte, die viele bis zur Selbstverstümmelung trieben, 
wenn sie die Ehe als einen niedrigen Stand und gele- 
gentlich das Weib schlechthin als die Sünde bezeichneten. 
Noch der gelehrte Kirchenhistoriker Joh. Gottfried 
Arnold (gest. 1714) vertrat die Auffassung, „daß 
fleischliche Liebe die Liebe zur himmlischen Sophia zer- 
störe". Luther scheint die enge Wechselwirkung, diei 
zwischen sexueller Enthaltung und religiöser Betätigung 
besteht, nicht völlig erkannt zu haben, als er erklärte: 
„Wer den Naturtrieb wehren will und nicht lassen 
gehen, wie Natur will und muß, was tut er anders, denn 
er will wehren, daß Natur nicht Natur sei, daß Feuer 
nicht brenne, Wasser nicht netze, der Mensch nicht esse, 
noch trinke, noch schlafe." Das Gleiche gilt für einen vor- 
bildlichen Prediger unserer Tage, F r e n s s e n , der im 
„Schlußwort zu Hilligenlei" sagt: „Die Sinnlichkeit ist 
nicht Sünde, sondern ganz im Gegenteil ein Schmuck des 
Lebens, eine Gabe Gottes, wie Frühling- und Sommer- 
wind; man soll sie mit gutem Gewissen und Freude ge- 
nießen und soll sie gesunden, erwachsenen Menschen, die 
sie begehren, von Herzen wünschen, wie man ihnen den 
Anblick des Meeres wünscht, und daß der Herbstwind 
ihnen um die Stirn weht." Solche Aussprüche aus geist- 
lichem Mund gehören zu den größten Seltenheiten. Die 
Mehrheit protestantischer Geistlicher geht in dieser Frage 
nicht mit Luther, übertrifft vielmehr an Zelotismus noch 
den katholischen Klerus. 



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Enthaltung oder Mäßigkeit. 



Da die Forderung sexueller Enthaltung an Stelle der 
antiken Empfehlung sexueller Mäßigkeit sich für die 
meisten auf die Dauer als etwas Undurchführbares er- 
weisen mußte, man andererseits aber wohl empfand, wie 
sehr die Erhaltung dieser Sünde für das Bewußtsein sünd- 
hafter Gebundenheit notwendig war, wurde mit diesem 
Verlangen zugleich auch ein Keim zu der großen Unwahr- 
haftigkeit gelegt, welche das ganze Sexualleben durchsetzt. 
Befremdlich erscheint es zunächst nur, muß aber auch 
psychobiologisch begründet sein, wie stark sich die aske- 
tische Suggestion von der Sündhaftigkeit des Geschlechts- 
lebens von Generation auf Generation vererbte, so stark, 
daß viele, die sich im übrigen längst von den priesterlichen 
Vermittlern dieser Lehre abgekehrt hatten, fest daranhieltem 
wie an einem unerschütterlichen Dogma, ohne jemals auch 
.nur eine Erklärung zu fordern, worin denn der Schade 
einer nicht ansteckenden und nicht zu häufigen Sexualbetä- 
tigung zu erblicken sei. Man kann schon daraus mit 
Recht folgern, daß das Keuschheitsgebot auf einen emp- 
fänglichen Boden fiel; es mußten unbedingt noch andere 
als religiöse und metaphysisch-mystische Ursachen vor- 
handen sein, die dem reflektorischen Vorgang einen so 
hemmenden Widerstand entgegensetzten. 

Diese psychologischen Hemmungsmechanismen der 
Libido sind teils instinktiver, teils intellektueller, teils auch 
suggestiver Natur. Ihr mehr gefühlsbetonter als verstandes- 
mäßiger Charakter verrät sich meist sehr deutlich in sub- 
jektiven Ausdrücken des Widerwillens. Worte wie: ab- 
stoßend, abscheulich, ekelhaft, furchtbar, gräßlich, entsetz- 
lich sind in vielen auf objektive Wissenschaftlichkeit 
mit Unrecht Anspruch erhebenden Schriften der Medico- 
Theologen, wie N y s t r ö m sie treffend charakterisierte, an 



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238 



Wurzeln der Askese 



der Tagesordnung. Sehr bezeichnend ist, daß in einem der 
verbreitetsten Bücher dieser Kategorie der Schwede Rib- 
bing'**) ausführt, daß „eine Reihe von ernsten und wohl- 
gesinnten Menschen zu dem Schlüsse gekommen seien, daß 
die ganze geschlechtliche Lebensäußerung als unheilvoll, 
verleitend und erniedrigend zu betrachten sei; sie hätten, 
(vielleicht wohl etwas übereilt, wie Ribbing hinzufügt), aus- 
gesprochen, die Fortpflanzung des Menschengeschlechts 
hätte nicht sollen an eine geschlechtliche Paarung und Ver- 
mischung gebunden sein". 

Welches aber sind nun wohl die biologischen Wur- 
zeln der Askese? Da kommen recht verschiedenartige Mo- 
mente in Betracht, die oft nur mittelbar, nicht aber un- 
mittelbar antihedonistisch wirken. So erhöhte oft genug 
der die Spannung steigernde Widerstand die Begierde nach 
und damit die Lust der Entspannung. Nicht selten gingen 
die Exzesse der Enthaltung in Exzesse der Ausschweifung 
über. Aber selbst wo es nicht zur Sprengung der Hem- 
mungen kam, trug der Kampf mit dem „Dämon der Un- 
keuschheit", das Liebesmartyrium, vielfach den Charakter 
der Lust am Leide, was ein Widerspruch in sich wäre, 
wenn es sich nicht um die Liebe handeln würde. Sehr bezeich-, 
nend sind die Worte, mit denen Hans Dankberg sein 
kluges Buch vom „Wesen der Moral" schließt. Sie lauten: 
„An die Konstruktion der Moral hat das Genie der 
Menschheit seinen besten Willen und seine beste Kraft ge- 
setzt. Und dann, wo blieben die Farben und Formen des 
Lebens, wo der lockende Reiz der Sünde 
ohne Moral?" 

Der masochistische Einschlag der Askese dringt dem 

7U ) Seved Ribbing, Vorträge über sexuelle Hygiene und Ethik, 
pag. 4. 



■ 



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Reiz des Verbotenen. 



239 



Träger der Empfindung meist ebensowenig in das Ober- 
bewußtsein, wie ihr sadistisches Gegenstück, der Drang, im 
Liebesleben Personen um ihrer Neigung willen zu er- 
niedrigen. Aber selbst Verfolgungen, Auferlegung von ent- 
ehrenden Strafen wirken nicht selten luststeigernd. Was 
man leicht haben und besitzen kann, gewährt keinen so in- 
tensiven Genuß als das, was unter Gefahren errungen 
werden muß. Das Verbotene, Heimliche reizt, „schmeckt 
süß a und verleiht dem Ziel der Sehnsucht den Zauber des 
Romantisch- Mystischen. Die Leiden und das Glück einer 
Liebe verhalten sich meist in ihrer Stärke proportional. Das 
Goethesche „Leid will Freud, Freud will Leid haben" hat 
im Sexualleben volle Gültigkeit. Es nähert sich dem, was 
Eduard von Hartmann einmal dahin formulierte: 
„Es gibt keine Lust, die nicht einen Schmerz enthielte, und 
keinen Schmerz, mit dem nicht eine Lust verknüpft wäre." 

Eng verbunden mit dem sadistischen Liebeshaß ist 
die Eifersucht gegenüber der von andern genossenen 
Liebeslust. Am markantesten treten diese Neid- und Miß- 
gunst-Empfindungen in den Bestimmungen gegen die 
Kuppelei zutage, den einzigen Gesetzen, in denen die 
Beihilfe, ja sogar die Duldung bei Handlungen unter 
Strafe gestellt wird, die selbst straflos sind. Denn 
die Unzucht, der nach dem Wortlaut des § 180 nicht Vor- 
schub geleistet werden soll, ist dem Gesetzgeber gleich- 
bedeutend mit sexuellem Verkehr. So jagen antisexuelle 
Affekte die Betätigung eines Naturtriebs obdachlos auf 
die Straße und setzen ihn nicht nur erst recht der Aus- 
beutung, sondern auch, wie dies L i o n 74 ) und Hille r 75 ) 

") Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Strafrechtsre- 
form, pag. 282 ff. 

n ) „Die neue Generation", 6. Jahrg., 11. Heft, pag. 454. 



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240 



Die Scham. 



sehr richtig hervorheben, gefährlichen Krankheiten und dem 
sittlichen Verkommen und der Rechtlosigkeit aus. 

Neben den genannten Empfindungen wirken hemmend 
auf den Reflex: die Reaktion gegen die Lust, das uralte 
„omne animal post coitum triste", die Ernüchterung, die je 
nach den Begleitumständen bald stärker, bald schwächer 
auftretende Reue, der „Liebeskatzenjammer", der nament- 
lich beim Manne oft bis zur Verachtung des Weibes 
gehende Degout nach besiegtem Widerstand. Wenn auch 
diese Unlustreaktion schwächere Erinnerungsspuren zu- 
rückläßt als die Lustempfindung, so wirkt sie doch im Ge- 
dächtnis unterbewußt vibrierend nach. 

Ein weiterer Hemmungsfaktor ist die Scham. Ich habe 
mich in früheren Arbeiten 76 ) denen angeschlossen, die sie 
für etwas Erworbenes halten. Von neueren Autoren, die 
über den Ursprung des Schamgefühls sich äußern, seien 
Dankberg genannt, welcher sagt: „Der Fonds des 
Schamgefühls ist nicht: ich schäme mich, sondern: ich soll 
mich schämen" (loc. cit., pag. 58), und Josef Köh- 
ler, 77 ) der schreibt: „Das Schamgefühl ist nichts von 
Natur Gegebenes, sondern etwas durch die Natur Ent- 
wickeltes, welches in der Erziehung mehr oder weniger 
gesteigert, ja selbst bis zur Entstellung übertrieben werden 
kann. Ihm eine absolute Bedeutung beizumessen, ist irrig." 
Daneben aber hat die Scham wie alles Erworbene auch 
eine endogene Wurzel, und diese hängt mit dem dem Spiel 
der Liebe eigenen Sträuben und Zögern, Sichversagen und 
Wehren zusammen, jenen passiven Faktoren, die so un- 



7e ) Vgl. in „Die Transvestiten" den Abschnitt „Die Kleidung als 
Ausdrucksform seelischer Zustände", pag. 257 ff. 

") In „Der Begriff d. Unzüchtigen« im „Tag" vom 23. VII. 1901. 



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Objektivierung der Empfindungen. 241 

gemein viel dazu beitragen, den Reiz und die Lust, Rausch 
und Wunsch, Spannung und Drang zu vermehren. 

Handelt es sich bei den genannten Hemmungsfaktoren 
um Kontrainstinkte und Suggestionen mehr oder weni- 
ger allgemeiner Natur, so kommen noch andere hin- 
zu, die individueller und spekulativer sind. Die Subjektivi- 
tät und Differenziertheit der sexuellen Empfindungen ist so 
groß, das Lustgefühl, welches das einem jeden gerade ent- 
sprechende Objekt vermittelt, so exzeptionell, daß jemand, 
der es nicht selbst fühlt, schwer versteht, wie Erscheinungs- 
formen, die von dem eigenen Typus weit entfernt sind, 
überhaupt sexuellen Eindruck zu machen imstande sind. Weil 
ihn die Reize abstoßen, findet er nach dem Gesetz der 
Objektivierung, welches auch das Liebesleben beherrscht, die 
Objekte, von denen die Eindrücke ausgehen, objektiv ab- 
stoßend und ebenso die Subjekte, auf welche die Objekte 
Eindruck machen. 

Gründe sind, wo Hemmungen vorhanden sind, leicht 
gefunden. Ebenso wie derjenige, welcher Liebe fühlt, be- 
müht ist, seine Neigung vor sich und der Welt zu erklä- 
ren, so sucht der Antisexuelle, der von Antipathie oder 
Liebeshaß Erfüllte, seine Abneigung zu begründen. Das 
Wirkliche ist aber in der Liebe nur das Subjektive, und 
in dem Subjekt nicht der Gedanke das Tatsächliche, 
sondern das Gefühl, nicht das Bewußte, sondern das 
Unbewußte. Sehr mit Recht sagt H o r w i t z (in seiner 
psychologischen Analyse auf physiologischer Grundlage, 
Halle 1875, p. 179): „Das Denken ist eine Folgeerschei- 
nung des Gefühls, wie es auch die Bewegung ist", ein 
Satz, der dem französischen „penser c'est sentir" entspricht. 
Dabei ist ohne weiteres zuzugeben, daß es auch Re- 
flexionen mit positiveren Unterlagen gibt, die sich dem 

Hirschfeld, Naturgesetz« der Liebe. 16 



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242 Soziale Hemmungen. 

Reflexablauf in den drei Hauptstätten sexueller Betätigung 
sperrend entgegenstellen. So treten dem Gebrauch der 
Prostitution die Gefahr der Infektion, der freien Liebe die 
Möglichkeit der Befruchtung, dem Eingehen der Ehe das 
Risiko materieller Not und ihre Unauflöslichkeit als Gegen- 
motive in den Weg. 

Damit berühren wir die soziale Seite der Hemmungen, 
die Sitte, die jeweilige Moral, die namentlich bei uns für 
das Weib so strenge Regeln vorschreibt. So werden sicher- 
lich nicht selten Frauen, die sich einem leidenschaftlich 
geliebten Manne zu eigen geben möchten, davon abgehalten 
werden durch die Vorstellung der Schande, die an der un- 
ehelichen Mutter und an unehelichen Kindern haftet. 

Überschauen wir die generellen und individuellen 
Grundlagen und Gründe der Sexualhemmung, so verliert 
sich nach ihrer psychobiologischen Würdigung ein Teil des 
Grolls, den man zunächst den lebensverneinenden, destruk- 
tiven Elementen entgegenbringt, die sich so feindlich gegen 
das höchste Gut, das der Mensch besitzt, verhalten. Man 
erkennt dann wieder die Wahrheit des tiefen Wortes von 
Spinoza: „Alle Dinge geschehen aus Notwendigkeit; 
es gibt in der Natur kein Gutes und kein Schlechtes." 

Auch die Hemmungsmechanismen sind wie die Re-» 
flexmechanismen in der Psyche begründet. In sehr vie- 
len Fällen wirken sie ihrer Absicht völlig entgegenge- 
setzt, indem der zur Aufhebung von Hemmungen nötige 
Aufwand die Lust steigert. Dieses freilich nur, wenn die 
Hemmungen nach nicht zu langem Zeitraum überwunden 
werden können. Wird die befreiende Entspannung zu 
lange, zu gewaltsam unterdrückt, dann treten ungün- 
stige Folgen ein, die in hohem Maße dazu angetan 
sind, dem Wert eines Lebens und dem Fortschritt des 



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Lustgewinn und Lustersparnis. 



Ganzen, der von den einzelnen Lebenswerten abhängig ist, 
Abbruch zu tun. 

Ehe wir dazu übergehen, zu erörtern, wie das Indi- 
viduum am geeignetsten das Gleichgewicht, die Harmonie 
zwischen den Reflex- und Hemmungsmechanismen, zwischen 
dem Lustgewinn und der Lustersparnis herstellt, müssen 
wir noch kurz auf die motorischen Auslösungen zurück- 
kommen, von denen oben gesagt wurde, daß sie ebenfalls 
der sexuellen Entspannung dienen können. 

Nach allem, was wir wissen, unterliegt es keinem 
Zweifel mehr, daß, wenn sexuelle Eindrücke keinen 
entsprechenden Ausdruck finden, ein Druck zu- 
rückbleibt, der als Drang empfunden wird. Wird dieser 
nicht entspannt, so nimmt er zu und erzeugt ein Gefühl 
der Niedergedrücktheit, der Depression, (Pression = 
Druck, Depression = Niedergedrücktheit) verbunden mit 
Unlust und Unruhe. 

In vielen Fällen gelingt es, durch die genannten 
Hemmungen den Druck zu unterdrücken, den 
Drang zu verdrängen, meist jedoch nur vor- 
übergehend. Infolge der von neuem wirkenden äußeren 
und inneren Reizungen erneuert und verstärkt sich immer 
wieder der Spannungsdruck. Entwickelt er sich bis zu 
einem gewissen Grade doch selbst noch bei Menschen, die, 
um den „Anfechtungen" und „Versuchungen" der Außen- 
reize zu entgehen, sich in die Einsamkeit zurückziehen, 
der Welt entfliehen, Einsiedler und Sonderlinge — Ab- 
sonderlinge — werden, ja, wie wir sahen, sogar bei 
solchen, die sich der Innenreize durch Entmannung zu 
entledigen suchten. Mit wie tief erschütternden Worten 
schildert aber OskarWildein „The bailad of Reading 

16* 



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244 



Wert der Aussprache. 



goal", wie sich noch im Zuchthause im Zustand größter 
Apathie dieser Drang regt. Er sagt: 

„And all, but Lust 

is turned to dust 

in Humanity's machine". 78 ) 

Wäre in vereinzelten Fällen nun aber auch eine voll- 
kommene dauernde Unterdrückung sexueller Triebregungeri 
möglich, so könnten uns diese Ausnahmen von der Regel 
hier nicht interessieren, wo wir von Menschen handeln, 
die in der Welt, mitten im Leben stehend, die übergroße 
Mehrheit bilden. Bei diesen sucht sich oft ein Teil des nicht 
unterdrückten Drucks, und zwar derjenige, welcher die 
innere Unruhe bewirkte, durch äußere Unruhe zu ent- 
„lasfen. 

Die äußere Unruhe gibt sich als Aktivität in mannig- 
fachster Weise kund. So dient dieser Abfuhr nicht selten 
der S c h r e i. Ein Freud-Schüler — Otto Rank — meint ■ 
einmal, daß der Schrei der ursprünglichste Laut des Men- 
schen war, aus dem sich die Sprache als differenzierter 
Ausdruck der Gefühle entwickelt hätte. Trifft dies zu, dann 
hat sich sicherlich zu dem Angstschrei der Sich-Wehrenden, 
zum Lustschrei der Überwindenden alsbald der Notschrei 
gesellt und mit ihm das Seufzen und Stöhnen als moto- 
rische Lösung verhaltener Spannungen, als Notwehr gegen 
zwangvollen Schmerz und drangvolle Pein. 

Eine ganz ähnliche Befreiung von innerer Last stellt 
das Weinen dar — mit Recht spricht man von der Wollust 
der Tränen, dem Glück, sich ausweinen zu können. Das 
wichtigste Mittel der Abreaktion aber bildet die Sprache, 

78 ) „Alles im menschlichen Triebwerk ist zerstäubt außer der 
sinnlichen Begierde". 



■s 



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Liebe und Wandertrieb 



245 



die Aussprache. Wie eine körperliche Wunde der Ab- 
sonderung bedarf, so bedarf der seelische Schmerz der Er- 
leichterung durch das Wort. Deshalb hat bei vielen psy- 
chischen Störungen die eingehende Rede und Gegenrede 
mit einem verständnisvollen Arzte an sich schon die 
Bedeutung eines Heilmittels von hohem Wert. 

Bei manchen Personen dient dem Zwecke sexualmoto- 
rischer Entlastung auch das Schreiben, vor allem das 
Briefschreiben. Ich kenne mehrere Fälle, in denen an starker 
Affektverdrängung leidende Frauen sich dadurch Luft ver- 
schafften, daß sie Tausende von Briefen schrieben. Der In- 
halt der Briefe braucht kein obszöner zu sein, und dadurch 
unterscheiden sie sich in etwas von den Zuständen, die 
Bloch unter dem Namen Erotographomanie beschrieben 
hat; dagegen sind sie meist von starker Leidenschaftlichkeit, 
oft von Übersinnlichkeit erfüllt, und Anreden, wie „mein 
Gott", „mein Heiland" sind in ihnen nichts Ungewöhnliches. 

Eine andere motorische Umsetzung sexueller Unruhe 
ist nicht selten der Wandertrieb; man könnte hier von 
Erotodromomanie sprechen. Der sexuell 
Befriedigte ist seßhaft, bodenständig, 
der sexuell Unbefriedigte heimflüchtig, 
ruhelos. Da reisen diese alleinstehenden Männer und 
Frauen, von den Beatifikationen des Papstes zum Selamlik 
des Sultans, von den heulenden Derwischen zu den in- 
dischen Fakiren, vom Yoshiwara zum Yellowstonepark; da 
findet man diese unbewußt von sexuellem Drang Getrie- 
benen in Bayreuth und Oberammergau, auf allen mon- 
dainen Sammelplätzen, in Monte Carlo und Ostende wie in 
den Palasthotels am Rande der Sahara und am Ufer der 
Themse, immer friedlos und rastlos. Auch unter den For- 
schungsreisenden, die sich, vom sexuellen Stachel getrieben, 



246 



Liebe und Sport. 



in Gefahren aller Art begeben, und auch in der ärmsten 
Schicht der Vagabonden, unter dem Wandervolk sah ich 
sie; in den deutschen Herbergen zu Rom und Neapel und 
sicherlich auch an vielen anderen Plätzen findet man Men- 
schen, die 20 Jahre und mehr „auf der Walze liegen", 
unter ihnen manchen, der einst vermögend war, sich aber 
erst glücklich fühlte, als er nichts mehr zu verlieren hatte. 
Gelingt es, das Vertrauen dieser oft sehr verschlossenen! 
Armen der Landstraße zu gewinnen, so erfährt man fast 
immer, daß unglückliche Sexualverhältnisse der Antrieb 
ihrer Unrast waren und noch sind. 

Wie im Wandern, so wird viefach auch in sportlichen 
Kraftleistungen bewußt und unbewußt eine Ablenkung und 
Abfuhr sexueller Spannkräfte gesucht. Seit altersher hat 
man angenommen, und wie es scheint mit Recht, daß 
Enthaltung während des Trainings — die Abwendung 
von Bacchus und Venus — die Sportleistung im Endkampf 
zu steigern geeignet ist. 

Damit ist aber noch nicht das Umgekehrte erwiesen, 
nämlich daß körperliche Anstrengung die sexuelle Reizbar- 
keit und Kraftaufspeicherung wesentlich herabmindert, und 
die Annahme verschiedener Autoren, daß übermäßige 
Sportübungen die sexuellen Funktionen stark herabsetzen, 
„Sport mit Maß betrieben hingegen eine ziemlich neutrale 
Wirkung auf einen normalen Trieb habe", dürfte so zu 
deuten sein, daß körperliche Ausarbeitung zwar ein gutes: 
Abfuhrmittel sexueller Spannkräfte ist, aber unter gewöhn- 
lichen Verhältnissen kein Mittel, das wesentlich über die 
Zeit hinauswirkt, in der es in intensiver Weise zur An- 
wendung gelangt. 

Auch der Einfluß, den völlige oder teilweise Enthal- 
tung auf die geistige Aktivität hat, ist — falls er vorhan- 



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Enthaltung und Nervosität 



247 



den ist — nur der eines motorischen Antriebs. Sicherlich 
ist sexuelle Betätigung oder Nichtbetatigung nicht imstande, 
künstlerische oder wissenschaftliche Fähigkeiten zu er- 
zeugen oder zu erwecken, der innerlich sezernierte Sexual- 
stoff könnte vielmehr auf vorhandene Talente und Anlagen 
nicht anders als höchstens stimulierend wirken. Doch ist 
nicht zu übersehen, daß gerade geistig regsame Menschen 
oft bekunden, daß sie sich durch sexuelle Eindrücke belebt, 
angeregt fühlten, und daß sie sich bei sexueller Betätigung 
freier, leistungsfähiger, produktiver befunden hätten; die 
Enthaltung hingegen hätte sie in ihrer Schaffensfreudigkeit 
geschwächt und gelähmt, sie unruhig, nervös, schlaflos 
gemacht. 

Wir sind damit in der Übersicht sexualmotorischer 
Äquivalente, die auf Vollständigkeit keinen Anspruch er- 
hebt, allmählich zu jenen motorischen Äußerungen unter- 
drückter Sexualkraft gelangt, die den Charakter der Un- 
ruhe tragen, welche gepaart mit erhöhter Reizbarkeit und 
konsekutiver Schwäche der Neurose eigen ist. Strind- 
berg 81 ) sagt einmal von seinem Fischermeister Axel Borg: 
„Die Empfindlichkeit der Nerven wuchs bei dem heran- 
wachsenden Jüngling dadurch, daß er enthaltsam war und 
sein Geschlechtsleben in strenger Zucht hielt. u Es ist in 
der Tat für den Laien, mehr aber noch für den Kenner 
des menschlichen Nervensystems überaus naheliegend, daß 
das Verdrängen sich immer wieder vordrängender Triebe, 
dieses mehr oder weniger bewußte Ringen mit tief in der 
Natur wurzelnden Begierden in hohem Maße geeignet ist, 
ein nicht sehr widerstandsfähiges Nervensystem auf die 
Länge der Zeit zu erschüttern. Das Nervensystem überaus 
zahlreicher Menschen befindet sich nun aber bereits aus he- 

81 ) Strindberg „Am offenen Meer", p. 175. 



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248 



Der Sexualrhythmus. 

i 



reditären Ursachen, die klarzulegen außerhalb des engeren 
Rahmens dieser Arbeit fällt, mehr in einem labilen als sta- 
bilen Gleichgewicht. 

Sicherlich tragen an der Riesenausbreitung der Krank- 
heiten, die unter dem Sammelnamen der Neurasthenie und 
Hysterie gehen — von anderen psychischen Störungen (um 
nicht das Problem noch mehr zu komplizieren) zu schwei- 
gen, — nicht allein sexuelle und hereditäre, sondern auch 
andere äußere Ursachen Schuld. Vergleichen wir nur ein- 
mal die Anforderungen, die in unseren Tagen an die pe- 
ripheren und zentralen Nerven gestellt werden, mit denen 
voreisenbahnlicher Zeiten, so kann man wohl sagen, daß 
von unserm Nervensystem das Doppelte von dem bean- 
sprucht wird, was es in der Biedermeierzeit zu leisten 
hatte, als Wochenblättchen, Nachtwächter und Großvater- 
stühle noch weit verbreitete Einrichtungen waren. Aber 
alle die äußeren Nervenschädigungen würden weniger ver- 
hängnisvoll sein, wenn sie ein fest fundamentiertes, gut 
verankertes Nervensystem träfen, keins, das durch sexu- 
elle Überspannung und übermäßige Verdrängung ge- 
lockert ist. Mehr als jede andere Zeit bedarf daher die 
unsrige sexuell befriedigter Menschen, Personen, die ihre 
auf Sexualfehler so fein reagierenden Neurone von dem 
Extrem der Ausschweifung ebenso fern halten wie von dem 
Extrem nicht minder nachteiliger Unterdrückung. 

An welcher Stelle zwischen dem Maximum und Mini- 
mum sexueller Betätigung das Optimum liegt, kann 
nicht nach einem Schema entschieden werden. Das ist im Ein- 
zelfall von dem Grade der Reizbarkeit, der Stärke der Span- 
nung und der Macht der Hemmungen abhängig. Von 
wesentlicher Bedeutung ist hier aber noch ein anderer Fak- 
tor, dem wie alles Lebendige auch das Sexualleben in her- 



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Lebenswelle und Triebwelle. 



249 



vorragendem Maße unterliegt: der zyklische Rhythmus, die 
periodische Welle aller Lebenserscheinungen. 

Ein Buch über die Naturgesetze der Liebe würde sehr 
unvollständig sein, wenn es uns nichts über diesen Sexual- 
rhythmus zu sagen hätte. Wie für alles Stoffliche das 
Linne'sche Wort gilt: „natura non facit saltus", so für 
alles Zeitliche der Satz: „omnia facit natura in rhythmis". 
Alle zeitlichen Schwankungen aber sind an stoffliche 
Schwingungen geknüpft. Im Sexualleben hängt das perio- 
dische Auf und Nieder substantiell von dem Grade der 
innersekretorischen Sättigung ab. Bei den Menschen 
müssen zwei Sexualwellen unterschieden werden: die große 
Lebenswelle und die intermediäre Trieb welle. 
Bei fast allen übrigen Lebewesen tritt eine dritte Kurve in 
den Vordergrund: die Jahreswelle, deren Gipfel mit 
der Jahreszeit zusammenfällt, in der die am reichlichsten 
fließenden Nahrungsquellen ein Wachsen über sich hinaus 
am ehesten gestatten. Die J a h r e s w e 1 1 e ist bei dem 
Menschen nur noch in Rudimenten vorhanden, die ihren 
Ausdruck finden in einer leichten Steigerung der Befruch- 
tungen im April und Mai, 82 ) sowie in den sogenannten 
„Frühlingsgefühlen", die jedoch mehr auf direkten klima- 
tischen Einflüssen als auf der dadurch bedingten Nahrungs- 
veränderung zu beruhen scheinen. 

Für die Verwischungen der menschlichen Jahreskurve 
sind offenbar dieselben Kulturfaktoren wirksam, die An- 

82 ) Nach den auf Grund der Berliner Geburten-Statistik an- 
gestellten Berechnungen von Dr. A. G r ü n s p a n im Archiv für 
Rassen- und Gesellschartsbiologie ist das Konzeptionsmaximum im 
April und Mai nur noch sehr gering; während der Jahresdurch- 
schnitt 47,0 Geburten pro Tag ausmacht, beträgt er in den Tagen, 
die 9 Monate nach April und Mai liegen, 49,2 Geburten pro Tag. 



250 



Verlust der Periodizität. 



laß geben, daß die Brunst bei den in der Gefangenschaft 
lebenden und bei den Haustieren ihren periodischen Cha- 
rakter verloren hat, daß andererseits aber infolge reich-" 
licherer Fütterung diese Tiere vielfach fruchtbarer sind als 
ihre wilden Stammesgenossen; so legt die Wildente im 
Jahre 5—10 Eier, während die zahme Ente in derselben 
Zeit 80 Eier legt. Die Jahreswelle aber sowohl wie die 
Lebenswelle, vor allem auch die intermediäre Triebwelle, 
stehen in Parallele mit Reizstoffen, die zyklisch an die Säfte- 
bahn abgegeben werden. Trotzdem es äußere Umstände 
genug gibt, die den Ablauf der Kurven stören, — Gelegen- 
heit, Gewohnheit beeinflussen ihn nach der einen, man- 
gelnde Gelegenheit, willkürliche Enthaltung, Ablenkung 
nach der andern Richtung, — so tritt ihre Abhängig- 
keit von der Keimzellenbildung doch unverkennbar deut- 
lich in Erscheinung. Der eigentliche Liebestrieb be- 
ginnt erst mit der inneren Absonderung der Substanzen, 
welche mit der Keimreife zeitlich und im wesentlichen auch 
ursächlich zusammenfällt. Wenn auch Sexualäußerungen 
im Kindesalter häufiger vorkommen, als bisher von Kinder- 
ärzten und anderen angenommen wurde, wenn namentlich 
auch die zentrale Geschmacksrichtung, sowie die eigene 
psychosexuelle Individualität meist deutlich präformiert er- 
scheinen, so führen doch, von Ausnahmen abgesehen, die 
äußeren Sinneseindrücke vor der Reife kaum jemals zu aus- 
gesprochenen Sexualspannungen, die nach Entspannungen) 
drängen. Es fehlt eben noch die chemische Ladung des 
Sexualzentrums, die der genitalen und körperlichen ent- 
sprechende zerebrale und psychische Reife, welche erst das 
wirkliche Haften der lustbetonten Reize ermöglicht. 

Das Alter, in dem die Keimzellen und das Sexualzen- 
trum aus dem Schlummer erwachen, beide durch denselben 



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Pubertäts- Feste. 



chemischen Reiz, welcher auch die anderen bis dahin nur 
in Vorstufen vorhandenen Sexualcharaktere zum Leben er- 
weckt, schwankt unter den Menschen nach Klima, Rasse, 
Familie, Umgebung und Lebensweise nicht unbeträchtlich. 
Im Durchschnitt fällt er in unserer Breite bei beiden Ge- 
schlechtern etwas vor die Mitte des zweiten Lebensjahrzehnts.^ 
Dieser Zeitpunkt ist nächst dem der Befruchtung der wich- 
tigste im individuellen Leben,, bedeutsamer vielleicht als 
der der Geburt, welche als Erlebnis gewiß nicht zu unter- 
schätzen, streng biologisch aber doch kaum etwas anderes 
als ein Wechsel des Milieus ist. Sicherlich ist es kein Zu- 
fall, daß bei fast allen Völkern unter den sexuellen Festen 
neben der Hochzeit vor allem die Geschlechtsreife mit vielen 
Zeremonien gefeiert wird; die Konfirmation, die Ein- 
segnung, die in ähnlicher Weise bei fast allen Religionen 
und Rassen wiederkehrt, war ursprünglich nichts anderes 
als ein Fest der Pubertät — eine Tatsache, die bezeichnender-* 
weise zurzeit meist weder den Eltern und Priestern, ge- 
schweige denn den Kindern geläufig ist. 

Wenige Jahre, nachdem mit der Reife die sexuelle 
Reizbarkeit eingesetzt hat, macht sich anfangs mehr unklar, 
allmählich aber deutlicher das Bedürfnis nach Entspannung 
geltend. Von da ab setzt dann der intermediäre Trieb- 
rhythmus ein, im regelmäßigen Tempo von Anstieg — 
Höhepunkt — Abstieg — Pause — , der mehrere Jahr- 
zehnte anhält. 

Die Bedürfniskurve steht mit der Keimzellen- 
bildung nicht in absolutem Kausalzusammenhang, da der 
Trieb zwar um die Zeit gesteigerter Tätigkeit in den Keim- 
stöcken höher ansteigt, aber auch zu Zeiten vorhanden ist, 
wo diese sistiert, andererseits aber gelegentlich bei reger 
Keimzellenproduktion ausbleiben kann. 



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252 



Die Bedürfniskurve. 



Würde der Trieb mit der Keimzellenbildung überein- 
stimmen, so müßte er sich bei der Frau nur alle 4 Wochen 
kurz vor der Menstruation geltend machen, wo allerdings 
nach Angabe der meisten Frauen in der Tat eine erhöhte 
Erregbarkeit vorhanden ist; beim Manne dagegen müßte 
er täglich auftreten, da nach Bunge und anderen sich die 
Menge der Keimzellen innerhalb eines Tages wieder er- 
setzt. In Wirklichkeit zeigt aber die Erfahrung, daß beim 
Weibe das Liebesbedürfnis stärker, beim Manne geringer 
ist als ihre Keimproduktion und Befruchtungsmöglichkeit. 

Wesentlich beeinflußt wird der Ablauf der interme- 
diären Triebkurven durch äußere Reizungen. Das Verhält- 
nis beider zueinander ist ein ebenso wichtiges wie schwie- 
riges Problem. Im allgemeinen kann man sagen: je 
stärker der chemische Innenrei z auf das 
Sexualzentrum wirkt, eines um so gerin- 
geren nervösen Außenreizes bedarf es 
zu seiner Erregung, und umgekehrt: je gerin- 
ger derChemismus, um so intensivere Au- 
ßenreizesinderforderlich. Im einzelnen kom- 
men aber auch hier (zwischen den extremen Formen der 
Asexualität und Hypersexualität) so bedeutende individuelle 
Verschiedenheiten vor, daß sich bestimmte zahlenmäßige 
Werte für die der Bedürfniskurve zugrunde liegenden Zwi- 
schenräume kaum geben lassen. Sie schwanken zwischen 
Tagen und Wochen, in Ausnahmefällen sogar zwischen« 
Stunden und Monaten. 

Wie bei der Alterskurve spielen auch bei der Trieb- 
kurve Klima und Rasse, Körperkonstitution und vor allem 
die Lebensweise eine erhebliche Rolle. Die häufigsten Ab- 
lenkungen erleidet aber die Bedürfniswelle von Seiten der 
sexuellen Wahrnehinungsbahnen, die das Sexualzentrum 



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Liebe und Wille 



253 



leicht häufiger in Spannung versetzen können, als es der 
spontanen Periodizität entspricht. Hier tritt uns auch der 
Begriff der Verfuhrung entgegen als der einer peri- 
pheren Reizung, durch die ein Bedürf- 
nis, bevor es sich selbständig Geltung 
verschafft, erweckt werden kann. Vor allem 
aber modifiziert das Begegnen adäquater Liebesobjekte den 
Triebablauf in positivem Sinne, während ein Fehlen solcher 
Eindrücke (Eremitentum) ihn in negativer Richtung beein- 
flußt. 

Sicherlich waren gegenüber der Häufigkeit, mit der die 
sexuellen Reflexmechanismen sowohl beim Manne als beim 
Weibe in Wirksamkeit zu treten vermochten, Schranken ge- 
boten, da ein ungehemmtes und ungezügeltes Liebesleben 
auf die Dauer dem Oesamtorganismus leicht erheblichen; 
Schaden zufügen konnte. Die Unterordnung der Liebesbe- 
tätigung unter den Willen war daher zweifellos für den 
Menschen eine große Kulturerrungenschaft. War es ihm 
nicht möglich, auf die Trieb r i c h t u n g willkürlichen 
Einfluß zu nehmen, so konnte er doch auf dem Gebiet der 
Trieb b e t ä t i g u n g in der Beherrschung und Ablenkung) 
sexueller Antriebe Wesentliches leisten. Das Wort Askese be- 
deutet ursprünglich Übung — nicht etwa Enthaltung — , 
Übung im Trieb widerstand, also Mäßigkeit, und 
als solche war sie gegenüber den fast unbegrenzten 
Verkehrsmöglichkeiten von hohem Wert. Es gab Zeiten, 
wo mit asketischen Übungen ein förmlicher Sport getrie- 
ben wurde. Besonders markante Beispiele sind die Probe- 
nächte der Enthaltsamkeit, die nach Weinhold im 
Mittelalter über das ganze kultivierte Europa verbreitet 
waren. So berichten die Gesänge der Troubadoure von 
solchen Liebesnächten in der Provence. Ein Beispiel sei 



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254 



Probenächte der Enthaltsamkeit. 



angeführt: „Herrn Almeric hatte eine Dame eine Nacht 
verheißen, wenn er ihr schwöre, sich am Kusse zu be- 
gnügen und wenigstens gegen ihren Willen nicht weiter zu 
gehen. Er fragte nun den Freund um Rat, ob er die Marter 
ertragen oder meineidig werden sollte, und Elias erwiderte; 
er wisse sehr wohl, wie er sich in solchem Falle zu halten 
habe, seine Dame solle ihn meineidig sehen. — Almeric 
blieb aber bedenklich, denn er meinte, durch den Eidbruch 
verliere er Gott und die Geliebte zugleich, er wolle sich 
also lieber am Kusse begnügen lassen. Doch Elias schalt 
ihn ob seiner bürgerlichen Beschränktheit aus; die Dame 
könne durch Tränen, Gott aber durch eine Fahrt nach 
Syrien versöhnt werden." (Raynouard 4. 22.) 

Etwas Ähnliches wie die Probenächte war das bei den 
nordischen und altindischen Völkern weitverbreitete Schwert-» 
klingengelübde. Mann und Weib legten ein nacktes 
Schwert zwischen sich zum Zeichen eines keuschen Bei- 
lagers. So tat Sigurd mit Brunhilde, und auch König 
Marke findet Tristan und Isolde in der Minnehöhle schla- 
fend, aber voneinander gekehrt und das bare Schwert 
zwischen sich (Gottfried, Trist.). In einem alten deut- 
schen Volksliede 83 ) sagt der Herr, zu dem sich das Mäd- 
chen legt, indem er sein „guldiges Schwert zieht": „Das 
Schwert soll weder hauen noch schneiden, das Anneli soll 
ein Mägetli bleiben." Hartmann von der Aue 
aber meint in seinem „Jwein": „Wenn einer das für ein 
Wunder erklärt, daß Jwein bei einem fremden Mädchen 
so nahe lag, ohne der Liebe zu pflegen, der weiß nicht, 
daß ein tüchtiger Mann sich alles enthalten kann, dessen 
er sich enthalten will." In manchen ländlichen Gegenden 

88 ) U h 1 a n d , Volkslieder, Nr. 121. 



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Begriff der Unmaßigkeit 



255 



Deutschlands soll sich diese uralte Sitte bis in unsere Tage 
fortgepflanzt haben. 84 ) 

Es ist ohne weiteres klar, daß diese sonderbaren Sexu- 
algebräuche wenig zu schaffen haben mit den Forderungen 
totaler Abstinenz, wie sie für beide Geschlechter auch jetzt 
noch vielfach vertreten werden. Es sei hier noch ein Aus- 
spruch Nietzsches angeführt, in dem er sich gegen die 
beiden hier in Frage kommenden Extreme wendet; in 
„Menschliches, Allzumenschliches", pag. 146, sagt er: „Be- 
kanntlich wird die sinnliche Phantasie durch die Regel- 
mäßigkeit des geschlechtlichen Verkehrs gemäßigt, ja 
fast unterdrückt; umgekehrt, durch Enthaltsamkeit 
oder Unordnung im Verkehr entfesselt und wüst." 

Es liegen von Solon, Zoroaster, Mohammed, Luther, 
Albrecht von Haller und anderen zahlenmäßige Angaben 
vor über das, was im Sexualleben als Regelmäßigkeit und 
Mäßigkeit bezeichnet werden könnte. Aber alle diese 
Ziffern können keinen wissenschaftlichen Wert bean- 
spruchen, da sie weder die individuellen Verschiedenheiten 
noch die komplizierten Vorbedingungen berücksichtigen, 
als deren Resultate uns eine sexuelle Handlung entgegen- 
tritt. Weniger scharf und schwankend als der Begriff der 
Mäßigkeit ist der der Unmaßigkeit, von der Loe- 
w e n f e 1 d — loc. cit., pag. 89 — ein ganz besonders 
krasses Beispiel aus seiner Praxis bringt: „Ein Pastor, 
ein geistig hochbegabter, aber mit Libido nimia behafteter 
Mann, übte im Verlauf einer 12jährigen Ehe im Durch- 
schnitt dreimal täglich den Koitus aus. Die Frau des 
Pastors, deren Nerven durch die maßlose sexuelle Inan- 
spruchnahme bedeutenden Schaden erlitten hatten, ergab 

•*) Vgl. Fischer, Über die Probenächte der deutschen Bauern- 
mädchen, Berlin 1780. 



256 



Wechseljahre des Weibes. 



sich aus Verzweiflung über das Verhalten ihres Gatten 
dem Trünke." Wenn der Münchener Sexualforscher hier von 
„libido nimia" spricht, so ist nicht anzunehmen, daß die 
übergroße Begehrlichkeit dieses Geistlichen in einer beson- 
ders intensiven Keimbildung ihren Grund hat; es dürfte 
vielmehr eine gewohnheitsmäßige Steigerung des Rausch- 
bedürfnisses vorliegen, wie wir sie bei der Gewöhnung an 
künstliche Rauschmittel z. B. bei Trinkern und Morphi- 
nisten vorfinden. 

Die relative Unabhängigkeit des Triebes 1 
von den Zellreifungsprozessen innerhalb der Keimstöcke 
zeigt sich nicht nur in der intermediären Bedürfniskurve, 
sondern auch in der Lebenskurve, besonders augenfällig 
bei der Frau, bei der das Liebesbedürfnis meist lange jene j 
Zeiten überdauert, die von den Deutschen Wechseljahre, 
von den Engländern change of life, von den Franzosen 
Tage de retour genannt werden. Die Beispiele der George 
Elliot, die im Alter von 60 Jahren den um 30 Jahre jün- 
geren Mister Croß heiratete, von Ninon, in die sich drei 
Generationen verliebten, stehen nicht vereinzelt da. Ninon 
„verführte" — so wird verbürgt berichtet — mit 34 Jahren 
den Herrn v. Sevigne, mit 50 Jahren seinen Sohn, mit 
76 Jahren seinen Enkel. Dieses letzte Verhältnis hatte sie 
kurz nach der großen Tragödie ihres Lebens, die darin 
bestand, daß der junge Villiers von Liebe zu der großen 
Amoureuse ergriffen wurde. Sorgfältig hatte man ihm ver- 
borgen, daß sie seine Mutter war. Als Ninon, erschreckt 
über seine Leidenschaft, ihm das Geheimnis seiner Geburt 
enthüllte, erdolchte er sich vor ihren Augen. 

Auch beim Manne hat man nach dem 5. Lebensjahr- 
zehnt eine dem weiblichen Klimakterium 85 ) entsprechende 

w ) Kurt Mendel, Die Wechseljahre des Mannes (Climacterium 
virile). Neurolog. Centralblatt, 1910, Nr. 20. 



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Wechseljahre des Mannes. 257 

Rückbildungszeit mit Nachlaß der sexuellen Bedürfnisse 
konstatieren wollen. Organisch stellt sich in dieser Zeit sehr, 
häufig eine charakteristische Vergrößerung der Prostata 
ein, die auf Sekretionsstauung zu beruhen scheint. Sollte dies 
zutreffen, so würde die verminderte? Absonderung des Prosta- 
tasaftes die verminderte Erregbarkeit des Sexualzentrums 
wohl erklären können. Wir setzten oben auseinander, daß 
vermutlich gerade in dem Sekret der Prostata, von dem 
übrigens F ü r b r i n g e r 86 ) in seinen Aufsehen erregenden 1 
Arbeiten bereits nachwies, daß es „in spezifischer Weise das 
in den starren Spermatozoen schlummernde Leben auszu- 
lösen vermag", jene als Andrin bezeichnete Substanz ent- 
halten ist, die für die Belebung aller in der Reifezeit sich 
entwickelnden Sexualcharaktere von ausschlaggebender Be- 
deutung ist. 

In sehr vielen Fällen bleibt jedoch die Prostatainvolu- 
tion aus, und selbst wo sie besteht, sehen wir, daß so- 
wohl Libido als Potenz von ihr relativ unbeeinflußt sind. 
Die Dauer der beiden letzteren unterliegt beim männlichen 
Geschlecht ebenso erheblichen Schwankungen wie beim 
weiblichen. Loewenfeld 87 ) meint auf Grund seiner Erfah- 
rungen, daß beim Manne die Potenz zumeist zwischen dem 
60. und 70. Lebensjahre, vorwaltend erst Ende der 60 er- 
lischt, daß aber Fälle nicht selten sind, „in denen ge- 
schlechtliche Bedürfnisse und Potenz noch in den siebziger 
Jahren sich recht deutlich kundgeben". 

Auch mir sind in der Praxis eine Anzahl Personen 
zwischen 70 und 80, zwei noch ältere, begegnet, die be- 

s«) In der „Berliner klinischen Wochenschrift", 18S6, p. 476, 
und in seinen „Störungen der Geschlechtsfunktionen des Mannes". 
Wien, 1895, p. 7fi. 

") Loewenfeld, loc. cit, pag. 22. 

H i r 8 c h 1 e 1 d , Naturgesetze der Liebe. 17 



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258 Liebe im Alter. 

tonten, „daß ein schönes Weib heute noch denselben Reiz 
auf sie ausübe, wie ehedem." Auch hier fehlt es nicht, wie 
unter den Frauen, an analogen Beispielen berühmter 
Männer. In erster Linie wäre an Goethe zu erinnern, der 
noch nach seinem 80. Lebensjahre in Liebe entbrannte. 
Rubens war bereits weit in den Fünfzigern, als er 1630 
Helena Fourment heiratete, die ihm in den zehn Jahren 
bis zu seinem Tode noch 5 Kinder gebar. Vor nicht langer 
Zeit wurde aus Heidelberg gemeldet, daß sich dort ein be- 
rühmter Professor der Rechte im 84. Lebensjahre mit einer 
„bekannten Schönheit" vermählte. 

Jedenfalls ist die weit verbreitete Annahme, daß das 
Tempo der Bedürfniskurve sich bereits nach dem 40. oder 
50. Jahre wesentlich verlangsamt, unzutreffend. Im all- 
gemeinen scheint allerdings die sexuelle Ein- 
drucksfähigkeit länger anzudauern als 
die sexuelle Ausdrucksmöglichkeit. 



Wie in der Einleitung bemerkt, sollte und konnte es 
nicht die Absicht dieses Buches sein, über die Naturgesetze 
oder auch nur über Regelmäßigkeiten der Liebe Erschöp- 
fendes zu sagen. Dazu ist der Gegenstand bisher zu wenig 
biologisch erforscht und untersucht worden, dazu ist vor 
allem das Gebiet zu unerschöpflich groß. 

Unsere Hauptaufgabe war der Nachweis, daß der 
Liebende trotz seiner größeren Aktivität nicht Subjekt, son- 
dern Objekt der Liebe ist, und daß diese ein komplizierter 
Treppenreflexmechanismus ist, dem Hemmungsmechanismen 
gegenüberstehen. 

Betrachten wir die Liebe, nachdem wir uns mit ihr als 
Einzelphänomen beschäftigten, mit wenigen Worten noch 
als Menschheitsphänomen, so unterliegt es keinem Zweifel, 



■ 



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Die Liebe als Menschheitsphänomen. 



259 



daß sie in ihrer ersten Periode ähnlich wie bei den unter 
uns stehenden Lebewesen im wesentlichen den Charakter 
des reinen Reflexmechanismus trug. Dann kam eine zweite 
Periode, innerhalb derer wir uns jetzt noch befinden. In 
ihr gewannen die Hemmungsmechanismen das Überge- 
wicht. Die Menschheit schuf sich Sexualordnungen ver- 
schiedenster Art, die in der jeweiligen Sitte und Moral 
ihren Ausdruck fanden. Indem diese Sexualbeschränkungen 
in mannigfacher Hinsicht der Naturerkenntnis ermangelten, 
stellten sie sich zum großen Teil als Zwangsmaßregeln und 
Willkürakte dar, die einen schweren Eingriff in das freie 
Verfügungsrecht zweier erwachsener Menschen über sich 
selbst bedeuten. 

Spannungen, die nicht zu Entspannungen 
führen, verursachen Überspannungen, nicht selten 
auch Überspanntheiten. So finden wir in dieser zweiten 
Periode des menschlichen Sexuallebens ein wirres Durch- 
einander seltsamer Einrichtungen, von denen das Alt- 
jungferrum und die Prostitution zwei, und zwar nicht 
einmal die krassesten Beispiele sind; wir finden in dieser 
, Epoche Anschauungen, denen ungezählte Menschen zum 
Opfer fielen. 

In der dritten Periode endlich, deren erste Anzeichen 
seit einigen Jahrzehnten am fernen Horizonte sichtbar sind» 
wird zwischen den Reflexmechanismcn und Hemmungsmecha- 
nismen das Gleichgewicht hergestellt werden. Aus der Ver- 
söhnung beider soll unser Wesen die ihm fehlende Har- 
monie erhalten, die weder in der Zügellosigkeit noch in 
jenem Übermaß der Entsagung liegt, von der einmal C a r- 
p e n t e r sagte, daß sie „ein Aufgeben der Welt für ihren 
eigenen Schatten" ist. Der große rhythmische Pendelschlag 
aller Lebenserscheinungen, wie er uns im Wachen und 

17* 



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260 



Das Bewußtwerden des Unbewußten. 



Schlafen, in der Pulsation des Herzens, in der In- und Ex- 
spiration und tausend anderen Dingen entgegentritt, ist 
auch auf sexuellem Gebiet die Voraussetzung gesund fort- 
schreitender Entwicklung. 

Aus der Erkenntnis des Unerkannten, aus dem Be- 
wußtwerden des Unbewußten, das heißt aus 
der Wissenschaft, soll die Sitte, befreit von Vorurteilen, die 
in Wirklichkeit nur Nachurteile waren, soll die Sittlichkeit, 
die bisher mehr Sache der Geographie als der Biologie 
war, jene natürliche Grundlage erhalten, auf die einzig und 
allein Sittengesetze sich aufbauen dürfen. 




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-...hemmungsbahner).- • 




Udungsbahnen 



i 



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Namen-Register. 



Abaelard 12L 
Abdul Hamid im 
Abisag 2QL 
Agnes, Heilige 233* 
Albrecht von Haller 255, 
Allen Grant 19L 
Apollo von Belvedere 54. 
Aristarch von Samos 16, 
Aristoteles 5, 221. 
Arnold, J. Gottfr., 236. 
Athena 134. 

Aucassin u. Nicolette 114. 
Audoux, Marg., 145. 
Augustinus 13. 206. 

Bantock 182, 

Barrus 1_82. 

Baudelaire 83. 

Beethoven 54. 

Behrisch 3L 

Berthold 175, 

Bilharz 112, 

Binet 104. 161. 233. 

Bleuler 15. 19. 22, 

Bloch, Iwan, 6. 12. 71. 102. 

160, 181, 201. 217, 226. 227, 

231, 234. 245. 
Bölsche 54, 88, 200. 218. 
Brehm 2D9, 
Brunhilde 254, 
Büchner 209, 
Buddha IL 
Bunge 164. 252. 
Butler, Samuel, 3L 
Byron 130. 

Cabrol, Barth., 18L 
Caesar, C. J., 101. 
Carmen 210. 



Carpenter 250. 
Cartesius 131. 166. 22L 
Casanova 13. 
Chamfort 94. 
Cherbuliez, Victor, 79. 
Chrysostomus 3Q. 
Constant, B., 208. 
Cooke, James, 80. 
Copernikus 16. 
Cornelia (Goethes Schwester) 
12, 

Crescentini 173, 
Dampt 55. 

Dankburg, Hans, 238. 239. 
Dante 30, 34, 94. 
Darwin 17. 130- 132, 226. 
David (König) 201. 
Descartes 13L 166, 227. 
Dohm, Hedwig, 206. 
Don Jose* 210, 
Don Juan 209. 
Dupuytren 113. 

Ebner, Christine, 233. 
Edinger. L., 166. 
Ehrenfels, Chr. v., 20L 
Elliot, George, 97. 256, 
Ellis, Havelock, 12. 43. 54. 80, 

83, 97, U4, 137, 142. 
Emin Pascha 218. 
Empedokles 4. 

Eulenburg, Albert, 215. 230, 
Ewald, Oskar, 206. 

Felzmann 15. 
Fischer 255* 
Fliess 87, 

Fol, Hermann, 141. 



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262 



Namen-Register. 



Forel 12, 14, 
Fourment, Helena, 258. 
Frenssen 236, 

Freud, Sigm., 15. 16. 2L 143. 

199. 200. 226, 
Frey, von, 88. 
Friedrich der Große 6L 
FUrbringer 257, 

Galilei 25* 

Gall, F. J., IM, 165, 
Galtel 199. 
Geliert 22L 

Goethe 3, 14. 37. 38, 5L 56, 

63. 65. 69, 70. 98. 101, 104. 

112, im 139. 144, 151. 163. 

195. m 204, 206. 2QL 239. 

258. 
Goltz 46, 

Goncourt, Gebrüder. 234. 
Gottfried von Straßburg 245. 
Grillparzer 13. 
Gruber 112, 181. 
Grünspan, A., 249, 

Häckel, Ernst, 139, 

Halban 185* 

Haller 80, 

Hanson, Ola, 57. 

Harmening 81. 

Hartmann von Aue 254. 

Hartmann, Eduard von, 239, 

Hauptmann, Gern., 206, 

Hegel 19Ü, IfiL 

Heilige Agnes 233* 

Heine, HL 10Q. 193. 221, 

Helmhouz 107, 

Heimus, W., 140. 

Henry ISO, 

Henne am Rhyn 223. 

Herzeleide 199. 

Hiller 230. 

Hippokrates 15. 

Hirschfeld 99, 113. 132, 240. 

Höffding 209, 

Hohes Ued 71. 83. 108. 

Horwitz 24L 

Houdoy 114. 



Humboldt 1QL 

Indisches Liebesbrevier 72, 
Irische Sagas 83* 
Isolde 254, 

äger, Gustav, 50, 83. 86. 
ean-Paul 205. 
ordan, Wüh., 8L 

Kahlenberg, H, von, 2L 4Q, 

214. 
Kant 227, 
Karte 44, 
Key, Ellen, 187. 
Kierkegaard, S., 13. 
Kisch 4L 
Klopstock 199. 
Kohler, Josef, 240, 
Kopernikus 16, 
Körber 58. 

Kosegartens Legenden 233, 
Krafft-Ebing, von, 103, 106. 

161. 22L 229. 
Kroatisches Volkslied 81. 
Kronfeld, Arthur, 192. 

La Rochefoucauld 202, 
Laurent 203. 
Lawson, Tait, 132, 
Lazarus 82, 
Leibniz 227, 

Lenclos, Ninon de, 13, 31, 38. 

202. 256. 
Leonardo da Vinci 139. 
Lessing 140, 216, 
Levvald, Fanny, 221. 
Liebesbrevier, Indisches, 22, 
Liebeslied eines Mädchens 20, 
Linne* 249, 
Lion 239. 
Löb 49. 92, 

Loewenfeld 153. 154. 167. 182. 

211. 230, 255, 252, 
Loisel, Gustave, 184, 
Lombroso 104. 
Lomer 203, 
Luther 101. 236. 255. 



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Namen-Register. 



26.3 



Maeterlinck 145. 

Mantegazza 13. 26. 30, 45, 138. 

Marke 254. 

Mark Twain TL 

Marshall 197. 

Maupassant 14, 140. 

Mechthild von Magdeburg 233. 

Mendel, Curt, 09, 256, 

Michel-Angelo 111. 

Michelet 37. 55. 138. 

Michels, Rob., 139. 212. 210, 

Minnesang 20. 2L 

Minneregeln 38, 

Moebius 12, 164, 17L 112. 

Mohammed 255. 

Moll, Alb., 43. 150. 167. 

Moltke 1QL 

Mommsen 101. 

Müller, Jon., 48, 152. 

Multatuli 222. 

Napoleon fOl. 173. 180. 
Narses 171. 

Neurologisches Zentralblatt 99. 
Nicolette 114. 

Nietzsche 2, 32. 4L 64. 83. 

107. 132. 163. 207. 226. 227. 

228. 235. 255, 
Ninon de Lenclos 13. 3L 38, 

2QL 256, 
Nyström 8, 237. 

Origenes HL 
Orth 184. 
Ostwald 9, 10. 

Pali-Kanon IL 
Panurg 77. 
Paulus 5- 

Pearson, Karl, 142. 
Pelikan HL 
Persius 34. 
Pfister, O., 234, 
Platen 13. 
Plato 5. m 22L 
Ploß-Bartel 114, 
Poiret OL 
Pryzbyszewski 23, 



Quilbeau, Edgar, 79. 

Rabelais 77. 
Raffael 11L 
Rank, Otto, 244. 
Ratzel 212. 

Raynouard, F. J. M., 254, 
Regulae amoris 33- 
Reitzenstein, F. v., 192, 
Retif 13. 

Reyher, Oskar, 8. 
Rhyn, Henne am, 223, 
Ribbing, Seved, 8, 238, 
Ricord 18, 
Rieger HL 
Riehl 134. 

Rochefoucauld, La, 202. 
Rohleder, Herrn., 2. 12. 42, 

184. 197, 
Rossini 123, 
Rousseau, J. J., 13, 
Rubens 258, 
Rüdebusch 22L 

Sagas, Irische, 83, 
Salome 210. 
Santayana, O., 2L 
Sehelling, 23L 
Schiff 87, 

Schiller 37. 63. 05. 101. 13Q. 

102. 206. 20Q. 
Schönkopf (Käthchen) 32, 
Schopenhauer L 3L 4L 64, 

1D2, 135- 133, 156, 213, 214. 

222, 

Sevigne', de, 256. 

Shakespeare 122. 222, 

Sigurd 254, 

Silesius, Angelus, 190, 

Sokrates 5. 

Solon 255. 

Sophokles 5L 

Spencer, Herbert, 103. 

Spinoza, B. de, 36. 24. 222, 

242. 
Stabel 18L 
Stendhal, H^ 204, 



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264 



Stein, Ch. von, 130, 
Stern, Bernh., HL 
Sterne 46. 
Stöcker, 31, 
Stöcker, Eydia, 233, 
Strindberg 213, 24L 



Talmud 82* 
Tizian 10Q. 
Tristan 254. 
Troubadours 253, 



Uhland 254 



Namen-Register. 



Vehitti 133, 
Villiers 25k 
Volkslied, kroat., 8L 

Wächter, Th. von, 4L 60* 
Weber, Ernst, 158, 
Weinhold, 20, 223, 253, 
Weininger 52, 136, 
Werther 51, 55, 209- 
Wette, de, 160, 
Wilde, Oskar, 28, 243. 

Zinzendorf, L. von, 234, 
Zola 83, 
Zoroaster 255. 



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Sach-Register,*) 



Abfuhr sexueller Spannungen 
244» 

Abneigung gegen Barl usw. 99. 
Absicht strafbarer Handlungen 
90, 

Abstinenzerscheinungen 195. 
Adhärente Druckwirkungen 12Q* 
Gerüche 119. 
„ Partialreize 1Ö5, 
„ Sexualreize 112, 
Ähnlichkeit der Liebenden 14L 
Äquivalente, sexuelle, 226, 22L 
„ „ Kunst 226. 

„ „ Philoso- 

phie 226, 
„ „ Wissen- 

schaft 226, 
Äußerung der Liebe: Kuss 
19L 

Affekte, heruntergewürgte 13, 

Age de retour 256. 

Aktive Liebhaber 208. 

Aktivismus, Mischung von — 
u. Passivismus 156. 
„ sexueller, 154. 

Akustische Reize 73. 

Akzentuierung der Geschlechts- 
unterschiede 133, 

Algolagnistische Konstitution 
153, 

Altruismus, Wurzel des — , 62, 
225, 



Alkohol, Wirkungen des — s 
auf das Sexualzentrum 202, 
Altjungferntum 2LL 
Andrin 122. 

„ Bedeutung des — s, 185. 
„ und Gynäcin 183. 
„ Obergehen des — s in 
die Säftebahn des Wei- 
bes 183, 
„ Wirkungen des — s auf 
das Sexualzentrum 170. 
Angeborensein der Triebrich- 
tung, 14^ 148, 
Angenehme Impressionen 68, 
Angstneurose 129, 200. 
Anhänglichkeit an Tiere 6L 
Anorchisten 180. 

„ Geschlechtstrieb bei 

— , 180, 
„ Intelligenz bei — , 

180. 

Antihedonismus 6. 
Anziehender Typus und eigene 

Persönlichkeit 145. 
Anziehung, erotische 6A. 
„ des Gegensätzlichen 
138, 

des Gleichen 138, 
Resultate über die 
— , 142. 143, 
Anziehungsgesetze 3. 
Anziehungskraft 3L 



n 



n 



•) Für die gütige Unterstützung bei Fertigstellung des Buches bin ich zu 
Dank verpflichtet den Herren Kollegen Jwan Bloch, Ernst Burchard, Robert 
H e i n z e , sowie den Herren Georg P 1 o c k und Horst Witte. — Einige Ab- 
schnitte dieses Buches stammen aus Arbeiten, welche ich bereits früher in der 
„Zeitschrift für Sexualwissenschaft", den „Sexual-Problemen", den Jahrbüchern 
für sexuelle Zwischenstufen", dem „Neurologischen Centraiblatt" und anderen 
periodischen Zeitschriften veröffentlichte. 



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266 



Sach -Register. 



Anziehungsmittel, Geistige Ei- 
genschatten als — 95. 96. 
Aphrodisiaka 202, 
Aphrodisin 202, 
Apollo von Belvedere 54, 
Arbeiten, Automatisches — der 
Reflexmechanismen 9L 
„ Beschreibende — in der 
Sexualwissenschaft 10. 
Asexualität 252. 
Askese, Wurzel der — , 238, 
Asketen, Masochistischer Ein- 
schlag bei — m 
Asketisch-spiritualistische Lehre 

Asketischer Geist 5, 
Assoziationsbahnen, Unterbe- 

wusste — , 160. 
Assoziative Übertragungen 5fL 
Attraktion, Partielle — bei 
Krafft-Ebing 103. 
„ , Vernachlässigung 
sexueller — , 132, 
Auditive Sexualreize 118. 
Aufeinanderfolge der Reize 04. 
Auffassung der Theologen betr. 

Geschlechtsliebe 39. 
Auffassungsverschiedenheiten 

Aufklärungszeitalter 6, 

Auge als Organ der Liebe 7& 
108. 109, 
„ als Primärreiz 10Q. 

Ausdruck der Liebe 47» 137 f. 

Ausdrucks- u. Eindrucksfähig- 
keit 25A 

Ausgangspunkt der Liebe 122, 

Auslese, sexuelle, 130. 

Aussprache bei psychischen 
Störungen 244, 

Autobiographien 13, 

Automatisches Arbeiten der Re- 
flexmechanismen 91. 

Bart, Abneigungen gegen — , 
99, 

„ Schopenhauer über — , 
102, 



»> 



n 



»» 



Bartholinische Drüsen 182. 
Bedeutung des Andrin 135, 

erotischer Träume für 

Diagnostik 14Q. 
des Gynäcin 13JL 
des Kusses 19L 
der Liebe 36, 
Begriff „Geschlecht" ZL 
„ „Libido" bei Freud 2L 
„ „Männlich" 137, 
„Sittlichkeit" 217, 
„Weiblich« 137, 
Bedürfniskurve 251. 252, 
Beeinflussung der Intensität d. 

Triebes 176. 
Beherrschbarkeit des Ge- 
schlechtstriebes (§ 51 R.St. 
G.B.) 90, 
Beobachtungen von Fol 141. 
Berührungen, Körperliche — 

als Symbole 62, 
Beschreibende Arbeiten in der 

Sexualwissenschaft 10. 
Bestrebungen, Antihedonistische 
6, 

Beurteilung, Objektive — sexu« 
eller Vorkommnisse 130. 

Bewegte Sehreize 107. 111. 

Bewusstwerden des Unbewuss- 
ten 260, 

Biologische Wurzeln der As- 
kese 238, 

Blutzirkulation, Erhöhung der 
— 193, 

Bonellia viridis 133. 

Brautraub 36. 

Brillenfetischisten 131. 

Brustfetischisten 09. 

Burrrrisch-Eunuchen 177. 

Cervicaldrüsen 132, 
Change of life 256, 
Chaos und Kosmos 4. 
Charakter der Liebe 34. 209, 
„ Psychophysischer — 
der Sehnsucht 65, 
Chemismus, Wirkungen des — , 
185. 



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Sach-Reglster. 



267 



Chemotropismus 64. 

Civilisierten, Reize bei Primi- 
tiven und —, Iii 114, 

Cohärente Sexualreize bei Ci- 
vilisierten und Primitiven 
113, 114, 

Contrektationstrieb 43, 

Cowpersche Drüsen 128. 182- 

Darwinismus 16. 

Definition der Liebe 20. 
„ der Lust 24* 121 
„ der Wissenschaft 9, 

Depression des Zentralnerven- 
systems 68. 

Detumescenz-Trieb 43. 

Diagnostik, Bedeutung eroti- 
scher Träume für — , 140. 

Dimorphismus, Sexueller — , 
133. 

Dinge, Erotische Neigung zu 

leblosen — n, 59, 60. 
Disposition, Neuropathische — , 
153. 

n für Triebrichtung 
152, 

Dissonanzen als Reize 113. 
Distanzielle Reize = Lockreize 
94, 

„ Sinnesreize 75. 
Distomum haematobium 133. 
Dolus 9SL 
Doppelleben 12. 
Druckwirkungen, Adhaerente 

— , 120, 
Drüsen, Bartholinische 182, 

„ Cowpersche 178, 182. 
Dualismus der Liebe 208, 

Egoismus in der Liebe 2QL 

225. 

Egozentrischer Charakter der 

Liebe 34, 
Ehe 220, 

Eifersucht 21L 239. 
Eigenschaften, Geistige — als 

Anziehungsmittel 95, 

96. 



Eigenschaften, Sympathische — , 
98, 

Eigentümlichkeiten, körperliche, 
bei Kastraten 169—175. 

Eindrucks- und Ausdrucksfähig- 
keit 258, 

Eindruck, Zustandekommen des 
— s im Objekt, 124. 125, 126. 

Einfluss auf die sexuelle Trieb- 
richtung 256. 

Einschlag, Masochis tischer — 
bei Asketen, 238, 

tinzelattraktionen, Summe der 
— , 98, 

Elektivismus 159. 

Elementargewalt des Ge- 
schlechtstriebes 4L 

Emanzipation der Frau 222. 

Empedokles' Lehre 4. 

Empfangs- und Reizstellen 128, 

Empfindsamstes Organ 16, 

Ende der Reflexleiter 194, 

Enthaltsamkeit, Probenächte 
der — , 253, 254. 

Enthaltung, Sexuelle — , 201. 
229, 230, 

Entstehung der Staaten 62. 

Entwickelung, Künstliche — 
von Seeigelkeimzellen 92, 

Erhebungen, Methode für sta- 
tistische — , 25, 

Erhöhung der Blutzirkulation 
198, 

Erinnerungsbilder, Sexuelle — , 

55, 

Erkenntnis seelischer Vor- 
gänge 5, 

Ermöglichung sexueller Zucht- 
wahl 129, 

Eroberung des Liebesobjekts 
225. 

Erogene Stellen 84, 

„ „ der Nasen- 
schleimhaut 92, 
Erotisch-empfindsamstes Organ 

26. 



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Sach-Register. 



Erotische Anziehung 64* 

Neigung zu leblosen 
Dingen 59. 60- 
Neigung zu Tieren 

228, 

Sympathieen bei Kin- 
dern 142. 

und nicht-erotische 
Sensationen 5L 
Erotischer Schönheitsbegriff 120, 
„ Träume, Bedeutung 
— für Diagnostik 14Q. 
Erotodromomanie 245. 
Erotographomanie 245, 
Erotomanische Zustände 12* 
Erworbensein der Triebrichtung 

141 f. 
Erinnyen 211. 
Eugenik 132, 

Eunuchen 171. (Siehe auch 
Kastraten.) 

Fern- und Nah-Reize 23« 
Festigkeit der Triebrichtung 
150. 

Fetischhass auf sekundäre Ge- 
schlechtscharaktere 100. 101. 

Fetischismus 102, 104. 

Fetischzauber 103. 

Folgeerscheinungen bei Kas- 
tration 166 ff. 

Folgen der Hemmungen der 
Reflexe für das Nervensystem 
194, 

Folgen sexueller Mimikry 1<L 
Forschungen, Psychologische 
— , 15. 

Forschungsmethoden, Unzu- 
länglichkeit der — , 16. 

Fortpflanzungstrieb 40, 

Frau, Emanzipation der — , 222, 
„ Wert der — 214, 217.218. 

Frauen, Kastration bei — . 18L 
„ Steigerung der libido 
bei kastrierten — , 182, 

Frauenkauf 212« 

Frauenraub 212. 



Frauentausch 217. 
Freundschaft und Liebe 52, 53, 
Frigidität 12, 
Frisur als Reiz 109, 
Furien 2LL 

Galanterie 224. 
Oalls Hypothesen 164. 165, 
Gefühl = tadus 1D8, 
Gefühlstöne 50. 68« 25« 

„ und Reflexbogen 75. 
Gegenliebe und Liebe 34, 
Gegensätzliches und Gleiches 
138. 

Gehirn, Organ und Sitz der 

Liebe 15. 126. 
Gehör als Liebesreizempfängeu 

Geist, Asketischer — , 5. 
Geistige Eigenschaften als An- 

ziehungsmittel 95. 06. 
Genitalzone, Visueller Reiz der 

— , 11k 
Genotropismus 64. 
Geotropismus 64. 
Geruch in Mittelstellung 80, 

„ als Reiz 80. 119. 
Gerüche, adhaerente 11Q. 

„ inhaerente 1 IQ. 
Geschlecht, Begriff des Wortes 
-, 23, 
Starkes u. schwaches 
-, 213, 
Geschlechtscharaktere, Fetisch- 
hass auf sekundäre — , 100. 
101. 

Geschlechtsliebe, Kirchliche Auf- 
fassung der — y 39. 
Geschlecntsordnungen 216, 259. 
Geschlechtsregulierungen 180« 
Geschlechtstrieb bei Anorchisten 
180. 

„ bei Kastraten 115 f. 
„ und Kirche 206, 
und Liebe 188, 
und Liebestrieb 188. 
Beeinflussung der 
Intensität des — s, 176. 



» 



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Sach-Register. 



Geschlechtstrieb, Beherrschbar* 
keit des — s, (§ 51 
R.St.G.B.) 90. 
„ Elementargewalt des 

— s, 4L 
„ Sublimierung des 
— s, 22Ü, 227, 
Geschlechtsunterschiede, Ak- 
zentuierung der — 13JL 
Geschlechtszeichen, Sekundäre 
— bei Naturvölkern 
134. 

„ Sekundäre — bei 
Tieren 132, 
Geschmacksabsonderlichkeiten 
132. 

Geschmackstrieb, Individuali- 
sierter — , 188, 
Geschwisterliebe 51. 
Gesetze der Anziehung 3* 
„ der spezifischen Sinnes- 
energieen 48. 157. 
Gesicht als stärkster Reiz 111. 
Verhüllung des — s bei 
den Orientalen 111. 
Gewaltsamer Charakter der 

Liebe 209. 
Glatzenfetischisten 131. 
Gleichgewicht zwischen Reflexen 

und Hemmungen 248. 
Gleiches und Gegensätzliches 

142. 143. 
Goethe und Maupassant (Ver- 
gleich) 14. 
Griechische Naturphilosophen 4. 
Gravitation, Sexuelle — , 69. 
4. 5_. 

Gründe der sexuellen Ge- 
schmacks- und Triebrichtung 

128. 

Gründe sexueller Mimikry 18, 
Grund für Angeborensein der 

Triebrichtung 142. 148. 
Gruppen von Sexualreizen 73, 
Gustatorische Reize 23, 
Gynäcin 182. 

„ und Andrin 183. 

„ Bedeutung des — s, 183. 



» 



Gynäkomastie bei Kastraten 

172, 

Händedruck 63. 

Handlungsbahnen 162. 

Hang zur Melancholie bei Kas- 
traten 174. 

Hauthyperämieen 193. 

Hautreize 13, 105, 

Heilmittel bei psychischen Stö- 
rungen 244. 

Heliotropismus 64. 

Hemmungen, Folgen der — 
für das Nervensystem 194. 

Hemmungsbahnen 161. 

Hemmungsfaktor, Moral als 
— 242. 
„ , Suggestion als — , 
241. 

Hemmungsmechanismen, psy- 
chologische, 237, 248. 
Hemmungsvorstellungen 16. 
Heroenkultus 58. 
Heruntergewürgte Affekte 12, 
Herzneurose 109. 
Heuchelei, sexuelle, 18. 
Hexen 21L 

Hirn- und Hodenhemisphären 
231. 

Hör-Reize 13, 
Hut als Reiz U2. 
Hypersexualität 252. 
Hypokrisie, sexuelle 18, 
Hypophyse 106. 
Hysterie 15, 19. 

Ideenverbindung, Unbewusste 
— , 56. 

Impressionen, Angenehme — , 
öS. 

Individualisierter Geschmacks- 
trieb 188, 

Individueller Fetischzauber 103. 

Inhärente Parüalreize 105. 

Instinkt und Intellekt 45. 
„ Sozialer — , 62. 

Instinktiver Kontakt: Kuss 
192, 



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270 



Sach-Register. 



» 



Intellekt und Instinkt 45. 
„ bei Anorchisten 13CL 
„ bei Kastraten 12L 
Intensität, Beeinflussung der 
— des Geschlechtstriebes 
176. 

Intermediärer Triebrhythmus 
251. 

Involution der Prostata 251. 

Tahreswelle 240. 

Jus primae noctis 36. 

Kantharidin 202, 
Kastraten, Beeinflussung des 
InteUeks bei — , HL 
„ Beeinflussung der In- 
tensität ctes Ge- 
schlechtstriebes bei 1 
— , 125, 
„ Burmisch-Eunuchen 
HL 

Frauen als — , 181. 
Geschlechtstrieb bei 
- 112. 
„ Gynäkomastie bei — , 
1ZL 

„ Hang zur Melancho- 
lie bei — , 114» 
„ in der Literatur 1TL 
„ Körperliche Eigen- 
tümlichkeiten bei — , 
16Q-175. 
„ Lipowaner 169. 
„ Mangel an Individu- 
alität bei — , 120. 
Opern für — , 173, 
„ Spadones 177, 
„ Stimme bei — , III 
„ Wachstum bei — , 171. 
„ Weibbrüstigkeit bei 
— , 172. 
Kastration, Folgeerscheinungen 
der — , 166—180. 
„ bei Frauen 1SL 
„ Steigerung der Li- 
bido bei Frauen nach 
— , 132. 
„ bei Tieren 168. 



Kasuistik in der Sexualwissen- 
schaft 12* 
Katholischer und protestanti- 
scher Klerus 230. 
Kaufehe 217. 
Kauf der Frauen 217. 
Keimsaft, Wirkung des sezer- 

nierten — s 168. 
Keimstöcke, Transplantation 

der — , 126. 
Keimzellenbildung 25L 

„ und Libido 167. 

Kinder, Erotische Sympathieen 
bei — n, 149. 
„ aus neuropathischen 

Familien 149* 
„ Uneheliche — , 21L 
Kindesliebe 5L 

Kindheit, Sexualität in der — , 
16, 

Kirche und Geschlechtsliebe 
206. 

Klerus, Katholischer und pro- 
testantischer — , 230. 
Klimakterium des Mannes 178. 

„ des Weibes 178. 
Körper, Nackter — als Reiz 

m. 

Körperliche Berührungen als 
Symbole 62, 
„ Eigentümlichkeiten 
bei Kastraten 
169—175. 
Konsequenzen der Mannigfal- 
tigkeit der Triebrichtung 120. 
Konstanz der eigenen Persön- 
lichkeit 144, 
„ der Typenliebe 145. 
Konstitution, Algolagnistische 

—,153. 
Konstitutionstypen 153. 
Kontaktliebe 92 
Kosmos und Chaos 4^ 
Krankheit, Liebe als — , 201 
204. 

Kryptorchisten 177 
Kultur- und Natur-Völker 113 
114, 



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Sach-Register. 



271 



Kunst als sexuelles Aequiva- 
lent 226, 
„ , Nacktes in der — , 
106. 

„ und Technik 26, 
Kunstwerke, Lustempfindung 

n ^4 

Kuppelei und Mißgunst 239, 
Kuß als Äußerung der Liebe 
191. 

„ unter Braut- und Eheleu- 
ten 134. 
„ als instinktiver Akt 192. 



r» 



als Sexualakt !<& 



„ Unerotischer — , 63, 
Kusses, Bedeutung des — , 
191* 

Langeweile, Sexuelle — , 35. 
Lebenssaft 167, 
Lebenswelle 249. 
Leblose Dinge, Neigung für 

— , 50. 60* 
Lehre des Empedokles 4 
„ Spiritualistisch-asketische 

5. 

Leid, Lust am — e, 12. 224, 
Leitungsbahnen, Nervöse — , 
157. 

Libido, Begriff der — bei 
Freud 2L 
„ und Keimzellenbildung 
167. 

„ Steigerung der—, 12Q. 
Liebe. Äußerung der — : 
Kuß 19L 
„ im Alter 258, 
„ Ausgangspunkt der — , 

120. 

„ Bedeutung der — , 36, 
„ Definition der — , 20, 
„ Dualismus der — , 208, 
„ Egoismus der — , 2QL 
n Egozentrischer Charak- 
ter der — , 34. 
„ als Fieber, 204. 
„ und Freundschaft 52. 53, 
m „ Gegenliebe 34 



Liebe u. Geschlechtstrieb 187. 
„ Gewaltsamer Charakter 

der — , 209. 
„ als Krankheit 203, 204, 
n des Mannes und Weibes 

33. 

„ Organ der — , Auge 18. 

108. 109, 

n Organ und Sitz der — , 

15. 

„ Phasen der — , 44. 47, 

18L 190. 
„ und Sport 246, 
„ Stellung der Kirche 

zur — , 206. 
„ und Streit 4. 
„ Subjekt und Objekt der 

— , 30. 

„ Subjektivität der — , 34 
„ als Sünde 235 
„ zu Tieren 228. 
„ Ursprung der — , 138. 
„ Widersprüche in der — , 
208. 

„ Zentralstelle der — , 126, 
128, 

„ Zerstörendes Element der 

— , 210, 
„ Zweck der — , 38. 32. 
„ Zweieinheit der—, 190, 

Liebesausdruck 47, 18L 
Liebesbetätigung 47, 
Liebesdienst 224. 
Liebesdrang 4L 
Liebeseindruck 29 ff. 
Liebeshaß 2LL 239. 
Liebeskatzenjammer 240. 
Liebesleben der Pflanzen und 

Tiere 12^ 
Liebespflicht 22L 
Liebesphasen 44 187, 190, 
Liebesrausch 196, 
Liebesreizempfänger: Ohr 84 
Liebestränke 202, 
Liebestrieb = Trieb nach Liebe 

188. 

Liebeswettbewerb der Sinne 85, 




222 



Sach-Register. 



Liebhaber, Aktive und passive, 

208. 
Lipowaner 169. 
Literatur, schöngeistige 13 
, der Sexualwissen- 
schaft 12, 
Lockreiz = distanzieller Reiz 
94, 

„ Visueller — der Geni- 
talzone 110» 
Lust, Definition der — , 102. 
„ am Leide 12± 224» 
„ und Rausch 102* 
„ „ Reiz ISO» 
Lustempfindungen bei Kunst- 
werken 54. 

Madonna, sixtinische, 54. 
Männlich, Begriff — , 132. 
Männliches Klimakterium IIS. 

„ Prinzip 155» 
Mangel an Individualität bei 

Kastraten HO» 
Mann, Wert des —es, 220» 
„ und Weib, Liebe von 
— , 33. 
Mannheit 156. 

Mannigfaltigkeit der Triebrich- 
tung 120, 
Masochismus 224. 

„ Ursprung des — , 
154. 

Masochistischer Einschlag bei 
Asketen 238, 

Masochistisch-sadistischei Kon- 
stitution 153» 

Maupassant und Goethe, Ver- 
gleich, 14. 

Medico-Theologen 8» 237» 
Megären 2LL 

Meinung, Öffentliche — , lß» 
Melancholie bei Kastraten 114» 
Melodie als Reiz 1QL 
Methode für statistische Erhe- 
bungen 25» 
.Methoden für Untersuchungen 
24» 



Methoden, Unzulänglichkeit 

der Forschungs-, 16. 

Mimikry, sexuelle. 12. 

„ „ Folgen 15» 

a „ Gründe 18. 

Minne 20. 

Minnedienst 223. 

Mischung von Aktivismus und 
Passivismus 156. 

Mischungsverhältnis männli- 
cher und weiblicher Eigen- 
schaften 135. 156. 

Mißgunst und Kuppelei 230. 

Mona Lisa 55. 

Monogamie und Polygamie 
187. 

Monogamität 212, 
Moral als Hemmungsfaktor 
242. 

Moralisten, Die — , 5. 
Moschus 110- 

Müllers Gesetze der spezifi- 
schen Sinnesenergien 48» 152. 
Muliebrilität 156. 
Muriacithin 202. 
Mutterliebe 50. 

Nackter Körper als Reiz 106» 

Nacktes in der Kunst 106. 

Nächstenliebe 64» 

Nah- und Fern-Reize 73. 

Nasenschleimhaut, Erogene 
Stellen der — , OL 

Naturvölker, Sekundäre Ge- 
schlechtsunterschie- 
de der — , 134. 
„ und Kulturvölker 
134. 

Naturphilosophen, Griechische, 
4. 5. 

Naturphilosophie, (Schelling- 

sche) 231» 
Neigung zu leblosen Dingen 
50. 60» 
„ zu Tieren 228. 
Nervenschädigung durch sexu- 
elle Verdrängung 247. 
Nervensystem 18. 10» 



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Sach-Regteter. 



273 



Nervöse Leitungsbahnen 157. 
Neurasthenie 15. 

Neuropathische Disposition 
153. 

Kinder 140. 
Neurose des Herzens 199. 
Nicht-Erotische Sensationen 
51. 

Not, Sexuelle — , 21L 

Objekt und Subjekt der Liebe 
30. 

„ Zustandekommen des Ein- 
drucks im — , 124* 125« 
Objektive Beurteilung sexueller 

Vorkommnisse 130. 
Objektiver Schönheitsbegriff 

120. 

Öffentliche Meinung liL 
Ohr als Organ der Liebe 79. 
Olfaktorische Reize 73. 
Opern für Kastraten 123* 
Optische Reize 23. 
Organ Erotisch empfindsamstes 
-, 2k 

„ der Liebe: Auge als 

— 78. 108. 109. 
„ und Sitz der Liebe 15. 
Orgasmus 197. 

Orientalen, Gesichts Verhüllung 

bei den — , 111. 
Osphresiologie 84. 

Pansexualismus 23. 53. 
Parfüms als Reize 1Q5* 
Partialismus, Sexueller — , 12a 

123, 

Partialreize, adhaerente, 105. 

„ , inhaerente, 105. 
Partialspezialismus 120, 123. 
Partielle Attraktion 103. 
Passive Liebhaber 208. 
Passivismus und Aktivismus 

Pathologie und Physiologie 
104. 



Periphere Sinnlichkeit 32. 
Persönlichkeit und anziehender 

Typus 145* 
Persönlichkeit, Wesen der — , 

156. 

Pflanzen, Liebesleben der — 
und Tiere 12. 

Phasen der Liebe 4L 1SL 190. 

Philosophie als sexuelles Äqui- 
valent 226= 

Physiologie und Pathologie 
104. 

Physische und psychische Reife 
250. 

Pollutionen, Ursachen der — , 

35. 129, 
Polygamie und Monogamie 
187. 

„ Ursachen der — , 35. 

35. 

Präkordialangst 199. 
Prädilektionsstellen am Kopfe 

109, 

„ am Rumpfe 

im 

Primärreiz 7^ 98. 

„ Äuge als—, 109. 
Primitive, Cohärente Reize bei 

— n und Zivilisierten 1TL 

114. 

Prinzip, Männliches u. weib- 
liches — , 155. 156. 

Probenächte der Enthaltsam- 
keit 253. 254. 

Prostatahypertrophie bei Grei- 
sen 128. 

Prostatainvolution 25L 

Prostata, Vergrößerung der 
— , 252. 

Prostatorrhoe 179. 

Prostitution 212. 219. 

Protestantische Zeloten 236, 

Protestantischer und katholi- 
scher Klerus 230, 

Proximalreize 95. 

Pseudoerotik 32, 

Psychische und physische 
Reife 250. 



Hirachfeld, Naturgesetze der Liebe. 



IS 



■ 



TIA 



Sach-Register. 



Psychische Störungen, Heil- 
mittel bei — n — , 244, 

Psychologische Forschungen 
IS, 

Psychologische Hemmungsme- 
chanismen 23Z. 

Psychophysischer Charakter 
der Sennsucht 68. 

Pubertät 25L 

Pygmalionismus 55, 

Quellen, Reiz-, und Empfangs- 
stellen 128. 

Rausch und Lust 197. 
Rauschsubstanz 198. 
Rauschsucht = Sehnsucht 68. 
Rauschzustand des Gehirns 
136. 

Reflexbogen und Gefühlstöne 

25. 

Reflexe, Hemmungen der — , 
194. 

„ und Hemmungsmecha- 

nismen 134. 248, 
„ und Reflexionen 45. 
„ und Tropismen 10, 
Reflexionen und Reflexe 45. 
Reflexleiter, Ende der — , 194. 
Reflexmechanismen, Automati- 
sches Arbeiten der — OL 
Regelmäßigkeit des geschlecht- 
lichen Verkehrs 255. 
Reife, Psychische und physi- 
sche — , 250. 
Reiz und Empfangsstellen 123. 

„ und Lust 189. 
Reize, Akustische — , 23, 167. 

„ Aufeinanderfolge der 

Q4 j 

Bewegte — , 23. 107, 
„ Cohärente — , 113. 
„ Dissonanzen als — , 118. 
„ Distanzielle — , 73, 
„ Fern und Nah-, 73. 
„ Frisur als — , 109. 
„ Gesicht als — , 111. 
„ Gustatorische — , 107. 



n 



Reize, Haut-, 105, 102, 

Hör-, 23. HL IIB. 
Hut als — 73. 112. 
Melodie als — 1Q2. 
Nackte Körper als — , 
106. 

Olfaktorische — , 23* 
Optische — , 23, 
Parfüms als — , 105, 
Primär-, 23, 
bei Primitiven 113, 114. 
Proximal-, 73. 
Rhythmische — , 23, 
102. 

„ Riech-, 23. 
„ Ruhende — , 107. 
Schmeck-, 73. 
Schuh als —, 106, 112, 
Sekundäre — , 73, 
Seh-, 23, 
Tactile — , 23, 
Tanz als — , 107. 
Tast , 23. 
„ Wahrnehmbarkeit der 
— , 48. 

Reizstellen, sensorische 42. 
Religiöse Schwarmgeisterei 
234. 

Religiöses und sexuelles Ge- 
fühl 232, 234. 

Renaissance 6. 

Rhythmus, zyklischer, 249. 

Richtung des Triebes, Zentral- 
stelle für die — , 128, 

Ruhende Reize 107. 

Sadismus, Ursprung des — , 
154. 210. 

Sadistischer Liebeshaß 239. 

Sadistisch-masochistische Kon- 
stitution 153. 

Schamgefühl 240. 
Scheinliebe 32. 
Schilddrüse 182. 
Schmeckreize 73. 
Schmerzsinn 88. 

Schöngeistige Literatur 13. 



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Sach-Register. 



22h 



Schönheitsbegriff, Erotischer — , 

120. 

„ Objektiver — , 

120* 

Schuh als Reiz 106, 112, 
Schwaches und starkes Ge- 
schlecht 213. 
Schwarmgeisterei, Religiöse — , 
234, 

Schwertklingengelübde 254» 
Sekundäre Geschlechtscharak- 
tere bei Primitiven 

134. 

„ Geschlechtscharaktere 

bei Tieren 133. 
„ Reize 73. 
Seelische Vorgänge, Erkenntnis 

-r -, 5, 
Sehnsucht = Rauschsehnsucht 
68. 

n Psychophysischer 
Charakter der — , 68, 

Seh-Reize 73, 111. 

Seeigelkeimzellen, Künstliche 
Entwickelung von — , 92. 

Sein, Wurzel altes — s, 163. 

Sensationen, Erotische und un- 
erotische — , 51. 

Sensorische Reizstellen 4L 

Sequi 64, 

Sexualfreiheit 222, 

Sexualität in der Kindheit 16. 

Sexualkräfte, Umsetzung der 
— , 226, 

Sexualordnungen 216. 25Q. 

Sexualpartialismus 108. 

Sexualrhvthmus 249. 

Sexualreiz, Zustandekommen 
des — e° 24, 

Sexualreize 50 

„ adhärente — , 112. 
„ auditive — , US, 
„ Gruppen von — n, 

73. 

Sexualtrieb, Angeborensein des 

— s, 14L 148. 
Sexualverdrängung 15. 



Sexualwissenschaft 6. LS. 10, 
„ Kasuistik in 

der — , 12, 
„ Literatur in 

der — , 12, 
Sexualzentrum 164, 

„ Wirkungen des 
Alkohols auf das — , 202. 
Sexuelle Äquivalente 226. 22L 
„ Attraktion, Vernachläs- 
lässigung der — n — , 132. 
„ Auslese 130. 
„ Enthaltung 201. 229. 
230. 

„ Erinnerungsbilder 55. 

„ Gravitation 60. 

„ Heuchelei 13. 

„ Hypokrisie IS. 

„ Langeweile 35. 

n Mimikry 17. 18. 19. 

„ Not 2LL 

n Reize im Unterbewußt- 
sein 102, 
„ Spannung 244. 
„ 1 riebrichtung 142 ff. 
n Zuchtwahl 12Q. 
Sexueller Dimorphismus 137. 
„ Partialspezialismus 120. 
n Spannkraft, Abfuhr — , 
244, 

Sexuelles und religiöses Gefühl 

232. 234. 
Sexus von sequi 64* 
Sinne, Liebeswettbewerb der 

— , 85, 

Sinnesenergieen, Spezifische — , 

48. 157. 
Sinnesreize, distanzielle — , 75. 
Sinnlichkeit, Periphere — , 32. 
Sittlichkeit, Begriff — , 21L 
Sitz und Organ der Liebe 15, 
Soziabilität, Wurzel der — , 

2L 62, 
Sozialer Instinkt 62. 
Spadones 177. 

Spannkraft, Abfuhr sexueller 

— , 244. 
Spannung, sexuelle — , 244, 

18* 



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276 



Sach-Register. 



Spezifische Sinnesenergieen 48* 
Spermin 202. 

Spinozas Definition „Liebe" 14» 
Spiritualistisch-asketische Lehre 
5. 

Sport und Liebe 246. 
Staaten, Entstehung der — , 

62» 

Starkes und schwaches Ge- 
schlecht 213. 

Statistische Erhebungen, Me- 
thode für — , 25, 

Steigerung der Libido bei ka- 
strierten Frauen 182. 

Stellen, Erogene — , 92. 

Stellung der Kirche zur Oe- 
schlechtsliebe 206 i. 

Stimme der Kastraten 173. 

Stimulierende Gerüche 105. 

Störungen, Aussprache bei psy- 
chischen — , 244. 

Streit und Liebe 4. 

Stundenehe 211. 

Subjekt und Objekt in der 
Liebe 30, 

Subjektivität der Liebe 34. 

Sublimierung des Geschlechts- 
triebes 227. 

Sünde, Liebe als — 235. 

Suggestion als Hemmungsiaktor 
241. 

Suggestion der Tradition HL 
Summe der Einzelattraktionen 

Symbole, Körperliche Berüh- 
rungen als — , 62. 

Sympathien, Erotische — bei 
Kindern 149. 

Sympathische Eigenschaften 98. 



Gefühl 108. 
Gefühl 108. 



Tactus = Takt = 
Takt — tactus - 
Taktile Reize 23. 
Tanz als Reiz 107. 
Tast-Reize 23, 
Tatsache und Theorie 1_L 
Technik und Kunst 26. 
Teilanziehung 1Ö3_ 



Telegonie beim Menschen 184. 

„ bei Tieren 184, 
Theologische Auffassung der 

Liebe 39. 
Theorie und Tatsache Ii. 

„ Wissenschaft & 10. 
Thymusdrüse 119. 182. 
Tiere, Anhänglichkeit an — , 
ÖL 

Liebesleben der — , 12» 
Liebe zu — n, 228» 
Tradition, Suggestion der — , 
18, 

Träume, Bedeutung der ero- 
tischen — für Diagnostik 149. 

Transplantation von Keim- 
stöcken 176. 

Treppenreflex 45, 14* 190» 

Triebbahnen 162. 

Triebbetätigung, Einfluss auf 
253. 

Trieb nach Liebe 188. 

Triebrhythntus, Intermediärer 
— , 25L 

Triebrichtung, sexuelle, Ange- 
borensein der — , 
142«. 

„ Beeinflussung der 

— , 256. 
„ Disposition für die 

— , 152» 
„ Erworbensein der 
147. 

„ Festigkeit der — , 
150. 

„ Verschiedenheit der 

— , 128. 
„ Zentralstelle für die 

L28. 

Triebwelle 249.' 
Tropismen 49. 

„ und Reflexe KL 
Troubadoure 253. 
Tu meszenz trieb 43. 

Typenliebe 122. 

Typus, Anziehender — , 145. 



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Sach-Register. 



222 



Uebergänge vom Pathologischen 
zum Physiologischen 104. 

Uebergehen des Andrins in 
die Säftebahn des Weibes 
183. 

Ueberlragungen, assoziative 56, 
Uganda 213. 

Umsetzung der Sexualkräfte 

226, 

Unabhängigkeit des Ge- 
schlechtstriebes 256. 

Unbewusste Ideenverbindung 
56. 

Unbewussten, Bewusstwerden 
des — , 260. 

Uneheliche Kinder 211. 

Unerotische Küsse 63, 
„ Sensationen 5L 

Unfreiheit des Weibes 216. 

Unordnung des Geschlechtsver- 
kehrs 255. 

Unruhe 243. 

Unterbewusste Assoziations- 
bahnen 160. 

Unterbewusste Sexualreize 102. 

Unterdrückung sexueller Trieb- 
regungen 243. 

Unterschiede des Andrins und 
Gynaans 183, 

Unterschiede der Liebe des 
Mannes und des Weibes 33. 

Untersuchungsmethoden 24, 

Ursachen der Pollutionen 35. 
179, 

„ der Polygamie 35. 
Ursprung des Altruismus 62. 
der Liebe 138, 
„ des Masochismus 154. 
„ des Sadismus 154. 
„ der Soziabilität 62, 
Unzulänglichkeit der For- 
schungsmethoden 16. 

Vasomotorische Kongestionser- 
scheinungen 198. 
Venus von Milo 54, 
Venus von Tizian 100. 



Verdrängung der Sexualität 15. 

242. 

Vergleich Goethes und Mau- 

passants 14. 
Vergrößerung der Prostata 

257. 

Verhältnis der Reflexbogen und 
Gefühlstöne 25, 
n der Reiz- und Emp- 
fangsquellen 128, 
Verhüllung des Gesichtes der 

Orientalen 1_L 
Verkehr, Regelmäßigkeit des 
— s, 255, 
„ Unordnung des — s, 
255. 

Vernachlässigung sexueller At- 
traktion 132. 
Verschiedenheit der Auffassung 

„ der Triebrichtung 
128. 

Verstärkungsreize 94. 
Virilität 156, 
Visuelle Lockreize 110. 
Vorgänge, Erkenntnis seelischer 
-, 5. 

Vorkommnisse, objektive Be- 
urteilung sexueller — , 130, 
Vorlust 23. 

Vorstellungsbahnen 158. 
Voyeur 55, 

Wachstum bei Kastraten 171. 
Wahrnehmbarkeit der Reize 48. 
Wahrnehmungsbahnen 157. 
Wandertrieb 245. 
Wechseljahre 256, 
Weibbrüstigkeit bei Kastraten 
122, 

Weib, Unfreiheit des —es, 216. 
Weibheit 156. 
Weiblich, Begriff — , 132, 
Weibliches Prinzip 156, 
Wellismus 16. 
Weltliteratur 14, 
Wert der Frau 214* 21L 218, 
„ des Mannes 220. 



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278 



Sach-Register. 



Wesen der Persönlichkeit 156. 

„ der Wissenschaft <L 
Widersprüche in der Liebe 208. 
Wirksamkeit des sezernierten 

Keimsaftes 168. 

Wirkungen des Alkohols auf 
das Sexualzentrum 
202. 

„ des Andrins auf das 
Sexualzentrum 17Q. 
„ des Chemismus 135. 
Wissenschaft, Definition der 

- 9, 

„ als sexuelles Äqui- 
valent 226, 
„ und Theorie <L lü. 
„ Wesen der — , Q, 
Wissensfundamente 27. 

Wurzel alles Seins 163, 

„ des Altruismus 62- 225. 

„ der Askese 238, 
„ der Soziabilität 2L 

Yohimbin 202, 

Zeitehe 217. 

Zeloten, Protestantische — , 236, 
Zentrale Phase der Liebe 
124 ff. 



Zentraler Vorgang im Gehirn 
126. 

Zentralnervensystem HL IQ. 
Zentralstelle der Triebrichtung 

128. 

Zentrifugale Phase der Liebe 

126. 187. 191. 
Zentripetale Phase der Liebe 

126. 

Zerstörendes Element in der 

Liebe 210. 
Zölibat 230, 
Zones erogenes 85. 
Zuchtwahl 120, 
Zuneigung 33. 

Zusammentreffen der zentripe- 
talen und zentrifugalen Ener- 
gie 126. 

Zustände, Erotomanische — , 
12. 

Zustandekommen des Eindrucks 
im Objekt 124. 
125. 126, 
„ des Orgasmus 

74, 

„ des Sexualrei- 
zes 74. 
Zweck der Liebe 38. 39. 
Zweieinheit der Liebe 190. 
Zyklischer Sexualrhythmus 248. 



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Inhaltsangabe. 

Einleitung. Liebe und Wissenschaft Seite 1—27. 

Ooethe und Empedokles. — Vor- und Nach-Sokratiker. — 
Antihedonismus. — Liebe als Kunstobiekt. — Medico-Theo- 
logen. — Wesen der Wissenschaft. — Sexualwissenschaft. — 
Theoretisches und Tatsächliches. — Literaturbesitz. — Auto- 
biographien. — Goethe und Maupassant. — Freud und 
Hippokrates. — Schwierigkeit der Sexualwissenschaft. — Sexu- 
elle Mimikry. — Gründe sexueller Mimikry. — Folgen 
sexueller Mimikry. — Liebe und Minne. — Freuds Begriff 
„Liebe 4 *. — Begriffsbeschränkung. — Das Wort „Ge- 
schlecht". — Untersuchungsmethoden. — Statistik. — Na- 
tur und Technik. — Wissensfundamente. 

Teil I. Der Liebeseindruck. (Die zentripetale Phase der Liebe). 

Seite 29-123. 

Subjekt und Objekt. — Liebe und Gegenliebe. — Schein- 
liebe. — Frauenliebe. — Subjektivität der Liebe. — Sexuelle 
Langeweile. — Positive Gefühlstöne. — Liebe und Lebens- 
lust. — Zweck der Liebe. — Christliche Asketik. — Fort- 
pflanzung ohne Liebe. — Liebe ohne Fortpflanzung. — Drei- 
facher Liebeszweck. — Verschwendung von Liebeskraft. — 
Phasen der Liebe. — Reflexe und Reflexionen. — Treppen- 
reflexe. — Ernst der Liebe. — Eintrittstore der Liebe. — 
Tropismen. — Mutterliebe. — Körperliche Sensationen. — 
Freundschaft und Liebe. — Pansexualismus. — Liebe zu 
Kunstwerken. — > Übertragungen der Liebe. — Assoziative Ver- 
kniipiungen. — Ola Hanson. — Heroenkult. — Liebe zu 
leblosen Dingen. — Kristallfetischismus. — Anhänglichkeit 
an Tiere. — Liebe und Soziabilität. — Liebessymbole. — 
Genotropismus. — Innere Harmonisierung. — Liebesan- 
ziehung. — Liebessättigung. — Impressionen und Depres- 
sionen. — Sehnsucht als Unlust. — Körperliche Durchströ- 
mung. — Beteiligung aller Sinne. — Quellen der Liebe. — 
Fern- und Nahreize. — Vorlust und Höchstlust. — Abdrücke 
der Eindrücke. — Bedeutung des Auges. — Lehrreiche 
Anekdote Rabelais'. — Sicherheitsmassregeln der Natur. — 
Liebe der Blinden. — Wirkung der Stimme. — Wechsel der 
Sinne. — Gesang als geistige Entblössung. — Geruchsbe» 



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280 Inhaltsangabe. 

rauschung. — Geständnis der Liebe. — Wettbewerb der 
Sinne. — Geruchsantipathien. — Nasale Geschlechtspunkte. 

— Erogene Zonen. — Sexuelle Erregungsstellen. — Kon- 
taktreflexe. — Sexueller Automatismus. — Liebe ge- 
schlechtsloser Lebewesen. — Voraussetzungen taktiler Reiz- 
barkeit. — Attraktionsskala. — Lock- und Verstärkungsreize. 

— Körperliche Vermittlung seelischer Eigenschaften. — Die 
Sexualobjekte. — Der Primärreiz. — Partielle Attraktion. 

— Partielle Aversion. — Fälle von Fetischhaß. — Der Bart. 

— Prinzip der Individualisierung. — Breite des Physiolo- 
gischen. — Einteilung der Partialreize. — Abstoßung des 
Nackten. — Rhythmische Reize. — Beschleunigung der 
Reizfolge. — Gesichts- und Augenausdruck. — Überschätzung 
der Genitalzone als Lockreiz. — Scham und Sittlichkeit. — 
Adhärente Sexualreize. — Cohärente Reize. — Narbenver- 
zierungen und Renommierschmisse. — Spezifizierung der 
Sehreize. — Typenschilderungen. — Differenziertheit der Ge- 
hörsreize. — Reizverstärkung durch Bewegung. — Inhärente 
und adhärente Gerüche. — Subjektive und objektive Schön- 
heit. — Ästhetik und Erotik. — Kombination der Partial- 
reize. — Zusammenfassung. 

Teil II. Der Liebesdrang. (Die zentrale Phase der Liebe.) 

Seite 124—185. 

Erklärung der Gefühlsverschiedenheit. — Abgestimmtheit der 
Empfangsstellen. — Umschaltung der Sexualströmungen. — 
Die endogene Variabilität. — Die Sexualindividualität. — 
SexueUe Auslese. — Anziehung des Häßlichen. — Rassen- 
veredelung. — Sexueller Dimorphismus. — Geschlechtsdiffe- 
renzierung. — Neutralisierung von Einseitigkeiten. — Prin- 
zip der Ergänzung. — Die Begriffe „Männlich" und „Weib- 
lich". — Anziehung des Gegensätzlichen. — Der Reiz des 
Unbekannten. — Anziehung gleicher Eigenschaften. — 
Ähnlichkeit der Liebenden. — Statistische Gegenüberstellun- 
gen. — Untersuchungsresultate. — Das wirksame Moment 
der Fesselung. — Ähnlichkeit reizausübender Subjekte. — 
Reizkombinaüonen. — Sexuelle Zielstrebigkeit. — Erworben 
oder angeboren? — Obiektfindung des Kindes. — Änderung 
der Triebrichtung. — Individuelles Gepräge der Haftstelle. 

— Außenreiz und Konstitution. — Konstitutionstypen. — Un- 
begrenztheit spezifischer Anlagen. — Aktivismus und Passi- 
vismus. — Männliche und weibliche Erbmasse. — Das Wesen 
der Persönlichkeit. — Wahrnehmungsbahnen. — Vorstellungs- 
bahnen. — Assoziationsbahnen. — Hemmungsbahnen. — 
Trieb- und Handlungsbahnen. — Projektionsbahnen. — Mün- 
dungsstelle der Leitungsbahnen. — Galls Kleinhirntheorie. 

— Die Hypophyse. — Der innere Chemismus. — Speisung 
des Sexualzentrums. — Kastratenstudien. — Lipowaner und 



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Inhaltsangabe. 281 

Eunuchen. — Mangel an Individualität. — Ausfallser- 
scheinungen. — Keimsaftwirkung. — üespräche mit Eu- 
nuchen. — Innersekretorische Vorgänge. — Triebin tensität. 

— Hämmlinge. — Reizstoffe. — Andrin. — Anorchisten. — 
Weibliche Kastraten. — Gynäcin. — Energiesubstanzen. — 
Telegonie. — Andrin und Arsen. 

Teil III. Der Liebesausdruck. (Die zentrifugale Phase der Liebe.) 

Seite 186—260. 

Die Liebeserfüllung. — Individualisierter Geschlechtstrieb. — 
Reiz und Lust. — Zweieinheit der Liebe. — Der Kuss. — 
Qualität der Küsse. — Kussformen. — Wunscherfüllung. — 
Gefühl des Geborgenseins. — Lust ist Rausch. — Lustdefi- 
nitionen. — Rauschsubstanzen. — Herz-Beteiligung. — Die 
Angst. — Verjüngung durch Liebe. — Aphrodisin. — Liebe 
als rieber. — Liebe als Kampflust. — Verzicht auf Liebe. — 
Kampf gegen die Liebe. — Jede Liebe ist Eigenliebe. — Das 
Glück des Beglückens. — Don Juan und Werther. — Liebes- 
haß. — Die Eifersucht. — Reiz der Eroberung. — Kampf 
der Geschlechter. — Das Weib als Schatz. — Die Macht 
des Weibes. — Geschlechtsordnungen. — Altjunglertum und 
Prostitution. — Sitte und Sittlichkeit. — Liebe und Geld, r— 
Ehesitten. — Liebe und Pflicht. — Sexuelle Gleichberechti- 
gung. — Sexuelle Hörigkeit. — Die Lust am Leide. — 
Opferwilligkeit der Liebe. — Sexuelle Äquivalente. — Sub- 
limierung der Liebe. — Liebesersatz. — Einfluss auf gei- 
stiges Schaffen. — Sexuelle Abstinenz. — Das Geniale und 
Genitale. — Umsetzung sexueller Spannkräfte. — Erotische 
und religiöse Ekstase. — Graf Zinzendorf. — Liebe als 
Sünde. — Das Weib als Sünde. — Enthaltung oder Mäßig- 
keit. — Wurzel der Askese. — Reiz des Verbotenen. — 
Die Scham. — Objektivierung der Empfindungen. — Soziale 
Hemmungen. — Lustgewinn und Lustersparnis. — Wert der 
Aussprache. — Liebe und Wandertrieb. — Liebe und Sport. 

— Enthaltung und Nervosität. — Der Sexualrhythmus. — 
Lebenswelle und Triebwelle. — Verlust der Periodizität. — 
Pubertätsfeste. — Die Bedürfniskurve. — Liebe und 
Wille. — Probenächte der Enthaltsamkeit. — Begriff der 
Unmäßigkeit. — Die Wechseljahre des Weibes. — Die Wech- 
seljahre des Mannes. — Liebe im Alter. — Die Liebe als 
Menschheitsphänomen. — Das Bewußtwerden des Unbe- 
wußten. 

2 Tafeln: Sexualbahnen und Sexualkurven. Nach Seite 260. 
Namen-Register. Seite 261—264. 
Sach-Reglster. Seite 265—278. 



Druck von Edmund Stein in Potsdam 



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